FachartikelPeer Review

Peer Coun­seling: Weg­be­rei­ter für eine opti­mier­te Nach­be­hand­lung nach Amputation

M. Beirau1, C. Prahm2, C. Güthoff2, G. Osterhoff1, 3, A. Ekkernkamp1
Unabhängig von der Ursache einer Amputation bedeuten die Akzeptanz und der Umgang mit dem akuten Ereignis für die Betroffenen eine große Herausforderung. Die Bewältigung, die Reintegration in das soziale sowie berufliche Leben und das Wiedererlangen der eigenen Aktivität bereiten amputierten Personen oft Schwierigkeiten und werden sehr unterschiedlich umgesetzt. Als Wegbereiter könnte ein Instrument mit lebendigem Vorbildcharakter dienen. Hierfür bieten sich selbst von Amputation betroffene Peers an denn diese oder selbsterfahrene Berater können durch die bereits erfolgreich bewältigte Problemsituation geeignete und authentische Unterstützung sowie Beratung leisten. Diese besondere Beratungsart, das „Peer Counseling“, erhält sowohl in der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK, 2009) als auch im Bundesteilhabegesetz und im SGB IX einen Rechtsrahmen. Für die untere und obere Extremität gilt es als leitliniengerechtes Angebot in der Rehabilitation.


1  Kli­nik für Unfall­chir­ur­gie und Ortho­pä­die, Unfall­kran­ken­haus Ber­lin, Ware­n­er Str. 7, 12683 Berlin
2  Zen­trum für kli­ni­sche For­schung, ­Unfall­kran­ken­haus Ber­lin, Ware­n­er Str. 7, 12683 Berlin
3  Lehr­stuhl für Trau­ma­to­lo­gie, Cen­trum für Mus­ku­los­ke­le­ta­le Chir­ur­gie, Cha­ri­té – Uni­ver­si­täts­me­di­zin Berlin

 

Ein flä­chen­de­cken­der und eta­blier­ter Ein­satz von Men­schen mit Behin­de­rung oder Peer Sup­port, wie bereits in der UN-BRK als Men­schen­recht gefor­dert, konn­te bis­her noch nicht erreicht wer­den. Es gibt jedoch zahl­rei­che akti­ve Bestre­bun­gen, eine nutz­ba­re Bera­tungs­struk­tur auf­zu­bau­en. Seit mehr als 10 Jah­ren beschäf­tigt sich die 2019 durch die Deut­sche Ver­ei­ni­gung für Reha­bi­li­ta­ti­on (DVfR) aus­ge­zeich­ne­te Initia­ti­ve „Peers im Kran­ken­haus“ mit der Imple­men­tie­rung und dem struk­tu­rier­ten Ein­satz der Bera­tung nach Ampu­ta­ti­on sowie der Fort­bil­dung der Peers. Die benö­tig­ten Bera­tun­gen regel­mä­ßig geschul­ter Betrof­fe­ner kön­nen inzwi­schen über den Bun­des­ver­band für Men­schen mit Arm- oder Bein­am­pu­ta­ti­on e. V. (BMAB e. V.) ange­fragt und genutzt werden.

Die posi­ti­ven Aus­wir­kun­gen die­ser Bera­tungs­form wur­den bis­her wenig wis­sen­schaft­lich auf­ge­ar­bei­tet. Die­ses Defi­zit soll durch die Ergän­zung eines von der DGUV (Deut­sche Gesetz­li­che Unfall­ver­si­che­rung) geför­der­ten For­schungs­vor­ha­bens mit dem Titel: „Der Effekt des Peer-Coun­seling Pro­gramms ‚Peers im Kran­ken­haus‛ (PiK) bei Ampu­ta­tio­nen“ aus­ge­gli­chen werden.

Vor­be­mer­kun­gen und Hintergrund

Der Fort­schritt in der ortho­pä­die­tech­ni­schen Ent­wick­lung der The­ra­pie ermög­licht jedes Jahr zahl­rei­che Inno­va­tio­nen, die für Nut­zer nach Ampu­ta­ti­on sowohl der obe­ren als auch unte­ren Extre­mi­tä­ten zur Ver­sor­gung des Glied­ma­ßen­ver­lus­tes zur Ver­fü­gung ste­hen. Die tech­ni­sche Ent­wick­lung in die­sem Sek­tor ist unver­än­dert bemer­kens­wert. Die chir­ur­gi­sche The­ra­pie passt sich die­sen Fort­schritts­pro­zes­sen mit inno­va­ti­ven ope­ra­ti­ven The­ra­pie­ver­fah­ren an.

Blickt man auf den tat­säch­li­chen Ver­sor­gungs­pro­zess nach Ampu­ta­ti­on und auf eine not­wen­di­ge struk­tu­rier­te Reha­bi­li­ta­ti­on, muss fest­ge­stellt wer­den, dass deut­li­che Defi­zi­te vor­herr­schen. Die Ergeb­nis­se der Unter­su­chung von Gai­dys und Michae­lis lie­ßen dies bereits 2012 klar erken­nen. Pro­the­sen­nut­zung, Mobi­li­sa­ti­on und Teil­ha­be der Betrof­fe­nen ent­spra­chen nicht den Erwar­tun­gen. Es ergab sich die Not­wen­dig­keit eines struk­tu­rier­ten und über­grei­fen­den Reha­bi­li­ta­ti­ons­kon­zepts [1]. Hin­zu kam die For­de­rung nach einer spe­zi­fi­schen Unter­stüt­zung vor und nach der Gliedmaßenablation.

Der aku­ten Situa­ti­on aus­ge­setzt, wur­den die Betrof­fe­nen meist allein gelas­sen. Sie muss­ten sich die benö­tig­ten Infor­ma­tio­nen selbst erfra­gen und sich den Ver­sor­gungs- und Behand­lungs­weg mühe­voll aneig­nen. Kamen wei­te­re Erkran­kun­gen oder feh­len­de Unter­stüt­zung durch Ange­hö­ri­ge hin­zu, schien eine erfolg­rei­che Reha­bi­li­ta­ti­on oder Inte­gra­ti­on schier aussichtslos.

Lei­der konn­ten bis­her nur antei­lig Ver­än­de­run­gen mit opti­mier­ten Behand­lungs­be­din­gun­gen im Reha­bi­li­ta­ti­ons­pro­zess erzielt wer­den. Leit­li­ni­en wur­den erar­bei­tet und publi­ziert, um eine ange­mes­se­ne Ver­sor­gung errei­chen zu können.

Das Aus­maß des Ein­schnitts in die Lebens­be­rei­che, die Aus­wir­kun­gen und not­wen­di­gen Maß­nah­men kön­nen durch den Sozi­al­dienst im Kran­ken­haus nicht annä­hernd aus­rei­chend bear­bei­tet wer­den. Hin­zu käme die Not­wen­dig­keit einer psy­cho­lo­gi­schen Unter­stüt­zung, die kaum ange­bo­ten wird. Nach den Emp­feh­lun­gen der DVfR 2013 zur „Ver­bes­se­rung des teil­ha­be­ori­en­tier­ten Ver­sor­gungs­pro­zes­ses für Men­schen mit Bein­am­pu­ta­ti­on“ wer­den noch weit­rei­chen­de­re Maß­nah­men gefor­dert [2]. Die erfor­der­li­che Umset­zung steht aus.

Da Fra­gen, Bera­tungs­be­darf und Anlei­tung unmit­tel­bar vor und nach der erfolg­ten Ampu­ta­ti­on geklärt wer­den müs­sen, kom­men oft aus der Selbst­hil­fe rekru­tier­te Peers zum Ein­satz. Nicht sel­ten fra­gen Ampu­tier­te gezielt nach einem ent­spre­chen­den Bera­tungs­an­ge­bot. Das Peer Coun­seling unter­stützt Empower­ment, Selbst­wirk­sam­keit und psy­cho­so­zia­le Resi­li­enz der Betrof­fe­nen (Abb. 1). Es ent­stan­den Selbst­hil­fe­grup­pen, die sich aus­schließ­lich mit einem sol­chen Men­to­ring befas­sen. Die Bun­des­wehr nutzt ein­satz­ge­schä­dig­te Lot­sin­nen und Lot­sen für die Umset­zung von Hilfs- und Unter­stüt­zungs­an­ge­bo­ten [3]. Bedarf und Wunsch der Ampu­tier­ten für Bera­tung und Unter­stüt­zung sind offen­kun­dig erkennbar.

Ent­wick­lung der Bera­tung und Rechtsrahmen

Das Bera­tungs­an­ge­bot von Betrof­fe­nen für Betrof­fe­ne ent­stammt der eman­zi­pier­ten Behin­der­ten­ar­beit, der Inde­pen­dent-Living-Bewe­gung der 1970er Jah­re, und nahm sei­nen Ursprung in der Bür­ger­rechts­be­we­gung der USA. Ziel war eine gleich­be­rech­tig­te Teil­nah­me aller Men­schen am öffent­li­chen Leben [4].

Maß­nah­men und Inhal­te der Bewe­gung, ins­be­son­de­re die Nut­zung der Betrof­fe­nen­be­ra­tung, wur­den für Deutsch­land schritt­wei­se ab 1980 umgesetzt.

Maß­geb­li­chen Vor­schub zum struk­tu­rier­ten Auf­bau der Peer-Bera­tung leis­te­te schließ­lich die für Deutsch­land 2009 in Kraft getre­te­ne UN-Behin­der­ten­rechts­kon­ven­ti­on. In Arti­kel 26, „Habi­li­ta­ti­on und Reha­bi­li­ta­ti­on“, wur­de das Ange­bot zur Unter­stüt­zung durch Peer Sup­port fest­ge­schrie­ben [5].

Der Akti­ons­plan 2.0 der DGUV greift die Metho­de auf. Ein stan­dar­di­sier­tes Bera­tungs­for­mat für die Betreu­ung nach Ampu­ta­ti­on wird kon­ti­nu­ier­lich erar­bei­tet [6]. Im Rah­men eines Pilot­pro­jekts wur­de in den BG Kli­ni­ken Duis­burg und dem Unfall­kran­ken­haus Ber­lin zwi­schen 2013 und 2014 eine ers­tes struk­tu­rier­tes Bera­tungs­ver­fah­ren zur Unter­stüt­zung für Ampu­ta­ti­ons­ver­letz­te angeboten.

Das Recht auf ein gleich­ar­ti­ges, bera­ten­des Gespräch auf Augen­hö­he wur­de auch im Bun­des­teil­ha­be­ge­setz und dem Sozi­al­ge­setz­buch IX auf­ge­nom­men [7, 8]. Nutz­ba­re Bera­tungs­struk­tu­ren müs­sen aber zunächst auf­ge­baut und eta­bliert werden.

Leit­li­ni­en­ge­rech­te Rehabilitation

Die „Leit­li­nie Reha­bi­li­ta­ti­on nach Majo­ram­pu­ta­ti­on an der unte­ren Extre­mi­tät (pro­xi­mal des Fußes)“ wur­de 2019 nach Über­ar­bei­tung ver­öf­fent­licht [9]. 2024 kam die „S2k-Leit­li­nie Reha­bi­li­ta­ti­on nach Majo­ram­pu­ta­ti­on an der obe­ren Extre­mi­tät (pro­xi­mal der Hand)“ hin­zu [10].

Für die Reha­bi­li­ta­ti­on wird emp­foh­len, Peer Coun­seling zur früh­zei­ti­gen Unter­stüt­zung der Ampu­ta­ti­ons­re­ha­bi­li­ta­ti­on bereits unmit­tel­bar im Zeit­raum vor und nach ope­ra­ti­ver Inter­ven­ti­on einzusetzen.

Je frü­her die benö­tig­ten Infor­ma­tio­nen zu den Betrof­fe­nen gelan­gen, des­to geeig­ne­ter kön­nen erfolg­rei­che Maß­nah­men durch Eigen­in­itia­ti­ve und Selbst­wirk­sam­keit umge­setzt wer­den. Somit wird die­se Bera­tung als leit­li­ni­en­ge­rech­tes Ver­fah­ren merk­lich gestärkt.

Initia­ti­ve „Peers im Kran­ken­haus“ (PiK)

Im BG Kli­ni­kum Unfall­kran­ken­haus Ber­lin wer­den für eine geziel­te Reha­bi­li­ta­ti­on nach Ampu­ta­ti­on bereits seit 2010 erfah­re­ne Betrof­fe­ne ein­ge­setzt. Aus den gewon­ne­nen posi­ti­ven Erfah­run­gen der Bera­tun­gen konn­te Unter­stüt­zung zum Aus­bau des Peer Coun­seling gewon­nen wer­den. Nach dem erfolg­rei­chen Pilot­pro­jekt 2013–2014 in Duis­burg und Ber­lin mün­de­ten Gesprä­che mit Koope­ra­ti­ons­part­nern des BMAB e. V., dem AOK-Bun­des­ver­band, der AOK Nord­ost, der DGUV und dem Unfall­kran­ken­haus Ber­lin in die Grün­dung der Initia­ti­ve „Peers im Kran­ken­haus (PiK)“ unter der Schirm­herr­schaft von Dr. Eck­art von Hirschhausen.

Die Initia­ti­ve wid­met sich dem struk­tu­rier­ten Auf­bau und der Eta­blie­rung der Peer­struk­tu­ren sowie der Netz­werk­bil­dung nach Ampu­ta­tio­nen. Zur Stär­kung des Peer­ein­sat­zes gehört die qua­li­fi­zier­te Schu­lung der Betrof­fe­nen­be­ra­ter. In regel­mä­ßi­gen Steu­er­kreis­sit­zung wer­den die jewei­li­gen Maß­nah­men bespro­chen und zeit­nah umge­setzt. Im Novem­ber 2014 fand die ers­te Fort­bil­dung für Peers nach Ampu­ta­ti­on in Ber­lin mit bereits hoher Teil­neh­mer­zahl statt. Inzwi­schen wird jähr­lich eine Fort­bil­dung für Peers ange­bo­ten, die durch den BMAB e. V. orga­ni­siert wird. Hier­bei wer­den die Kos­ten­trä­ger und Pro­fes­sio­nen glei­cher­ma­ßen ein­ge­bun­den (Abb. 2). Schritt­wei­se gelang es, geeig­ne­te Peer­struk­tu­ren zu instal­lie­ren und eine ver­ste­tig­te Bera­tung sowie Schu­lung für die Peers anbie­ten zu können.

Für die­se Leis­tun­gen wur­de der Initia­ti­ve 2019 die Kurt-Alphons-Joch­heim-Medail­le der DVfR ver­lie­hen (Abb. 3). Seit dem Aus­lau­fen der Pau­schal­för­de­rung durch die AOK 2024 wer­den die Bestre­bun­gen in Koope­ra­ti­on mit dem BMAB e. V., der DGUV und dem Unfall­kran­ken­haus Ber­lin fort­ge­setzt. Die nächs­te Fort­bil­dung fin­det am 13./14.11.2026 am Unfall­kran­ken­haus Ber­lin statt.

Nut­zen und Durch­füh­rung der Beratung

Wer­den früh­zei­tig im Behand­lungs­pro­zess die Wei­chen für die Akti­vie­rung der von der Ampu­ta­ti­on Betrof­fe­nen gestellt, kön­nen durch geziel­te Eigen­in­itia­ti­ve sowohl die tech­ni­sche Bera­tung als auch die Umset­zung der exo­pro­the­ti­schen Ver­sor­gung mit gestei­ger­tem Reha­bi­li­ta­ti­ons­po­ten­ti­al ein­her­ge­hen. Die Vor­bild­wir­kung der Peers moti­viert und unter­stützt posi­tiv [11].

Im kli­ni­schen All­tag las­sen sich die ehren­amt­li­chen Bera­te­rin­nen und Bera­ter jeweils beglei­tend zu den ope­ra­ti­ven Behand­lungs­schrit­ten oder wäh­rend der Reha­bi­li­ta­ti­on inte­grie­ren. Je nach Mög­lich­keit ste­hen den Kli­ni­ken eigens rekru­tier­te Peers aus der Pati­en­ten­ko­hor­te oder Per­so­nen aus bekann­ten Selbst­hil­fe­grup­pen und ggf. Ein­zel­per­so­nen zur Bera­tung zu Ver­fü­gung. Ein Ver­zeich­nis über die in der Bera­tung täti­gen Betrof­fe­nen oder eine zen­tra­le Kon­takt­stel­le exis­tiert nach wie vor nicht.

Der Zugang zu den Bera­tern wird, ver­mit­telt durch den BMAB e. V., inzwi­schen deut­lich erleich­tert. Die Hür­den, eine Bera­tung zu erhal­ten, konn­ten abge­baut werden.

Vor­tei­le der Peergespräche

Die Bera­tungs­ge­sprä­che fin­den in pas­sen­der Atmo­sphä­re im Kran­ken­haus außer­halb der nor­ma­len Sta­ti­ons­rou­ti­ne statt. Gesprächs­in­hal­te und sen­si­ble Infor­ma­tio­nen wer­den durch den Peer weder doku­men­tiert noch wei­ter­ge­ben. Der Betrof­fe­ne kann sei­ne Sor­gen ent­las­tend beim Peer offen­le­gen. Die Infor­ma­tio­nen blei­ben in die­sem inti­men Rah­men. Pro­ble­me kön­nen im direk­ten Aus­tausch bespro­chen, manch­mal bereits geklärt wer­den. Den feh­len­den offi­zi­el­le Cha­rak­ter des Gesprä­ches und die Abwei­chung von den Doku­men­ta­ti­ons­pflich­ten bewer­ten die Gesprächs­teil­neh­mer als sehr posi­tiv [12]. Eine Ein­bin­dung der Ange­hö­ri­gen oder sogar die Bera­tungs­si­tua­ti­on mit Peer in der ver­sor­gen­den Ortho­pä­die­tech­nik kön­nen ermög­licht wer­den. Durch das ähn­lich Erleb­te und die Gleich­ar­tig­keit kommt eine pas­sen­de Gesprächs­grund­la­ge mit Vor­bild­cha­rak­ter zustande.

Daten­la­ge und Wirksamkeitsnachweis

All­ge­mein gestal­tet sich die Suche nach wis­sen­schaft­li­chen Bele­gen für die Wirk­sam­keit des Peer­ein­sat­zes ins­be­son­de­re für die geziel­te Bera­tungs­form nach Ampu­ta­ti­on unver­än­dert unbe­frie­di­gend. Dar­an konn­te die Initia­ti­ve zum Peer­ein­satz noch kei­ne Ver­än­de­run­gen bewirken.

Um eine mög­li­che Daten­la­ge oder gar einen Wirk­sam­keits­nach­weis zu erhal­ten, wur­de ab Sep­tem­ber 2021 ein mul­ti­zen­tri­sches, DGUV-geför­der­tes Stu­di­en­vor­ha­ben mit dem Titel „Der Effekt des Peer Coun­seling Pro­gramms ‚Peers im Kran­ken­haus (PiK)‘ bei Ampu­ta­tio­nen“ begon­nen. Zahl­rei­che Kli­ni­ken aus dem gesam­ten Bun­des­ge­biet, ins­be­son­de­re die BG-Kli­ni­ken, sind an der Stu­die betei­ligt. Die Rekru­tie­rung wird im Novem­ber 2025 fina­li­siert. Bis Jah­res­en­de 2026 schließt sich die Pha­se der 1‑Jah­res-Nach­un­ter­su­chung und bis Anfang 2027 die Daten­aus­wer­tung an.

Ein­ge­schränkt wur­de die Stu­die auf­grund der feh­len­den Rekru­tie­rungs­leis­tung einer Kon­troll­ko­hor­te ohne eine eta­blier­te Bera­tung. Inzwi­schen wird die Daten­samm­lung in der Inter­ven­ti­ons­grup­pe nach Abstim­mung mit der DGUV-For­schungs­för­de­rung im ein­ar­mi­gen Design bei­be­hal­ten. Die Qua­li­tät der Aus­sa­ge­kraft zur Wirk­sam­keit ist durch den Aus­schluss der Kon­troll­grup­pe lei­der nur noch ein­ge­schränkt möglich.

Aus­sa­gen zum pri­mä­ren Ziel­kri­te­ri­um der gesund­heits­be­zo­ge­nen Lebens­qua­li­tät der Betrof­fe­nen nach der Inter­ven­ti­on, gemes­sen mit dem Short-Form 36 (SF-36) las­sen sich tref­fen, eben­so wer­den Basis­da­ten wie sozio­de­mo­gra­fi­sche Daten und sekun­dä­re Ziel­kri­te­ri­en erho­ben: psy­chi­sche Fak­to­ren, Geh­fä­hig­keit, Mobi­li­tät, Teil­ha­be, Angst, Stress, Selbst­wahr­neh­mung, Kör­per­emp­fin­den, Kom­pli­ka­tio­nen und Rehos­pi­ta­li­sie­rungs­zei­ten bzw. eine mög­li­che erreich­te Arbeitsfähigkeit.

Bis­her gelang ein Ein­schluss (Stich­pro­be 12.08.2025) von 171 Betrof­fe­nen, davon waren 79,8 % männ­lich und 19,1 % weib­lich. Die Alters­grup­pe 50–60 Jah­re war mit 29,5 % und 60–70 Jah­re mit 28,3 % ver­tre­ten. Die Ampu­ta­ti­on der unte­ren Extre­mi­tät war links füh­rend mit 47,4 %, wobei mehr­heit­lich der pro­xi­ma­le Unter­schen­kel betrof­fen war.

In der Stich­pro­be wur­den 101 (58,4 %) Per­so­nen mit unfall­be­ding­ter Ampu­ta­ti­ons­fol­ge, aber mit 30 % kar­dio­vas­ku­lä­ren Begleit­erkran­kun­gen aus­ge­macht. 45 % waren Arbeitsunfälle.

Aus­blick und wei­te­re Maßnahmen

Peer Coun­seling kann nicht nur als Weg­be­rei­ter der Reha­bi­li­ta­ti­on nach Ampu­ta­ti­on, son­dern auch zur not­wen­di­gen Pro­the­sen­an­pas­sung und wei­te­ren Teil­ha­be­för­de­rung gewinn­brin­gend ein­ge­setzt wer­den. Die Struk­tu­ren und mög­li­che Bera­te­rin­nen bzw. Bera­ter ste­hen an vie­len Kran­ken­häu­sern, in der Selbst­hil­fe oder sogar in den jewei­li­gen Sani­täts­häu­sern zur Ver­fü­gung. Dif­fe­ren­zier­te Struk­tu­ren für das Peer­an­ge­bot nach Ampu­ta­ti­on sind inzwi­schen vor­han­den, kön­nen über den BMAB e. V., zahl­rei­che Selbst­hil­fe­grup­pen, bei der Bun­des­wehr oder durch das Ange­bot der DGUV in Anspruch genom­men wer­den. Dabei wer­den die Ver­fah­ren und Kon­zep­te nicht nur in den BG-Kli­ni­ken wei­ter aus­ge­baut und in ande­re Betrof­fe­nen­be­rei­che über­tra­gen. Es lohnt sich, die­se Bera­tungs­form aus­zu­wei­ten und den posi­ti­ven Mehr­wert der Stei­ge­rung in allen Teil­ha­be­be­rei­chen für die Ampu­tier­ten zu nutzen.

Aus­ste­hend ver­bleibt ein wis­sen­schaft­lich unter­mau­er­ter Wirk­sam­keits­nach­weis. Eine hin­wei­sen­de, mul­ti­zen­tri­sche Stu­die zum Peer Coun­seling nach Ampu­ta­tio­nen wird bis zum Abschluss der Rekru­tie­rung und voll­stän­di­gen Aus­wer­tung im Febru­ar 2027 fort­ge­setzt. Im wei­te­ren Ver­lauf der Stu­die wird erwar­tet, dass zusätz­li­che Ergeb­nis­se gewon­nen wer­den, die nicht nur posi­ti­ve Effek­te des Peer Coun­selings auf­zei­gen, son­dern auch rich­tungs­wei­sen­de Hin­wei­se für die zukünf­ti­ge Gestal­tung von Reha­bi­li­ta­ti­ons­pro­zes­sen nach Ampu­ta­ti­on liefern.

 

Begut­ach­te­ter Beitrag/reviewed paper

 

Für die Autoren:
Dr. med. Melis­sa Beirau, Oberärztin
Behand­lungs­zen­trum für Rückenmarkverletzte
Kli­nik für Unfall­chir­ur­gie und Orthopädie
Unfall­kran­ken­haus Berlin
Ware­n­er Str. 7
12683 Berlin
Tel: 030 5681 3426
melissa.beirau@ukb.de

Zita­ti­on
Beirau M et al. Peer Coun­seling: ­Weg­be­rei­ter für eine opti­mier­te Nach­be­hand­lung nach Ampu­ta­ti­on. Ortho­pä­die Tech­nik, 2025; 76 (12): 34–38

 

Abbil­dun­gen:

 

Quel­len­ver­zeich­nis

[1] Gai­dys U, Michae­lis U. Opti­mie­rung der reha­bi­li­ta­ti­ven Ver­sor­gung von Men­schen vor, wäh­rend und nach Majo­ram­pu­ta­ti­on. Abschluss­be­richt Dezem­ber 2012. Ham­burg: Hoch­schu­le für Ange­wand­te Wis­sen­schaf­ten, Depar­te­ment Pfle­ge und Management.

[2] Schmidt-Ohle­mann M, Rensing­hoff R. Emp­feh­lun­gen zur Ver­bes­se­rung des teil­ha­be­ori­en­tier­ten Ver­sor­gungs­pro­zes­ses für Men­schen mit Bein­am­pu­ta­tio­nen unter beson­de­rer Berück­sich­ti­gung der Pro­the­sen­ver­sor­gung. Hei­del­berg: Deut­sche Ver­ei­ni­gung für Reha­bi­li­ta­ti­on (DVfR) , 2013. https://www.dvfr.de/fileadmin/user_upload/DVfR/Downloads/Stellungnahmen/DVfR-Empfehlungen_Versorgungsprozess_Amputation_-_Nov_Copy.pdf (Zugriff am 27.09.2024)

[3] Lot­sen. Zen­trum Inne­re Füh­rung – Lei­stel­le Lot­sen der Bun­des­wehr. www.bundeswehr.de/de/betreuung-fuersorge/betreuungsportal/betreuung-am-standort-/lotsen  (Zugriff am 15.03.2024)

[4] Rösch M. Ein­schät­zung eines Aus­bil­dungs­pro­gramms für behin­der­te Bera­te­rIn­nen. https://www.bundeswehr.de/de/organisation/zentrum-innere-fuehrung/leitstelle-lotsen-der-bundeswehr (Zugriff am 15.08.2024)

[5] Ber­not S. Men­schen­rech­te in der sozi­al­ge­richt­li­chen Pra­xis. Die UN-Behin­der­ten­rechts­kon­ven­ti­on. Hrsg. vom Deut­schen Insti­tut für Men­schen­rech­te. Moni­to­ring­stel­le UN-Behin­der­ten­rechts­kon­ven­ti­on, 2018. https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/fileadmin/Redaktion/Publikationen/Praxis_Menschenrechte_in_der_sozialgerichtlichen_Praxis.pdf (Zugriff am 11.02.2024)

[6] Deut­sche Gesetz­li­che Unfall­ver­si­che­rung e. V. (DGUV) Akti­ons­plan 2.0 der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung zur Umset­zung der UN-BRK in den Jah­ren 2015–2017. Hand­lungs­feld 2. Par­ti­zi­pa­ti­on. Ber­lin, o. J, 16–17. https://www.bgrci.de/fileadmin/BGRCI/Banner_und_Artikelbilder/Wir_ueber_uns/Inklusion/dguv-aktionsplan_2.0_barrierefrei.pdf (Zugriff am 10.09.2019)

[7) Bun­des­ge­setz­blatt (BGBl.) Teil I. Gesetz zur Stär­kung der Teil­ha­be und Selbst­be­stim­mung von Men­schen mit Behin­de­run­gen (Bun­des­teil­ha­be­ge­setz – BTHG). Abschnitt 2, Bera­tung, § 32, Ergän­zen­de unab­hän­gi­ge Teil­ha­be­be­ra­tung. Nr. 66. Bonn, 29.12.2016: 3248. www.bgbl.de (Zugriff am 27.02.2024)

[8] Sozi­al­ge­setz­buch – Neun­tes Buch – Reha­bi­li­ta­ti­on und Teil­ha­be von Men­schen mit Behin­de­rung – (Arti­kel 1 des Geset­zes v. 23. Dezem­ber 2016, BGBl. I S. 3234) (Neun­tes Buch Sozi­al­ge­setz­buch – SGB IX). Aus­fer­ti­gungs­da­tum: 23.12.2016. https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_9_2018/SGB_IX.pdf (Zugriff am 02.04.2024)

[9] AWMF online. Leit­li­nie Reha­bi­li­ta­ti­on nach Majo­ram­pu­ta­ti­on an der unte­ren Extre­mi­tät (pro­xi­mal des Fußes). Stand: 2019. AWMF-Regis­ter Num­mer:  187–056. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/187–056 (Zugriff am 15.03.2024)

[10] AWMF online. Leit­li­nie Reha­bi­li­ta­ti­on nach Majo­ram­pu­ta­ti­on an der obe­ren Extre­mi­tät (pro­xi­mal der Hand). Stand: 2024. AWMF-Regis­ter Num­mer: 187–061. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/187–061 (Zugriff am 15.08.2025)

[11] Lam­mers K. Peer-Unter­stüt­zungs­be­zie­hun­gen im Kon­text psy­chi­scher Beein­träch­ti­gung. Bei­trä­ge zur Teil­ha­be­for­schung. Wies­ba­den: Sprin­ger VS, 2025. doi: 10.1007/978–3‑658–47045‑6

[12] Brauk­mann J et al. Eva­lua­ti­on von Peer Coun­seling im Rhein­land. End­be­richt. Ber­lin, Düs­sel­dorf, Kas­sel: Land­schafts­ver­band Rhein­land (LVR) Dezer­nat 7 – Sozia­les, Dezer­nat 5 – Schu­len und Inte­gra­ti­on, Uni­ver­si­tät Kas­sel, Pro­g­nos AG, 2017.
https://www.lvr.de/media/wwwlvrde/soziales/menschenmitbehinderung/1_dokumente/peer_counseling/170717_Peer_Counseling_Endbericht.pdf (Zugriff am 15.07.2025)

 

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