E‑Health: Mehr Mut für Digitalien!

Weniger zweifeln, mehr machen! So lautete das Fazit des Branchenpolitischen Forums zum Thema E-Health, das am dritten Tag der OTWorld die analoge Gegenwart mit der digitalen Zukunft der Hilfsmittelversorgung abglich. Während in der Realität das Fax die Kommunikation bestimmt, wurde der Vorteil datenbasierter Prozesse für die Interdisziplinarität betont.

„Viel­leicht soll­ten wir in Deutsch­land mal dem Zwei­fel sei­ne Attrak­ti­vi­tät neh­men“, sag­te Univ. Prof. Dr. Tho­mas Druy­en in der Dis­kus­si­ons­run­de unter dem Titel „Ver­ant­wor­tung über­neh­men: Wie steht es um die digi­ta­le Ver­sor­gung und unser Mind­set eHe­alth?“ Für den Direk­tor der Sig­mund Freud Pri­vat­Uni­ver­si­tät, Insti­tut für Zukunfts­psy­cho­lo­gie und Zukunfts­ma­nage­ment, der eben­falls im Vor­stand des Opta Data Insti­tuts sitzt, war die OTWorld „ein bio­gra­fi­sches Hap­pe­ning“: „Hier sind muti­ge Leu­te, hier sind Visio­nä­re“, mein­te er begeis­tert. „Für mich steht über dem Gebäu­de Mut“, so Druy­en. Und Mut kann die Bran­che mit Blick auf die Digi­ta­li­sie­rung gut gebrau­chen. Denn: „Zumin­dest theo­re­tisch geht heu­te sehr viel“, wie auch Mode­ra­tor Hen­ning Quanz beton­te. Zwar wer­de im Gesund­heits­we­sen vom Digi­ta­len geträumt, die Rea­li­tät sei dann aber doch noch sehr analog.

Neue Art des Denkens

„Digi­ta­li­sie­rung ist eine neue Art des Lebens, eine neue Art des Den­kens, eine neue Art des Orga­ni­sie­rens“, erklär­te Druy­en. Es han­de­le sich um ein „ande­res neu­ro­na­les Mind­set“, bei dem Jugend­li­che teils ihren Leh­rern über­le­gen sei­en und in dem die Gesell­schaft noch nicht ange­kom­men sei. „Die Digi­ta­li­sie­rung kann ich bes­ser erklä­ren als mein 15-jäh­ri­ger Sohn – der kennt sich nur bes­ser aus.“ Die Deut­schen sei­en „Resi­li­en­z­welt­meis­ter“: Wer auf Sicher­heit set­ze, habe Pro­ble­me mit Unsi­cher­heit und letzt­lich mit Ver­än­de­rung. „Wir brau­chen einen inter­ge­ne­ra­ti­ven Mix, um Schwer­fäl­lig­keit zu über­win­den“, wie es Druy­en nann­te. So man­cher habe Angst vor der „Strei­chung“ des Ana­lo­gen. Doch das Ana­lo­ge im Sin­ne von Fach­kom­pe­tenz wer­de immer bestehen blei­ben. Gefragt sei­en letzt­lich prak­ti­sche Ergeb­nis­se, die über­zeu­gen könn­ten. So habe eine vir­tu­el­le Gesund­heits­ver­sor­gung einen kla­ren Mehr­wert: Plötz­lich kön­ne man Ärzt:innen aus aller Welt dazu­ho­len – den Vor­teil sehe jeder ein. „Ver­än­de­rung kommt ein­hun­dert­pro­zen­tig nicht von der Poli­tik“ – sie müs­se von den Patient:innen und aus dem Markt kommen.

Pro­phet im eige­nen Haus

„Man muss sich im Unter­neh­men einen Pro­phe­ten suchen. Einen jun­gen Men­schen“, berich­te­te Alf Reu­ter, Prä­si­dent des Bun­des­in­nungs­ver­ban­des für Ortho­pä­die-Tech­nik (BIV-OT) und Vor­stands­mit­glied des Bünd­nis­ses „Wir ver­sor­gen Deutsch­land“, von sei­nen Digi­ta­li­sie­rungs­er­fah­run­gen. Ers­te digi­ta­le Pro­zes­se habe er in sei­nem Betrieb 2014 ein­ge­führt und seit­dem eine stei­le Lern­kur­ve hin­ge­legt. Inzwi­schen sei vie­les ein­fa­cher gewor­den – so brau­che man dank Pay-per-Click-Model­len kei­ne Soft­ware mehr zu kau­fen. Die Inves­ti­ti­ons­hö­he sei gerin­ger als noch vor zehn Jah­ren. Die Hard­ware­kos­ten sei­en eben­falls mini­miert. Was aller­dings ins Gewicht fal­le, sei­en Schu­lungs­kos­ten für die Mitarbeiter:innen. Die Jün­ge­ren sind da aber recht schnell fit, schil­dert er sei­ne Erfah­rung. „Jün­ge­re spre­chen schon vom ‚betreu­ten Model­lie­ren’, wenn ein Älte­rer ran­geht.“ Es gebe einen Alters­un­ter­schied bei der Fähig­keit, sol­che Pro­gram­me zu nut­zen. Künf­tig wer­de das anders, denn die Ortho­pä­die-Tech­nik wer­de jün­ger und weib­li­cher. „Und das ist auch gut so. Ich habe fast nur noch weib­li­che Azu­bis. In zehn Jah­ren wird auch so ein Podi­um anders aus­se­hen“, spiel­te Reu­ter auf die Zusam­men­set­zung der Run­de an – sechs Män­ner und eine Frau.

Ver­wal­tung ist „Fla­schen­hals“

„Wenn ich mir die digi­ta­len Pro­zes­se in der Werk­statt anschaue, bin ich Inno­va­ti­ons­trei­ber“, unter­strich Reu­ter. Digi­ta­le Ver­wal­tungs­pro­zes­se wür­den jedoch von den Kran­ken­kas­sen aus­ge­bremst: „Da ist das Fax die Rea­li­tät.“ Für die Zukunft hofft er auf „durch­di­gi­ta­li­sier­te“ Pro­zes­se. „Es ist eine Mini-Digi­ta­li­sie­rung. Vom E‑Rezept zurück zum Papier­aus­druck …“, bestä­tig­te Prof. Dr. Wolf­ram Mit­tel­mei­er, der ers­te Vor­sit­zen­de der Deut­schen Gesell­schaft für inter­pro­fes­sio­nel­le Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung (DGIHV) e. V. und Direk­tor der ortho­pä­di­schen Kli­nik und Poli­kli­nik, Ros­tock. Er hofft auf Apps, die die Patient:innen unter­stüt­zen und zu mehr Adhä­renz, also The­ra­pie­treue, füh­ren. 3D-Pla­nung und 3D-Druck gehö­ren für ihn zum All­tag, wie Mit­tel­mei­er sag­te. Was feh­le, sei­en ein­heit­li­che Stan­dards, um unter­ein­an­der bzw. zwi­schen ver­schie­de­nen Ein­rich­tun­gen zu kom­mu­ni­zie­ren. Wesent­lich sei zudem, die Feh­ler­quo­te zu mini­mie­ren. Gemein­sam mit Prof. Dr. Neelt­je van den Berg, Bereichs­lei­tung Inno­va­ti­ve Kon­zep­te, regio­na­le Ver­sor­gung an der Uni­ver­si­tät Greifs­wald, berich­te­te er von E‑He­alth-Pro­jek­ten in Meck­len­burg-Vor­pom­mern. Digi­ta­li­sie­rung benö­ti­ge ein „Umden­ken in Orga­ni­sa­ti­on und Struk­tur“, so van den Berg. Ihr Pro­jekt zie­le dar­auf, die Fach­arzt­si­tua­ti­on in länd­li­chen Regio­nen zu ver­bes­sern und Expert:innen in Echt­zeit zu ver­bin­den. Im Bereich Ger­ia­trie zum Bei­spiel sei­en in Meck­len­burg-Vor­pom­mern regio­na­le Pati­en­ten­ak­ten imple­men­tiert wor­den. „Alle Behand­ler inklu­si­ve Ärz­te, Sani­täts­häu­ser, Pfle­ge­diens­te, The­ra­peu­ten und Apo­the­ken sind dabei. Gera­de Sani­täts­häu­ser sind sehr enga­giert“, erzählt sie. „Die Mög­lich­keit, durch E‑Health alle Gesund­heits­be­ru­fe in den ‚Inner Cir­cle’ ein­zu­be­zie­hen, ist eine Rie­sen­chan­ce.“ An gegen­sei­ti­ge Trans­pa­renz müss­ten sich aber alle Betei­lig­ten gewöhnen.

Grips behal­ten

„Das Ers­te, was wir tun müs­sen, ist die Angst aus dem Sys­tem raus­zu­neh­men“, stell­te Kon­gressprä­si­dent Dipl.-Ing. Mer­kur Ali­mus­aj fest. Für den Lei­ter der Tech­ni­schen Ortho­pä­die an der Ortho­pä­di­schen Uni­ver­si­täts­kli­nik Hei­del­berg beginnt Digi­ta­li­sie­rung mit der Aus­bil­dung. Dabei dür­fe das Wis­sen der „Alten“ weder ver­teu­felt noch ver­ges­sen wer­den. „Wir wer­den es brau­chen“, so Ali­mus­aj. „Es gibt zur­zeit kei­nen Algo­rith­mus welt­weit, der das indi­vi­du­el­le Anpas­sen über­neh­men kann. Das ist Grips, das ist Ortho­pä­die-Tech­nik.“ Mehr Zeit für Patient:innen jedoch – das kön­nen digi­ta­le Tools schaf­fen. Und mit digi­ta­ler Hil­fe las­sen sich die gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen der EU-Medi­zin­pro­duk­te-Ver­ord­nung (MDR, Medi­cal Device Regu­la­ti­on) bes­ser erfül­len, wie Dr. Urs Schnei­der, Lei­ter des Bereichs Medi­zin- und Bio­pro­duk­ti­ons­tech­nik beim Fraun­ho­fer IPA, fest­stell­te: „Die Betrie­be müs­sen mehr in Sicher­heit und Qua­li­tät inves­tie­ren. Das lässt sich nur mit Digi­ta­li­sie­rung stemmen.“

Cath­rin Günzel

 

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