AMP-Register – aktueller Stand und Perspektiven des deutschen Amputationsregisters
Registerbasierte Versorgungsforschung gewinnt in der Technischen Orthopädie an Bedeutung, da Evidenz und Vergleichbarkeit für komplexe Versorgungspfade oft unzureichend sind. Das AMP-Register wurde als deutschlandweites digitales Register für Menschen mit Beinamputation entwickelt, um pseudonymisierte Versorgungs- und Outcome-Daten prospektiv, modular und interprofessionell zu erfassen. Der Beitrag fasst Motivation, Datenmodell, IT- und Datenschutzkonzept, rechtliche und organisatorische Grundlagen sowie Ergebnisse der Pilotphase (13 Partner, 178 Datensätze bis 11/2025) zusammen und diskutiert Perspektiven zur Verstetigung und nationalen Skalierung.

1 Orthopädische Universitätsklinik Heidelberg
2 Fraunhofer IPA, Stuttgart
3 MeTKo-Zentrum Heidelberg-Stuttgart (Medizinisch-Technisches Kompetenzzentrum)
4 Berufsgenossenschaft Handel und Warenlogistik, Mannheim
Ausgangslage und Motivation
Medizinische Entscheidungen in der Rehabilitation und Hilfsmittelversorgung werden zunehmend anhand von Nutzen-Risiko-Abwägungen und Kosten-Nutzen-Überlegungen getroffen. In der Versorgung von Menschen nach Beinamputation besteht jedoch trotz klinischer und ökonomischer Relevanz häufig nur eine begrenzte Evidenzbasis, da die Versorgungsansätze heterogen sind, die Outcome-Parameter nicht einheitlich erhoben werden und Vergleichsdaten fehlen. Das Projekt AMP-Register bietet einen Ansatz, die Versorgung strukturiert zu analysieren und erfolgreiche Versorgungsalgorithmen zu entwickeln. Vorarbeiten zeigen auf, dass der Versorgungsverlauf bisher in vielen Bereichen primär empirisch geprägt ist und Entscheidungen oft auf der Erfahrung einzelner Teams beruhen, während belastbare, prospektive Daten für „Goldstandards“ selten verfügbar sind [1]. Hinzu kommen Informationsverluste, die insbesondere bei sektoralen Übergängen zwischen stationären und ambulanten Partnern zum Teil unvermeidbar sind und den Versorgungsverlauf negativ beeinflussen können.
Parallel steigen regulatorische Anforderungen an Medizinprodukte. Die Medical Device Regulation (MDR) fordert eine klinische Bewertung und eine strukturierte Post Market Surveillance. Für prothetische Versorgungen bedeutet dies, dass reale Versorgungsdaten, Komplikationen und patientenrelevante Outcomes systematisch dokumentiert werden sollten, um Wirksamkeit und Sicherheit über den gesamten Produktlebenszyklus abzubilden [1]. Auch Leistungserbringer und Kostenträger benötigen nachvollziehbare Parameter, um die Versorgung zu planen und Entscheidungen zur Kostenübernahme zu begründen. Ein Register kann hier standardisierte Erhebungsparameter bereitstellen, die sowohl in der klinischen Dokumentation als auch für wissenschaftliche Fragestellungen nutzbar sind. Nicht zuletzt bietet das Register eine Möglichkeit zu internen Qualitätskontrollen. Kliniker und Techniker können ihre eigenen Strukturen geordnet und standardisiert erfassen, um interne Analysen durchführen zu können. Sei es zum Zweck der Untersuchung eigener Patientenkollektive, zum internen Controlling oder für die Analyse einzelner Patienten im Längsschnitt als Teil ihres Rehabilitationsverlaufs.
Vor diesem Hintergrund wurde im Vorläufer-Projekt AMP-Kompass auf Basis jahrelanger Vorarbeiten des Forschungsverbunds MeTKo-Zentrum Heidelberg-Stuttgart eine App zur versorgungsübergreifenden Datenerhebung in digitaler Form entwickelt (Abb. 1) [2]. Das AMP-Register verfolgt nun in der Konsequenz das Ziel, ein sicheres, systematisches, prospektives und multizentrisches Register zu etablieren, welches die Behandlung und Versorgung von Menschen mit Beinamputation bundesweit abbilden kann [1].
Zielsetzung
Das AMP-Register adressiert drei Kernziele:
- Aufbau einer interoperablen Datenbasis zur Charakterisierung der Versorgungsrealität (Chirurgie, Rehabilitation, orthopädietechnische Versorgung)
- Etablierung standardisierter, praxisnaher Outcome-Erhebungen zur Qualitätssicherung und Versorgungsforschung
- Bereitstellung einer digitalen Infrastruktur, die den Aufwand in der Routine minimiert und dennoch wissenschaftliche Datenqualität ermöglicht
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Nachhaltigkeit, wobei Mechanismen, Ressourcen und Organisationsstrukturen so entwickelt werden sollen, dass der Betrieb über die Projektlaufzeit hinaus gesichert werden kann.
Datenmodell und Gedanken zur Erhebungslogik
Das Datenmodell wurde iterativ aus der standardisierten Profilerhebung des Vorprojektes AMP-Kompass entwickelt und umfasst Angaben, Beurteilungen und Assessments zur Gesamtsituation der Betroffenen sowie Zielvorstellungen. Die Erhebungsbögen sind über die DGIHV e. V. veröffentlicht und auf der Homepage der DGIHV (www.dgihv.de) frei zugänglich. Neben Amputationsursache und ‑höhe werden orthopädietechnische, medizinische, psychosoziale und soziale Informationen sowie etablierte funktionelle Tests erfasst [1]. Die Erhebung ist in Teil A (Patientenbogen) und Teil B (Expertenbogen) gegliedert. Teil A kann bereits vor dem Kontakt beispielsweise im Wartebereich der Klinik oder des orthopädietechnischen Betriebs ausgefüllt werden, während Teil B durch geschulte Experten (z. B. Ärzte, Orthopädietechniker, Physiotherapeuten) erhoben wird (Abb. 2) [1].
Mindestens einmal jährlich ist eine vollständige Erhebung vorgesehen, um auf diesem Wege auch den regelhaften Nachuntersuchungen gerecht zu werden. Zusätzlich erlaubt die modulare Struktur anlassbezogene Teilerhebungen (z. B. bei neu aufgetretenen Stumpfproblemen oder Versorgungssystemwechsel). Dieser Ansatz unterstützt die Routine Integration und reduziert Dokumentationslast, ohne auf zentrale Variablen zu verzichten. Ein verpflichtender Kerndatensatz umfasst u. a. Grund der Vorstellung, Größe und Gewicht sowie zentrale Angaben zur Amputation und zur aktuellen Versorgung [1].
Zur Harmonisierung mit internationalen Kohorten wurde die Erhebung an Standards der Fachgesellschaft ISPO-International angepasst. Der inhaltliche Abgleich mit COMPASS (Consensus Outcome Measures for Prosthetic and Amputation ServiceS) der ISPO International zeigt eine Übereinstimmung von 83 % der Angaben [1, 2]. Für die orthopädietechnische Routine wurde zudem in Abstimmung mit dem Bundesinnungsverband für Orthopädietechnik ein minimaler, abrechnungsrelevanter Datensatz definiert, der die Teilnahme auch für Einrichtungen mit begrenzten Ressourcen erleichtern soll [1].
IT-Architektur, Interoperabilität und Datenschutz
Die technische Umsetzung verfolgt die Prämisse langfristiger Verfügbarkeit, Stabilität und hoher Datensicherheit. Medizinische Daten (mDAT) werden auf Servern in Deutschland gespeichert. Im Projekt wurde hierfür ein Server in der Open Telekom Cloud genutzt, der DSGVO-konform ist und branchenspezifische Bestimmungen zur Verarbeitung von Daten von Berufsgeheimnisträgern erfüllt. Somit wurden auch formale Aspekte, wie u. a. Zertifizierungen wie BSI C5 sowie ISO-Standards zur Cloud-Informationssicherheit, als relevante Rahmenbedingungen berücksichtigt [1].
Die Register Backend Komponenten sind containerisiert, und eine REST API ermöglicht das Speichern und Abrufen der mDAT sowie die Authentifizierung und Rechteverwaltung. Ein rollenspezifisches Zugriffssystem bildet die Organisationsstruktur der Registerpartner ab (Partner Admin, Nutzerrollen, Organisationseinheiten). Für Analysen können von allen Registerpartnern die eigenen Rohdaten im .csv-Format exportiert und in gängigen Programmen (z. B. SPSS/Excel) weiterverarbeitet werden [1].
Ein zentrales Element ist die strikte Trennung von identifizierenden Daten (iDAT) und mDAT. Das Pseudonymisierungskonzept orientiert sich an Empfehlungen aus dem Registerumfeld (OSSE/TMF) und nutzt die Mainzelliste zur Verwaltung der iDAT [1]. Die Mainzelliste ist als Open-Source-Dienst beschrieben und wurde in der Literatur für pseudonymisierte Registeranwendungen dargestellt [3, 4]. Die Trennung unterstützt sowohl Datenschutz als auch die spätere Möglichkeit, Daten aus verschiedenen Quellen einem Patienten zuzuordnen, ohne iDAT im Register zu speichern.
Datenexport, klinische Relevanz und Interoperabilität
Ein praxisrelevantes Merkmal ist die Exportfähigkeit der Profilerhebung als PDF im DIN-A4-Format. Dadurch können Erhebungen in klinische Dokumentationssysteme übernommen, in der elektronischen Patientenakte abgelegt oder bei Anträgen gegenüber Kostenträgern genutzt werden [1]. Zusätzlich ermöglicht der Rohdatenexport im .csv-Format eine unmittelbare wissenschaftliche sowie klinische und betriebliche Analyse. Hieraus ergeben sich vielfältige Möglichkeiten zur eigenständigen Weiterverarbeitung der Daten. Aus Sicht der Versorgungsforschung eröffnet dies insbesondere die Chance, Fragestellungen zu Stumpfproblemen, Passform, Aktivität oder Schmerz longitudinal zu untersuchen und Unterschiede zwischen Versorgungskonzepten oder Produktklassen auch im Querschnitt zu analysieren.
Im Projekt wurden zudem Gespräche mit ERP-Systemherstellern und telemedizinischen Koordinierungsstellen geführt, um eine spätere Interoperabilität vorzubereiten. Die technische Registerarchitektur ist entsprechend auf Schnittstellenfähigkeit ausgelegt. Eine automatisierte Datenübertragung erfordert jedoch grundsätzlich eine abgestimmte Koordination mit den jeweiligen Partnersystemen [1].
Für die weitere Planung von Skalierung und Finanzierung des Registers sind darüber hinaus belastbare Fallzahlabschätzungen von zentraler Bedeutung. Auf Basis deutscher Krankenhausabrechnungsdaten wurde für den Zeitraum 2005–2015 eine Anzahl von 115.146 Major-Amputationen der unteren Extremität berichtet [6]. Unter Einbezug publizierter Überlebensraten nach Major-Amputation lässt sich daraus die Größenordnung potenziell versorgungsrelevanter betroffener Menschen im zurückliegenden Jahrzehnt abschätzen [7].
Vor dem Hintergrund, dass in Deutschland zahlreiche orthopädietechnische Betriebe, therapeutische Praxen und klinische Einrichtungen und damit kumulativ betrachtet tausende Stellen an der Rehabilitation von Menschen mit Amputation beteiligt sind, wird die hohe Relevanz von Implementierungs- und Schulungsstrategien für eine nachhaltige Umsetzung eines solchen Registers deutlich [8].
Rechtliche und organisatorische Grundlagen
Für die Pilotphase und die perspektivische Ausweitung auf weitere Kliniken und orthopädietechnische Experten wurden Vertrags- und Rollenmodelle entwickelt. Im Rahmen der Kooperation werden Aspekte wie die Zusammenarbeit, Verantwortlichkeiten, Laufzeit, Finanzierung, Vertraulichkeit, Veröffentlichung und Haftung geregelt. Ergänzend wird eine Vereinbarung zur gemeinsamen Verantwortlichkeit nach Art. 26 DSGVO als Anlage vorgesehen, die u. a. Informationspflichten, Datenportabilität und Zuständigkeiten für Betroffenenrechte adressiert [1].
Für den nachhaltigen Betrieb über die Förderphase hinaus wurden unterschiedliche Organisationsformen analysiert und diskutiert. Dabei steht die Bedeutung von Gemeinnützigkeit zur Vertrauensbildung bei Anwendenden und Patienten im Vordergrund. Als Optionen wurden gGmbH und Vereinsstrukturen diskutiert, wobei die gGmbH zwar eine klarere Entscheidungs- und Kontrollarchitektur bieten kann, jedoch ein erhöhtes Haftungsrisiko aufweist. Ein Verein bietet eine transparente Mitgliederstruktur und erscheint derzeit geeignet [1].
Auf politischer Ebene wurden Anforderungen an bundesweite Register in Expertengesprächen u. a. mit dem Bundesministerium für Gesundheit adressiert. Hier sind die Arbeiten an einem Registergesetz mit dem Ziel eines einheitlichen Rechtsrahmens, von Qualifizierungsverfahren und einer Zentralstelle für medizinische Register zu nennen. Gleichzeitig wird die Unsicherheit bezüglich des Zeitplans und des Detailgrads betont [1, 5].
Methodische Aspekte zur Registerinterpretation
Registerdaten bilden Versorgung unter Alltagsbedingungen ab und unterscheiden sich damit von kontrollierten klinischen Studien. Für die Interpretation sind potenzielle Selektionsmechanismen (z. B. Schwerpunktzentren in frühen Phasen), Missing Data Muster sowie Änderungen der Erhebungsinstrumente über die Zeit zu berücksichtigen. Der modulare Ansatz des AMP-Registers unterstützt die Routineanwendung, erfordert jedoch klare Regeln zur Definition von Messzeitpunkten und zur Verknüpfung von Versorgungsepisoden mit Outcomes. Für Vergleiche zwischen Einrichtungen sind Risikoanpassungen und transparente Auswertungsprotokolle wesentlich, um Verzerrungen durch unterschiedliche Fallvermischungen zu minimieren. Longitudinale Verläufe ermöglichen es, die Effekte von Interventionen (z. B. Linerwechsel, Schaftsystem oder Passteilwechsel, physiotherapeutische Maßnahmen) innerhalb einer Person abzubilden und damit eine patientenzentrierte Qualitätssicherung zu unterstützen, aber auch Veränderungen im Verlauf kenntlich zu machen.
Ein weiterer Nutzen liegt in der Standardisierung von Begriffen und Dokumentationsverfahren. In der täglichen Praxis existieren unterschiedliche Bezeichnungen für Stumpfprobleme, Passformaspekte oder Aktivitätsniveaus, und strukturierte Auswahllisten sowie reduzierte Freitextanteile können hier die Vergleichbarkeit steigern. Gleichzeitig muss die Erhebung schlank bleiben, um Akzeptanz zu sichern. Daher ist die laufende Weiterentwicklung des Datenmodells anhand von Pilotdaten (z. B. Reduktion von Freitext, Ergänzung praxistauglicher Kategorien) ein zentrales Qualitätsmerkmal des Registers.
Pilotphase: Implementierung, Rekrutierung und erste deskriptive Ergebnisse
Die Pilotphase von AMP-Register umfasste die Entwicklung der Verwaltungswebsite, Tests der Tablet-Anwendung (AMP-Kompass), Schulungen sowie die schrittweise Einbindung von Registerpartnern aus unterschiedlichen Sektoren und Versorgungsbereichen. Ein positives Ethikvotum wurde erteilt. Zunächst begannen erste reguläre Datenerhebungen an der Orthopädischen Universitätsklinik in Heidelberg. Die notwendige AMP-Kompass-App wurde im März 2024 im Apple App Store und Google Play Store veröffentlicht (Abb. 3).
In der Folge wurden technische Herausforderungen identifiziert (u. a. Instabilitäten, Offline-Problematik, Datenverlust bei Verbindungsabbruch), die in mehreren Iterationen behoben wurden [1].
Bis Ende 2025 waren 13 Kliniken und Sanitätshäuser als aktiver Registerpartner registriert. Insgesamt wurden 178 Datensätze erhoben. Die Kohorte umfasst 110 Männer, 50 Frauen und 18 Personen ohne Geschlechtsangabe. Mittelwerte der Stichprobe: Körpergröße 176,97 cm (SD 9,6), Gewicht 82,0 kg (SD 13,1) und Alter 56 Jahre (SD 15,8) zum Erhebungszeitpunkt [1].
Die Kohorte der Pilotphase zeigt eine zunächst verzerrte Verteilung der Amputationsursachen (Überrepräsentation von Tumor und Trauma), die durch frühe Datenerhebungen am spezialisierten Zentrum erklärbar ist. Mit zunehmender Beteiligung weiterer Einrichtungen zeigte sich eine Verteilung, die die demografische Realität in Deutschland annähert. Insbesondere wurde ein Anstieg pAVK-bedingter Amputationen im Verlauf erkennbar (z. B. von 6 % auf 10 % in einer Zwischenstichprobe) [1]. Vaskuläre Ursachen gelten als häufige Indikation für Amputationen [6]. Im bundesweiten Durchschnitt liegt die Zahl pAVK-bedingter Amputationen sogar bei ca. 80 %.
Nutzerfreundlichkeit und Implementierungsaspekte
Die Akzeptanz digitaler Erhebungen hängt wesentlich von Bedienbarkeit, Robustheit und Integration in die klinischen und betrieblichen Arbeitsprozesse ab. Eine in der Pilotphase durchgeführte Nutzerbefragung von zehn teilnehmenden Experten ergibt u. a. die Zustimmung zur regelmäßigen Nutzung, die Wahrnehmung als einfach zu nutzen sowie ein hohes Sicherheitsgefühl bei der Nutzung. Gleichzeitig wurden technische Probleme (Abstürze/Einfrieren) als negative Punkte benannt, die jedoch programmierseitig behoben wurden [1].
Aus Implementierungssicht ist zudem die eindeutige Zuordnung von Versorgungen zu Outcomes eine Herausforderung. Anders als bei endoprothetischen Registern, wie dem EPRD (EndoProthesen Register Deutschland), können Patienten beispielsweise parallel mehrere prothetische Versorgungen für dieselbe betroffene Extremität für unterschiedliche Alltagsaufgaben nutzen. Das Registerkonzept adressiert diese Komplexität durch detaillierte Versorgungseinträge und die Möglichkeit, Erhebungen zeitlich und anlassbezogen zu verknüpfen. Zur Unterstützung der Routine wurden zudem Hilfetexte entwickelt, die in die App integriert werden sollen, Schulungsmaterialien erstellt und Partner Admins benannt, welche die lokale Nutzerverwaltung und Rechtevergabe übernehmen. Diese organisatorischen Elemente sind essenziell, um Datenqualität, Konsistenz und langfristige Nutzung zu sichern [1].
Netzwerkarbeit, Transfer und Einbettung in die Registerlandschaft
Für den Aufbau eines bundesweiten Registers sind Konsensprozesse mit Fachgesellschaften, Betroffenenvertretungen und weiteren Registern entscheidend. Im Projekt wurde diese „Netzwerkarbeit“ klar adressiert. Es erfolgte der umfassende Austausch mit der Deutschen Gesellschaft für interprofessionelle Hilfsmittelversorgung (DGHIV), dem Bundesverband für Menschen mit Arm- oder Beinamputation e. V. (BMAB) sowie mit Register und Versorgungsforschungsakteuren (z. B. EPRD/Register Solutions, TMF-Registertage, Vascunet, Gematik) [1].
Wissenschaftliche Beiträge (Vorträge, Workshops und Publikationen) unterstützten die Sichtbarkeit des Vorhabens und dienten der Einholung von unterschiedlichen argumentativen Perspektiven der verschiedenen beteiligten Gruppen in der Versorgung, aber auch im Gesundheitswesen und der Politik. Es folgten nationale, aber auch internationale Veröffentlichungen, die die Potenziale des Registers darlegten [1, 9, 10]. Beispielhaft genannt wurden registerbasierte Analysen zum Thema Schmerz nach Beinamputation publiziert, welche die Nutzbarkeit registerbasierter Daten für klinische Fragestellungen unterstreichen [11].
Ausblick
Nach heutigen Erkenntnissen bestehen für das Register mehrere Weiterentwicklungsziele:
- ein patientenbezogener QR-Code als Token, um Daten beim Wechsel der Einrichtung mitzuführen
- die digitale Patientenunterschrift auf Exportdokumenten, um Anforderungen von Kostenträgern zu erfüllen
- Schnittstellen zum automatisierten Datenaustausch mit bestehenden Systemen der Partner (Import von Stammdaten, Rückfluss in Waren/Patientenverwaltungssysteme)
Darüber hinaus ist für die Verstetigung eine tragfähige Struktur erforderlich, welche Datennutzung, Berichtswesen, wissenschaftliche Prioritäten und Zugriffsrechte transparent regelt. Perspektivisch kann das AMP-Register dazu beitragen, Versorgungsqualität über Einrichtungen hinweg vergleichbar zu machen, Benchmarking zu unterstützen und Hypothesen für Interventionsstudien zu generieren, den versorgungsrelevanten Datenaustausch zwischen den unterschiedlichen beteiligten Akteuren zu verbessern und Informationsverluste bei der individuellen Patientenversorgung zu verringern. Eine Ausweitung auf angrenzende Versorgungsbereiche (z. B. Diabetisches Fußsyndrom) wurde als Option diskutiert, da hier hohe Fallzahlen und dokumentationsintensive Versorgungspfade bestehen [1, 12, 13].
Fazit
Das AMP-Register stellt eine zentrale Infrastruktur bereit, um die Behandlung und Versorgung von Menschen mit Beinamputation in Deutschland standardisiert, digital und datenschutzkonform zu dokumentieren und zu analysieren. Die Pilotphase belegt die Umsetzbarkeit in unterschiedlichen Einrichtungstypen und liefert erste deskriptive Ergebnisse zur Versorgungssituation. Mit fortschreitender Rekrutierung und Verstetigung kann das Register die Evidenzbasis stärken, Outcome-orientierte Versorgung unterstützen und Anforderungen an Qualitätssicherung sowie Post Market Surveillance besser erfüllen.
Aber das Register hilft auch, eigene interne Strukturen zu erkennen und zu ordnen sowie Leistungsanforderungen der eigenen Patientenklientel besser zu verstehen, um Maßnahmen zu ergreifen, die diese berücksichtigen.
Begutachteter Beitrag/reviewed paper
Danksagung:
Wir danken allen Registerpartnern für die tatkräftige Unterstützung in dieser Pionierarbeit. Ohne ihre Teilnahme auch über das Projekt hinaus und ohne ihre wertvolle aktive Rückmeldung könnte ein solches Projekt nicht umgesetzt werden. Weiterhin danken wir dem Landesministerium für Integration und Soziales des Landes Baden-Württemberg für die finanzielle und inhaltliche Unterstützung und das damit verbundene Vertrauen in das Projekt.
Für die Autoren:
Merkur Alimusaj
Medizinisch-Technisches Kompetenzzentrum für Orthopädietechnik Heidelberg-Stuttgart (MetKo)
Orthopädische Universitätsklinik Heidelberg
Technische Orthopädie
Schlierbacher Landstr. 200a
69118 Heidelberg
Merkur.Alimusaj@med.uni-heidelberg.de
Alimusaj M et al. AMP-Register – aktueller Stand und Perspektiven des deutschen Amputationsregisters. Orthopädie Technik, 2026; 77 (6): 38–42
Abbildungen:
Literatur/Quellenverzeichnis
[1] Universitätsklinikum Heidelberg, Fraunhofer IPA. Abschlussbericht AMP-Register – Dezember 2025. Berichtszeitraum 01.11.2021–30.11.2025
[2] International Society of Prosthetics and Orthotics (ISPO). COMPASS (Consensus Outcome Measures for Prosthetic and Amputation ServiceS). User Guide, September 2021
[3] Lablans M, Borg A, Ückert F. Mainzelliste as an Open Source Service. Institut für Medizinische Biometrie, Epidemiologie und Informatik, Universitätsmedizin Mainz, 2013
[4] Lablans M, Borg A, Ückert F. A RESTful interface to pseudonymization services in modern web applications. BMC Medical Informatics and Decision Making, 2015; 15 (1): 2
[5] Richter-Kuhlmann E. Registergesetz: Eckpunkte stoßen auf Zustimmung. Deutsches Ärzteblatt, 2023; 120 (26): 1160–1161. https://www.aerzteblatt.de/archiv/registergesetz-eckpunkte-stossen-auf-zustimmung-3ba9b6a8-3a69-491e-97c8-42d7ffa01aee (Zugriff am 25.03.2026)
[6] Spoden M, Nimptsch U, Mansky T. Amputation rates of the lower limb by amputation level—observational study using German national hospital discharge data from 2005 to 2015. BMC Health Services Research, 2019; 19 (1): 8. doi: 10.1186/s12913-018‑3759‑5
[7] Pohjolainen T, Alaranta H. Ten-year survival of Finnish lower limb amputees. Prosthetics and Orthotics International, 1998; 22 (1): 10–16. doi: 10.3109/03093649809164452
[8] Pflegemarkt.com. Anzahl und Statistik der Sanitätshäuser in Deutschland. 2022. https://www.pflegemarkt.com/fachartikel/anzahl-und-statistik-der-sanitaetshaeuser/ (Zugriff am 25.03.2026)
[9] Alimusaj M et al. AMP-Kompass – AMP-Register: Versorgungsdokumentation nach Beinamputation. Orthopädie Technik, 2023; 74 (5): 52–54
[10] Alimusaj M et al. Update Amputationsregister Deutschland (AMP-Register). Die Unfallchirurgie, 2025; 128 (4): 240–247
[11] Nees TA et al. Pain after lower limb amputations: insights from the Heidelberg Amputation Registry. Medicina, 2024; 60 (11): 1887
[12] Deutsche Diabetes Gesellschaft, Deutsche Diabetes Hilfe. Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2024. Die Bestandsaufnahme. https://www.ddg.info/fileadmin/user_upload/Gesundheitsbericht_2024_Endversion.pdf (Zugriff am 25.03.2026)
[13] Eckhard M. Diabetisches Fußsyndrom: Amputationen häufig vermeidbar. Deutsches Ärzteblatt, 2023; 120 (19): 865–870
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