Dynamische Hüftabduktions-Lagerungsorthese zur Behandlung pathologisch veränderter Hüften bei neuromuskulären Erkrankungen in der Kinderorthopädie
Die konservative Hüftabduktionsbehandlung ist häufig fester Bestandteil des Therapiekonzeptes bei auffälligen Hüftbefunden neuromuskulär beeinträchtigter Kinder und Jugendlicher. Dabei hat sich gezeigt, dass die konventionellen starren Abduktionssysteme wiederholt vor allem durch mangelnde Compliance scheitern, wodurch im weiteren Verlauf ein invasiver Eingriff erforderlich werden kann. Dieser Artikel befasst sich mit Indikationen, starren und dynamischen Systemen und geht insbesondere auf die „Pohlig-Hüft-Abduktionsorthese“ ein.

Einleitung und Indikation
Atypische Veränderungen im Bereich der Hüfte können in unterschiedlichsten Formen und Altersgruppen auftreten. Bei Kindern mit neuromuskulären Erkrankungen, etwa mit größter Inzidenz infantiler Cerebralparese (ICP), können Auffälligkeiten während der kindlichen Entwicklung auftreten und äußern sich u. a. in muskulären Dysbalancen, Gelenkkontrakturen, Deformitäten an Acetabulum und proximalem Femur, Hüftsubluxation und Hüftluxation1 2 3 4 5 6. Zur wachstumsbegleitenden konservativen Behandlung dieser Indikationen wurde die dynamische Hüftabduktions-Lagerungsorthese entwickelt. Abgegrenzt werden muss die für den mitteleuropäischen Raum mit einer Inzidenz von 2 % bis 4 % angegebene Hüftdysplasie bei Neugeborenen, welche die am häufigsten auftretende Form von Hüftdysplasie bildet7 8. Hierbei handelt es sich um eine Reifungsverzögerung, bei der die konventionellen Behandlungsmethoden je nach Schweregrad mit Reposition, Ruhigstellung (Fettweisgips), Nachreifung in Sitz-Hock-Position (z. B. Tübinger Hüftbeugeschiene), manueller Therapie und in seltenen Fällen operative Korrekturen die gängige Praxis sind und die hier vorgestellte dynamische Versorgung nicht indiziert ist9 10 11 12 13.
Pathomechanismus typischer neurogener Hüftentwicklung
Ausgangspunkt ist zunächst die im Säuglingsalter durchschnittlich entwickelte Hüfte14. Im Verlauf des Kleinkindes- bis juvenilen Alters können dann eine progrediente atypische Entwicklung der Hüfte bei Kindern mit ICP, aber auch anderen neuromuskulären Erkrankungen, auftreten15 16 17 18 19. Dabei begünstigt ein Zusammenspiel von gestörter Innervation hüftumgreifender Muskulatur und verspäteter bis ausbleibender Vertikalisierung (je nach Schweregrad der globalen Beeinträchtigung) eine ungünstige Veränderung hüftbetreffender Strukturen20 21 22. Neuromuskulär manifestiert sich bei Störungen des zentralen Nervensystems meist ein spastisches Flexions-Adduktions-Muster, wobei die antagonistische abduzierende sowie die gluteale Muskulatur eine verminderte Aktivität aufweisen23 24 25. Die Hypertonie der spastisch aktiven Muskeln begünstigt eine progrediente Kontraktur sowie Steifigkeit selbiger26 27. Durch die spastisch permanent vorliegenden unphysiologischen muskulären Reize und durch die mangels Vertikalisierung reduzierte Druckbelastung von Hüftkopf auf Hüftpfanne sowie auf den Schenkelhals kann sich im Wachstum weiterführend eine Coxa valga in destabilisierender Antetorsionsstellung entwickeln28 29 30 31. Daraus resultierend ändert sich das biomechanische Kräfteverhältnis am Hüftgelenk32 33. Die Zugrichtung der schwachen Hüftabduktoren, zusammen mit den dabei anhaltend spastisch hypertonen, meist verkürzten Hüftadduktoren, wirkt sich nun (s. Abb. 1) nicht mehr physiologisch zentrierend, sondern dezentrierend auf den Hüftkopf aus34 35 36 37 38 39.
Die Hüftpfanne entwickelt sich im weiteren Verlauf progredient dysplastisch abgeflacht mit steilem Acetabulumwinkel (AC), bis sie den dezentrierten Hüftkopf nicht mehr halten kann und eine Luxation unvermeidbar wird, was in der Folge zu starken Schmerzen bis zum Verlust der Steh- oder Sitzfähigkeit führen kann40 41 42 43 44. Zur Bestimmung des Grades der Dezentrierung kommen der Migrationsindex (MI) nach Reimers sowie der Pfannendachwinkel bzw. AC standardisiert zum Einsatz45 46 47.
Durch sich gegenseitig verstärkende Wechselwirkungen innerhalb des Pathomechanismus kommt es zu einer positiven Korrelation von Schweregrad der Hüftanomalie mit dem allgemeinen Schweregrad der Behinderung, bei ICP im fünfstufigen Gross Motor Function Classification System (GMFCS) kategorisiert48 49 50 51 52 53 54. Soo et al. berichten von einem linearen Zusammenhang zwischen dem Risiko der Hüftdislokation (Migrationsindex nach Reimers > 30 %) und dem GMFCS-Level (Abb. 2), wobei die Gesamtinzidenz von Dislokationen bei Kindern mit ICP mit 35 % beschrieben wird55.
Einen Behandlungsleitfaden für Kinder mit ICP bildet der auf dem erfolgreichen schwedischen Präventionsprogramm nach Hägglund et al.56 basierende Hüftampel-Algorithmus57 58. Dieser gliedert MI-Werte und GMFCS-Level in drei Gruppen und leitet Risiko und Handlungsempfehlungen ab (grün: konservative Therapie mit jährlichen Kontrollen, gelb: konservative Therapie mit halbjährlichen Kontrollen bis zum Abwägen operativer Maßnahmen sowie rot: OP-Indikation)59 60 61. Um die Lebensqualität zu schützen, ist eine engmaschige systematische Kontrolle und frühe Intervention von hohem Stellenwert62 63 64 65 66.
Konservative Versorgungskonzepte
Im Fokus der konservativen Behandlung steht die frühe Erkennung und interdisziplinäre Behandlung gefährdeter Hüften, um einer drohenden Progredienz mit strukturellen Veränderungen entgegenzuwirken, bestenfalls bevor es zu einer Manifestierung von Dysplasie oder Subluxation kommt. Neben Physiotherapie sind die Vertikalisierung (wenn nötig mit Stehgerät oder Stehschale) und die Lagerungsbehandlung gängige Praxis, nicht selten auch in Begleitung von lokalen Botulinumtoxin-Injektionen in besonders spastische Muskeln oder medikamentöser Behandlung (z. B. Baclofen) 67 68 69 70 71. Unabhängig von Art und Ausführung der Lagerungshilfsmittel ist die Einstellung eines oder beider Hüftgelenke je nach individuellen Anforderungen i. d. R. in 20° Abduktion ein verbreiteter Standard72 73 74 75. Ziel dieser Praxis stellt die möglichst effektive Zentrierung des Hüftkopfes in die Hüftpfanne dar (Abb. 3), um damit die Entwicklung/Formbildung der Gelenkstrukturen über das Wachstum hinweg zu lenken und bestenfalls zu optimieren sowie eine Verkürzung der hüftadduzierenden Muskeln zu reduzieren, eine Luxation zu verhindern, die Steh‑, Geh- und Sitzfähigkeit zu erhalten, einer Operationspflichtigkeit vorzubeugen und, falls bereits vorhanden, Schmerzen zu reduzieren76 77 78 79 80 81 82.
Sollte eine chirurgische Intervention dennoch erforderlich werden, ist auch die Nachbehandlung zur Sicherung des OP-Ergebnisses mit einer konservativen, hüftabduzierenden Maßnahme zu begleiten83 84 85.
Klassische konservative starre Abduktions-Lagerungshilfsmittel und ihre Limitationen
Klassische Lagerungshilfsmittel beruhen auf dem Konzept der Fixierung in ärztlich verordneter Hüfteinstellung. Die technische Umsetzung erfolgt dabei herkömmlich z. B. mittels maßgefertigten Schaumstoff-Lagerungsblöcken, dorsalen Kunststoffschalen, Spreizstäben, die an verschiedenste Beinorthesen montiert werden, oder becken- und beinübergreifende Orthesen (Abb. 4)86 87 88. Eine Gemeinsamkeit dieser Hilfsmittel ist die starre Fixierung beider Beine zueinander. Dabei bieten nur hüftübergreifende Systeme die Möglichkeit der Einstellung eines exakten Winkels von Femur zu Rumpf/Becken und somit auch eine isolierte, bei Bedarf unterschiedliche Einstellung von rechtem und linkem Hüftgelenk. Zudem können damit eine Einstellung/Fixierung der Extension bzw. Flexion, Rotationsstellung im Hüftgelenk sowie Einstellungen angrenzender Gelenke umgesetzt werden. Bei nicht hüftübergreifender Fixierung z. B. mittels Spreizstab können der Winkel von Femur zu Becken bzw. Rumpf sowie die Hüftrotation nur geringfügig beeinflusst werden, da diese lageabgängig sind.
Sowohl Erfahrungen im kinderorthopädischen und orthopädietechnischen Versorgungsalltag als auch Studien zeigen, dass eine konsequente konservative Abduktions-Lagerungsbehandlung die Progredienz von Hüftdysplasie und (Sub-)Luxation reduzieren und bis hin zu Verbesserungen von Migrationsindex, Adduktionskontrakturen und Schmerzreduktion führen kann, wobei bessere Ergebnisse erzielt werden, je mehr Stunden die Anwendung erfolgt89 90. Auch zeigt sich, dass eine konsequente Anwendung muskeldehnender Systeme über mehrere Stunden neben der passiven Verbesserung des Range of Motion (ROM) verkürzter Muskeln auch die Spastik dieser senken kann91 92. Als problematisch stellt sich dabei in der Praxis jedoch wiederholt heraus, dass dabei das Grundprinzip der Fixierung in einer Stellung zu einer hohen Ablehnungsrate der Anwender und damit zum Scheitern der konservativen Maßnahme führt93 94 95. Durch die starren, häufig voluminösen und im Verhältnis zu Körpergewicht und aktiver Muskelkraft betroffener schweren Konstruktionen werden die Patienten stark immobilisiert; auch nicht betroffene Gelenke werden häufig blockiert, was einen eigenständigen Positionswechsel verhindert oder stark erschwert96 97 98 99. Dadurch kann ein manuelles Umlagern durch Betreuer teilweise mehrfach pro Nacht erforderlich werden, was wiederum den erholsamen Schlaf und die Compliance aller Beteiligten beeinträchtigen und sich zu Ungunsten der konsequenten Nutzung und schlussendlich negativ auf den Behandlungserfolg auswirken kann100 101 102 103 104. Auch einschießende Spastiken können bei nicht nachgebenden Konstruktionen zu Schmerzen und Verletzungen führen und den Tragekomfort weiter beeinträchtigen105.
Dynamische Hüftabduktions-Lagerungsorthese
Um eine bessere Verträglichkeit, Compliance, Schlafqualität, Handhabbarkeit und damit auch längere Tragezeiten mit Potential für bessere Behandlungserfolge zu erreichen, haben sich unterschiedliche Hersteller Ansätzen zur dynamischeren Hüftabduktionskorrektur gewidmet. Angeregt durch die hemmenden Eigenschaften herkömmlicher Lösungen, erfolgte in einem interdisziplinären Team, in Kooperation mit der orthopädischen Kinderklinik Aschau und dem damaligem Chefarzt Dr. Döderlein, ab 2009 die Entwicklung einer dynamischeren Alternative zur Steigerung der Akzeptanz, um ein Hilfsmittel, welches gerne und damit häufiger zum Einsatz kommt, zu bieten. Das Ergebnis ist die individuelle dynamische Hüftabduktionsorthese in PA mit frei beweglichen Kniegelenken und Gasdruckfedereinheit „Pohlig-Hüft-Abduktions-Orthese“ (PHAO) zur Anwendung in der Nacht oder in Ruhephasen, deren Entwicklung sich nach technischen, medizinischen und anwenderorientierten Anforderungen richtete. Entsprechend bisheriger Behandlungsansätze ist die Hauptfunktion der PHAO weiterhin, die Beine des Patienten in einer Hüftabduktion von bis zu 20° pro Bein zu lagern. Entsprechend individueller Anforderungen kann dieser Winkel bei Anpassung auch geringer eingestellt werden. Den Anforderungen an die Dynamik entsprechend, wird zwischen den Oberschenkelschalen eine mehrgelenkige Gasdruckfeder-Abduktionsmechanik verbaut, welche durch zwei mittig gespiegelte, unabhängige kinematische Mehrkörperschleifen charakterisiert ist (Abb. 5). Dadurch verfügt das System nicht über einen festen monozentrischen Gelenkdrehpunkt (weil dieser aufgrund anatomischer Begebenheiten technisch nicht am physiologischen Drehzentrum positionierbar wäre), sondern kann sich über die gelenkig gelagerten Schenkel der anatomischen Ab- und Adduktionsbewegung schonend anpassen. Dadurch wird dem Auftreten ungünstiger Scherkräfte wie eine Lateralisation des Hüftkopfes, provoziert durch Inkongruenz von Gelenkdrehzentren, vorgebeugt. Die Druckrichtung der Federn arbeitet dabei stetig in Abduktion, die Federstärke lässt sich patientenspezifisch, dem Therapiefortschritt sowie dem Wachstum entsprechend jederzeit variieren. Bei ausreichend großem Druck gegen den Federwiderstand in Richtung Adduktion, aktiv oder durch Schwerkraft der Beine, lässt die PHAO eine fast vollständige Aufhebung der Abduktion (je nach Körperproportionen) ohne weiteres Eingreifen wie Entriegeln zu (Abb. 6). Dies ermöglicht ein temporäres Zusammenführen beider Beine, um einen Positionswechsel wie nächtliches Umdrehen zu erleichtern oder akut einschießende Spastik schmerzreduziert und verletzungsfrei zuzulassen. Sobald die Muskelkontraktion wieder nachlässt oder die veränderte Position in Bauch- oder Rückenlage eingenommen ist, spreizt sich der Mechanismus über die Federrückstellkraft automatisch wieder in die vorgesehene Korrekturstellung auf (Abb. 6). Adaptiert wird der additiv gefertigte mehrgelenkige PHAO-Mechanismus an ebenso in selektivem Laser-Sinter(SLS)-Verfahren 3D-gedruckte, leichte und atmungsaktive Oberschenkel-Orthesenhülsen, die in digitalen Prozessen maßgefertigt werden. Als Material hierfür hat sich Polyamid 12 aufgrund von Biokompatibilität, mechanischer Festigkeit bei gleichzeitiger Teilflexibilität von Bereichen perforierter oder dünner Materialstärke, homogenem Materialverbund, Einfärbbarkeit und Langlebigkeit bewährt. Zur großflächigen Kraftübertragung und Vermeidung ungünstiger Momente im Kniegelenk sind Unterschenkelhülsen über Implementierung eines freibeweglichen, unilateralen Kniegelenks in medialer Anordnung vorgesehen. Das Gelenk dient dem Ziel, den Bewegungsumfang angrenzender Gelenke nicht unnötig einzuschränken und dem Anwender die Möglichkeit des eigenständigen Umdrehens, Aufsetzens und Anwinkelns der Kniegelenke nicht zu nehmen (s. Abb. 6). Zum erleichterten Anlegen lässt sich der Mechanismus stufenweise in reduzierter Abduktion verriegeln, wodurch sich nebenbei das Packmaß zur Verstauung im Haushalt oder bei Reisen minimieren lässt. Die Lieferung erfolgt stets mit montiertem Klemmschutz. Zusätzlich besteht die Möglichkeit, die dynamische Hüftabduktionsorthese flexibel in Kombination mit unterschiedlichsten Beinorthesen zu nutzen.
Im Rahmen der Entwicklung wurden, nach Konstruktion und Konstruktionsoptimierung u. a. über digitale Kräfteberechnungen, Maximaltests wie Dauer- und Bruchtest im Prüflabor durchgeführt. Danach erfolgte eine engmaschig betreue Testphase von zwei Monaten mit Prototypen an fünf Patienten. Nach positivem Ausgang wurden weitere 20 Patienten über sechs Monate unter strenger Dokumentation und zwischenzeitlichen ärztlichen Visiten mit der PHAO versorgt, woraufhin das Produkt in Serie gehen konnte. Eine während des Entwicklungsprozesses durchgeführte klinische Testphase mit Evaluation durch die Nutzer mittels Fragebogen ergab, dass die Toleranz, vor allem durch verbesserte Schlafqualität sowohl bei Patienten als auch Betreuern, bedingt durch mehr Bewegungsfreiheit und hinfällige Notwendigkeit des Umlagerns, im Vergleich zu herkömmlichen starren Vorversorgungen gesteigert werden konnte. Auch das geringe Gewicht, das moderne Design und die durch die digitale Fertigung ermöglichte atmungsaktive Konstruktion können zu einer verbesserten Compliance führen. Diese Ergebnisse konnten auch nach Markteinführung über die standardisierten Patient Reported Experience Measures (PREMs) sowie durch von Verordnern in den ärztlichen Verlaufskontrollen aufgenommene Rückmeldungen bestätigt werden.
Fallbeispiel
Ein Junge mit bilateral spastischer CP GMFCS III wurde mit fünfeinhalb Jahren zur dynamischen Hüftabduktions-Lagerungsbehandlung bei uns vorstellig. Im Rahmen des regelmäßigen Screenings wurden Rippstein-1-Röntgenkontrollen angefertigt; eine Auswahl ist in Abbildung 7 zu sehen. Nachdem es zwischen dem Erstbefund im Alter von drei Jahren und der Folgeuntersuchung im Alter von fünf Jahren zu einer deutlichen Progredienz des MI, einer leichten Progredienz des AC-Winkels und einer deutlichen Tonus- und Adduktionskontraktur-Erhöhung gekommen war, wurde eine dynamische Lagerungsbehandlung ärztlich empfohlen. Mit fünfeinhalb Jahren erhielt der Patient seine erste PHAO. Abbildung 7 zeigt, dass sich die Werte im Alter von sieben und neun Jahren unter Nutzung der PHAO fortlaufend verbesserten. Der Schenkelhalswinkel und die Unterbrechung der Shenton-Menard-Linie zeigen sich nahezu unverändert. Der ROM der Abduktion hat sich unter mittleren Schwankungen bei begleitender Botox-Injektionen wieder leicht verbessert.
Limitationen dynamischer Systeme
Zu beachten gilt, dass der Schritt weg von konventionellen statischen und mehrgelenksübergreifenden Systemen auch den potentiellen Anwenderkreis beeinflusst. Durch die dynamischen Komponenten wird die Abduktionsstellung im Umkehrschluss nicht pausenlos und nicht mit andauernd gleichbleibendem Widerstand gehalten. Nicht indiziert ist ein dynamisches System (hier nur für die PHAO bewertet) daher, wenn eine Korrekturstellung ohne Unterbrechung gewährleistet sein muss, wie z. B. unmittelbar nach einer knöchernen Operation an der Hüftpfanne oder wenn anhaltend ein sehr starker Adduktorentonus oder eine sehr ausgeprägte strukturelle Kontraktur besteht, welchen die Feder nicht ausreichend entgegenwirken kann. Um die gewollte Bewegungsfreiheit zu ermöglichen, ist dieses System absichtlich nicht rumpfübergreifend, wodurch keine Manipulation von Hüftextension/-flexion sowie keine exakte Einstellung des Winkels von Femur zu Rumpf generiert werden können. Diese sind von der gewählten Liegeposition und Haltung bedingt. Es hält ausschließlich den Winkel zwischen beiden Beinen und ist daher wie auch z. B. starre Spreizstäbe nicht für Patienten mit Windschlagdeformität, reine Seitenschläfer, stark seitendifferente Hüftbefunde oder instabile, bereits luxierte Hüften geeignet. Davon kann abgeleitet werden, dass die dynamische Hüftabduktionsorthese PHAO nicht für sehr stark betroffene Patienten mit weit fortgeschrittener, pathologisch veränderter Hüftsituation, wie es bei Patienten mit GMFCS V in der Regel der Fall ist, sondern mehr zum präventiven, wachstumslenkenden Einsatz milder Defekte, wie dem genannten Fallbeispiel, empfohlen wird.
Ausblick: alternative dynamische Versorgungsangebote
Alternative, mit Dynamik benannte Produkte auf dem aktuellen deutschen Markt unterstreichen den Bedarf an dynamischen Hüftabduktionsorthesen, zeigen jedoch unterschiedliche Herangehensweisen an die Umsetzung. Nachfolgend werden die nach Wissensstand der Autoren geläufigsten Systeme auf Basis der frei verfügbaren Informationsmaterialien grob dargestellt.
Das „MultiMotion – Dynamisches Hüftabduktionssystem für Kinder“106 der Firma Basko Healthcare „zur Behandlung von dynamisch korrigierbaren Adduktionskontrakturen im Hüftgelenk“107 setzt sich aus einem monozentrischen Gelenkkörper mit flacher, als Zugfeder eingesetzter Spiralfeder und teleskopierbaren Abduktionsschienen zusammen108 109. Die Abduktionsschienen sollen medial mittig an Unterschenkelhülsen adaptiert werden, der Gelenkkörper liegt proximal dazu zwischen den Beinen, seine exakte Positionierung ist nicht angegeben110. Stufenlos einstellen lässt sich die Abduktionskraft (Skala 0–5 ohne Einheit), die Abduktion und Adduktion werden stufenweise begrenzt111. Das Gelenk lässt sich stufenlos innerhalb des ROM verriegeln112 113. Bei der Montage gemäß Gebrauchsanweisung ist das linke und rechte Bein ausschließlich über die distale gelenkige Schiene verbunden114. Bei Aufspreizen des Systems in die Hüftabduktion findet eine distale Bewegungssteuerung statt, wobei der Gelenkkörper mit monozentrischem Drehpunkt nach distal wandert. Die proximale Bewegung wird lediglich über die anatomischen Strukturen geführt, mediatisierende, lateralisierende, Schub- oder Druckmomente auf Knie oder Hüfte lassen sich durch die Verlagerung des zu den Hüftgelenken inkongruenten monozentrischen Drehpunkt nicht ausschließen. Eine ausreichende Sicherung und Zentrierung instabiler Hüften, insbesondere bei angegebener Indikation Hüftgelenksubluxation115, sollte bei der Versorgung abgewägt werden. Um von der Dynamik Gebrauch machen zu können, sollte der lange Hebel zur Überwindung des Abduktions-Federwiderstandes berücksichtigt werden, da die Adduktionsbewegung muskulär proximal erfolgt, die Feder jedoch distal adaptiert wird. Auch die über die Ab- und Adduktionsanschläge generierte Geometrie der Schienen ist diesbezüglich zu bedenken. Die Versorgungshöhe der orthetischen Beinfassungen wird in der Gebrauchsanweisung nicht explizit benannt, das Titelbild dieser zeigt unterschenkellange Schalen116, wobei potentielle Scherkräfte auf die Kniegelenke bedacht werden sollten. Eine Angabe diesbezüglich auf der Anbieter-Website benennt den Einsatz an „KAFO-Beinschalen“117, wobei es eine Immobilisierung des Kniegelenks zu berücksichtigen gilt.
Eine weitere Option bietet der Hersteller Pro Walk über das „Dynamische Super 3D-Gelenk“118 für Kinder zwischen zwei und zehn Jahren und 10–35 kg119. Das Gelenk wird im Oberschenkelbereich medial fest an Orthesenhülsen (oberschenkel- bis ganzbeinübergreifend) angebracht120. Der Abduktionswinkel ist stufenlos auf bis zu 20° pro Seite fest einstellbar, ein Entriegelungsmechanismus zur Trennung der Gelenkschenkel ist optional verfügbar121. Die Bewegungsrichtung der namensgebenden Dynamik liegt dabei nicht in der Ab- und Adduktion, sondern in den „Bewegungsabfolgen Flexion/Abduktion/Außenrotation & Extension/Abduktion/Innenrotation“122 bei aufrechterhaltener Abduktionsstellung. Dadurch ist der Einsatz neben der Lagerung bei den beiden größeren Gelenkmodellen auch zum Gehen ausgewiesen123. Die Bewegung erfolgt um ein Drehzentrum im proximalen Gelenkbereich. Aus der starr eingestellten Abduktionsstellung lässt das Gelenk über eine Auswahl von drei Elastomerpuffer-Härtegraden optional eine Reduktion der Abduktion gegen Widerstand124 in Form eines gedämpften Anschlags um ein paar Grad zu. Ob dies eine ausreichende Nachgiebigkeit bei einschießender Spastik zum Positionswechsel im Schlaf oder Nachpassung entsprechend Wachstum und Therapiefortschritt bietet und die Compliance verbessert werden kann, gilt abzuwägen. Die damit geführte Bewegungsabfolge scheint eher Vorteile für eine geführte Schrittfolge zu betonen.
Die modulare dynamische „HipKi Hüftabduktionsorthese“125 der Firma Gottinger kann laut Hersteller vollständig aus konfektionierten Komponenten zum postoperativen Einsatz zusammengestellt werden126. Hauptmerkmal ist die mehrdimensionale Beweglichkeit des zwischen den Oberschenkeln zu positionierenden Faltenbalgs, welcher in zwei verschiedenen Härtegraden angeboten wird127 128. Dieser hält eine nicht definierte Hüftabduktionsstellung bei gleichzeitig freier mehrdimensionaler Bewegungsmöglichkeit129, welche einer Kippelbewegung um ein Kugelgelenk nahekommt. Eine Adduktion ist nicht möglich. Optional erweiterbar ist das System um eine beckenübergreifende Pelottierung zur Hüftflexionsbegrenzung sowie um Unterschenkelschalen, die über ein freibewegliches Kniegelenk angebunden werden130. Da das System zur postoperativen Behandlung offeriert wird, ermöglicht es nur geringe Bewegungsausschläge und damit im Vergleich zu allen genannten dynamischen Hüftabduktionsorthesen die reduzierteste Dynamik.
Fazit für die Praxis
Ein allgemeiner Vorteil konservativer Lagerungsbehandlung ist, dass sie zu Hause in den Ruhezeiten (Mittagsschlaf, nachts) erfolgt und damit keinen zusätzlichen Zeitaufwand bedeutet. Dabei wirkt sich die im Schlaf vorliegende Muskelentspannung ohne Abwehrspannung zusätzlich unterstützend zur Muskeldehnung aus. Wird die Lagerungsbehandlung konsequent umgesetzt, kann es zu wechselwirkenden positiven Effekten der konservativen Maßnahmen mit insgesamt größeren Erfolgen kommen. Mit dem Angebot einer schonenden dynamischen Abduktions-Lagerungsbehandlung, die eine größere Compliance bei den Nutzern findet, kann die Wahrscheinlichkeit für eine längere und häufigere Anwendung mit höherem Erfolgspotential konservativer Maßnahmen unterstützt werden. Der deutsche Markt bietet unterschiedliche Varianten von mit „dynamisch“ beschriebenen Hüftabduktionsorthesen. Bei genauer Betrachtung zeigt sich, dass diese in Funktion und Aufbau grundverschieden sind und stark variierende Ausmaße an Dynamik verkörpern. Es gilt daher bei der Erstellung eines konservativen Versorgungskonzeptes, die spezifischen Anforderungen klar zu definieren sowie die Vor- und Nachteile abzuwägen, um die individuell passendste Lösung zu finden.
Interessenkonflikt:
Die Autorin Sophia Rauch ist für die Pohlig GmbH tätig.
Die Autoren:
Sophia Rauch B.Sc. Orthobionik, Orthopädietechnikmeisterin
Pohlig GmbH
Grabenstätter Straße 1
83278 Traunstein
Dr. med. Matthias Göggel
Facharzt Orthopädie und Unfallchirurgie, Schwerpunkt Kinderorthopädie
Orthopädische Kinderklinik Aschau
Bernauer Str. 18
83229 Aschau im Chiemgau
Begutachteter Beitrag/reviewed paper
Rauch S, Göggel M. Dynamische Hüftabduktions-Lagerungsorthese zur Behandlung pathologisch veränderter Hüften bei neuromuskulären Erkrankungen in der Kinderorthopädie. Orthopädie Technik, 2025; 76 (6): 42–49
Quellenverzeichnis
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- Gottinger Handelshaus OHG. HipKi Hüftabduktionsorthese (komplett Set exkl. Faltenbalg). https://shop.gottinger.de/produktauswahl/hueftabduktionsorthese/2535/hipki-hueftabduktionsorthese-komplett-set-exkl.-faltenbalg (Zugriff am 22.01.2025)
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- Gottinger Handelshaus OHG. HipKi Faltenbalg. https://shop.gottinger.de/produktauswahl/hueftabduktionsorthese/2536/hipki-faltenbalg?c=75 (Zugriff am 22.01.2025)
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