Moder­ne The­ra­pie­ver­fah­ren in der Behand­lung Querschnittgelähmter

R. Abel, M. Grüninger
In den letzten Jahrzehnten hat eine rasante Entwicklung technisch anspruchsvoller Trainingsgeräte für querschnittgelähmte Patienten stattgefunden. Sie erleichtern die tägliche Arbeit der Therapeuten und ermöglichen repetitives Üben sowie eine frühe Vertikalisierung des Patienten. Allerdings sind sie technisch aufwendig und in der Anwendung komplex; in aller Regel ist speziell geschultes Personal für ihren Einsatz notwendig. Auch den Nachweis überlegener Therapieergebnisse sind sie bislang schuldig geblieben. Schließlich können sie den „Traum vom Gehen“ für die Patienten im Alltag noch nicht erfüllen – im Hinblick auf größtmögliche Mobilität ist der Rollstuhl nach wie vor ungeschlagen. Hier wurde trotz allen Fortschritts noch kein Durchbruch erzielt.

Die aku­te Rückenmarkverletzung

Unter Quer­schnitt­läh­mung ver­steht man die Fol­gen einer loka­len Schä­di­gung des Rücken­marks. Der Schä­di­gung kann eine äuße­re Gewalt­ein­wir­kung – z. B. ein Sturz –, eine Durch­blu­tungs­stö­rung oder eine ande­re inne­re Ursa­che wie eine Infek­ti­on oder ein Tumor zugrun­de lie­gen. Es kön­nen alle Ner­ven betrof­fen sein, die an die­ser Stel­le im Rücken­mark ver­lau­fen. Nicht nur moto­ri­sche Fasern, son­dern auch sen­si­ble und vege­ta­ti­ve Funk­tio­nen sind beein­träch­tigt. Ent­spre­chend der patho­ana­to­mi­schen Schä­di­gung kommt es zum Funk­ti­ons­aus­fall 1.

Die Schä­di­gung der sen­si­blen und vege­ta­ti­ven Bah­nen wird in der kli­ni­schen Pra­xis immer wie­der über­se­hen, gera­de bei inkom­plett gelähm­ten Pati­en­ten. Des­halb ist es wich­tig zu wis­sen, dass nicht nur rollstuhl­abhängige Pati­en­ten mit Rücken­mark­ver­let­zung quer­schnitt­ge­lähmt sind, son­dern grund­sätz­lich alle, bei denen das Rücken­mark ent­spre­chend geschä­digt ist. Gera­de für die Prä­ven­ti­on von Lang­zeit­kom­pli­ka­tio­nen müs­sen die­se Zusam­men­hän­ge bekannt sein. Nur so lässt sich die not­wen­di­ge Prä­ven­ti­on bzw. Behand­lung läh­mungs­be­ding­ter Schä­di­gun­gen der Bla­se oder der Haut recht­zei­tig in die Wege lei­ten. Für die Reha­bi­li­ta­ti­on von Querschnitt­gelähmten ist nicht nur die Erst­be­hand­lung – die auch das Ein­üben prä­ven­ti­ver Maß­nah­men ein­schließt, die der Pati­ent selbst über­neh­men kann – fes­ter Bestand­teil der Gesamt­be­hand­lung, son­dern auch die lebens­lan­ge Behandlungsbegleitung.

Die WHO defi­niert „Reha­bi­li­ta­ti­on“ wie folgt: „Sie stellt sicher, dass Men­schen mit Behin­de­run­gen in der Lage sind, ihre phy­si­schen und geis­ti­gen Mög­lich­kei­ten in vol­lem Umfang aus­zu­schöp­fen, die übli­chen Ange­bo­te und Mög­lich­kei­ten wahr­neh­men und damit aktiv an der Gemein­schaft und Gesell­schaft im All­ge­mei­nen mit­wir­ken kön­nen“ (Übers. des Verf.) 2. Für den kli­ni­schen All­tag heißt das, dass mit Ergo­the­ra­pie, Sport­the­ra­pie, Phy­sio­the­ra­pie, der Anpas­sung von Hilfs­mit­teln, einer neuro­urologischen Ver­sor­gung und einem Bla­sen-Darm-Manage­ment ver­sucht wird, die Mög­lich­kei­ten und Fähig­kei­ten, die noch vor­han­den sind, maxi­mal aus­zu­nut­zen, damit der Pati­ent in der Lage ist, mög­lichst selbst­stän­dig und unab­hän­gig zu wer­den und am all­täg­li­chen Leben wie­der teilzunehmen.

Zie­le und Mög­lich­kei­ten der Therapie

Zen­tra­les Ziel der The­ra­pie ist die Funk­ti­ons­wie­der­her­stel­lung, soweit dies mög­lich ist. Dabei ist das, was der Pati­ent sich erhofft, nicht unbe­dingt das, was erreicht wer­den kann. Je nach Läh­mungs­typ und Läsi­ons­hö­he ste­hen nach der Sta­bi­li­sa­ti­on der Vital­funk­tio­nen Kom­mu­ni­ka­ti­on, Mobi­li­tät und Selbst­stän­dig­keit des Pati­en­ten im Mit­tel­punkt der Bemü­hun­gen. Die dabei ein­ge­setz­ten Hilfs­mit­tel rei­chen von ein­fa­chen Roll­stüh­len bis zu hoch­tech­ni­sier­ten Gangrobotern.

Ganz wich­tig ist es, wenn irgend mög­lich, die Arbeits­fä­hig­keit wie­der her­zu­stel­len. Das gelingt nicht immer, aber wo es mög­lich ist, stellt dies einen gro­ßen Gewinn für den Pati­en­ten dar. Denn die Arbeits­fä­hig­keit hat nicht nur eine mone­tä­re Bedeu­tung, son­dern beein­flusst auch die Eigen­wahr­neh­mung: Eine Auf­ga­be zu haben, gebraucht zu wer­den, eine Leis­tung erbrin­gen zu kön­nen – all das ist für das Selbst­wert­ge­fühl des Pati­en­ten wich­tig. Alle Bemü­hun­gen die­nen letzt­lich dazu, die Teil­ha­be wie­der­her­zu­stel­len und somit die Betei­li­gung am all­täg­li­chen Leben zu ermög­li­chen. Dabei ist es neben­säch­lich, ob ein Kind wie­der in die Schu­le geht oder ob der Pati­ent mit sei­nem Roll­stuhl einen Aus­flug in die Stadt oder sogar eine Rei­se ans Meer unter­neh­men kann.

Mobi­li­sa­ti­on – ein Kern­the­ma der Erst­be­hand­lung quer­schnitt­ge­lähm­ter Menschen

Immo­bi­li­tät und Bett­lä­ge­rig­keit sind gleich­be­deu­tend mit einer mas­si­ven Ein­schrän­kung der indi­vi­du­el­len Frei­heit. Die Mobi­li­sa­ti­on des Pati­en­ten ist somit eines der wich­tigs­ten Zie­le der Behand­lung Quer­schnitt­ge­lähm­ter. Der Pati­ent und das Behand­lungs­team wer­den dabei ganz mas­siv mit den Aus­wir­kun­gen des Aus­falls von Moto­rik und Sen­si­bi­li­tät kon­fron­tiert. Zudem wird die Mobi­li­sa­ti­on durch Schmer­zen und ein­ge­schränk­te Kom­pen­sa­ti­ons­me­cha­nis­men für kör­per­li­che Belas­tung ein­ge­schränkt. Weni­ger beach­tet, aber durch­aus rele­vant sind auch Limi­ta­tio­nen durch die kör­per­li­che Belas­tung der Behand­ler: Klei­ne und leich­te Men­schen las­sen sich bes­ser mobi­li­sie­ren als gro­ße und schwe­re Personen.

Als Modell­ein­rich­tung zur Behand­lung quer­schnitt­ge­lähm­ter Men­schen kann das Sto­ke Man­de­ville Hos­pi­tal im süd­eng­li­schen Ayles­bu­ry in der Nähe von Oxford gel­ten. Dort wur­de eine ganz­heit­li­che Behand­lung quer­schnitt­ge­lähm­ter Pati­en­ten bereits in den 40er und 50er Jah­ren des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts eta­bliert. Für die behan­deln­den Kol­le­gen zu die­ser Zeit war Mobi­li­sa­ti­on noch ein zeit­lich nach­ge­ord­ne­tes Ziel der Behand­lung 3.­ Das änder­te sich mit der Ent­wick­lung moder­ner Sta­bi­li­sa­ti­ons­ver­fah­ren für Wir­bel­säu­len­ver­let­zun­gen: Nun waren kei­ne mona­te­lan­gen Lie­ge­zei­ten mehr not­wen­dig, um Wir­bel­säu­len­ver­let­zun­gen aus­hei­len zu las­sen – die Pati­en­ten konn­ten weni­ge Tage oder Wochen nach dem Unfall bereits wie­der mobi­li­siert wer­den. Zu die­sem Zeit­punkt zeig­te sich dann aber umso mehr, dass die Quer­schnitt­läh­mung neben der moto­ri­schen und sen­si­blen Läh­mung auch die vege­ta­ti­ven Funk­tio­nen, z. B. die Blut­druck­re­gu­la­ti­on, betrifft: War eine frü­he Mobi­li­sa­ti­on zuvor durch die insta­bi­le Wir­bel­säu­le ohne­hin unmög­lich, muss­ten Pati­en­ten und Behand­ler jetzt erfah­ren, dass die feh­len­de Blut­druck­re­gu­la­ti­on beim Auf­set­zen bzw. beim Sit­zen im Roll­stuhl die Mobi­li­sa­ti­on begrenzt. Sie führt dazu, dass Pati­en­ten manch­mal bereits nach weni­ger als fünf Minu­ten zum Kreis­lauf­aus­gleich wie­der ins Bett gebracht wer­den müs­sen. Ver­su­che der medi­ka­men­tö­sen Behand­lung die­ser Blut­druck­re­gu­la­ti­ons­pro­ble­me schei­ter­ten weit­ge­hend. Die ers­te Pha­se der Mobi­li­sa­ti­on, also der Trans­fer des Pati­en­ten vom Bett in den Roll­stuhl und die anschlie­ßen­de Sitz­be­las­tung, blieb ein müh­sa­mes Unter­fan­gen, das sehr per­so­nal­in­ten­siv ist.

Pri­mä­re Mobilisation

Des­halb lag es nahe, für die­se Pro­ble­ma­tik The­ra­pie­hilfs­mit­tel zu ent­wi­ckeln, die den Pati­en­ten schon in die­ser frü­hen Pha­se der Reha­bi­li­ta­ti­on unter­stüt­zen. Aus­ge­hend von der Idee eines Kipp­ti­sches sind Steh­bret­ter schon lan­ge im kli­ni­schen Ein­satz – sie erlau­ben die scho­nen­de Auf­rich­tung des Pati­en­ten in klei­nen Schrit­ten. Auf­grund der not­wen­di­gen Fixie­rung des Pati­en­ten kön­nen auf die­sen Steh­bret­tern aber kei­ne gleich­zei­ti­gen Bewe­gun­gen der unte­ren Extre­mi­tä­ten erfol­gen – weder pas­siv noch aktiv. Ursprüng­lich von der Vor­stel­lung aus­ge­hend, Schritt­ma­cher­zen­tren für die Schreit­funk­ti­on auf spi­na­ler Ebe­ne anzu­re­gen, wur­de mit dem „Eri­go®“ (Abb. 1) ein Steh­brett ent­wi­ckelt, bei dem die Bei­ne durch Man­schet­ten­sys­te­me und Line­ar­mo­to­ren pas­siv geführt wer­den. Ein The­ra­pie­vor­teil bezüg­lich der spä­ter erreich­ten Geh­fä­hig­keit hat sich bis­lang zwar nicht nach­wei­sen las­sen. Es zeig­te sich aber rasch, dass die­se The­ra­pie­form gera­de bei hoch gelähm­ten Pati­en­ten deut­lich zur Ver­bes­se­rung der Kreis­lauf­si­tua­ti­on in der Initi­al­si­tua­ti­on bei­tra­gen kann 4.

Mobi­li­sa­ti­on zum Ste­hen und Gehen

Nach­dem sich der gelähm­te Kör­per des Pati­en­ten so weit an die neue Situa­ti­on gewöhnt hat, dass eine aus­rei­chen­de Roll­stuhl­mo­bi­li­sa­ti­on erreicht ist, ist die Auf­rich­tung in den Stand und das Errei­chen des sta­bi­len Gehens das nächs­te Ziel. Dabei wer­den noch vor­han­de­ne Rest­funk­tio­nen des Pati­en­ten (bei einer inkom­plet­ten Quer­schnitt­läh­mung) aus­genutzt – bei gut funk­tio­nie­ren­der Moto­rik sogar bis zum frei­en, selbst­stän­di­gen Gehen. Bis in die 90er Jah­re des letz­ten Jahr­hun­derts wur­de ver­sucht, Pati­en­ten mit einer kom­plet­ten Para­ple­gie, also mit erlo­sche­ner Funk­ti­on der Bei­ne bei erhal­te­ner Funk­ti­on der Arme, durch die Anwen­dung äuße­rer Stütz­ap­pa­ra­te zumin­dest zum Ste­hen, wenn mög­lich aber auch zum Gehen mit Unter­arm­geh­stüt­zen zu bewe­gen. Grund­la­ge war die Vor­stel­lung, dass die Ver­ti­ka­li­sie­rung des Pati­en­ten einen erheb­li­chen Ein­fluss auf die dro­hen­de Atro­phie der gelähm­ten unte­ren Ex­tremitäten – ins­be­son­de­re auf die Auf­recht­erhal­tung der Kno­chen­sta­bi­li­tät – hat. Es gab des­halb kaum Pati­en­ten, die die sta­tio­nä­re Erst­be­hand­lung ohne ange­pass­te Schie­nen-Schel­len-­Ap­pa­ra­te ver­lie­ßen. Anhand der Ver­laufs­kon­trol­len wur­de jedoch erkannt, dass die­se Form der Ver­ti­ka­li­sie­rung kei­nen Ein­fluss auf die Mine­ral­dich­te der unte­ren Extre­mi­tä­ten hat. Zur Jahr­tau­send­wen­de hat­ten des­halb die meis­ten Kli­ni­ken die Anwen­dung die­ser Hilfs­mit­tel sowie auch die regel­mä­ßi­ge Ver­schrei­bung von Steh­ge­rä­ten auf­ge­ge­ben. Zum Ste­hen mobi­li­siert wur­den nur noch Pati­en­ten, bei denen die ver­blie­be­ne Rest­funk­ti­on der unte­ren Extre­mi­tä­ten eine rea­lis­ti­sche Chan­ce auf die Wie­der­erlan­gung der Geh­fä­hig­keit verhieß.

In der Pra­xis bedeu­tet anfäng­li­ches Geh- und Steh­trai­ning oft, dass der Pati­ent an einen Bar­ren gebracht wird und sich dort unter Ein­satz sei­ner Arm­kraft mit Hil­fe des oder der The­ra­peu­ten bis zum Stand hoch­drückt. Gera­de zu Beginn oder bei mas­siv geschwäch­ter Bein­mus­ku­la­tur sind bei­de (Pati­ent und The­ra­peut) nach weni­gen Schrit­ten erschöpft. Ein Aus­weg ist das Geh­trai­ning unter Gewichts­ent­las­tung im Was­ser. Hier ist bedeu­tend weni­ger Kraft not­wen­dig, um den Kör­per auf­recht zu hal­ten. Aller­dings ist die Schreit­be­we­gung im Was­ser deut­lich anders als die Belas­tung und Bewe­gung beim regu­lä­ren Gehen.

Wie erwähnt bedeu­tet die mini­ma­le Geh­stre­cke, die in einem Bar­ren zurück­ge­legt wer­den kann, eine erheb­li­che Ein­schrän­kung für aus­dau­ern­des und repe­ti­ti­ves Üben. Es lag des­halb nahe, zum Geh­trai­ning zunächst, wo immer mög­lich, Lauf­bän­der ein­zu­set­zen. Der nächs­te Ent­wick­lungs­schritt war der Ein­satz von Gurt­sys­te­men, über die der Pati­ent nach einem Fla­schen­zug­prin­zip auf dem Lauf­band von sei­nem Kör­per­ge­wicht ent­las­tet wur­de. Bei Pati­en­ten, bei denen die eige­ne Kraft auch bei aus­rei­chen­der Ent­las­tung nicht aus­reicht, um die Bei­ne gezielt zum Schrei­ten auf dem Lauf­band nach vor­ne zu brin­gen, waren ein bis drei Phy­sio­the­ra­peu­ten not­wen­dig, um die unte­ren Extre­mi­tä­ten und das Becken ent­spre­chend zu füh­ren. Die Lauf­band­the­ra­pie unter Gewichts­ent­las­tung war also ein ech­ter, aber sehr per­so­nal­in­ten­si­ver Fortschritt.

Es ist dem Ent­wick­lungs­team um Ger­ry Colom­bo aus Zürich zu ver­dan­ken, dass 2001 ein ers­tes sta­tio­nä­res Exo­ske­lett ent­wi­ckelt wur­de, das neben der Gewichts­ent­las­sung auch eine auto­ma­ti­sier­te akti­ve Füh­rung der unte­ren Extre­mi­tä­ten ermög­lich­te. Es wur­de unter dem Namen „Loko­mat®“ (Abb. 2) auf den Markt gebracht und bis zum heu­ti­gen Datum immer wei­ter ent­wi­ckelt. Mitt­ler­wei­le sind auch Kon­kur­renz­pro­duk­te erhält­lich. Die­ses Trai­nings­ver­fah­ren erlaubt ein dem Leis­tungs­ver­mö­gen des Pati­en­ten gut ange­pass­tes repe­ti­ti­ves Aus­dau­er­trai­ning in nahe­zu allen Pha­sen der Erst­re­ha­bi­li­ta­ti­on 5.

Wäh­rend sich die­se Trai­nings­mög­lich­keit nach und nach in den Reha­bi­li­ta­ti­ons­zen­tren ver­brei­te­te, wur­de aus einer ande­ren Moti­va­ti­on her­aus die Ent­wick­lung mobi­ler Exo­ske­let­te vor­an­ge­trie­ben: Um Sol­da­ten zu mehr Aus­dau­er und Trag­kraft im Gelän­de zu ver­hel­fen, finan­zier­ten Mili­tär­ein­rich­tun­gen die Ent­wick­lung motor­ge­trie­be­ner Schie­nen-Schel­len-Appa­ra­te. Die­se Gerä­te ver­spra­chen die Erfül­lung des Traums, auch Men­schen mit voll­stän­di­ger oder fast voll­stän­di­ger Quer­schnitt­läh­mung wie­der das Lau­fen zu ermög­li­chen. Es schien nur noch eine Fra­ge der Zeit, bis die ers­ten Pati­en­ten auf den Roll­stuhl ver­zich­ten konnten.

Davon sind die heu­ti­gen Pro­duk­te jedoch noch weit ent­fernt: Neben dem Mit­füh­ren der benö­tig­ten Ener­gie in Form von Bat­te­rie­packs und der damit ver­bun­de­nen Ein­schrän­kung der Reich­wei­te hat sich die Auf­recht­erhal­tung des Gleich­ge­wichts – ins­be­son­de­re auf unebe­nem Grund – als schwie­rig erwie­sen. Schon auf ebe­nem Grund lässt kein Her­stel­ler der ver­füg­ba­ren Exo­ske­let­te das Gehen der damit ver­sorg­ten Pati­en­ten ohne füh­ren­de Begleit­per­son zu. Auf Trep­pen oder unebe­nem Grund ist ein frei­es Gehen noch viel weni­ger mög­lich. Damit erbringt kei­nes der Gerä­te eine ech­te Ver­bes­se­rung der Mobi­li­tät gegen­über dem Roll­stuhl – im Gegen­teil: In der Regel sind die Pati­en­ten im Roll­stuhl deut­lich schnel­ler und flexibler.

Die Her­stel­ler­fir­men began­nen die mobi­len Exo­ske­let­te zunächst als The­ra­pie­ge­rä­te zu ver­mark­ten. Aller­dings fehlt bis­lang noch jeder Nach­weis, dass eine exo­ske­lett­ge­stütz­te Mobi­li­sa­ti­on gegen­über den kon­ven­tio­nel­len Ver­fah­ren Vor­tei­le hat oder gar einen greif­ba­ren Gewinn in Bezug auf die The­ra­pie­er­geb­nis­se ver­bu­chen kann 6 7 8. Ledig­lich eines der Gerä­te – das der Fir­ma ReWalk – hat eine Hilfs­mit­tel­num­mer. Nicht zu ver­nach­läs­si­gen ist aller­dings der psy­chi­sche Schub, den Pati­en­ten erle­ben, wenn sie in einem sol­chen Gerät auf­recht ste­hen und gehen kön­nen. Zudem ist der Ein­satz mobi­ler Exo­ske­let­te für behan­deln­de Ein­rich­tun­gen attrak­tiv, da die­se sich damit als modern und auf dem letz­ten tech­ni­schen Stand prä­sen­tie­ren können.

Aus­wer­tun­gen der The­ra­pie­pra­xis in den deut­schen Behand­lungs­zen­tren 9 ernüch­tern jedoch: Die wenigs­ten „Exo-Pati­en­ten“ kom­men in den Genuss einer län­ger andau­ern­den The­ra­pie (im Durch­schnitt erhält jeder die­ser Pati­en­ten ledig­lich 16 – zwi­schen 2 und 60 – The­ra­pie­ein­hei­ten mit einem Exo­ske­lett). Vor­tei­le der Behand­lung gegen­über kon­ven­tio­nel­lem Trai­ning sind metho­disch bedingt nur schwer nach­weis­bar, und die Zahl der Pati­en­ten, die das Pri­vi­leg haben, ein sol­ches Exo­ske­lett im häus­li­chen Umfeld benut­zen zu kön­nen, ist minimal.

Neben die­sen hoch­tech­ni­sier­ten Behand­lungs­for­men sind Ent­las­tungs­sys­te­me, die das geschütz­te Gehen über Grund mit Hil­fe von in Schie­nen­sys­te­men lau­fen­den Gur­ten ermög­li­chen, eine aus­sichts­rei­che­re Behand­lungs­form (Abb. 3). Ähn­lich der The­ra­pie auf dem Lauf­band ermög­li­chen sie den Pati­en­ten mit varia­bler Gewichts­ent­las­tung das Gehen im Raum. Um die Limi­ta­ti­on der Schie­nen­sys­te­me zu über­win­den, wur­den mobi­le Gewichts­ent­las­tungs­sys­te­me mit Gur­ten ent­wi­ckelt, die die Ent­las­tung des Pati­en­ten der aktu­el­len Anfor­de­rung anpas­sen (Abb. 4) 10. Sie sind unter den Bezeich­nun­gen „Anda­go®“ und „Lite­Gait®“ auf dem Markt.

Für funk­tio­nell rele­van­tes Gehen ist es unab­hän­gig von der gewähl­ten Trai­nings­me­tho­de nach wie vor ent­schei­dend, ob der Pati­ent schluss­end­lich sicher von A nach B gelan­gen kann. Eine Geh­funk­ti­on, die nur unter Gewichts­ent­las­tung, im Was­ser oder mit moto­ri­sier­ten Exo­ske­let­ten demons­triert wer­den kann, ist im All­tag funk­tio­nell bis­lang nicht einzusetzen.

Fazit

In der moder­nen The­ra­pie von Quer­schnitt­ge­lähm­ten wer­den immer mehr hoch­ent­wi­ckel­te tech­ni­sche Hil­fen ein­ge­setzt. Sie erlau­ben eine frü­he­re und oft auch inten­si­ve­re Behand­lung; im All­tag die­nen sie dem Behin­de­rungs­aus­gleich. Trotz allem blei­ben das Enga­ge­ment und die Fach­kun­de der Behand­ler sowie die Eigen­mo­ti­va­ti­on des Betrof­fe­nen für den The­ra­pie­er­folg unersetzlich.

Für die Autoren:
Priv.-Doz. Dr. Rai­ner Abel
Kli­ni­kum Bayreuth
Betriebs­stät­te Hohe Warte
Hohe War­te 8
95445 Bay­reuth
frank-rainer.abel@klinikum-bayreuth.de

Begut­ach­te­ter Beitrag/reviewed paper

Zita­ti­on
Abel R, Grü­nin­ger M. Moder­ne The­ra­pie­ver­fah­ren in der Behand­lung Quer­schnitt­ge­lähm­ter. Ortho­pä­die Tech­nik, 2018; 69 (9): 28–31
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  2. World Health Orga­niz­a­ti­on. Con­cept Paper WHO Gui­de­li­nes on Health-Rela­ted Reha­bi­li­ta­ti­on (Reha­bi­li­ta­ti­on Guide­lines). 2011. http://www.who.int/disabilities/care/rehabilitation_guidelines_concept.pdf (Zugriff am 22.07.2018)
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