Leit­li­ni­en­ar­beit erhöht Ver­ständ­nis füreinander

Als Mandatsträger des Bundesinnungsverbandes für Orthopädie-Technik (BIV-OT) für den Bereich Narbentherapie gehörte Orthopädietechniker-Meister Holger Pauli in den vergangenen beiden Jahren zu dem Gremium, das die Leitlinie S2k „Behandlung thermischer Verletzungen des Erwachsenen“ der Deutschen Gesellschaft für Verbrennungsmedizin (DGV) überarbeitete. Der 57-Jährige brachte dabei sein über Jahrzehnte erworbenes Fachwissen auf dem Gebiet der Narbentherapie ein. Im Gespräch mit der OT-Redaktion erklärt der geschäftsführende Gesellschafter des Sanitätshauses Pauli in Frankfurt am Main, welche Rolle die Sanitätshäuser bei der Versorgung von thermischen Verletzungen spielen (können) und welche Bedeutung Leitlinien für alle in der Versorgungskette Beteiligten und Patient:innen haben.

OT: Sie gel­ten als aus­ge­wie­se­ner Exper­te für die Nar­ben­the­ra­pie. Wie kamen Sie zu die­sem Spezialgebiet?

Hol­ger Pau­li: Im elter­li­chen Betrieb hat mein Vater bereits seit Mit­te der 1970er-Jah­re mit der Ver­sor­gung von Patient:innen mit Nar­ben begon­nen. Mein Berufs­ziel stand für mich bereits wäh­rend der Schul­zeit fest und so bin ich buch­stäb­lich in die­sen Bereich hin­ein­ge­wach­sen. Par­al­lel zu mei­nen bei­den Aus­bil­dun­gen in ande­ren Unter­neh­men habe ich mei­nen Vater bei Nar­ben­ver­sor­gun­gen beglei­tet. Die maxi­mal mög­li­che Ver­bes­se­rung des Haut­bil­des nach ther­mi­schen Ver­let­zun­gen zu erzie­len, ob bei Erwach­se­nen oder Kin­dern, ist unge­mein moti­vie­rend und mein Haupt­be­weg­grund, auf die­sem Gebiet inten­siv zu arbeiten.

OT: Wel­che Rol­le spie­len Sani­täts­häu­ser bei der Ver­sor­gung von Patient:innen mit ther­mi­schen Verletzungen?

Pau­li: Die Auf­ga­be im inter­pro­fes­sio­nel­len Team besteht dar­in, mit hoher Fach­kom­pe­tenz die Bera­tung, Risi­ko­ana­ly­se, Design-Erar­bei­tung, Maß­nah­me und indi­vi­du­el­le Anpas­sung und Her­stel­lung von Nar­ben­kom­pres­si­ons­ban­da­gen aus tex­ti­le­las­ti­schen und rigi­den Mate­ria­li­en umzu­set­zen. Ergänzt wer­den die­se Ver­sor­gun­gen durch Silon­tex, indi­vi­du­ell gefer­tig­te HTV- oder RTV-Sili­kon­pe­lot­ten, HTV- oder RTV-Sili­kon­son­der­kon­struk­tio­nen nach Abdruck und indi­vi­du­el­le Anpas­sung von dau­er­haf­ten sta­ti­schen und/oder dyna­mi­schen Streck- und Beu­ge­quen­geln bei Nar­ben­kon­trak­tu­ren sowie deren Repa­ra­tu­ren und Nach­pas­sun­gen. Die­se Auf­ga­ben oblie­gen qualiziertem Fach­per­so­nal wie präqualizierten Orthopädietechniker:innen und ähn­li­chen Fach­be­ru­fen mit Präqualikation. Auch die Anlei­tung zum Gebrauch, regel­mä­ßi­ge Kon­trol­len und die erfor­der­li­chen Doku­men­ta­tio­nen nach dem Medi­zin­pro­duk­te­ge­setz (MPG) fal­len in deren Auf­ga­ben­be­reich. Sani­täts­häu­ser kön­nen ein wich­ti­ger Part­ner im inter­pro­fes­sio­nel­len Team der Nar­ben­the­ra­pie sein. Vor­aus­set­zung hier­für sind eine fun­dier­te Aus­bil­dung und hohe Fach­kom­pe­tenz der aus­füh­ren­den Mitarbeiter:innen in die­sem Fachbereich.

OT: Woher bekom­men Sie Nach­wuchs für Ihren Betrieb?

Pau­li: Nar­ben­the­ra­pie ist ein wich­ti­ger Bereich in unse­rem Unter­neh­men. Somit bil­den wir den benö­tig­ten Nach­wuchs – wie in ande­ren Berei­chen auch – für die­sen Fach­be­reich selbst aus. Als Refe­rent der Bun­des­fach­schu­le für Ortho­pä­die-Tech­nik e. V. (BUFA) in Dort­mund gebe ich mei­ne Erfah­rung und mein Wis­sen ger­ne an die Schüler:innen und Kursteilnehmer:innen wei­ter. Wie bei allen Fel­dern unse­res Beru­fes gilt auch hier: Wer sich mit der Nar­ben­the­ra­pie aus­ein­an­der­setzt, muss es ernst mei­nen, mit viel Inter­es­se und gro­ßem Enga­ge­ment her­an­ge­hen und sich stän­dig wei­ter­bil­den. Nur so kön­nen wir gute Ver­sor­gun­gen abliefern.

OT: Wie steht es um die Akzep­tanz von Orthopädietechniker:innen in einem Leit­li­ni­en-Gre­mi­um, das über­wie­gend aus Mediziner:innen besteht?

Pau­li: Akzep­tanz und Aner­ken­nung in der Ärz­te­schaft erar­bei­ten sich Orthopädietechniker:innen, indem sie über Jah­re inner­halb der Teams ordent­li­che und gute Ergeb­nis­se erzie­len und damit ihre Fach­kom­pe­tenz nach­wei­sen. Wir arbei­ten bei der Nar­ben­the­ra­pie in inter­pro­fes­sio­nel­len Teams von Ärzt:innen, Phy­sio- und Ergotherapeut:innen sowie mit wei­te­ren Berufs­grup­pen eng zusam­men. Gemein­sam stim­men die Betei­lig­ten je nach Ursa­che und Ver­let­zung die indi­vi­du­el­len Behand­lungs­kon­zep­te ab. So ent­steht auch in Leit­li­ni­en-Gre­mi­en ein Dia­log auf Augen­hö­he aller betei­lig­ten Berufs­grup­pen mit hoher Ach­tung der Leis­tung des anderen.

OT: Was neh­men Sie mit aus Ihrer Leitlinienarbeit?

Pau­li: Es genügt nicht, die eige­ne Fach­ex­per­ti­se ein­zu­brin­gen. Um wirk­lich mit­zu­ar­bei­ten, muss­te ich mich in betei­lig­te Fach­ge­bie­te wie etwa die Schock­raum­ab­läu­fe, Inten­siv­me­di­zin und OP-Tech­ni­ken ein­le­sen und aktiv aus­tau­schen. Dabei habe ich unglaub­lich viel gelernt, konn­te mei­nen Hori­zont deut­lich erwei­tern und so ein noch tie­fe­res Ver­ständ­nis für die Exper­ti­se der ande­ren Berufs­grup­pen erlan­gen. Trotz oder gera­de wegen der vie­len Stun­den, die ich für die­sen Lern­pro­zess jen­seits der kon­kre­ten Gre­mi­en­ar­beit auf­ge­wen­det habe, empfinde ich die Mit­ar­beit als enorm berei­chernd. Des­halb freue ich mich sehr über mei­ne Man­dats­er­nen­nung zur der­zei­ti­gen Mit­ar­beit bei der Über­ar­bei­tung der S2k-Leit­li­nie zur „Behand­lung ther­mi­scher Ver­let­zun­gen im Kindesalter“.

OT: Wel­che Bedeu­tung haben Leit­li­ni­en für Patient:innen?

Pau­li: Leit­li­ni­en tra­gen dazu bei, den Ver­sor­gungs­pro­zess für die betrof­fe­nen Men­schen aktua­li­siert dar­zu­stel­len und Ver­sor­gungs­er­geb­nis­se zu ver­bes­sern, begin­nend bei der Erst­ver­sor­gung bis zur Aus­rei­fung der Nar­ben und Abschluss der Behand­lung. In die neue Ver­si­on der Leit­li­nie für die „Behand­lung ther­mi­scher Ver­let­zun­gen bei Erwach­se­nen“ wird für unse­ren Ver­sor­gungs­be­reich zum Bei­spiel die Sili­konthe­ra­pie ver­fei­nert dar­ge­stellt. Auch in Zukunft gilt das Prin­zip, über die Neu­fas­sun­gen von Leit­li­ni­en aktu­el­le Erkennt­nis­se und Stu­di­en­ergeb­nis­se in die Leit­li­ni­en einießen zu lassen.

Die Fra­gen stell­te Ruth Justen.

Die neue S2k-Leitlinie 
Wie von der Stän­di­gen Kom­mis­si­on Leit­li­ni­en der Arbeits­ge­mein­schaft der Wis­sen­schaft­li­chen Medi­zi­ni­schen Fach­ge­sell­schaf­ten (AWMF) in ihrem Regel­werk „Leit­li­ni­en“ gefor­dert, müs­sen Leit­li­ni­en in regel­mä­ßi­gen Abstän­den – spä­tes­tens nach fünf Jah­ren – aktua­li­siert wer­den. Die neue S2k-Leit­li­nie „Behand­lung ther­mi­scher Ver­let­zun­gen des Erwach­se­nen“ stellt die Aktua­li­sie­rung der ent­spre­chen­den Leit­li­nie aus dem Jahr 2018 dar. Sie wur­de von einem Gre­mi­um aus Ver­tre­tern der fol­gen­den Ver­bän­de und Fach­ge­sell­schaf­ten unter der Lei­tung von Prof. Dr. Hans-Oli­ver Ren­ne­kampff, Chef­arzt der Kli­nik für Plas­ti­sche Chir­ur­gie, Hand- und Ver­bren­nungschir­ur­gie am Rhein-Maas-Kli­ni­kum in Wür­se­len, als Leit­li­nie der DGV erstellt:

 

Deut­sche Gesell­schaft für Ver­bren­nungs­me­di­zin e. V. (DGV)
Deut­sche Gesell­schaft der Plas­ti­schen, Rekon­struk­ti­ven und Ästhe­ti­schen Chir­ur­gen e. V. (DGPRÄC)
Deut­sche Inter­dis­zi­pli­nä­re Ver­ei­ni­gung für Inten­siv- und Not­fall­me­di­zin (DIVI) e. V.
Deut­sche Gesell­schaft für Chir­ur­gie e. V. (DGCH)
Deut­sche Gesell­schaft für Hygie­ne und Mikro­bio­lo­gie e. V. (DGHM)
Deutsch­spra­chi­ge Gesell­schaft für Psy­cho­t­rau­ma­to­lo­gie e. V. (DeGPT)
Deut­scher Bun­des­ver­band für Nar­ben­the­ra­pie e. V. (DBNT e. V.)
Bun­des­in­nungs­ver­band für Ortho­pä­die-Tech­nik (BIV-OT)
Deut­scher Ver­band für Phy­sio­the­ra­pie (ZVK) e. V.
Deut­sche Gesell­schaft für Kin­der­chir­ur­gie e. V. (DGKCH)
Deut­sche Gesell­schaft für Phy­si­ka­li­sche und Reha­bi­li­ta­ti­ve Medi­zin e. V. (DGPRM) Cica­trix e. V.

Bezüg­lich der Hand­lungs­emp­feh­lun­gen sei­en in der aktu­el­len Ver­si­on kei­ne neu­en Vor­ga­ben zur Nar­ben­the­ra­pie hin­zu­ge­kom­men, es wür­de aber auf die aktua­li­sier­te Leit­li­nie Nar­ben­the­ra­pie hin­ge­wie­sen, wie Prof. Dr. Ren­ne­kampff erklär­te und zur Rol­le der Sani­täts­häu­ser im Ver­sor­gungs­team ergänz­te: „Die Sani­täts­häu­ser sind ver­ant­wort­lich für die sach­ge­rech­te Umset­zung der Ver­ord­nung sei­tens der Ärz­tin­nen und Ärz­te ins­be­son­de­re im Bereich Narben-Kompressionswäsche.“ 

 

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