FachartikelPeer Review

Ein neu­ro­nal gesteu­er­tes Exo­ske­lett in der The­ra­pie von Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten mit Querschnittlähmung

A. Brinkemper1, Th. A. Schildhauer1, M. Aach2
In den letzten Jahren haben robotische Therapieansätze und Exoskelette zunehmend Einzug in Querschnittgelähmten-Zentren auf der ganzen Welt gehalten. Wir möchten über die von unserer Arbeitsgruppe gemachten Erfahrungen in der Therapie mit dem Exoskelett HAL bei Patientinnen und Patienten mit Querschnittlähmung berichten. Bei der überwiegenden Mehrheit der in den Studien eingeschlossenen Patientinnen und Patienten kam es zu funktionellen Verbesserungen in Form einer verbesserten Gehstrecke, Gehgeschwindigkeit und Ausdauer. Darüber hinaus wurden eine Reihe weiterer Fortschritte beschrieben, wie beispielsweise eine vorübergehende Abnahme der Spastizität, eine Verbesserung der Blasen- und Darmfunktion, eine Schmerzreduktion sowie eine Veränderung der Muskelaktivität.


1  BG Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum Berg­manns­heil Bochum, Chir­ur­gi­sche Uni­ver­si­täts­kli­nik und Poli­kli­nik, Bürk­le de la Camp-Platz 1, 44789 Bochum

2  BG Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum Berg­manns­heil Bochum, Abtei­lung für Rücken­mark­ver­letz­te, Bürk­le de la Camp-Platz 1, 44789 Bochum

 

Ein­lei­tung

Im Jahr 2019 gab es welt­weit 0,9 Mil­lio­nen neue Fäl­le von Quer­schnitt­läh­mun­gen (QSL)1. Die Zahl der prä­va­len­ten Fäl­le einer QSL lag bei 20,6 Mil­lio­nen der welt­wei­ten Ver­let­zungs­last2. In Deutsch­land liegt die Inzi­denz zwi­schen 2.0003 und 2.4004 pro Jahr, wobei knapp die Hälf­te davon eine trau­ma­ti­sche Ursa­che der QSL haben. Aktu­ell leben in Deutsch­land etwa 140.000 Men­schen mit QSL5. Men­schen, die eine QSL erlit­ten haben, befin­den sich in einer Situa­ti­on, in der selbst zuvor ein­fa­che Din­ge zu unüber­wind­ba­ren Hin­der­nis­sen wer­den kön­nen. Glück­li­cher­wei­se hat sich in den letz­ten Jahr­zehn­ten ins­be­son­de­re durch die Kom­pli­ka­ti­ons­be­herr­schung die Lebens­er­war­tung der Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten in Rich­tung einer nor­ma­len Lebens­er­war­tung ver­bes­sert. Zudem haben robo­ti­sche The­ra­pie­an­sät­ze und Exo­ske­let­te zuneh­mend Ein­zug in Quer­schnitt­ge­lähm­ten-Zen­tren auf der gan­zen Welt gehalten.

Die meis­ten Exo­ske­let­te sehen von außen ähn­lich aus. Es gibt einen exter­nen Stütz­rah­men ent­lang der unte­ren Extre­mi­tä­ten, eine Art Hüft­rah­men und eine Schuh­vor­rich­tung, die ent­we­der mit den eige­nen Schu­hen der Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten oder über den zum Sys­tem gehö­ren­den Schu­hen ver­wen­det wer­den kann. Die Sys­te­me unter­schei­den sich jedoch in ihrer Anwen­dung und kli­ni­schen Ziel­set­zung. Eini­ge Sys­te­me sind als Kom­po­nen­te in einem res­to­ra­ti­ven The­ra­pie­kon­zept zu ver­ste­hen, ande­re als kom­pen­sa­to­ri­sche Hilfs­mit­tel. Wei­ter­hin exis­tie­ren Unter­schie­de in der Art der Steue­rung. Hier gibt es z. B. eine exter­ne Steue­rung über ein Steuergerät/einen Con­trol­ler oder eine Kör­per­hal­tungs­kon­trol­le und in einem Fall eine elek­tro­m­yo­gra­phisch (EMG) kon­trol­lier­te Unter­stüt­zung. Unser Bericht kon­zen­triert sich auf die­ses EMG-gesteu­er­te Sys­tem, den Hybrid Assis­ti­ve Limb (HAL; Cyber­dy­ne, Inc., Tsu­ku­ba, Japan). Der HAL Robot Suit (Abb. 1) ist ein Exo­ske­lett, wel­ches unter Ver­wen­dung der den Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten ver­blei­ben­den Mus­kel­im­pul­se gesteu­ert wird. Das Sys­tem besteht aus einem Rücken­mo­dul, einem Hüft­rah­men, jeweils einem Ober- und Unter­schen­kel­rah­men rechts und links sowie eige­nen Sen­sor­schu­hen. Alle Kom­po­nen­ten las­sen sich in der Grö­ße indi­vi­du­ell auf den jewei­li­gen Nut­zer anpas­sen. Antriebs­ag­gre­ga­te an den Hüft- und Knie­ge­len­ken sor­gen für die not­wen­di­ge Dreh­mo­ment­un­ter­stüt­zung. Über EMG-Elek­tro­den, wel­che auf der Haut­ober­flä­che direkt über der Beu­ge- bzw. Streck­mus­ku­la­tur von Hüf­te und Knie appli­ziert wer­den, wer­den bio­elek­tri­sche Signa­le erfasst und über ein Kabel eine Ver­bin­dung zwi­schen Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten und Exo­ske­lett her­ge­stellt (Abb. 2). In Abhän­gig­keit der erfass­ten Signal­qua­li­tät, den vor­ge­nom­me­nen Ein­stel­lun­gen am Exo­ske­lett und der in den Sen­sor­schu­hen regis­trier­ten plantaren Druck­ver­tei­lung defi­niert ein Algo­rith­mus die auf den Pro­ban­den ein­wir­ken­den Dreh­mo­men­te an den Gelen­ken. Für jedes der vier Gelen­ke kann eine sepa­ra­te Ein­stel­lung vor­ge­nom­men wer­den und somit eine exakt auf die Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten adap­tier­te Unter­stüt­zung appli­ziert wer­den6. Ursprüng­lich wur­de der HAL ent­wi­ckelt, um die Trä­ge­rin oder den Trä­ger bei täg­li­chen Akti­vi­tä­ten und schwe­ren kör­per­li­chen Arbei­ten zu unter­stüt­zen7, wur­de aber auch schon früh für das Trai­ning von Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten ein­ge­setzt. Der HAL wur­de welt­weit in der Reha­bi­li­ta­ti­on von aku­ten8 und chro­ni­schen9 Schlag­an­fall­pa­ti­en­tin­nen und ‑pati­en­ten sowie Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten mit neu­ro­mus­ku­lä­ren Erkran­kun­gen10 und QSL11 12 13 14 15 16 17 18 ein­ge­setzt. Im vor­lie­gen­den Arti­kel berich­ten wir über die von unse­rer Arbeits­grup­pe in Bochum gemach­ten Erfah­run­gen in der The­ra­pie mit dem HAL bei Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten mit QSL und fas­sen die hier­zu publi­zier­ten Stu­di­en zusammen.

Mate­ri­al und Methoden

Der von unse­rer Arbeits­grup­pe ver­wen­de­te Trai­nings­al­go­rith­mus sieht ein drei­mo­na­ti­ges, wochen­täg­li­ches Lauf­band­trai­ning vor und ist Grund­la­ge aller im wei­te­ren Ver­lauf beschrie­be­nen Stu­di­en. Die Net­to-Lauf­band­zeit beträgt etwa 30 Minu­ten. Die Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten wer­den beim Trai­ning auf dem Lauf­band mit einer Über­kopf­si­che­rung ver­bun­den, die eine Kör­per­ge­wichts­ent­las­tung ent­spre­chend den indi­vi­du­el­len Vor­aus­set­zun­gen ermög­licht (Abb. 3). Alter­na­tiv kann auch ein mobi­ler Per­so­nen­lif­ter benutzt wer­den, der das Gehen mit dem HAL unab­hän­gig vom Lauf­band und trotz­dem mit der not­wen­di­gen Über­kopf­si­che­rung ermög­licht. Alle funk­tio­nel­len Tes­tun­gen, die im Wei­te­ren beschrie­ben wer­den, fan­den ohne Nut­zung des HAL-Sys­tems statt. Lauf­band-asso­zi­ier­te Daten wie Geh­ge­schwin­dig­keit, Geh­zeit und Distanz bezie­hen sich auf wäh­rend des Trai­nings auf dem Lauf­band und unter Nut­zung des HAL erreich­te Mit­tel­wer­te in der ers­ten und letz­ten Trainingswoche.

Ergeb­nis­se

In Deutsch­land kam der HAL erst­mals in einer Stu­die von Aach et al.19 zum Ein­satz, an der acht Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten im chro­ni­schen Sta­di­um (1–19 Jah­re nach Ein­tritt der QSL) nach trau­ma­ti­scher QSL teil­nah­men. Die ein­ge­schlos­se­nen Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten hat­ten eine inkom­plet­te QSL (Ame­ri­can Spi­nal Inju­ry Asso­cia­ti­on Impair­ment Sca­le20 (AIS) B/C/D, n = 4) oder eine kom­plet­te QSL (AIS A, n = 4) mit einem Bereich mit erhal­te­nen Rest­funk­tio­nen unter­halb der Läsi­ons­stel­le. Die durch­schnitt­li­che Anzahl der absol­vier­ten Sit­zun­gen lag bei 51,75 ± 5,6. Die Lauf­band-asso­zi­ier­ten Ergeb­nis­se ver­bes­ser­ten sich bei allen Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten in Bezug auf Geh­ge­schwin­dig­keit und Geh­zeit, es wur­den hier jedoch kei­ne Anga­ben zur sta­tis­ti­schen Signi­fi­kanz gemacht, außer für die zurück­ge­leg­te Distanz auf dem Lauf­band, die sich von 195,88 ± 166,71 m auf 954,13 ± 380,35 m (p < 0,05) erhöh­te. Zu den funk­tio­nel­len Tes­tun­gen gehör­ten der 10-Meter-Wal­king-Test (10MWT), der Timed-Up-and-Go-Test (TUG), der 6‑Mi­nu­ten-Geh­test (6MWT)21. Wei­ter­hin wur­de eine Mus­kel­krafter­he­bung mit­tels Lower Extre­mi­ty Motor Score (LEMS)22 durch­ge­führt sowie der Wal­king Index for Spi­nal Cord Inju­ry (WISCI) II Score erho­ben23. Beim WISCI II Score wird über eine 20-Punk­te-Ska­la die Geh­fä­hig­keit eines Pro­ban­den anhand der zum Absol­vie­ren von 10 m not­wen­di­gen Hilfs­mit­tel und Hilfs­per­so­nen bewer­tet. 0 Punk­te bedeu­ten, dass der Pro­band nicht in der Lage ist zu gehen oder zu ste­hen, bei 20 Punk­ten wird kei­ne Assis­tenz benö­tigt. Der WISCI II Score wird anhand des 10MWT ermit­telt. Alle funk­tio­nel­len Tests und Scores wer­den seit Jah­ren in der Erfas­sung der Geh­fä­hig­keit bei Men­schen mit QSL genutzt, sobald Geh­fä­hig­keit vor­han­den ist. Sie wur­den vali­diert und sind aktu­ell ein Stan­dard­as­sess­ment24. Die Autoren stel­len fest, dass sich die Hilfs­mit­tel­ab­hän­gig­keit über alle Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten betrach­tet zwar sta­tis­tisch gese­hen nicht ver­bes­ser­te, drei Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten jedoch eine ver­rin­ger­te Hilfs­mit­tel­ab­hän­gig­keit und somit ver­bes­ser­te WISCI II Scores auf­wie­sen. Für den 10MWT wur­de eine signi­fi­kan­te Stei­ge­rung der Geh­ge­schwin­dig­keit und eine Ver­rin­ge­rung der Anzahl der Schrit­te fest­ge­stellt sowie eine ver­rin­ger­te Zeit für den TUG und einen erhöh­ten LEMS. In ähn­li­cher Wei­se berich­te­ten sie über eine signi­fi­kan­te Ver­bes­se­rung beim 6MWT, wobei aller­dings zu beach­ten ist, dass nur drei Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer an der Basis­mes­sung teil­neh­men konn­ten (mit einer durch­schnitt­li­chen Geh­stre­cke von 187 ± 162,2 m) und die fünf ande­ren, die nicht teil­nah­men (mit 0 m bewer­tet), die Gesamt­ba­sis­da­ten auf 70,1 ± 130 m dezi­mier­ten. Die Unter­grup­pe, die den 6MWT zu Beginn der Stu­die durch­führ­te, ver­bes­ser­te jedoch ihre Geh­stre­cke auf 287,3 ± 229,425. In die­ser Stu­die wur­den kei­ne detail­lier­ten Anga­ben zur sta­tis­ti­schen Signi­fi­kanz gemacht, es wur­de ledig­lich ange­ge­ben, dass der p‑Wert <0,05 ist. Somit bleibt unbe­kannt, ob die Ver­bes­se­run­gen hoch­si­gni­fi­kant waren oder ob die Ergeb­nis­se nur an der Schwel­le zur Signi­fi­kanz lagen. Zusätz­lich zu die­sen Ergeb­nis­sen berich­te­ten die Autoren über sie­ben Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer mit ver­grö­ßer­tem Mus­kel­vo­lu­men, gemes­sen an den Umfän­gen 10 und 20 cm kra­ni­al und 15 cm distal des inne­ren Knie­ge­lenk­spalts. Ein Teil­neh­mer ver­lor an Mus­kel­vo­lu­men. Außer­dem konn­te ein Teil­neh­mer mit spi­na­ler Spas­tik sei­ne Wer­te auf der Ashworth-Ska­la nach dem Trai­ning für eini­ge Stun­den von vier auf zwei redu­zie­ren. Ein Pati­ent kon­ver­tier­te nach der Behand­lung von AIS B zu C.

Cru­ci­ger et al.26 ver­öf­fent­lich­ten die schmerz­be­zo­ge­nen Daten von zwei Per­so­nen aus dem Kol­lek­tiv der Stu­die von Aach et al.27 ein­zeln. Die­se chro­ni­schen Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten (bei­de AIS A mit ZPP, 10 und 19 Jah­re nach Ein­tritt der QSL) hat­ten the­ra­pie­re­sis­ten­te chro­ni­sche neu­ro­pa­thi­sche Schmer­zen. Im Ver­lauf des HAL-Trai­nings ver­bes­ser­ten sich die Schmerz­sym­pto­me bei bei­den so weit, dass die Medi­ka­ti­on redu­ziert wer­den konn­te. Auf eine kurz­zei­ti­ge Zunah­me der Schmer­zen als Reak­ti­on auf die nied­ri­ge­re Dosie­rung folg­te eine erneu­te Schmerz­re­duk­ti­on wäh­rend des Trai­nings. Die Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten wech­sel­ten von einer Dau­er­me­di­ka­ti­on zu einer Bedarfs­me­di­ka­ti­on. Die durch­schnitt­li­che Schmerz­in­ten­si­tät, gemes­sen mit der nume­ri­schen Schmerz­be­wer­tungs­ska­la (NRS-11; 0 = kein Schmerz, 10 = stärks­ter mög­li­cher Schmerz), sank von 4,3 in der ers­ten Trai­nings­wo­che auf 0,6 nach 12 Wochen. Außer­dem wur­de eine Ver­bes­se­rung der gesund­heits­be­zo­ge­nen Lebens­qua­li­tät im SF-36-Fra­ge­bo­gen fest­ge­stellt, was die Aus­wir­kun­gen der Inter­ven­ti­on wider­spie­gelt. Den Autoren zufol­ge berich­te­ten bei­de Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten bei einer Nach­un­ter­su­chung nach einem Jahr weder über ein Wie­der­auf­tre­ten der Schmer­zen noch über einen Bedarf an Medi­ka­men­ten28.

Cru­ci­ger et al.29 waren es auch, die in einem Fall­be­richt erst­mals über die Anwen­dung des HAL-Trai­nings bei einem sub­akut ver­letz­ten Pati­en­ten mit QSL berich­te­ten. Der Pati­ent hat­te bei BWK 7/8 Frak­tur eine QSL TH10 AIS C und begann 77 Tage nach dem Unfall mit dem Trai­ning. Nach 12 Wochen HAL-Trai­ning kam es zu einer Erho­lung der moto­ri­schen Funk­tio­nen und der Geh­fä­hig­keit, was sich in einem Anstieg des WISCI II von 8 auf 18 und einer Kon­ver­tie­rung in AIS D zeigte.

Sie­ben die­ser acht Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten aus der Stu­die von Aach et al.30 waren auch Teil einer Stu­die von Sczes­ny-Kai­ser et al.31, in der unter­sucht wur­de, ob kör­per­ge­wichts­un­ter­stütz­tes Lauf­band­trai­ning mit dem HAL die kor­ti­ka­le Erreg­bar­keit im pri­mä­ren soma­to­sen­so­ri­schen Kor­tex (S1) bei Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten mit QSL beein­flusst, gemes­sen durch gepaar­te soma­to­sen­so­risch evo­zier­te Poten­tia­le (ppSEP), die ober­halb des Ver­let­zungs­ni­veaus sti­mu­liert wur­den. Die­se sie­ben Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten wur­den durch vier wei­te­re Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten (8,5 Mona­te bis 17 Jah­re nach Ein­tritt der QSL) ergänzt, so dass ins­ge­samt elf Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer zur Ver­fü­gung stan­den. Elek­tro­phy­sio­lo­gi­sche Ergeb­nis­se die­ser elf Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten wur­den bis dahin noch nicht ver­öf­fent­licht. Die Ner­ven­sti­mu­la­ti­on wur­de nach­ein­an­der auf bei­den Sei­ten mit einer am Hand­ge­lenk plat­zier­ten Block­elek­tro­de durch­ge­führt. Die ppSEP wur­den vor und nach der HAL-Trai­nings­pe­ri­ode gemes­sen und mit einer gesun­den Kon­troll­grup­pe (n = 11) ver­gli­chen. Zusätz­lich wur­den vor und nach dem Trai­ning Elek­tro­n­eu­ro­gra­phie (ENG), soma­to­sen­so­risch evo­zier­te Poten­tia­le (SSEP) der Tibia-Ner­ven und moto­risch evo­zier­te Poten­tia­le (MEP) der vor­de­ren Tibia-Mus­keln gemes­sen. Die Autoren stell­ten einen sta­tis­ti­schen Unter­schied zwi­schen Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten mit QSL und der Kon­troll­grup­pe ohne Ein­schrän­kun­gen zu Beginn der Stu­die fest. Nach der Inter­ven­ti­on war die­ser Unter­schied nicht mehr vor­han­den. Ein Ver­gleich der Pati­en­ten­da­ten vor und nach dem Trai­ning zeig­te einen signi­fi­kan­ten sta­tis­ti­schen Trai­nings­ef­fekt. ENG, SSEP der Tibia-Ner­ven und MEP zeig­ten nach dem Trai­ning kei­ne signi­fi­kan­ten Unter­schie­de. Die funk­tio­nel­len Ergeb­nis­se waren äqui­va­lent zur vor­he­ri­gen Stu­die von Aach et al.32 sta­tis­tisch signi­fi­kant für 10MWT-Geschwin­dig­keit, 6MWT, TUG und LEMS. Die­se Ergeb­nis­se zei­gen, dass Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten mit QSL vor dem Trai­ning eine erhöh­te kor­ti­ka­le Erreg­bar­keit im Hand­be­reich von S1 auf­wie­sen und dass sich die­se nach 12 Wochen HAL-Trai­ning nor­ma­li­sier­te, beglei­tet von signi­fi­kan­ten Ver­bes­se­run­gen der Geh­fä­hig­kei­ten33. Eine Kor­re­la­ti­ons­ana­ly­se ergab jedoch kei­nen Zusam­men­hang zwi­schen dem Aus­maß der Ver­än­de­run­gen der Erreg­bar­keit und der Zeit seit der Ver­let­zung, den funk­tio­nel­len Gang­pa­ra­me­tern oder dem LEMS. Die Autoren kom­men den­noch zu dem Schluss, dass die Ver­bes­se­run­gen beim Gehen mög­li­cher­wei­se mit einer erneu­er­ten S1- und M1-Reprä­sen­ta­ti­on der beein­träch­tig­ten unte­ren Extre­mi­tä­ten zusam­men­hän­gen, die wahr­schein­lich mit der Rekru­tie­rung und effek­ti­ve­ren Nut­zung der ver­blei­ben­den soma­to­sen­so­ri­schen affe­ren­ten Bah­nen und kor­ti­ko­s­pi­na­len Bah­nen zusam­men­hängt34. Die feh­len­de Kor­re­la­ti­on zwi­schen funk­tio­nel­len Fähig­kei­ten und Ver­än­de­run­gen der Erreg­bar­keit in S1 könn­te dar­auf hin­wei­sen, dass ent­we­der ande­re kor­ti­ka­le Berei­che oder sogar ein kom­ple­xes supra­spi­na­les Netz­werk für die Ver­bes­se­rung des Gehens erfor­der­lich sind35.

2017 ver­öf­fent­lich­ten Jan­sen et al.36 einen Pro­of of Con­cept zur Pilot­stu­die von Aach et al.37 und erwei­ter­ten das Kol­lek­tiv auf 21 chro­ni­sche Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten mit QSL (1–19 Jah­re seit Ein­tritt der QSL). Alle ver­bes­ser­ten sich signi­fi­kant in Bezug auf Lauf­band-asso­zi­ier­te Daten mit HAL und in den Funk­ti­ons­tests ohne Exo­ske­lett, was somit die Ergeb­nis­se der Pilot­stu­die38 bestä­tigt39. Zusätz­lich zu die­sen Ergeb­nis­sen greift die­se Stu­die das The­ma Spas­tik auf und stellt fest, dass bei acht Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten die Inter­ven­ti­on zu einer vor­über­ge­hen­den Lin­de­rung der Spas­tik führ­te. Dies wur­de bereits für einen Pati­en­ten in der Pilot­stu­die40 dis­ku­tiert. Dar­über hin­aus geben die Autoren an, dass 18 von 21 Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten nach dem Trai­ning über Ver­bes­se­run­gen ihrer Darm- und Bla­sen­funk­ti­ons­stö­run­gen berich­te­ten, wobei zwei von ihnen in der Lage waren, den Selbst­ka­the­te­ris­mus ein­zu­stel­len41. Aller­dings wur­den sowohl die Spas­tik als auch die Ver­bes­se­run­gen bei Darm und Bla­se nicht durch sta­tis­ti­sche Daten belegt.

In der QSL-spe­zi­fi­schen Lite­ra­tur wird häu­fig die Fra­ge dis­ku­tiert, bei wel­chen Pati­en­ten­grup­pen Ver­bes­se­run­gen am wahr­schein­lichs­ten sind und bei wel­chen weni­ger. Van Mid­den­dorp et al. füh­ren in die­sem Zusam­men­hang an, dass bei Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten mit trau­ma­ti­scher QSL eine Kom­bi­na­ti­on aus Alter und vier neu­ro­lo­gi­schen Tests als Prä­dik­to­ren für das spä­te­re indi­vi­du­el­le Geh­ver­mö­gen die­nen kön­nen42. Auch Catho­men et al. sind die­ser Fra­ge nach­ge­gan­gen und sagen, dass bei Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten mit aku­ter zer­vi­ka­ler QSL der anfäng­lich erhal­te­ne LEMS sowie im Wei­te­ren das Alter und die sen­si­ble Funk­ti­on in der Früh­pha­se nach Ein­tritt der QSL eine Ein­schät­zung erlau­ben, ob die­se spä­ter als Geher oder Nicht-Geher ein­ge­ord­net wer­den kön­nen43. So wird auch nach Gras­mü­cke et al.44 in der Lite­ra­tur vor allem pos­tu­liert, dass die neu­ro­lo­gi­sche Erho­lung von der Läsi­ons­schwe­re und dem Alter der Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten abhängt, wobei eine grö­ße­re Läh­mungs­schwe­re und ein Alter ≥ 50 Jah­re nega­ti­ve Prä­dik­to­ren für die funk­tio­nel­le Erho­lung nach einer QSL zu sein schei­nen. Um dies in Bezug auf das HAL-Trai­ning zu unter­su­chen, wur­de eine Stu­die mit dem Ziel durch­ge­führt, die funk­tio­nel­len Ergeb­nis­se von Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten mit chro­ni­scher QSL (1 bis 20 Jah­re nach Ein­tritt der QSL) in vier Ver­let­zungs­grup­pen zu ver­glei­chen und die Ergeb­nis­se zusätz­lich in Abhän­gig­keit vom Alter (< 50 Jah­re vs. ≥ 50 Jah­re) zu ana­ly­sie­ren45. Die vier Grup­pen wur­den klas­si­fi­ziert als (1) moto­risch inkom­plet­te Tetra­ple­gie (n = 13, C2‑8, AIS C und D), (2) moto­risch inkom­plet­te Para­ple­gie mit Spas­tik (n = 15, T2-12, AIS C und D), (3) voll­stän­di­ge Para­ple­gie ohne Spas­tik (n = 18, T11-L4, AIS A und ZPP von L3 bis S1) und (4) moto­risch inkom­plet­te Para­ple­gie ohne Spas­tik (n = 9, T12-L3, AIS C und D)46. Ins­ge­samt waren 55 Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer betei­ligt. Die Ergeb­nis­se der ers­ten acht Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten von Aach et al.47 und teil­wei­se von Jan­sen et at.48 wur­den eben­falls ein­be­zo­gen. Wie in den ande­ren Stu­di­en49 50 51 ver­bes­ser­te sich die Kohor­te in den Lauf­band-bezo­ge­nen und funk­tio­nel­len Para­me­tern. Das Läsi­ons­ni­veau und das Alter der Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten waren nicht signi­fi­kant mit den trai­nings­be­zo­ge­nen Funk­ti­ons­ver­bes­se­run­gen asso­zi­iert. Es wur­den kei­ne signi­fi­kan­ten Unter­schie­de zwi­schen den Unter­grup­pen fest­ge­stellt. Unter­grup­pe 2 zeig­te eine etwas gerin­ge­re Ver­bes­se­rung der Lauf­band­ge­schwin­dig­keit, der Lauf­band­di­stanz und des 6MWT, aber die­se Unter­schie­de waren sta­tis­tisch nicht signi­fi­kant52. In Bezug auf das Alter der Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten zeig­te nur die 10MWT-Geschwin­dig­keit eine signi­fi­kant grö­ße­re Ver­bes­se­rung in der jün­ge­ren Grup­pe als in der älte­ren Grup­pe. Ein wei­te­res inter­es­san­tes Ergeb­nis die­ser Stu­die war, dass die meis­ten Ver­bes­se­run­gen in der 4. und 10. Woche der Trai­nings­pe­ri­ode auf­tra­ten53. Aus den hier gezeig­ten Ergeb­nis­sen schlie­ßen die Autoren, dass in den unter­such­ten Grup­pen das Alter oder der Grad der Läsi­on für das Aus­maß der funk­tio­nel­len Ver­bes­se­rung nach dem HAL-Trai­ning weni­ger wich­tig zu sein schei­nen. Den­noch schei­nen inkom­plet­te Rücken­mar­klä­sio­nen der Brust­wir­bel­säu­le ein­schließ­lich Spas­tik ein nicht signi­fi­kan­ter nega­ti­ver Prä­dik­tor für trai­nings­be­ding­te Ver­bes­se­run­gen zu sein54.

Um Lang­zeit­da­ten des HAL-Trai­nings mit varia­bler Fre­quenz nach der anfäng­li­chen Trai­nings­pe­ri­ode zu unter­su­chen, waren es Jan­sen et al.55, die die Pilot­stu­die von Aach et al.56 mit einem Jahr HAL-Trai­ning wei­ter­führ­ten. Alle acht Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer mit chro­ni­scher QSL setz­ten das HAL-Trai­ning nach ihrer anfäng­li­chen 12-wöchi­gen Trai­nings­pha­se fort und wur­den in zwei Grup­pen auf­ge­teilt. Grup­pe 1 (n = 4) setz­te das Trai­ning mit 3–5 Trai­nings­ein­hei­ten pro Woche für wei­te­re 40 Wochen fort, Grup­pe 2 (n = 4) mit einer Ein­heit pro Woche. In den ers­ten 12 Wochen absol­vier­ten die Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer im Durch­schnitt 51,75 ± 5,6 Trai­nings­ein­hei­ten. In der zwei­ten Trai­nings­pe­ri­ode betrug die durch­schnitt­li­che Anzahl der Trai­nings­ein­hei­ten in Grup­pe 1 126,8 ± 7,9 und in Grup­pe 2 32,3 ± 3,3. Die Ergeb­nis­se wur­den sowohl für den ers­ten Trai­nings­zeit­raum (Wie­der­ho­lung der Ergeb­nis­se von Aach et al.57) als auch nach einem Jahr der Behand­lung ange­ge­ben. Um nicht red­un­dant zu sein, wird hier nur auf die neu­en Ergeb­nis­se nach einem Jahr ein­ge­gan­gen. Bei den Lauf­band-bezo­ge­nen Para­me­tern (Geschwin­dig­keit, Geh­zeit und Distanz) zeig­ten sich zwi­schen 12 und 52 Wochen kei­ne signi­fi­kan­ten Ver­bes­se­run­gen bei der Aus­wer­tung als Gesamt­grup­pe (n = 8), als Ein­zel­grup­pen (n = 4/4) und beim Ver­gleich zwi­schen Unter­grup­pen. Das Glei­che galt für die funk­tio­nel­len Tests. Betrach­tet man alle acht Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten zusam­men, so erga­ben sich unab­hän­gig von der kon­ti­nu­ier­li­chen Trai­nings­häu­fig­keit wäh­rend der fol­gen­den 40 Wochen kei­ne signi­fi­kan­ten Ver­än­de­run­gen bei 10MWT, Schritt­fre­quenz, Schritt­zahl, Schritt­län­ge, TUG, 6MWT oder WISCI II. Bei getrenn­ter Betrach­tung der bei­den Unter­grup­pen gab es kei­nen Unter­schied zwi­schen 12 und 52 Wochen und kei­nen Unter­schied zwi­schen den Grup­pen. Die­se sicher­lich über­ra­schen­den Ergeb­nis­se deu­ten dar­auf hin, dass der anfäng­li­che Funk­ti­ons­ge­winn nach drei Mona­ten täg­li­chen HAL-Trai­nings bei den Stu­di­en­teil­neh­men­den mit chro­ni­scher QSL über einen Zeit­raum von einem Jahr sta­bil und kon­sis­tent war, eine wei­te­re Stei­ge­rung jedoch nicht erfolg­te58.

Die von Jan­sen et al.59 auf­ge­wor­fe­ne Fra­ge nach Bla­sen- und Darm­funk­ti­ons­stö­run­gen wur­de von Brink­em­per et al.60 in einer retro­spek­ti­ven Stu­die erneut auf­ge­grif­fen. Hier füll­ten 35 Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten mit sub­aku­ter (n = 13) oder chro­ni­scher (n = 22) QSL zwei stan­dar­di­sier­te und eta­blier­te gas­tro­en­te­ro­lo­gi­sche Fra­ge­bö­gen (Cleve­land Cli­nic Con­s­ti­pa­ti­on Scoring Sys­tem (CCCS)61, Wex­ner Score62) und einen selbst ent­wi­ckel­ten Fra­ge­bo­gen zur Bla­sen­funk­ti­on vor und nach Abschluss des Trai­nings aus. Es wur­den Ver­glei­che für alle Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten durch­ge­führt und die Grup­pe in Unter­grup­pen von aku­ten und chro­ni­schen Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten auf­ge­teilt. Inner­halb die­ser Unter­grup­pen wur­den wei­te­re Unter­grup­pen nach hohen oder nied­ri­gen Aus­gangs­scores gebil­det. Der Wex­ner Score, ein Fra­ge­bo­gen zur Beur­tei­lung des Schwe­re­grads der Stuhl­in­kon­ti­nenz, nahm bei allen Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten und in der Grup­pe der chro­ni­schen Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten deut­lich ab. In der Grup­pe der sub­aku­ten Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten nahm der Wex­ner-Score nur unwe­sent­lich ab. Bei Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten aus bei­den Grup­pen mit höhe­ren Aus­gangs­wer­ten konn­te eine signi­fi­kan­te Abnah­me fest­ge­stellt wer­den. Der CCCS, ein Fra­ge­bo­gen zur Bewer­tung des Schwe­re­grads der Ver­stop­fung, ver­rin­ger­te sich nicht signi­fi­kant bei allen Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten, der Grup­pe der sub­aku­ten und der Grup­pe der chro­ni­schen Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten. Bei der Unter­grup­pe der chro­ni­schen Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten mit höhe­ren Aus­gangs­wer­ten ver­rin­ger­te sich der CCCS ohne Signi­fi­kanz. Der selbst ent­wi­ckel­te Fra­ge­bo­gen zeig­te eine Ver­bes­se­rung der Bla­sen­funk­ti­on bei 28,24 % aller Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten, bei 31,43 % der chro­ni­schen Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten und bei 23,08 % der sub­aku­ten Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten. Die Autoren schluss­fol­gern dar­aus, dass es einen Trend zur Ver­bes­se­rung der Bla­sen- und Darm­funk­ti­on nach dem HAL-Trai­ning gibt, wobei Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten mit höhe­ren Aus­gangs­wer­ten im Wex­ner Score und CCCS stär­ker zu pro­fi­tie­ren schei­nen, und sehen dies als Bestä­ti­gung der Ergeb­nis­se von Stu­di­en63 64 65 66 mit ande­ren Exo­ske­let­ten. Die gemisch­te Popu­la­ti­on aus sub­aku­ten und chro­ni­schen Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten und unter­schied­li­chen Ver­let­zungs­gra­den sowie der retro­spek­ti­ve Stu­di­en­an­satz blei­ben jedoch eine Ein­schrän­kung die­ser Studie.

Eine wei­te­re Stu­die unse­rer Arbeits­grup­pe wur­de 2021 von Brink­em­per et al. ver­öf­fent­licht67. Dies­mal stan­den jedoch nicht die funk­tio­nel­len Ver­bes­se­run­gen der Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten im Vor­der­grund, son­dern die Fra­ge, ob die funk­tio­nel­len Ver­bes­se­run­gen mit Ver­bes­se­run­gen des Gang­bilds ein­her­ge­hen. Zu die­sem Zweck wur­de bei 15 Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten (akut n = 5, chro­nisch n = 10) mit inkom­plet­ter (n = 10) oder kom­plet­ter (n = 5) QSL mit erhal­te­nen Rest­funk­tio­nen eine 3D-Gang­ana­ly­se mit einem Iner­ti­al­sen­sor-Mess­sys­tem durch­ge­führt. Wäh­rend sich alle funk­tio­nel­len Para­me­ter erwar­tungs­ge­mäß ver­bes­ser­ten, wur­de auch eine Nor­ma­li­sie­rung in eini­gen Pha­sen des Gang­zy­klus fest­ge­stellt, die sich in einer ver­bes­ser­ten Knie­stre­ckung wäh­rend des initia­len Boden­kon­takts und einer erhöh­ten maxi­ma­len Hüft­stre­ckung vor der Schwung­pha­se zeig­te. Dar­über hin­aus wie­sen alle Gelenk­win­kel einen grö­ße­ren Bewe­gungs­um­fang auf, und die­se Ergeb­nis­se gin­gen mit einer signi­fi­kan­ten Ver­bes­se­rung aller räum­lich-zeit­li­chen und Gang­pha­sen-Para­me­ter ein­her. Den Autoren zufol­ge war die­se Stu­die die ers­te, die eine ver­bes­ser­te Gang­phy­sio­lo­gie nach HAL-Trai­ning bei Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten mit QSL nach­wei­sen konn­te68.

Die bis­her welt­weit größ­te Stu­di­en­po­pu­la­ti­on in einer kli­ni­schen Stu­die mit HAL stellt die Stu­die von Zie­riacks et al. dar69. Dar­an nah­men 121 Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten mit sub­aku­ter (n = 47) und chro­ni­scher (n = 74) QSL teil. Teil­ergeb­nis­se die­ses Kol­lek­tivs wur­den bereits ver­öf­fent­licht70 71 72 73 74 75 76. Ziel war es, fest­zu­stel­len, ob das HAL-Trai­ning für Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer mit sub­aku­ter oder chro­ni­scher QSL von Vor­teil ist und ob die Dau­er nach der Ver­let­zung das Ergeb­nis beein­flusst. Signi­fi­kan­te Ver­bes­se­run­gen bei Lauf­band-bezo­ge­nen Para­me­tern (Zeit, Distanz) und allen funk­tio­nel­len Para­me­tern (10MWT, 6MWT, WISCI II, LEMS) wur­den sowohl für die Gesamt­grup­pe als auch für die Unter­grup­pen der sub­aku­ten und chro­ni­schen Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten fest­ge­stellt. Signi­fi­kan­te Unter­schie­de zwi­schen den Ergeb­nis­sen der sub­aku­ten und chro­ni­schen Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer wur­den beim 6MWT, LEMS und WISCI II fest­ge­stellt, was zeigt, dass sich die chro­ni­schen Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer deut­lich weni­ger ver­bes­ser­ten als die sub­aku­ten. Da jedoch bei­de Unter­grup­pen indi­vi­du­ell signi­fi­kan­te Ver­bes­se­run­gen auf­wie­sen, kamen die Autoren zu dem Schluss, dass das HAL-Trai­ning sowohl für sub­aku­te als auch für chro­ni­sche Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten von Vor­teil ist und dass es kei­nen zeit­li­chen Schwel­len­wert für die Wirk­sam­keit nach QSL gibt77.

Dis­kus­si­on

Die in die­ser Über­sichts­ar­beit gezeig­ten Stu­di­en über die Ver­wen­dung vom HAL bei Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten mit QSL zei­gen ein brei­tes Spek­trum der Anwen­dung. Quer­schnitt­ge­lähm­te kön­nen sowohl im sub­aku­ten als auch im chro­ni­schen Sta­di­um behan­delt wer­den. Unbe­ding­te Vor­aus­set­zung ist jedoch das Vor­han­den­sein gerin­ger will­kür­li­cher Mus­kel­ak­ti­vi­tät in den unte­ren Extre­mi­tä­ten, die aus­rei­chend ist, um von den plat­zier­ten EMG-Elek­tro­den erfasst zu wer­den. Mit Aus­nah­me von Haut­rö­tun­gen an den Stel­len, wo die EMG-Elek­tro­den plat­ziert waren, unter den Bein­man­schet­ten oder am Fuß durch das Tra­gen der HAL-Schu­he wur­den kei­ne ande­ren uner­wünsch­ten Ereig­nis­se oder Ver­let­zun­gen gemel­det. Bei der über­wie­gen­den Mehr­heit der Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten kam es zu einer funk­tio­nel­len Ver­bes­se­rung, d. h., sie konn­ten ihre Geh­stre­cke, Geh­ge­schwin­dig­keit und Aus­dau­er ver­bes­sern. Dar­über hin­aus wur­de in Ein­zel­fäl­len eine Rei­he wei­te­rer Fort­schrit­te beschrie­ben, wie z. B. eine vor­über­ge­hen­de Abnah­me der Spas­ti­zi­tät, eine Ver­bes­se­rung der Bla­sen- und Darm­funk­ti­on, eine Schmerz­re­duk­ti­on und eine Ver­än­de­rung der Mus­kel­ak­ti­vi­tät. Den­noch kann kei­ne ein­deu­ti­ge Emp­feh­lung gege­ben wer­den, wel­che Pati­en­ten­grup­pe am ehes­ten von die­sem inno­va­ti­ven Trai­ning pro­fi­tie­ren kann. Es scheint, dass sei­ne Anwen­dung bei vie­len Arten von QSL prin­zi­pi­ell mög­lich und wirk­sam ist, aber ob es ande­ren Trai­nings- und The­ra­pie­for­men über­le­gen ist, bleibt unklar. Bis­lang gibt es kei­ne ver­öf­fent­lich­ten kon­trol­lier­ten, ran­do­mi­sier­ten Stu­di­en, in denen das hier ver­wen­de­te HAL-Sys­tem ers­tens mit ande­ren Exo­ske­lett-Sys­te­men und zwei­tens mit kon­ven­tio­nel­len Loko­mo­ti­ons­the­ra­pien in glei­chem Umfang und mit glei­cher Häu­fig­keit ver­gli­chen wur­den. Dies ist zwin­gend erfor­der­lich, um den poten­ti­el­len Nut­zen der HAL-The­ra­pie von ande­ren The­ra­pien abzu­gren­zen, und soll­te in Zukunft durch­ge­führt werden.

Die Zugäng­lich­keit zum HAL-Trai­ning wird in den dis­ku­tier­ten Stu­di­en nicht erwähnt. In Deutsch­land wird das HAL-Trai­ning aktu­ell nur für Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten mit QSL im Rah­men der berufs­ge­nos­sen­schaft­li­chen Ver­si­che­rung finan­ziert. Der Zugang zum Trai­ning für ein brei­tes Spek­trum von Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten stellt der­zeit also noch ein Pro­blem dar, das gelöst wer­den soll­te. Neben der ver­si­che­rungs­tech­ni­schen und damit finan­zi­el­len Hür­de ist auch die Ver­füg­bar­keit für Men­schen unter­schied­li­cher Kon­sti­tu­tio­nen zu nen­nen. Ein­schrän­kun­gen für die Anwen­dung die­ses Exo­ske­lett­sys­tems sind, wie bei ande­ren Her­stel­lern auch, Restrik­tio­nen bei der Grö­ße (150–190 cm) und dem Gewicht (40–100 kg) der Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten, Kon­trak­tu­ren, unzu­rei­chen­de kar­dio­pul­mo­n­a­le Kapa­zi­tät und Spas­tik, die mit der Anwen­dung des Sys­tems nicht abnimmt.

Fazit

Die Erfah­rung unse­rer Arbeits­grup­pe deu­tet dar­auf hin, dass vie­le Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten mit QSL von einem qua­li­fi­zier­ten Ein­satz des HAL-Trai­nings im Rah­men ihrer Mög­lich­kei­ten pro­fi­tie­ren könn­ten. Zukünf­ti­ge Stu­di­en soll­ten sich auf einen Ver­gleich von HAL mit ande­ren The­ra­pien und Gerä­ten kon­zen­trie­ren und eine opti­ma­le stan­dar­di­sier­te The­ra­pie in Bezug auf Trai­nings­zeit­raum, Trai­nings­ein­hei­ten pro Woche und Trai­nings­dau­er pro Ein­heit entwickeln.

 

Hin­weis:
Die­ser Arti­kel ent­hält Aus­zü­ge eines bereits publi­zier­ten Arti­kels und erschien in ähn­li­cher Form und auf Eng­lisch in der Zeit­schrift Appli­ed Sci­en­ces: https://doi.org/10.3390/app13031369.

 

Für die Autoren:
Dr. rer. medic. Alexis Brinkemper
BG Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum Berg­manns­heil Bochum
Chir­ur­gi­sche Uni­ver­si­täts­kli­nik und Poliklinik
Bürk­le de la Camp-Platz 1
44789 Bochum
Tel.: +49 (0)234 / 302‑6918
alexis.brinkemper@bergmannsheil.de
www.bergmannsheil.de

 

Begut­ach­te­ter Beitrag/reviewed paper

Zita­ti­on
Brink­em­per A, Schild­hau­er Th A, Aach M. Ein neu­ro­nal gesteu­er­tes Exo­ske­lett in der The­ra­pie von quer­schnitt­ge­lähm­ten Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten. Ortho­pä­die Tech­nik, 2025; 76 (6): 34–41

 

 

Quel­len­ver­zeich­nis

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  2. Ding W et al. Spi­nal Cord Inju­ry: The Glo­bal Inci­dence, Pre­va­lence, and Disa­bi­li­ty From the Glo­bal Bur­den of Dise­a­se Stu­dy 2019. Spi­ne, 2022; 47 (21): 1532–1540. doi: 10.1097/BRS.0000000000004417
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