Digi­ta­li­sie­rungs­of­fen­si­ve in der Aus­bil­dung erforderlich

Mit durchschnittlich 30 Auszubildenden pro Jahr gehört das Gesundheitshaus Seeger zu den großen Ausbildungsbetrieben in der Technischen Orthopädie in Deutschland. Auf welche Strategien das Unternehmen bei der Sicherung des Nachwuchses setzt und was es von Politik und Verbänden zur Unterstützung erwartet, erklären Felix Peste, Leiter Marketing & Vertrieb sowie Mitglied der Geschäftsleitung, und Marko Gänsl, Bereichsleiter Technische Orthopädie sowie Leiter Forschung & Entwicklung, im Gespräch.

OT: Auf wel­che Berei­che ver­tei­len sich Ihre Auszubildenden? 

Felix Pes­te: Als größ­ter Gesund­heits­dienst­leis­ter in der Regi­on Berlin/Brandenburg bil­den wir im Schnitt zehn Ortho­pä­die­tech­nik-Mecha­ni­ker und zehn Ortho­pä­die­schuh­ma­cher aus. In jeder unse­rer sie­ben Fit­ting-Werk­stät­ten wird je ein Ortho­pä­die­tech­nik-Mecha­ni­ker und ein Ortho­pä­die­schuh­ma­cher aus­ge­bil­det. In unse­rem Leis­tungs­zen­trum in Ber­lin kom­men wir pro Fach­be­reich auf zwei bis drei Aus­bil­dungs­plät­ze. Zudem bie­ten wir zehn Aus­bil­dungs­plät­ze in wei­te­ren fünf Beru­fen, unter ande­rem im kauf­män­ni­schen Bereich, in unse­ren 63 Filia­len an.

OT: Wie und wo wer­ben Sie um Bewerber? 

Pes­te: Da gehen wir über die klas­si­schen Wege: Unse­re Per­so­nal­ab­tei­lung schal­tet Stel­len­an­zei­gen, die wir zusätz­lich auf unse­rer Web­site und unse­ren Social Media-Kanä­len ver­öf­fent­li­chen. Damit sich die jun­gen Men­schen ein bes­se­res Bild von unse­ren Beru­fen machen kön­nen, haben wir pro Fach­be­reich einen Image­film erstel­len las­sen, auf den sich die Bewer­ber ger­ne und oft beziehen.

OT: Wer bewirbt sich um die Aus­bil­dungs­plät­ze bei Ihnen? 

Mar­co Gänsl: Wir ver­zeich­nen für die Aus­bil­dungs­plät­ze als Ortho­pä­die­tech­nik-Mecha­ni­ker vor allem Bewer­bun­gen von Abitu­ri­en­ten. Bereits seit drei Jah­ren liegt der Frau­en­an­teil hier bei 60 bis 70 Pro­zent. Uns errei­chen aber eben­so Bewer­bun­gen von jun­gen Men­schen mit einem Haupt­schul­ab­schluss oder von Stu­di­en­ab­bre­chern, ob für Ortho­pä­die-Tech­nik, Ortho­pä­die-Schuh­tech­nik oder die kauf­män­ni­schen Beru­fe, wobei auf den Beruf des Ortho­pä­die­schuh­ma­chers die wenigs­ten Anwär­ter entfallen.

OT: Wor­an liegt das? 

Gänsl: In der Ortho­pä­die-Tech­nik haben sich die Aus­bil­dungs­mög­lich­kei­ten in den letz­ten Jah­ren viel­fäl­tig ent­wi­ckelt, den­ken Sie nur an das Meis­ter­di­plom der BUFA oder die viel­fäl­ti­gen Bache­lor- oder Mas­ter­stu­di­en­gän­ge. Das fehlt im Bereich Ortho­pä­die-Schuh­tech­nik. Außer­dem hat die High­tech im Bereich Ortho­pä­die-Tech­nik stär­ker Ein­zug gehal­ten als in der Ortho­pä­die-Schuh­tech­nik. Die Mischung aus Hand­werk und High­tech macht aber die Attrak­ti­vi­tät des Beru­fes gera­de für jun­ge Men­schen aus. Das erle­ben wir immer wie­der bei unse­ren Hospitanten.

OT: Was erwar­ten Sie von Ihren Bewerbern?

Gänsl: Bewer­ber müs­sen schon eini­ges mit­brin­gen: Sie brau­chen hand­werk­li­ches Geschick, Inter­es­se an neu­en Tech­no­lo­gien, Empa­thie sowie Team­fä­hig­keit und Leistungsbereitschaft.

OT: Wel­che Leis­tun­gen oder Ange­bo­te machen Ihren OT-Betrieb attrak­tiv für Bewerber? 

Pes­te: Wenn man wie wir die bes­ten Aus­zu­bil­den­den haben will, muss man auch ent­spre­chend ver­gü­ten. Des­halb haben wir einen eige­nen See­ger-Tarif ent­wi­ckelt, der über den Emp­feh­lun­gen der Ber­li­ner Innung liegt. Unser Image und unse­re fach­li­che Kom­pe­tenz als füh­ren­des Unter­neh­men der Regi­on tra­gen natür­lich dazu bei, dass sich Bewer­ber, die sich Ver­ant­wor­tung und Per­spek­ti­ve erhof­fen, für uns inter­es­sie­ren. Im Übri­gen schlie­ßen wir kei­nen Aus­bil­dungs­ver­trag ohne vor­her­ge­hen­de Hos­pi­tanz ab, damit bei­de Sei­ten sich bes­ser ken­nen­ler­nen können.

Gänsl: Die­se Stra­te­gie geht auf. In den vier­ein­halb Jah­ren, die ich jetzt im Unter­neh­men bin, habe ich erst ein­mal erlebt, dass ein Aus­zu­bil­den­der abge­bro­chen hat. Attrak­tiv für Bewer­ber ist auch, dass sie schon wäh­rend der Aus­bil­dung, aber auch spä­ter als Gesel­len oder Meis­ter in den klei­ne­ren Fit­ting-Werk­stät­ten grö­ße­re Ver­ant­wor­tung über­neh­men kön­nen, als es in unse­rem Leis­tungs­zen­trum mit sei­nen Hier­ar­chien mög­lich wäre. Unse­re Aus­zu­bil­den­den kön­nen nicht nur zwi­schen Ber­lin oder einen der ande­ren klei­ne­ren Stand­or­te wäh­len, son­dern auch block­wei­se in der Metro­po­le und in einer der klei­ne­ren Werk­stät­ten ler­nen. Vie­le mer­ken erst dadurch, dass das Leben und Arbei­ten außer­halb Ber­lins eine gute Alter­na­ti­ve für sie sein könn­te. Ein wei­te­rer Plus­punkt unse­res Hau­ses ist aus mei­ner Sicht, dass die Ortho­pä­die-Tech­nik und Ortho­pä­die-Schuh­tech­nik ein­gro­ßer Bereich ist, in dem Aus­bil­dung und Arbeit Hand in Hand erfol­gen. Davon pro­fi­tie­ren bei­de Spar­ten und das Team wächst bes­ser zusammen.

OT: Kön­nen Sie über Ihre Aus­zu­bil­den­den Ihren Fach­kräf­te­be­darf sichern?

Pes­te: Wir ent­schei­den uns schon beim Aus­bil­dungs­ver­trag für eine lang­fris­ti­ge Zusam­men­ar­beit. Die maxi­mal zehn Pro­zent, die früh­zei­tig das Unter­neh­men wäh­rend oder nach der Aus­bil­dung ver­las­sen, tei­len ent­we­der nicht unse­re Fir­men­phi­lo­so­phie oder zie­hen ganz ein­fach um in ein ande­res Bun­des­land. Etwa 90 Pro­zent der Gesel­len über­neh­men wir und kön­nen uns damit für bei­de Sei­ten zukunfts­si­cher aufstellen.

Der schöns­te Beruf der Welt

OT: Wie sind Sie bei­de zur OT gekommen? 

Pes­te: Per Wie­ge. Solan­ge ich den­ken kann, spie­len die Beru­fe rund um unser Gesund­heits­haus eine Rol­le in mei­nem Leben. Unse­re Bran­che ist attrak­tiv, sinn­voll und zukunfts­träch­tig! Der Leit­satz mei­nes Vaters ist es, gleich­zei­tig das Hand­werk hoch­zu­hal­ten und auf Inno­va­tio­nen zu set­zen. Inso­fern habe ich ein gro­ßes Ver­ständ­nis für die Hand­wer­ke in unse­rer Bran­che, habe aber einen ande­ren, mei­nen Talen­ten ent­spre­chen­den Weg gewählt und im Jahr 2011 einen Mas­ter in Betriebs­wirt­schaft mit Schwer­punkt auf Mar­ke­ting und Ver­trieb erworben.

Gänsl: Bis mich mein Onkel, der aus der Medi­zin kommt, auf den Beruf Ortho­pä­die­tech­nik-Mecha­ni­ker auf­merk­sam gemacht hat, hat­te ich noch nie von dem Beruf gehört. Ich fürch­te, das trifft auch heu­te noch auf vie­le Schul­ab­sol­ven­ten zu. Als pas­sio­nier­ter Modell­bau­er war ich von der Ver­bin­dung aus Hand­werk und Medi­zin, die der Beruf bie­tet, begeis­tert. Nach ver­schie­de­nen Prak­ti­ka habe ich beim Sani­täts­haus Graf mei­ne Aus­bil­dung als Ortho­pä­die­tech­nik-Mecha­ni­ker im Jahr 2000 nach drei­ein­halb Jah­ren abge­schlos­sen, danach im Jahr 2009 den Meis­ter an der Bun­des­fach­schu­le für Ortho­pä­die-Tech­nik (BUFA) abge­legt und 2011 ein Betriebs­wirt­schafts­stu­di­um dran­ge­hängt. Ich übe den schöns­ten Beruf der Welt aus!

OT: Wie beur­tei­len Sie die aktu­el­le Aus­bil­dung in Bereich Tech­ni­sche Orthopädie? 

Gänsl: Seit der neu­en Aus­bil­dungs­ord­nung 2013 hat sich natür­lich eini­ges ver­än­dert. Die Aus­bil­dung dau­ert drei statt drei­ein­halb Jah­re. Dadurch bleibt weni­ger Zeit für die Übungs­mög­lich­kei­ten und Ver­tie­fun­gen. Dafür fin­det eine frü­he­re Spe­zia­li­sie­rung bereits in der Aus­bil­dung statt und die Azu­bis ler­nen sich bes­ser zu prä­sen­tie­ren. Grund­sätz­lich fin­de ich die Aus­bil­dung heu­te sehr gut struk­tu­riert. Ich wür­de mir aber – ganz unab­hän­gig vom aktu­el­len Coro­na-Gesche­hen – eine Digi­ta­li­sie­rungs­of­fen­si­ve von Sei­ten der Aus­bil­dungs­be­trie­be, der jewei­li­gen Innun­gen sowie der Poli­tik wün­schen. Als Mit­glied des Meis­ter­prü­fungs­aus­schus­ses in Ber­lin und Bran­den­burg erle­be ich gro­ße Wis­sens­lü­cken im Bereich Digi­ta­le Fer­ti­gung bei den Prüf­lin­gen. Das liegt dar­an, dass vie­le klei­ne­re Betrie­be auf die­sem Gebiet aus finan­zi­el­len Grün­den nicht inves­tie­ren kön­nen. Zum Teil inter­es­sie­ren sich die Aus­bil­der aber auch gar nicht für neue Tech­ni­ken. Wir ver­su­chen in Ber­lin und Bran­den­burg mit gro­ßem pri­va­tem Kraft­auf­wand der Prü­fungs­aus­schuss­mit­glie­der in der Über­be­trieb­li­chen Lehr­lings­un­ter­wei­sung (ÜLU) Wis­sens­lü­cken zu schlie­ßen. Hier erhof­fen wir uns zukünf­tig mehr Unter­stüt­zung und Inves­ti­tio­nen von den Kol­le­gen, Innun­gen und der Poli­tik, um das Aus­bil­dungs­ni­veau in der Ortho­pä­die-Tech­nik und Ortho­pä­die-Schuh­tech­nik unab­hän­gig von den betrieb­li­chen Gege­ben­hei­ten gleich hoch gestal­ten zu können.

OT: Stei­gert der #sys­tem­re­le­vant die Attrak­ti­vi­tät des Beru­fes Ortho­pä­die­tech­nik-Mecha­ni­ker/in? 

 Pes­te: Ehr­lich gesagt, glau­be ich, dass Jugend­li­che oder jun­ge Erwach­se­ne nicht in der Kate­go­rie Sys­tem­re­le­vanz den­ken. Für Jugend­li­che und jun­ge Erwach­se­ne müs­sen unse­re Beru­fe noch anzie­hen­der oder bes­ser sexy wer­den. Dann kön­nen wir mit der ein­zig­ar­ti­gen Ver­bin­dung von tra­di­tio­nel­lem Hand­werk und neu­en Tech­no­lo­gien punk­ten. Neben einer ange­mes­se­nen Bezah­lung sind auch wei­te­re krea­ti­ve Ange­bo­te wich­tig für die Bewerber.

Für uns als Betrieb ist den­noch die Sys­tem­re­le­vanz von gro­ßer Bedeu­tung. Sie gibt uns Pla­nungs­si­cher­heit und damit unse­ren Mit­ar­bei­tern siche­re Arbeitsplätze.

OT: Was neh­men Sie aus der Coro­na-Kri­se für die Aus­bil­dung oder den Berufs­all­tag Ihrer Betrie­be mit?

Pes­te: Hygie­ne spielt in unse­rer Bran­che schon immer eine gro­ße Rol­le. Coro­na hat den Blick auf das The­ma aber noch mal geschärft. Das wird bleiben.

Gänsl: Gesund blei­ben! Das ist bei unse­ren kör­per­na­hen Beru­fen das Wich­tigs­te. Des­sen sind wir uns alle noch­mal bewuss­ter gewor­den. Wir legen gro­ßen Wert im Haus auf ein enges Team­ge­fü­ge. Der Sicher­heits­ab­stand und das Schicht­sys­tem füh­ren lei­der auch zu einem grö­ße­ren men­ta­len Abstand der Team­mit­glie­der. Die­sen Effekt müs­sen wir drin­gend wie­der auffangen.

See­ger – Das Gesund­heits­haus wur­de 1938 von Ortho­pä­die­me­cha­ni­ker-Meis­ter Kurt See­ger gegrün­det und bis zum Fall der Mau­er im Jahr 1989 gelei­tet. Zu DDR-Zei­ten auf einen Stand­ort beschränkt, expan­dier­te das Unter­neh­men unter der Füh­rung von Enkel­sohn André Pes­te, Ortho­pä­die­me­cha­ni­ker-Meis­ter, stark. Aktu­ell betreibt die Fir­ma mit rund 500 Mit­ar­bei­tern 63 Filia­len in Ber­lin, Bran­den­burg, Sach­sen-Anhalt und Sach­sen. Der Betriebs­wirt Felix Pes­te, Jahr­gang 1985, ist Uren­kel des Fir­men­grün­ders und gehört seit 2018 neben sei­nem Vater André Pes­te und Sebas­ti­an Aman der Geschäfts­lei­tung des Gesund­heits­hau­ses an. Ortho­pä­die­me­cha­ni­ker-Meis­ter Mar­ko Gänsl ergänzt seit Janu­ar 2016 das Team. Er lei­te­te zunächst den Fach­be­reich Ortho­pä­die-Tech­nik und ist seit Janu­ar 2019 Bereichs­lei­ter Ortho­pä­die-Tech­nik und Ortho­pä­die­schuh­tech­nik sowie Lei­ter der Abtei­lung For­schung & Ent­wick­lung und damit für die Aus­zu­bil­den­den in der OT und OST verantwortlich.

Die Fra­gen stell­te Ruth Justen.

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