Mar­tin Buhl-Wag­ner und Alf Reu­ter im Interview

Die Pandemie wandelt jeden Tag ihr Gesicht. Sah es im Mai noch so aus, als könnte zumindest in Deutschland und Europa die Pandemie auf kleinere Hotspots eingegrenzt werden, die sich durch die Nachverfolgung der Gesundheitsämter schnell im Griff bekommen lassen, so stellt sich die Sache nach den Sommerferien wieder anders da. Mitte August meldete das Robert-Koch-Institut (RKI) so viele Neuinfektionen wie zuletzt im April – also der Hochphase der Pandemie. Was diese Situation für die OTWorld.connect bedeutet, erklären Martin Buhl-Wagner, Geschäftsführer der Leipziger Messe GmbH, und der Präsidenten des Bundesinnungsverbands für Orthopädie-Technik (BIV-OT), Alf Reuter.

OT: Als Ver­an­stal­ter der OTWorld haben Sie früh­zei­tig ent­schie­den, dass es auch wäh­rend einer Pan­de­mie ein Event geben muss, auf dem sich die Fach­leu­te aus­tau­schen, Her­stel­ler ihre Neu­hei­ten dar­stel­len und Fort­bil­dun­gen ange­bo­ten wer­den kön­nen. Was hat Sie dazu gebracht an der Ver­an­stal­tung festzuhalten?

Alf Reu­ter: Unse­re Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter ver­sor­gen vom Tag eins der Pan­de­mie an. Das bedeu­tet, dass sie nicht zu den Berufs­grup­pen zäh­len, die sagen kön­nen: Ich hel­fe, die Ver­brei­tung des Virus ein­zu­däm­men, indem ich zu Hau­se blei­be. Wir müs­sen raus, wir müs­sen ver­sor­gen. Daher haben die ein­zel­nen Bun­des­län­der unser Fach auch klar als sys­tem­re­le­vant ein­ge­stuft. Die Sani­täts­häu­ser und ortho­pä­die­tech­ni­schen Werk­stät­ten blie­ben immer geöff­net. Gleich­zei­tig arbei­ten wir der­zeit unter ganz beson­de­ren Bedin­gun­gen, eine sol­che Situa­ti­on hat es seit der Spa­ni­schen Grip­pe vor rund 100 Jah­ren nicht gege­ben. Daher stel­len sich jedem von uns – und allen an der Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung Betei­lig­ten – jeden Tag neue Fra­gen. Die­se müs­sen geklärt und in prag­ma­ti­sche Lösun­gen über­führt wer­den. Man­che die­ser Lösun­gen sind Inte­rims­lö­sun­gen – ande­re könn­ten unse­re Ver­sor­gung nach­hal­tig ver­än­dern. Wir haben also gera­de jetzt viel Rege­lungs­be­darf und ein gro­ßes Bedürf­nis nach fach­li­chem und inter­dis­zi­pli­nä­rem Aus­tausch. Wir sind unse­rem Part­ner, der Leip­zi­ger Mes­se, dank­bar, dass sie eben­falls sofort die Ärmel hoch­ge­krem­pelt hat und For­ma­te kon­zi­piert, die sich agil an ver­schie­de­ne Pan­de­mie-Sze­na­ri­en anpas­sen lassen.

Mar­tin Buhl-Wag­ner: Zu den Schwer­punk­ten der Leip­zi­ger Mes­se gehö­ren Gesund­heits­mes­sen. Wir wis­sen um die Ver­ant­wor­tung, die das Gesund­heits­we­sen gera­de in Zei­ten einer Pan­de­mie trägt. Dazu zählt auch, den nöti­gen inter­na­tio­na­len Aus­tausch auf­recht­zu­er­hal­ten, der sich in der Regel auf Kon­gres­sen und Mes­sen abspielt. Die Her­aus­for­de­rung für uns besteht dar­in, in einer sich täg­lich ver­än­dern­den Lage ein voll­kom­men fle­xi­bles For­mat zu ent­wi­ckeln. Wir haben dafür ein spe­zi­el­les Team, das sich agil und mit Metho­den des „Design thin­king“ um die Ent­wick­lung dis­rup­ti­ver For­ma­te küm­mert. Auf die­se Erfah­rung konn­ten wir zurück­grei­fen – und in Abstim­mung mit unse­ren Part­nern das neue For­mat OTWorld.connect ent­wi­ckeln. Der Charme dabei: zwi­schen voll­stän­di­ger Digi­ta­li­sie­rung und voll­wer­ti­ger Prä­senz­ver­an­stal­tung ist damit alles möglich.

OT: Wel­che Schrit­te und Pro­zes­se prä­gen eine sol­che digi­ta­le Transformation?

Buhl-Wag­ner: Bei einem funk­tio­nie­ren­den Pro­dukt kann man sich ganz der Ver­bes­se­rung der Eigen­schaf­ten und der Pro­zes­se wid­men. Der Fokus des Mes­se­teams ist auf die Per­fek­tio­nie­rung des bereits erfolg­rei­chen For­mats gerich­tet – er liegt auf der Feh­ler­ver­mei­dung. Beim Design Thin­king geht es genau um das Gegen­teil. Hier sind Inno­va­ti­on und Mut zu Feh­lern gefragt. Neben einer kom­plett neu gedach­ten Hybrid­va­ri­an­te der OTWorld.connect gab es par­al­lel Vor­be­rei­tun­gen für eine voll­um­fäng­li­che „OnSite” – also Vor-Ort-Ver­si­on –, da es schon im März die Dis­kus­si­on unter Viro­lo­gen gab, die Pan­de­mie kön­ne noch vor dem Som­mer „über den Berg“ sein. Wir haben also früh­zei­tig mit den Behör­den ein Hygie­ne-Kon­zept für unse­ren Mes­se­platz ent­wi­ckelt. Als Ergeb­nis konn­ten wir bun­des­weit als ers­ter Mes­se- und Kon­gress­stand­ort ein voll­um­fäng­lich behörd­lich geneh­mig­tes Hygie­ne-Kon­zept anbie­ten. Im Sep­tem­ber star­ten bei uns die ers­ten Mes­sen. Da für die­sel­ben Viro­lo­gen eben­falls das Sze­na­rio einer zwei­ten Wel­le bzw. einer nicht zu stop­pen­den Aus­brei­tung des Virus denk­bar war, wuss­ten wir: Wir brau­chen außer­dem eine rein digi­ta­le Vari­an­te im Port­fo­lio. Zwi­schen bei­den Ver­sio­nen muss­ten wir voll anpas­sungs­fä­hig blei­ben. Dies ist die Basis unse­res hybri­den Konzepts.

OT: Wie las­sen sich die Modu­le für digi­ta­le Pro­dukt­prä­sen­ta­tio­nen vorstellen? 

Buhl-Wag­ner: Natür­lich lässt sich ein fer­ti­ger Mes­se­stand, den es phy­sisch bereits gibt, in ein 3D-Modell ver­wan­deln, mit digi­tal hin­ter­leg­ten Vide­os, ePa­pers etc. Das geht, wird aber nur mäßig ange­nom­men. Gemes­sen am rea­len Mes­se­be­such bleibt ein sol­ches Modell ein Kom­pro­miss. Daher sind wir mit unse­rer Toch­ter­ge­sell­schaft Fair­net einen ande­ren Weg gegan­gen: Wir haben digi­ta­le Mes­sen grund­sätz­lich anders gedacht und ein Kon­zept ent­wi­ckelt, das sich auf ein ganz eige­nes Mes­se­er­leb­nis kon­zen­triert, das die Besu­che­rin­nen und Besu­cher nur digi­tal erle­ben können.

OT: Sie hat­ten wenig Zeit, um das Modell zu ent­wi­ckeln. Wie ist es Ihnen gelun­gen, so schnell zu handeln?

Buhl-Wag­ner: Es gehört zu den Beson­der­hei­ten von Design Thin­king, dass bereits aus den ers­ten Ideen ein (unfer­ti­ger) Pilot ent­steht. Schon damit tritt man an den Kun­den her­an, um gemein­sam die nächs­ten Schrit­te zu defi­nie­ren. Um etwas wirk­lich Neu­es, mit­un­ter Dis­rup­ti­ves zu schaf­fen, muss man Per­fek­tio­nis­mus über Bord wer­fen. Natür­lich ist das eine Her­aus­for­de­rung für ein Team, das es gewohnt ist, alles noch bes­ser zu machen, das per­fek­ti­ons­ge­trie­ben ist. Ich bin wahn­sin­nig stolz, dass unser Team die­se Her­aus­for­de­rung ange­nom­men hat. Ich bin eben­so dank­bar für das Ver­trau­en, den Mut und die Mühen unse­rer Kun­den der OTWorld, die die­sen Weg gemein­sam mit uns gehen – und gemein­sam mit uns Neu­es ent­wi­ckeln. Gemein­sam gehen wir in die digi­ta­le Trans­for­ma­ti­on, auch mit Rück­schlä­gen. Doch aus Feh­lern ler­nen wir. Der Lohn: Es ent­ste­hen For­ma­te, die die Zukunft nach­hal­tig ver­än­dern können.

Reu­ter: Auch für uns war das kein ein­fa­cher Weg. Am ein­fachs­ten wäre wahr­schein­lich gewe­sen: Alles absa­gen und 2022 mit einer glän­zen­den OTWorld wie­der an den Start gehen. Ich tei­le jedoch das Mot­to von Ein­stein: „Pro­ble­me kann man nie­mals mit der­sel­ben Denk­wei­se lösen, durch die sie ent­stan­den sind“. Daher nach Coro­na ein­fach so wei­ter­ma­chen und die Lage aus­sit­zen, als wäre nichts gewe­sen – das war und ist für mich kei­ne Opti­on. Im Ver­band, des­sen Füh­rung ich qua­si mit Coro­na über­nom­men habe, haben wir sofort die Gre­mi­en befragt. Wir waren uns einig, z. B. im Len­kungs­aus­schuss, in dem das Prä­si­di­um und die gewähl­ten Ober­meis­ter der Län­der regel­mä­ßig zusam­men­kom­men, dass wir ein For­mat anbie­ten wol­len. Wir wol­len auch ein Zei­chen dafür set­zen, dass wir es uns als Leis­tungs­er­brin­ger gar nicht erlau­ben kön­nen, uns wäh­rend Coro­na zurück­zu­leh­nen. Im Gegen­teil: Von Beginn an ist deut­lich gewor­den, dass etwas in Deutsch­land mäch­tig schief­läuft. Die Pro­ble­me unse­res Fachs wer­den zum Teil gar nicht gese­hen, Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten lei­den unter den Fehl­ent­schei­dun­gen von Kran­ken­kas­sen und Poli­tik. Dabei ist der Aus­tausch ist wich­ti­ger denn je. Wir haben also zügig unser Pro­gramm­ko­mi­tee und den Aus­stel­ler­bei­rat der OTWorld zusam­men­ge­ru­fen. Ich bin froh, dass alle an einem Strang gezo­gen haben. Der Kon­gress wur­de inner­halb von vier Mona­ten kom­plett neu geplant – eine Auf­ga­be, für die wir sonst 15 Mona­te benö­ti­gen. Dafür möch­te ich mich bei den Gre­mi­en und ins­be­son­de­re den Kon­gressprä­si­den­ten sowie dem Pro­gramm­ko­mi­tee der OTWorld bedanken.

OT: Wie geht es jetzt wei­ter mit der OTWorld.connect?

Reu­ter: 
Wir beob­ach­ten das Anstei­gen der Fall­zah­len mit gro­ßer Sor­ge und neh­men die Bedro­hung durch eine zwei­te Wel­le sehr ernst. Zwar haben wir bereits mit Poli­tik und Kran­ken­kas­sen sicher­ge­stellt, dass das Cha­os der ers­ten Wochen nicht wie­der ent­flammt – den­noch müs­sen wir die Lage als sehr gefähr­lich ein­stu­fen. Daher haben wir gemein­sam mit unse­ren Part­nern und den Gre­mi­en der OTWorld nun ent­schie­den, die Frei­heit zu nut­zen, die uns die OTWorld.connect auf digi­ta­ler Ebe­ne bie­tet. Eine Prä­senz­ver­an­stal­tung vor Ort wider­spricht der pan­de­mi­schen Lage. Die OTWorld.connect wird also aus­schließ­lich in der geplan­ten digi­ta­len Vari­an­te statt­fin­den. Wir wer­den uns zusätz­lich in den nächs­ten zwei Mona­ten dar­auf fokus­sie­ren, die Fra­gen des Fachs in die Dis­kus­si­on ein­zu­brin­gen. Ich freue mich dar­auf, dass wir am 11.9. einen Online-Round-Table durch­füh­ren, in wel­chem wir den Stand des Pro­gramms sowie die fach­li­chen und bran­chen­po­li­ti­schen Fra­ge­stel­lun­gen, die uns beschäf­ti­gen, vorstellen.

Buhl-Wag­ner: Neben der Ent­schei­dung, die Ver­an­stal­tung aus­schließ­lich digi­tal anzu­bie­ten, haben wir zugleich die Gele­gen­heit genutzt, ver­schie­de­ne Pilo­ten zu inte­grie­ren. Das hilft uns und der Bran­che, zukunfts­wei­sen­de For­ma­te zu tes­ten und wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Nicht zuletzt bedeu­tet digi­ta­le Trans­for­ma­ti­on, jede Ver­an­stal­tung als Ver­suchs­la­bor für Inno­va­tio­nen zu ver­ste­hen. Mit der OTWorld.connect stel­len wir neue Wei­chen – gemeinsam.

Die Fra­gen stell­te Cath­rin Günzel.

Zu den Details des neu­en For­mats wer­den die Orga­ni­sa­to­ren am 11. Sep­tem­ber um 13 Uhr in einem Online-Round-Table umfas­send informieren.

BIV-OT-Prä­si­dent Alf Reu­ter und Mes­se-Geschäfts­füh­rer Mar­tin Buhl-Wag­ner stel­len das digi­ta­le Kon­zept der OTWorld.connect vor. Kon­gressprä­si­dent Micha­el Schä­fer wird im Rah­men der Ver­an­stal­tung auf die Höhe­punk­te des Kon­gress­pro­gramms ein­ge­hen und Ant­je Voigt­mann, Pro­jekt­di­rek­to­rin der OTWorld, erläu­tert die Beson­der­hei­ten der „Con­nect-Edi­ti­on“ für Aus­stel­ler und Teil­neh­mer. Die Mode­ra­ti­on der Ver­an­stal­tung über­nimmt Kirs­ten Abel, Lei­te­rin der Ver­bands­kom­mu­ni­ka­ti­on im BIV-OT.

Hier kön­nen sich Inter­es­sier­te im Vor­feld für eine Teil­nah­me registrieren.

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