Digitale Wunddokumentation: Warum Papier keine Option mehr ist
Die Versorgung chronischer Wunden mit Kosten von 4 Mrd. Euro pro Jahr stellt das deutsche Gesundheitssystem vor wachsende Herausforderungen. Die Zunahme von Diabetesfällen und eine immer älter werdende Bevölkerung führen zu steigenden Patientenzahlen. Dieser Artikel untersucht den Einfluss digitaler Lösungen auf die Effizienz und Qualität der Wundversorgung in Deutschland mit besonderem Fokus auf die Wunddokumentation und -analyse. Digitale Systeme ermöglichen eine erheblich schnellere Wundanalyse und -dokumentation, wobei KI-gestützte Lösungen präzise, anwenderunabhängige Messungen und verbesserte Bildqualität bieten. Es werden aber auch die Limitationen digitaler Lösungen herausgearbeitet. Zudem unterstützen diese Systeme die multiprofessionelle Zusammenarbeit, insbesondere bei komplexen Fällen wie dem diabetischen Fußsyndrom. Die Ergebnisse zeigen, dass die Digitalisierung der Wundversorgung signifikante Vorteile in Bezug auf Effizienz, Qualität und Wirtschaftlichkeit bietet.

Einleitung
Wer mit einer chronischen Wunde, z. B. einem Dekubitus, Ulcus cruris oder Ulzerationen beim diabetischen Fußsyndrom leben muss, leidet häufig an dauerhaften Schmerzen, eingeschränkter Mobilität und einer reduzierten Lebensqualität1 mit hoher Krankheitslast. Für das deutsche Gesundheitssystem entstehen aufgrund der Behandlung von chronischen Wunden jährlich deutlich über 4 Mrd. Euro Kosten2 bei ca. 2,7 Millionen registrierten komplexen Wunden, wovon ca. 850.000 Wunden einen chronischen Verlauf nehmen3. Experten gehen davon aus, dass sich die Zahl der Patienten in den kommenden Jahren aufgrund der alternden Bevölkerung und zunehmenden Diabetesfälle verdoppeln wird4. Sanitätshäuser, Homecare-Unternehmen und spezialisierte Leistungserbringer sind vielerorts entscheidend für die Bewältigung der „stillen Epidemie“ chronischer Wunden. Denn ihre Wundexpertinnen und Wundexperten arbeiten an der Schnittstelle von Pflege und Arztpraxis und binden bei komplexen Fällen auch Podologen, Orthopädietechniker und weitere Fachkräfte in die Versorgung ein.
Doch diese Unternehmen stehen oft vor der Herausforderung, ihre Leistungen unter Beachtung harter wirtschaftlicher Kennzahlen erbringen zu müssen. Dabei ist die Zahl der betreuten Patientinnen und Patienten ebenso entscheidend wie die Qualität der Betreuung. Diese Qualität ist es, die sich bei Angehörigen, Ärzten und Pflegediensten herumspricht. Digitale Lösungen sind zukünftig unverzichtbar, um die beiden – nur auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinenden – Ziele Wirtschaftlichkeit und Qualität zu vereinen. Denn die Herausforderungen der Wundversorgung sind komplex.
Schwerpunkt chronische Wunde beim diabetischen Fußsyndrom
Digitale Lösungen können prinzipiell bei allen chronischen und komplexen Wunden eingesetzt werden. Ganz besonders hilfreich sind sie, wenn Patienten am diabetischen Fußsyndrom (DFS) leiden. Dabei handelt es sich um einen Sammelbegriff mit mehreren klinischen Erscheinungsbildern, unter anderem der diabetesbedingten Fußulzeration (DFU) und Charcot Neuro-Osteoarthropathie (CNO) 5. Die Heilung kann durch weitere begleitende Kausalfaktoren wie Neuropathie, Durchblutungsstörungen (pAVK), eingeschränkte Gelenkmobilität, Druckbelastungen oder biopsychosoziale Faktoren6 verzögert werden. Daraus ergibt sich ein multiprofessioneller Behandlungsansatz aus verschiedenen Experten, wie Diabetologe, Ernährungsberater, Gefäßchirurg, Podologe, Pflegepersonal, Orthopädietechniker und Krankenkasse. Während der meist langen Therapiezeitraum müssen alle Beteiligten über den aktuellen Stand der Wunde und der Therapie informiert sein.
Für diese multiprofessionelle Zusammenarbeit braucht es eine klar verständliche und möglichst genaue Kommunikation zwischen allen Akteuren. Kernstück dieser Kommunikation ist eben jene Wund- und Fotodokumentation, die durch digitale Lösungen besonders gut unterstützt wird. Der digitale Wundbericht kann direkt im Anschluss an die Dokumentation verschlüsselt per Mail an alle an der Behandlung Beteiligten versendet werden.
Ambulante oder stationären Pflegeeinrichtungen, die die Wundversorgung durchführen, sind nach § 137 SGB V und § 80 SGB XI verpflichtet, die Wunddokumentation zu führen, und neben Wundart, ‑größe, ‑tiefe und ‑beschaffenheit auch Geruch, Exsudat, Wundhistorie, sekundäre Einflussfaktoren, Umgebungshaut sowie die Behandlungshäufigkeit und die genutzten Materialien zu dokumentieren.
Neben der interprofessionellen Kommunikation sind die Ziele der Wunddokumentation die Nachvollziehbarkeit des Wundverlaufs und der Therapie. Für die beteiligten Versorger wie Orthopädietechniker und die Leistungsträger sind die Dokumentationen Grundlage für wichtige Versorgungsentscheidungen, z. B. der Bewilligung von speziellem Schuhwerk.
Die Anforderungen an die fortlaufende professionelle Wunddokumentation sind enorm: Präzise, aktuell, aussagefähig, in regelmäßigen Abständen wiederholend und datenschutzkonform sind nur die übergeordneten Stichworte für die vielen Kriterien.
Deshalb nimmt die Wunddokumentation einer chronischen Wunde viel Zeit in Anspruch.
Generell lässt sich sagen: Je komplexer die Wunde, desto komplexer (und aufwendiger) die Wunddokumentation. Im Artikel werden die größten Herausforderungen der Wunddokumentation abgehandelt und untersucht, inwiefern digitale Lösungen Pflegekräfte und Wundexperten unterstützen können.
Herausforderung 1: adäquate Wund- und Fotodokumentation ist aufwendig
Die Basis der Arbeit am Patienten ist die Wund- und Fotodokumentation. Sie muss rechtlichen Anforderungen genügen und dem Wundmanager die richtige Einschätzung ermöglichen: Wie hat sich die Wunde entwickelt? Gibt es Heilungstendenzen oder hat sich der Wundzustand sogar verschlechtert? Welche Faktoren müssen bei diesem Patienten besonders beachtet werden?
Früher entstand die Wunddokumentation in vielen zeitaufwendigen Schritten, die zusammen oft über 20 Minuten dauerten. Beim Hausbesuch legten die Wundexperten im ersten Schritt ein Papierlineal zur Größeneinschätzung an die Wunde, machten im zweiten Schritt mit Handy oder Digitalkamera ein Foto der Wunde und notierten dann im dritten Schritt weitere Werte und Aspekte. Auf die Tiefenmessung der Wunde wurde aus Zeit- und Kostengründen meistens gänzlich verzichtet.
Die Schritte 4, 5 und 6 erledigten sie dann in der Regel im Anschluss an die Hausbesuche im Bürodienst: Zunächst die Wundfotos manuell zur richtigen Patientenakte hinzufügen, dann das Assessment abtippen und so den Wundbericht vervollständigen.
Digitale Lösung: schnellere Wundanalyse
Eine erheblich schnellere Wunddokumentation ermöglichen digitale Lösungen7, indem die Dokumentation von durchschnittlich 20 Minuten auf etwa 2 Minuten verkürzt werden kann (Abb. 1, 2). Auf Knopfdruck erfasst der mobile Scanner die Wunden und berechnet in wenigen Sekunden entscheidende Wundparameter – keimfrei ohne Berührung der Wunde oder Umgebung. Die Wundexperten erhalten einen Überblick über Länge, Breite, Tiefe, Gewebearten und auf Wunsch sogar die Wundtemperatur – ganz ohne weitere Hilfsmittel wie Papierlineale oder Kalibrierungsmarker. Im Assessment sind bereits die Werte des letzten Hausbesuchs vorausgewählt. So ist die Veränderung direkt sichtbar und es müssen nur noch Änderungen eingetragen werden. Mit einem weiteren Klick wird der Wundbericht übertragen – an die Patientenakte, an den Innendienst und auf Wunsch auch an andere Versorger. Ganz ohne Nachbearbeitung im Büro.
Auch den Patienten kommt diese Effizienzsteigerung zugute, denn die Pflegekräfte haben täglich mehr Zeit für die Behandlung weiterer Patienten, die sonst erst einen späteren Termin bekommen hätten. Außerdem liefern die digitalen Lösungen eine graphische Übersicht über die Entwicklungen der Wundparameter – so können die Heilungsfortschritte auch verständlich geteilt und vermittelt werden.
Herausforderung 2: objektive Einschätzung zur Wundhistorie (fast) unmöglich
Die klassische Papierlineal-Methode hat einen weiteren großen Nachteil: Die ermittelten Messwerte hängen sehr stark von der vermessenden Fachkraft ab. Wenn zwei Fachkräfte dieselbe Wunde vermessen, kommt es zu Unterschieden von bis zu 75 %8. Gute Fotos von Wunden sind außerdem abhängig von Lichtverhältnissen, spiegelnde Wundoberflächen erschweren die Aufgabe zusätzlich. Nachvollziehbar war der Wundverlauf bisher also kaum.
Digitale Lösung: exakte Vermessung und aussagekräftige Fotohistorie
Mit einer KI-basierten Lösung sehen Wundexperte und verordnender Arzt nicht nur die aktuelle Aufnahme, sondern auch die Aufnahmen des letzten und vorletzten Hausbesuchs (Abb. 3). Außerdem wurde eine spezielle Beleuchtung für Wunden integriert, die automatisch eine schattenfreie Ausleuchtung ermöglicht. Die Vermessungen der Wunde werden durch künstliche Intelligenz unterstützt. Das macht sie bis auf wenige Millimeter genau und unabhängig von der vermessenden Fachkraft. So sind die Ergebnisse jeder Wunddokumentation verlässlich – egal wer sie durchgeführt hat, da die digitalen Systeme unabhängig von den Anwendern immer auf die gleiche Weise die Wunde analysieren9.
Herausforderung 3: schnelle Belieferung mit den richtigen Wundprodukten
Homecare-Unternehmen und Sanitätshäuser spielen eine wichtige Rolle, wenn es um die Verlässlichkeit der Belieferung mit den richtigen Materialien für die Wundversorgung geht. Besonders zeitkritisch kann das beispielsweise bei Patienten sein, die aus dem Krankenhaus entlassen werden. Doch die Belieferung darf erst nach Rezeptierung durch verordnende Ärzte erfolgen. In der Praxis bedeutet das meist: hoher Aufwand und eine teilweise längere Verzögerung.
Bei der Verordnungsempfehlung ist das Expertenwissen um die Wundversorgung entscheidend, aber auch praktische Überlegungen spielen eine Rolle: Ist das empfohlene Produkt in der richtigen Größe aktuell überhaupt lieferbar? Welche Erfahrungen hat das Sanitätshaus mit dem Hersteller bzw. Händler der Produkte gemacht?
Manchmal beginnt damit erst ein aufwendiger Prozess: Der Wundexperte schickt die Verordnungsempfehlung zur Hausarztpraxis, beantwortet Rückfragen, die sich der Dokumentation nicht ohne Weiteres entnehmen lassen und holt das Rezept anschließend von der Praxis ab. Mancherorts tauschen die Beteiligen die Dokumente per Post aus. In dringenden Fällen erledigen die Wundexperten das persönlich – in einer ohnehin knappen Arbeitszeit, die sie statt in „Botengänge“ besser in die Patientenversorgung investieren könnten.
Digitale Lösung: Hauskatalog mit lieferbaren Produkten
Integriert in digitale Lösungen ist ein Hauskatalog, der vorab vom Leistungserbringer kuratierte Hersteller, Händler und Produkte enthält und die Wundexpertinnen bei der Auswahl von Produkten für eine Versorgungsempfehlung an die verordnende Praxis unterstützt (Abb. 4). Die zugrunde liegende Datenbank wird regelmäßig aktualisiert und lässt sich entsprechend den eigenen Anforderungen mit einer Favoritenliste individualisieren.
Limitationen digitaler Lösungen
Natürlich müssen die Pflegekräfte und Wundexperten trotz des Einsatzes digitaler Lösungen auch Parameter selbst beurteilen und manuell erfassen. Beispielsweise wird die Wundklassifikation nicht automatisch erkannt, diese muss weiterhin ausgewählt werden. Ebenso werden die genannten Bestandteile wie bspw. Geruch, Exsudat oder die Umgebungshaut nicht automatisch erfasst, sondern müssen in die dafür vorgesehenen Felder des Wunddokumentationsbogens eingetragen werden. Zusammen mit den automatisch erhobenen Parametern (Größe, Tiefe, Gewebearten und Temperatur) wird dann ebenfalls automatisch ein übersichtlicher Wundbericht inkl. der Fotodokumentationen erstellt, der digital versendet werden kann.
Fazit
Modernes Wundmanagement braucht eine moderne, sprich voll digitale Dokumentation. Schließlich ist die Dokumentation ein wichtiger Bestandteil des gesamten Prozesses – nicht nur, aber gerade beim diabetischen Fußsyndrom. Der interdisziplinäre Therapieansatz erfordert präzise und nachvollziehbare Daten, die in der Form nur eine vollständig digitalisierte Wunddokumentation liefern kann (Tab. 1). Und nicht zuletzt bleibt dem gesamten Team mehr Zeit für die Patienten.
Interessenkonflikt:
Der Autor Julian Alischer ist für den Anbieter der im Beitrag erwähnten Lösung tätig.
Die Autoren:
Julian Alischer
cureVision GmbH
Agnes-Pockels-Bogen 1
80992 München
Tel.: 0155/60302231
alischer@curevision.de
Sonja Fröse
Ederener Str. 3
52511 Geilenkirchen
froese@sonjafroese.de
Begutachteter Beitrag/reviewed paper
Alischer J, Fröse S. Digitale Revolution in der Wundversorgung: Warum Papier keine Option mehr ist. Orthopädie Technik, 2025; 76 (6): 50–53
Tab. 1 Vergleich von herkömmlichen Methoden und digitalen Wundanalysesystemen. x Funktion nicht vorhanden; – bedingt/mit Abstrichen vorhanden; ✓ vorhanden.
| Funktion (ohne weitere Hilfsmittel) | Herkömmliche Methoden* | Digitale Wundanalyse |
|---|---|---|
| Millimetergenaue Größenmessung | – | ✓ |
| Millimetergenaue Tiefenmessung | x | ✓ |
| Temperaturmessung | x | ✓ |
| Schnelle Dokumentation durch automatische Analyse und vorgefertigte Textbausteine | x | ✓ |
| Verschlüsselter Versand des digitalen Wundberichts | x | ✓ |
| Versorgungsempfehlung auf Basis eines personalisierbaren Produktkatalogs | x | ✓ |
| Direkter Versand von Wundbericht und Versorungsempfehlung an Hausarzt | x | ✓ |
| Keimfreie, kontaktlose Analyse10 | x | ✓ |
| Aktuelle Verlaufsdiagramme zur Wundgröße | x | ✓ |
| Schnelle Einsicht aller vergangenen Dokumentationen | x | ✓ |
| Desinfizierbare Messinstrumente | – | ✓ |
| MDR-Zertifizierung | x | ✓ |
* Handschriftliche Dokumentation mit Papierlineal und Digitalkamera
Quellenverzeichnis
- Gelenkfuß für Gehhilfen — 8. September 2026
- Myoelektrische Orthesenversorgung bei Funktionseinschränkungen oder ‑verlust der oberen Extremität: Einsatzmöglichkeiten des Luna-Neo-Systems — 7. September 2026
- Bewegung statt Stillstand: neue Therapieansätze mit Controlled-Dynamic-Stretch(CDS)-Orthesen zur Verbesserung der Gelenkbeweglichkeit bei Kindern mit neurologischen Erkrankungen — 4. September 2026
- DNQP: Expertenstandard „Pflege von Menschen mit chronischen Wunden“. https://www.dnqp.de/expertenstandards-und-auditinstrumente/#c16323630 (Zugriff am 04.12.2024)
- Veličković VM et al. Cost-effectiveness analysis of superabsorbent wound dressings in patients with moderate-to-highly exuding leg ulcers in Germany. International Wound Journal, 2022; 19 (2): 447–459. doi: 10.1111/iwj.13645
- BVMed. Neue Versorgungsstudie: Erfolge der modernen Wundversorgung. Pressemeldung vom 13.06.2016. https://www.bvmed.de/verband/presse/pressemeldungen/neue-versorgungsstudie-erfolge-der-modernen-wundversorgung (Zugriff am 04.12.2024)
- Augustin M, Hagenström K. Epidemiologie chronischer Wunden. In: Karl T, Storck M (Hrsg.). Ärztliches Wundmanagement im interprofessionellen Team. Heidelberg: Springer, 2023: 5–15
- Morbach S, Hochlenert D, Eckhard M. Aktueller Stand bezüglich des diabetischen Fußsyndroms in Deutschland. Die Diabetologie, 2024; 20, 1–10. https://doi.org/10.1007/s11428-023–01140‑2
- Morbach S et al. Diabetisches Fußsyndrom. Diabetologie, 2021; 16 (2): 362–372
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