Mar­kus Rehm pul­ve­ri­siert Weltrekord

Anfang des Jahres haben wir Para-Leichtathlet Markus Rehm gefragt, ob er es sich zutraut, seinen eigenen Weltrekord auf über 8,50 Meter zu verbessern. Seine selbstbewusste Antwort: „Auf jeden Fall. Die sind auch machbar. Es war nur noch nicht der richtige Tag, der richtige Moment da.“ Am 1. Juni hat der Para-Sportler des Jahrzehnts geliefert und bei der EM in Polen den Rekord um 14 Zentimeter auf 8,62 Meter verbessert. Aus diesem Anlass empfehlen wir noch einmal das folgende Interview:

Seit Jah­ren gehört Mar­kus Rehm zu den prä­gen­den Ath­le­ten der paralym­pi­schen Bewe­gung, hat bei Paralym­pi­schen Spie­len mehr­fach Gold geholt und den Weit­sprung-Welt­re­kord in der Klas­se T 64 in kaum für mög­lich gehal­te­ne Wei­ten ver­bes­sert. Für sei­ne Leis­tun­gen auf und abseits von Tar­tan­bahn und Sprung­gru­be ist der 32-Jäh­ri­ge mit rechts­sei­ti­ger Unter­schen­kel­am­pu­ta­ti­on nun als Paras­port­ler des Jahr­zehnts aus­ge­zeich­net worden.

Im Inter­view schaut der aus­ge­bil­de­te OT-Meis­ter auf sei­ne sport­li­che Kar­rie­re, gibt Ein­bli­cke in sei­ne Arbeit mit Pati­en­ten im Sani­täts­haus Rahm und wirbt um mehr glo­ba­le Akzep­tanz für Men­schen mit Ampu­ta­ti­on. Und dann ist da auch noch der olym­pi­sche Traum.

OT: Deut­scher Paras­port­ler des Jahr­zehnts – eine her­aus­ra­gen­de Aus­zeich­nung, die doku­men­tiert, dass Sie über vie­le Jah­re sport­li­che Höchst­leis­tun­gen voll­bracht haben. Was unter­schei­det den heu­ti­gen Men­schen und den Sport­ler Mar­kus Rehm von dem im Jah­re 2011?

Mar­kus Rehm: Ich habe mich in vie­ler­lei Hin­sicht ver­än­dert. Ich hof­fe doch schwer, zum Guten. Hät­te man mir damals gesagt, wie weit ich sprin­ge, wie ich mei­nen Sport auch dank mei­ner Part­ner und Spon­so­ren in solch einem Umfang aus­üben kann, hät­te ich das wahr­schein­lich nicht geglaubt. Neben vie­len Höhen waren natür­lich auch Tie­fen in der Kar­rie­re mit dabei. Aber ich glau­be, auch die habe ich immer ganz gut über­stan­den. Ich habe nie den Spaß ver­lo­ren und gehe jetzt schon über zehn Jah­re mit der glei­chen Kon­se­quenz an die Her­aus­for­de­run­gen. Was der gan­ze Sport für eine Ent­wick­lung genom­men hat, ist wirk­lich Wahn­sinn. Wir sind sicher­lich noch nicht auf glei­cher Ebe­ne mit den olym­pi­schen Ath­le­ten, aber es hat sich viel getan in den letz­ten Jah­ren. Da kön­nen wir auch ein biss­chen Dank­bar­keit an den Tag legen. Trotz­dem muss es natür­lich noch weitergehen.

Tief nach der DM 2014

OT: Sie haben seit 2011 kei­nen Weit­sprung­wett­be­werb  ver­lo­ren, spre­chen aber den­noch von Tie­fen in Ihrer Karriere.

Rehm: Da den­ke ich zuerst an die Zeit nach dem Gewinn der Deut­schen Meis­ter­schaft im Weit­sprung 2014 gegen die olym­pi­schen Ath­le­ten. Das war schon ein gro­ßer Punkt in mei­ner sport­li­chen Kar­rie­re. Aber auf ein­mal hat­te ich mich nach all dem Lob auch mit viel Kri­tik aus­ein­an­der­zu­set­zen, die dann wirk­lich zuhauf mit dem Vor­wurf eines mög­li­chen Wett­be­werbs­vor­teils durch die Pro­the­se gekom­men ist. Das war schon ein The­ma, mit dem ich ler­nen muss­te umzu­ge­hen, und kei­ne leich­te Situation.

OT: Was moti­viert Sie, Jahr für Jahr, Best­leis­tun­gen abzu­ru­fen. Sind die 8,50 Meter im Weit­sprung noch ein Ziel?

Rehm: Auf jeden Fall. Die sind auch mach­bar. Es war nur noch nicht der rich­ti­ge Tag, der rich­ti­ge Moment da. Ich habe schon bei zwei, drei Wett­kämp­fen gemerkt, es könn­te eigent­lich jetzt pas­sie­ren. Wenn Wei­ten von 8,30 Metern oder 8,35 Metern locker von der Hand gehen, den­ke ich mir: Wenn ich jetzt einen Ver­such rich­tig tref­fe, dann sind es 8,50 Meter. Das treibt mich schon noch ein biss­chen an.

OT: Für so eine Situa­ti­on müs­sen Sie sich aber immer wie­der im All­tag und im Trai­ning moti­vie­ren und an sich arbeiten.

Rehm: Das ist genau das The­ma. Vie­le sehen mich nur beim Sprin­gen und sehen nicht die Arbeit, die dahin­ter­steckt. Immer am Ende eines Jah­res set­ze ich mich hin und über­le­ge, was gut oder nicht so gut war. Was hat viel­leicht auch zu einer Ver­let­zung geführt, was war viel­leicht zu viel Trai­ning? Das hin­ter­fra­ge ich zusam­men mit mei­ner Trai­ne­rin Stef­fi Neri­us. Es ist ein Lern­pro­zess. Gera­de jetzt bin ich wie­der in einer Pha­se, in der das Trai­ning sehr anstren­gend ist.

„Für mich war nie Schluss”

OT: Sie sind 2010 mit einer Wei­te von 6,84 Metern Junio­ren-Welt­meis­ter gewor­den und haben den Welt­re­kord bis 2018 auf 8,48 Meter ver­bes­sert. Wel­che Kri­te­ri­en sind für eine der­ar­ti­ge Leis­tungs­stei­ge­rung ausschlaggebend?

Rehm: Für mich war nie Schluss, wenn ich einen neu­en Rekord auf­ge­stellt habe. Ich glau­be, es kann einem Ath­le­ten schon pas­sie­ren, dass er sagt: „Ich bin ange­kom­men. Das ist das, wo ich hin­woll­te. Jetzt bin ich fer­tig.“ Ich hin­ge­gen sehe dann immer sofort das nächs­te Ziel. Bei den Paralym­pi­schen Spie­len in Lon­don 2012 bin ich von einem Jour­na­lis­ten gefragt wor­den, ob es irgend­wann mit einer Pro­the­se mög­lich sein wer­de, acht Meter zu sprin­gen. Ich sag­te, klar, dass sei mach­bar, ich wüss­te nur nicht, ob ich der­je­ni­ge sei. Umso schö­ner, dass es mir dann selbst gelun­gen ist. Es sind vie­le klei­ne Stell­schrau­ben, die man über die Jah­re ein­fach angeht. Jeden Tag noch ein biss­chen bes­ser wer­den. Das ist eine blö­de Flos­kel, aber so ist es am Ende des Tages.

OT: Ab wel­cher Wei­te ist dann von außen der Fokus immer mehr auf die Pro­the­se gelegt wor­den? Und wie schwer ist es, zu argu­men­tie­ren, dass zu einem guten Sprung mehr gehört als gutes Material?

Rehm: Es fing 2013 an. Da bin ich bei der WM 7,95 Meter gesprun­gen. Das war wirk­lich einer der Sprün­ge, die mir ewig in Erin­ne­rung blei­ben, weil es für die­sen Tag der per­fek­te Sprung war. Damals haben die Offi­zi­el­len schon gemerkt, wenn das so wei­ter geht, wird er nächs­tes Jahr die Qua­li­fi­ka­ti­on für die Deut­schen Meis­ter­schaf­ten sprin­gen. Und dann ging die Dis­kus­si­on los. Zwi­schen 2013 und 2017 hat sich pro­the­tisch aller­dings fast nichts ver­än­dert. Höchs­tens die Här­te, weil das Gewicht nicht mehr gestimmt hat. Es ist kei­ne Rake­ten­wis­sen­schaft, die ich mache. Es wäre doch ver­mes­sen zu behaup­ten, dass ich der welt­bes­te Pro­the­sen­bau­er bin und nur des­we­gen so weit sprin­ge. Meis­tens ist die Dis­kus­si­on immer rela­tiv schnell vor­bei, wenn ich sage: Gucke dir die ande­ren Ath­le­ten an, die haben genau das glei­che Material.

OT: Par­al­lel zu Ihrem sport­li­chen Wer­de­gang haben Sie eine Aus­bil­dung zum Ortho­pä­die-Tech­nik-Mecha­ni­ker-Meis­ter absol­viert. Wie sehr ergän­zen sich Ihr sport­li­ches und Ihr hand­werk­li­ches Know-how?

Rehm: Ich fin­de es toll, dass ich alles sel­ber machen kann, aber ob das immer gut ist? Manch­mal ist es ein Vor­teil, nicht der eige­ne Tech­ni­ker zu sein, um auf eine Situa­ti­on noch­mal mit einem ande­ren objek­ti­ven Auge drauf­zu­gu­cken. Bei Pati­en­ten bin ich sehr tief im The­ma drin und manch­mal schon auch durch eige­ne Erfah­run­gen ein biss­chen ein Freak. Mit jeder neu­en Infor­ma­ti­on stel­le ich mir direkt die Fra­ge, was für Aus­wir­kun­gen das haben kann. Wenn ich jeman­den sehe, habe ich sofort Ideen im Kopf in Bezug auf Mate­ria­li­en oder Ein­stel­lun­gen. Das ist manch­mal echt abgefahren.

OT: Die sport­li­che Akri­bie über­trägt sich also in den Versorgungsalltag.

Rehm: Abso­lut. Ich habe mir neu­lich einen neu­en Schaft gebaut, weil sich da ein biss­chen was ver­än­dert hat. In mei­nen Sport­pro­the­sen habe ich zum Bei­spiel kein Pols­ter drin. Ich habe mit Wachs gear­bei­tet. Das war eine rie­sen Saue­rei, aber das Resul­tat war geni­al. Eine Kun­din hat mir das schö­ne Kom­pli­ment gemacht, dass ich nicht sagen wür­de, etwas gin­ge nicht, son­dern statt­des­sen, dass ich etwas so noch nicht gemacht hät­te. Sie ist Kampf­sport­le­rin und geht auch ger­ne lau­fen. Wir haben ein paar nicht unbe­dingt kon­ven­tio­nel­le, aber für sie super funk­tio­nie­ren­de Lösun­gen erarbeitet.

Gleich­be­rech­ti­gung ist kei­ne Einbahnstraße

OT: Getreu dem Mot­to: Eine Her­aus­for­de­rung ist noch kein Hindernis.

Rehm: Ich kann mich noch sehr gut an einen Moment mit mei­ner Trai­ne­rin beim Lang­han­tel­kraft­trai­ning erin­nern: Sie mein­te, das sehe bei jedem erst­mal komisch aus. Soll­ten wir bei Pro­ble­men fest­stel­len, dass es an der Pro­the­se und nicht an mir lie­ge, könn­ten wir uns drü­ber unter­hal­ten. Sie hat mich ein­fach nie geschont. Ich bin auch hart zu ande­ren Ath­le­ten und sage ihnen, dass sie es nicht gleich auf ihre Pro­the­se schie­ben sol­len, wenn es ein­mal nicht läuft. Selbst mit Kun­den hat es schon Dis­kus­sio­nen gege­ben, dass Gleich­be­rech­ti­gung kei­ne Ein­bahn­stra­ße ist und es nicht das Ziel sein soll­te, sich für eine Son­der­be­hand­lung als Pro­the­sen­trä­ger die Rosi­nen herauszupicken.

OT: In wel­chem Maße hat sich Ihr Beruf als OTM in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren ver­än­dert in Bezug auf den tech­ni­schen Fort­schritt der Hilfs­mit­tel, aber auch im Umgang mit den Patienten?

Rehm: Es tut sich wahn­sin­nig viel, ins­be­son­de­re bei der 3D-Scan-Tech­nik und dem 3D-Druck. Die Pro­the­tik und Orthe­tik haben sich stark ver­än­dert. Vie­le Orthe­sen sind mitt­ler­wei­le fast schon Desi­gner­stü­cke. Die sehen ein­fach cool aus und kön­nen wirk­lich ohne jeg­li­ches Scham­ge­fühl getra­gen wer­den. Auch in der Pro­the­tik ändert sich seit Jah­ren eini­ges und das wird so wei­ter­ge­hen. Ich selbst habe bereits einen gedruck­ten Schaft im Ein­satz. Wir ver­su­chen hier am Puls der Zeit zu blei­ben und sind da ver­mut­lich ganz vor­ne mit dabei. Ich bin sehr gespannt, wo wir mit der Digi­ta­li­sie­rung in zehn Jah­ren ste­hen wer­den. Auch wenn ich ger­ne noch mit Gips arbei­te, wer­den sich sicher­lich alter­na­ti­ve Ansät­ze wei­ter­ent­wi­ckeln und lang­fris­tig durchsetzen.

OT: Wie brin­gen Sie Ihre Arbeit in der OT-Werk­statt und die sport­li­chen Akti­vi­tä­ten zeit­lich unter einen Hut?

Rehm: Ich habe tat­säch­lich Anfang 2020 die Arbeit als Ortho­pä­die­tech­ni­ker noch ein biss­chen redu­ziert, weil ich gemerkt hat­te, dass ich bei­des in der Inten­si­tät qua­li­ta­tiv gar nicht packe. Aktu­ell ist mir ist der Sport immer noch sehr wich­tig und die Ver­pflich­tun­gen sind mit der Zeit auch immer mehr gewor­den. Ich habe mit Rahm eine Lösung gefun­den, dass ich für Pro­jek­te Ansprech­part­ner bin und die Ein­zel­be­treu­ung dafür etwas zurück­fah­re. Wenn ich ganz als Tech­ni­ker auf­hö­ren und nicht mehr regel­mä­ßig in der Werk­statt ste­hen wür­de, das wür­de mir schon feh­len. Dafür bin ich doch zu ger­ne in mei­nem Job tätig. Seit 2017 habe ich mit mei­nem Pro­the­sen-Aus­rüs­ter Össur eine neue Feder und eine Lauf­soh­le ent­wi­ckelt, die jetzt als „Che­e­tah Expan­se“ auf den Markt gekom­men ist. Das war ein span­nen­der Pro­zess und die Arbeit mit dem Team um Chris­to­phe Lecomte auf Island hat wahn­sin­nig viel Spaß gemacht. Die waren in der For­schungs- und Ent­wick­lungs­ab­tei­lung genau­so gepolt wie ich und woll­ten das Pro­jekt erfolg­reich umset­zen. Ein­mal sind wir sogar nach einem gemein­sa­men Abend­essen noch­mal in die Werk­statt gefah­ren, um nachts eine neue Vari­an­te zu tes­ten. Das ange­schlos­se­ne Sani­täts­haus hat eine eige­ne Tar­tan­bahn, auf der ich vie­le Stun­den an Ent­wick­lung ver­bracht habe.

OT: Wie opti­mis­tisch sind Sie in Bezug auf die Paralym­pi­schen Spie­le in Tokio in die­sem Jahr?

Rehm: Ich bin aktu­ell noch ziem­lich posi­tiv gestimmt, auch wenn ich natür­lich mit Beden­ken sehe, dass die Infek­ti­ons­zah­len auch in Japan hoch­ge­gan­gen sind. Wenn ich die Hoff­nung auf­ge­ge­ben hät­te, wür­de ich mich im Trai­ning echt schwer­tun. Ich wün­sche mir, dass das Imp­fen jetzt rela­tiv schnell vor­an­geht. Dann könn­ten die Spie­le in abge­speck­ter Form statt­fin­den. Mit Qua­ran­tä­ne für Ein­rei­sen­de und weni­ger Zuschau­ern als eigent­lich geplant.

Olym­pia als „tol­le Plattform”

OT: Ist zusätz­lich eine Teil­nah­me an den Olym­pi­schen Spie­len ein rea­lis­ti­sches Szenario?

Rehm: Der Inter­na­tio­na­le Sport­ge­richts­hof hat im Herbst die Gesetz­ge­bung in Bezug auf die Ver­wen­dung von Hilfs­mit­teln dahin­ge­hend geän­dert, dass der Leicht­ath­le­tik-Welt­ver­band mir nun nach­wei­sen muss, dass ich mit mei­ner Pro­the­se einen künst­li­chen Wett­be­werbs­vor­teil habe. Das hal­te ich für nicht ganz so leicht, denn wir haben in der Ver­gan­gen­heit umfang­rei­che Stu­di­en gemacht, die kei­nen Vor­teil erge­ben haben. Der Fokus liegt für mich trotz­dem auf den Paralym­pics, weil ich hier mei­ne Medail­len gewin­nen kann. Ich bin paralym­pi­scher Ath­let. Für mich per­sön­lich wäre Olym­pia in ers­ter Linie eine tol­le Platt­form. Es hät­te einen gro­ßen sym­bo­li­schen Cha­rak­ter zu sagen: Wir brau­chen die Ath­le­ten nicht so krass zu unter­tei­len, son­dern alle erzie­len genau­so star­ke Ergeb­nis­se. Vie­le Men­schen haben vom paralym­pi­schen Sport immer noch fal­sche Bil­der im Kopf. Mein Ziel ist es, den Leu­ten zu zei­gen, was bei uns für außer­ge­wöhn­li­che Leis­tun­gen erbracht wer­den. Lei­der gibt es bis heu­te immer noch schlech­te Wit­ze über die paralym­pi­schen Leis­tun­gen. Ich habe vor kur­zem einen der Fack-ju-Göh­te-Fil­me gese­hen, wo in einer Sze­ne der Satz fällt: „Hey, trai­niert ihr für die Paralym­pics?“ Das war so ein abwer­ten­der Spruch. Ich habe wirk­lich Humor, ich kann auch über mich selbst groß­ar­tig lachen, aber das fand ich ein­fach nicht wit­zig. Und dafür will ich sor­gen, dass so etwas nicht mehr wit­zig ist. Man kann wirk­lich auch über Han­di­caps, über ver­lo­re­ne Bei­ne oder Arme, einen Scherz machen, da bin ich selbst ganz vor­ne mit dabei. Aber der Spruch war ein­fach nicht lus­tig. Die wären nicht in der Lage, das zu leis­ten, was paralym­pi­sche Sport­ler leis­ten. Um das ein­fach noch mehr Leu­ten klar zu machen, wür­de ich ger­ne die Büh­ne Olym­pia nut­zen wollen.

OT: Der Sport hat maß­geb­lich dazu bei­getra­gen, dass Sie in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren viel in der Welt her­um­ge­kom­men sind. Wie wer­den Men­schen mit einer Ampu­ta­ti­on in anderen 
Län­dern wahr­ge­nom­men bzw. angesehen?

Rehm: Es kommt immer auf die Regi­on an. In den USA sind Ampu­ta­tio­nen und Pro­the­sen offen sicht­bar, zum Teil sogar mit einem Hel­den­sta­tus ver­bun­den. Wie ernst­haft das gemeint wird, kann ich nicht ein­schät­zen, aber man hat schon das Gefühl, dass alle das total cool fin­den. In Euro­pa sind wir in der Ent­wick­lungs­pha­se. Vie­le Men­schen trau­en sich nicht, Fra­gen zu stel­len, obwohl es für die­se Zurück­hal­tung kei­nen Grund gibt. Lei­der gibt es welt­weit immer noch Regio­nen, wo ein Han­di­cap als Schwä­che defi­niert ist – gera­de bei Män­nern. Frau­en wie­der­um den­ken, dass sie mit einer Pro­the­se nicht dem Schön­heits­ide­al ent­spre­chen. Es ist ein­fach nicht wahr, dass du mit einer Pro­the­se irgend­wie weni­ger wert bist. Du kannst genau­so wert­schöp­fend sein wie jeder ande­re Mensch, aber das wird in vie­len Län­dern noch nicht ganz so gese­hen. Wir befin­den uns in einem Pro­zess, den auch der paralym­pi­sche Sport unter­stüt­zen kann. In Japan gibt es zum Bei­spiel so gut wie kei­ne bar­rie­re­frei­en Hotel­zim­mer. Hier kann die Aus­rich­tung von Paralym­pi­schen Spie­len sen­si­bi­li­sie­ren und Ver­än­de­run­gen anstoßen.

OT: Was kann, was muss sich in Deutsch­land noch tun,  um Men­schen mit einer Ampu­ta­ti­on stär­ker in All­tag und Sport zu inkludieren?

Rehm: Wir im Hand­werk kön­nen dazu bei­tra­gen, dass Hilfs­mit­tel nicht immer wie Hilfs­mit­tel aus­se­hen, son­dern mehr wie ein Design­stück. Dann trau­en sich auch mehr Pro­the­sen­trä­ger mit kur­zen Hosen vor die Tür. Auch die Kran­ken­kas­sen müs­sen signa­li­sie­ren, dass ihnen die Hilfs­mit­tel-Akzep­tanz der Anwen­der etwas wert ist. Im Sport sind für mich immer noch gemein­sa­me Wett­kämp­fe ein The­ma. War­um kann man nicht viel mehr zusam­men machen? Hier gibt es immer­hin eine Ver­bes­se­rung im Ver­gleich zu vor zehn Jah­ren. In Deutsch­land sind wir ins­ge­samt auf einem guten Weg. Ich selbst sehe mich da auch nicht als Hard­li­ner, son­dern betei­li­ge mich ger­ne an kon­tro­ver­sen Diskussionen.

Die Fra­gen stell­te Micha­el Blatt.

 

 

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