34. Jahrestagung der Deutschsprachigen medizinischen Gesellschaft für Paraplegiologie e. V.
Rehab der Zukunft „Quo vadis“
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WeiterlesenG. Kerry, H.-H. Steiner
Nach einer traumatischen Rückenmarkverletzung bleibt die funktionelle Erholung der neuralen Strukturen ungewiss; jedoch liegen in manchen Fällen harte Kriterien vor, die eine schnelle operative Versorgung auch bei älteren Patienten bei internistischer Stabilität unabdingbar machen. Durch eine evidenzbasierte umfassende Evaluation der verschiedenen Therapiemöglichkeiten und eine effiziente multidisziplinäre präoperative Vorbereitung können Lebensqualität und Autonomie älterer querschnittgelähmter Patienten positiv beeinflusst werden.
R. Abel, M. Grüninger
In den letzten Jahrzehnten hat eine rasante Entwicklung technisch anspruchsvoller Trainingsgeräte für querschnittgelähmte Patienten stattgefunden. Sie erleichtern die tägliche Arbeit der Therapeuten und ermöglichen repetitives Üben sowie eine frühe Vertikalisierung des Patienten. Allerdings sind sie technisch aufwendig und in der Anwendung komplex; in aller Regel ist speziell geschultes Personal für ihren Einsatz notwendig. Auch den Nachweis überlegener Therapieergebnisse sind sie bislang schuldig geblieben. Schließlich können sie den „Traum vom Gehen“ für die Patienten im Alltag noch nicht erfüllen – im Hinblick auf größtmögliche Mobilität ist der Rollstuhl nach wie vor ungeschlagen. Hier wurde trotz allen Fortschritts noch kein Durchbruch erzielt.
R. Rupp, S. Franz, M. Berberich, M. Rohm, M. Schneiders, B. Hessing, N. Weidner, G. R. Müller-Putz
Eine Tetraplegie infolge einer Querschnittlähmung stellt durch den beidseitigen Verlust der Arm- und Handfunktion eine erhebliche Einschränkung der Lebensqualität dar. Mittels nichtinvasiver Greifneuroprothesen basierend auf Funktioneller Elektrostimulation (FES) erhaltener Nerven kann ein Schlüssel- und Zylindergriff generiert und damit die Schädigung des Rückenmarks umgangen werden. Die Individualisierung sowohl der Stimulationskomponenten als auch der Benutzerschnittstelle ist für eine erfolgreiche Alltagsanwendung zwingend notwendig. Verbesserungen in der Handhabung und Stabilität der Griffmuster sind durch die Verwendung von Array-Elektroden zu erwarten. Eine intuitivere Steuerung könnte durch die Einbeziehung von Gehirnsignalen über ein Brain-Computer-Interface erzielt werden.
F. Müller, P. Schuurmans, T. Roth, S. Heller
Die technische Entwicklung der letzten Jahre hat den Bau mobiler Exoskelette als Gangtrainer für gelähmte Patienten ermöglicht. Dieser Beitrag berichtet über die Erfahrungen mit dem Exoskelett Ekso Bionics bei Patienten mit Querschnitt- und Halbseitenlähmung. Dieses kommerzielle Gerät ermöglicht pro Therapiesitzung eine deutliche Steigerung der Übungseffizienz durch vermehrte Schritte. Dabei werden neben dem Training von Muskulatur, Gleichgewicht und Haltungskontrolle auch sekundäre Beschwerden wie Spastik, vegetative Symptome oder neuropathische Schmerzen gebessert. Die psychische Wirkung auf die damit behandelten Patienten geht über eine deutliche Motivationssteigerung hinaus. Eine modernen Evidenzkriterien genügende klinische Studie liegt jedoch noch nicht vor.
P. Doppler
Für komplett und inkomplett querschnittgelähmte Menschen werden seit einiger Zeit motorunterstützte Orthesen, sogenannte Exoskelette, angeboten, die ein alternierendes Gehen nicht nur im therapeutischen Bereich, sondern auch für den Alltagseinsatz ermöglichen. In dieser Zusammenfassung wird aus Sicht des Leistungserbringers über die Versorgung eines 42 Jahre alten Anwenders mit einem ReWalk-Exoskelett berichtet.
O. Mach, U. Bergner, D. Maier, T. Perlik, F. Högel
Bei der Studie handelt es sich um eine Anwendungserprobung im Sinne einer prospektiven Fallserie. Praktikabilität, Effektivität und Ökonomie des Exoskeletts „ReWalk” sollten durch Probanden mit einer chronischen Querschnittlähmung im Rahmen einer Anwendungserprobung untersucht werden. Die Erprobung sollte in 4 Phasen „indoor” und „outdoor” jeweils in der Klinik wie auch zu Hause erfolgen. Die Datenerhebung erfolgte mit Hilfe eines 14 Items umfassenden Fragebogens mit offenen und geschlossenen Fragen sowie durch Auswertung bereits vorhandener Daten. Zusätzlich wurde der reale Zeit- und Personalaufwand erfasst. Vier Probanden nahmen an der Schulung teil. Alle brachen das Projekt nach Phase 1 („Indoor-Aktivität im klinischen Umfeld”) ab – weder war die technische Ausführung des Gerätes ausreichend, noch beurteilten die Anwender den Aufwand als gerechtfertigt. Zudem war keiner der Teilnehmer nach 3 bis 6 Wochen Schulung in der Lage, das Exoskelett ohne Hilfsperson sicher anzuwenden. Hieraus ergibt sich die Schlussfolgerung, dass das Exoskelett „ReWalk” zum Zeitpunkt der Erhebung technisch nicht genügend ausgereift war, sodass weder die Erwartungen der Therapeuten noch der aktiven Anwender erfüllt werden konnten. Ein ökonomischer Einsatz derartiger Orthesen konnte zum Zeitpunkt der Anwendung ebenfalls nicht nachgewiesen werden.
J. Nitschke, D. Kuhn, K. Fischer, K. Röhl
Seit den 1970er Jahren wird an der Entwicklung von Exoskeletten geforscht, die es querschnittgelähmten Menschen ermöglichen sollen, die bestehenden Grenzen ihrer Mobilität zu überwinden. Drei verschiedene Systeme wurden im Rahmen der folgenden Studie getestet: ReWalk*, Ekso** und HAL***. Zwei der genannten Systeme (Ekso und HAL) sind seit April 2014 fester Bestandteil der Therapie querschnittgelähmter Patienten der Berufsgenossenschaftlichen Kliniken Bergmannstrost in Halle (Saale). Der Ekso wird im Rahmen der Behandlung komplett und inkomplett querschnittgelähmter Patienten genutzt; durch einen sogenannten Variable Assist ist es bei inkompletter Lähmung möglich, die vorhandene Restmuskelfunktion aktiv zu gebrauchen. Der HAL wird für die Therapie querschnittgelähmter Patienten genutzt, die einen Kraftgrad von mindestens 3/5 nach Janda für Hüftbeugung und Kniestreckung aufweisen. Die Ergebnisse belegen, dass Exoskelette derzeit zwar als Therapiegeräte eine sehr gute Ergänzung der bisherigen Möglichkeiten darstellen, jedoch weder ein Ersatz für den Rollstuhl sind noch als Hilfsmittel verordnet werden sollten. Hierfür ist eine weitere Optimierung der Systeme erforderlich, um den entsprechenden Sicherheitsanspruch eines Hilfsmittels zu erfüllen.
R. Abel
Die Orthopädie-Technik spielt bei der Versorgung querschnittgelähmter Patienten eine wichtige Rolle. In der Akutphase werden Lagerungs- und Stützorthesen benötigt, im weiteren Behandlungsverlauf verlagert sich der Schwerpunkt der Versorgung auf die Funktion wiederherstellende bzw. verbessernde Orthesen. Eine besondere Rolle spielt die Versorgung mit Hilfsmitteln, vom Gehbock bis zum Elektrorollstuhl, vom angepassten Steckriemchen bis zum Roboterarm. In allen Fällen müssen die Folgen der Rückenmarksverletzung, z. B. die große Gefährdung für Druckstellen, beachtet werden. Die Hilfsmittelversorgung muss, trotz der Beachtung des Wirtschaftlichkeitsgebotes, den Möglichkeiten des Patienten optimal angepasst sein und Selbsthilfe ebenso wie Teilhabe an der Gesellschaft ermöglichen, soweit es die Behinderung zulässt. Die Indikationsstellung ist eine Teamleistung, in der Orthopädie-Techniker, Ergotherapeuten, Physiotherapeuten, Ärzte, Angehörige und Patient ihre Vorstellungen einbringen müssen.