Medizinische Kompressionsstrümpfe reduzieren die Beschwerden bei Adipositas-assoziierter funktioneller venöser Insuffizienz
Hintergrund: Viele übergewichtige Menschen entwickeln eine Adipositas-assoziierte funktionelle venöse Insuffizienz (AA-FVI), auch genannt Adipositas-assoziiertes Dependency Syndrom. Diese Studie untersucht den Einfluss von medizinischen Kompressionsstrümpfen (MKS) auf die Beschwerden. Patienten und Methoden: Es wurden 49 Patienten, 37 Frauen und 12 Männer, mit Body-Mass-Index (BMI) 30–40 kg/m2 und klinischem Bild einer AA-FVI entsprechend chronisch venöser Insuffizienz (CVI) Stadien C3–C5 eingeschlossen. Während der Interventionsphase trugen die Patienten knielange MKS der Kompressionsklasse 2 (KKL2). In der ersten Woche wurden am linken Bein Flachstrick-MKS getragen, am rechten Bein Rundstrick-MKS. In den folgenden drei Wochen trugen die Patienten beidseitig den MKS ihrer Wahl. Ergebnisse: Das Patientenalter lag durchschnittlich bei 54,0 Jahren und der BMI bei 35,6 kg/m². Die durchschnittliche tägliche Tragedauer der MKS betrug 9,6 Stunden. Unter den 40 Patienten mit analysierbaren Daten reduzierte sich der VVSymQ-Beschwerdescore auf 57 % des Ausgangswertes (p < 0,00001), insbesondere bei den Leitsymptomen Schwellung, Schwere, Schmerzen und Pochen. Ödeme lagen anfänglich bei 22 Patienten vor. Während der MKS-Intervention heilten diese bei 73 % der betroffenen Patienten ab. Die Passform und der Sitz der MKS wurden von 98 % der Patienten als gut oder sehr gut bewertet, das An- und Ausziehen wurde von 89 % bzw. 78 % als gut oder sehr gut bewertet. Diskussion: Das Beschwerdebild einer AA-FVI kann durch MKS effektiv reduziert werden. Die adipösen Patienten zeigten eine gute Therapieadhärenz.

1 Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, St. Josef-Hospital, Ruhr-Universität Bochum
2 Fakultät für Mathematik, Physik und Informatik, Universität Bayreuth
Einleitung
Die chronische Veneninsuffizienz (CVI) beschreibt Zustände einer fortgeschrittenen chronischen Venenerkrankung, die zu Ödemen, Hautveränderungen oder venösen Ulzerationen führt [1]. Diese klinischen Symptome können nicht nur durch Varizen ausgelöst werden, sondern auch durch andere funktionelle Störungen des Venensystems, wie zum Beispiel Veränderungen der venösen Hämodynamik durch Adipositas [2]. Dabei spielen die abdominellen Fettgewebsmassen eine relevante Rolle [3]. Aktuelle Studien belegen, dass fortgeschrittene Stadien der CVI wie Stauungsekzeme, Atrophie blanche und Ulcus cruris (CEAP-Klassifikation C4 bis C6) [4] mit einem erhöhten Body-Mass-Index (BMI) assoziiert sind. In der Bonner Venenstudie lag die für Alter, Geschlecht, Varizen-Familiengeschichte und weitere Risikofaktoren multivariabel adjustierte Prävalenzratio für eine schwere CVI (C4–C6 vs. C0/C1) bei adipösen Personen (BMI ≥ 30 kg/m²) bei 2,86 (95 % KI: 1,74; 4,69 kg/m²) im Vergleich zu normalgewichtigen Personen (BMI ≤ 24,9 kg/m²) [5]. Die multivariabel adjustierte Prävalenzratio für venöse Ödeme im Rahmen einer CVI (C3 vs. C0/C1) lag für adipöse Personen im Vergleich zu normalgewichtigen Personen bei 3,47 (95 % KI: 2,68; 4,48) [5]. Für Varizen lag die adjustierte Prävalenzratio demgegenüber bei einem BMI ≥ 30 kg/m² bei 1,57 (95 % KI: 1,33; 1,85) und war somit ebenfalls erhöht, jedoch nicht so ausgeprägt wie bei CVI.
Bedingt durch das viszerale Fettgewebe können bei adipösen Patienten funktionelle Beeinträchtigungen des venösen Abflusses statt hämodynamisch relevanten venösen Insuffizienzen wie eine Fehlfunktion der Venenklappen vorhanden sein. Diese Adipositas-assoziierte funktionelle Veneninsuffizienz (AA-FVI), auch genannt Adipositas-assoziiertes Dependency Syndrom [6, 7], kann durchaus zu schweren Verläufen mit ausgeprägten Ulcera crurum venosa führen [8].
Die Kompressionstherapie zur Behandlung der CVI im Rahmen von klassischen Refluxen im Bereich der oberflächlichen oder tiefen Venen beziehungsweise bei Obstruktionen im Rahmen eines postthrombotischen Syndroms ist gut etabliert [9, 10]. Hingegen ist die Wirksamkeit der Kompressionstherapie bei einer AA-FVI bislang noch nicht untersucht. Ziel der vorliegenden Studie war es, den Einfluss medizinischer Kompressionsstrümpfe (MKS) auf die Beschwerdesymptomatik der AA-FVI zu untersuchen und zu klären, ob die adipösen Patienten eher Rundstrick- oder eher Flachstrick-MKS präferieren.
Methoden
Patienten
In einer prospektiven, monozentrischen, kontrollierten, vergleichenden Studie wurden 49 Patienten ≥ 18 Jahre, mit einem BMI von 30 bis 40 kg/m² (gerundet) und dem klinischen Bild einer CVI an den Beinen entsprechend CEAP C3 bis C5, die in den letzten drei Monaten keine MKS getragen hatten, eingeschlossen. Das klinische Bild umfasste Ödeme, Hyperpigmentierungen, Rötungen, Dermatoliposklerose und Stauungsekzeme. Ausgeschlossen wurden Patienten mit anderen nicht adipositasbedingten Ursachen einer CVI wie zum Beispiel hämodynamisch relevante duplexsonografisch nachweisbare Insuffizienzen der oberflächlichen oder tiefen Venen, dekompensierte Ödemerkrankungen wie Niereninsuffizienz, Leberinsuffizienz oder Herzinsuffizienz, Einnahme von Medikamenten, die die Symptomatik der zu beobachtenden Beschwerden erheblich beeinflussen könnten (z. B. Glukokortikoide oberhalb der Cushing-Schwelle, regelmäßige Einnahme von Schmerzmitteln), erhebliche Mobilitätseinschränkungen bis hin zum arthrogenen Stauungssyndrom, absolute Kontraindikationen für MKS, ankle-brachial-index (ABI) < 0,6, absoluter Knöchelarteriendruck < 60 mmHg, Unfähigkeit, den MKS alleine, ggf. mit Hilfsmitteln wie Noppenhandschuhe oder Big Butler, an- oder auszuziehen oder bekannte Allergien gegen das Material der MKS. Zudem wurden Patienten ausgeschlossen, bei denen der maximale Umfang des Oberschenkels mehr als das Zweieinhalbfache des schmalsten Knöchelumfanges betrug oder bei denen Kalibersprünge bestanden, da dies einer Verwendung von Rundstrick-MKS entgegensteht. Unter einem Kalibersprung versteht man die Zunahme des Beinumfangs um mehr als einen Zentimeter innerhalb eines Zentimeters Längenänderung [11].
Der erste Patient wurde am 17. Januar 2019 in die Studie aufgenommen, der letzte Patient schloss die Studie am 7. März 2022 ab. Die Probanden wurden aus den regulären Sprechstunden des Venenzentrums der Kliniken für Dermatologie und Gefäßchirurgie der Ruhr-Universität Bochum rekrutiert. Sie wurden zunächst von den Studienkrankenschwestern und anschließend auch von den Studienärzten angesprochen. Alle Untersuchungen und Datenerhebungen fanden im oben genannten Venenzentrum statt. Die Basisdaten der Patienten wurden vor Beginn der Studie mittels standardisierter körperlicher Untersuchungen und Fragebögen erhoben. Die klinischen Symptome der Patienten wurden zu Beginn und am Ende der Studie mittels körperlicher Untersuchungen erfasst. Die Häufigkeit von Nebenwirkungen der MKS-Therapie sowie die Beurteilung der Passform und Handhabung der MKS wurden am Ende der Studie mittels standardisierter Fragebögen erhoben.
Die Patienten erhielten keine Anreize für ihre Teilnahme an der Studie.
Studiendesign und Intervention
Während der vierwöchigen Interventionsphase erhielten alle Patienten nach Vermessung der Beine im Studienzentrum maßangefertigte MKS, entweder den flachgestrickten mediven 550 oder den rundgestrickten mediven forte, die sie tagsüber zu Hause tragen sollten. Beide MKS-Typen waren Kompressionsklasse (KKL) 2 (23–32 mmHg), knielang (AD), mit geschlossener Fußspitze und in den Farben Caramel oder Schwarz erhältlich. Beide Produkte sind als Medizinprodukt für die Anwendung im untersuchten Patientenkollektiv zugelassen und am Markt verfügbar.
Die Studie war in drei Phasen aufgeteilt.
- Phase 1: Die Patienten trugen eine Woche lang keinen MKS.
- Phase 2: Die Patienten trugen eine Woche lang am rechten Bein den Rundstrick-MKS mediven forte, gleichzeitig am linken Bein den Flachstrick-MKS mediven 550.
- Phase 3: Die Patienten wählten entweder den Flachstrick-MKS oder den Rundstrick-MKS und trugen diesen die folgenden drei Wochen an beiden Beinen.
In allen Phasen dokumentierten die Patienten täglich ihre Symptome separat für jedes Bein in einem Patiententagebuch unter Verwendung der deutschen Übersetzung des validierten Varicose Veins Symptoms Questionnaire (VVSymQ) [12]. Dabei beantworteten die Patienten täglich zwischen 18.00 und 22.00 Uhr, wie häufig sie seit dem Aufstehen am Morgen jeweils die Symptome Schweregefühl, Schmerzen, Schwellung, Pochen und Juckreiz bemerkt hatten. Die sechs Antwortmöglichkeiten, die Score-Werten von 0 bis 5 entsprechen, lauteten: zu keinem Zeitpunkt, selten, einige Zeit, über einen langen Zeitraum, die meiste Zeit oder die ganze Zeit (Supplement Tab. S1). Der VVSymQ-Beschwerdescore ist die Summe der fünf Einzelsymptome und bewegt sich entsprechend zwischen 0 und 25. Darüber hinaus dokumentierten die Patienten die tägliche MKS-Tragezeit in einem Tagebuch.
Die Studie erhielt ein positives Votum der Ethikkommission der medizinischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum am 24.08.2018, Ethik Register-Nr. 17–6337-MPG.
Statistische Analyse
Das Design der Studie weist sowohl Elemente eines kontrollierten Versuchs wie auch einer Beobachtungsstudie auf. Das Hauptergebnis zur medizinischen Wirksamkeit der MKS basiert dabei auf einem kontrollierten Versuch. Bei den Überprüfungen der Voraussetzungen für die Auswertungen (insbesondere Residualanalyse) zeigte sich erwartungsgemäß, dass sich der VVSymQ-Beschwerdescore der einzelnen Patienten nicht gleichmäßig um einen konstanten Wert, sondern proportional zum Ausgangswert verminderte (Supplement Abb. S1). Der bei ähnlichen Fragestellungen häufig empfohlene gepaarte t‑Test wäre hier entsprechend inadäquat. Das stattdessen benutzte Proportionalmodell (Regression ohne Achsenabschnitt) ist daher sowohl statistisch geboten als auch intuitiv naheliegend und besser im Einklang mit der medizinischen Erfahrung. Angegebene p‑Werte sind stets nominal (wie für einen Einzeltest) berechnet. Falls erforderlich, kann die Berücksichtigung mehrerer Tests leicht durch eine Bonferroni-Korrektur erreicht werden, d. h. im einfachsten Fall durch Multiplikation der p‑Werte mit der Anzahl der zu berücksichtigenden Tests.
An manchen Tagen nahmen manche Patienten keine VVSymQ-Fragebogen-Eintragungen vor. Um die vorliegenden Daten möglichst gut zu nutzen und eine bestmögliche Vergleichbarkeit zwischen den Patienten zu gewährleisten, wurden die Daten eines Patienten dann in die statistische Analyse einbezogen, wenn alle Werte für das rechte und linke Bein an mindestens fünf Tagen in der betreffenden Woche gleichzeitig vorlagen (im Ergebnisteil bezeichnet als „analysierbare“ oder „ausreichende“ Daten). Wenn nicht anders beschrieben, beziehen sich alle dargestellten Daten und Ergebnisse zum VVSymQ und seinen fünf Einzelsymptomen auf Mittelwerte aus den Werten für das rechte und linke Bein. Diese wurden ihrerseits separat als Mittelwerte der für den jeweiligen Patienten pro Bein vorliegenden Daten von fünf bis sieben Tagen einer Studienwoche berechnet.
Die Stichprobengröße basierte auf ähnlichen Studien mit anderen Patientengruppen [13]. Alle statistischen Berechnungen wurden mit der Statistiksoftware R, Version 4.3.2, oder in Excel durchgeführt.
Ergebnisse
Es wurden 37 weibliche und 12 männliche Patienten mit AA-FVI eingeschlossen. Tabelle 1 stellt wesentliche Patientencharakteristika zu Studienbeginn für alle sowie getrennt für weibliche und männliche Patienten dar. Von den 49 Patienten lagen bei neun an beiden Beinen ein CEAP-Stadium C4 (trophische Hautveränderungen) vor, bei 38 Patienten ein CEAP-Stadium C3 (Ödem) und bei 2 Patienten an einem Bein C4 und am anderen Bein C3. Das mittlere Alter der Patienten betrug 54,0 Jahre, der mittlere BMI 35,6 kg/m² und der mittlere ABI 1,10.
Vor Beginn der MKS-Intervention variierte der VVSymQ-Beschwerdescore unter den 45 Patienten mit entsprechend analysierbaren Daten im Wochenmittel zwischen 0 und 19. Der mittlere VVSymQ-Beschwerdescore lag bei 6,75 (Supplement Tab. S2).
Während der MKS-Intervention in den Wochen 2 bis 5 nahm der VVSymQ kontinuierlich und deutlich ab, sowohl bei allen analysierbaren Patienten (Supplement Tab. S2) als auch in der Gruppe der 37 Patienten, die konstant über alle fünf Studienwochen ausreichend Daten beitrugen (Abb. 1 und Supplement Tab. S3). Die stärkste VVSymQ-Reduktion erfolgte unmittelbar nach Therapiebeginn in der ersten Woche der MKS-Intervention.
Unter den 40 Patienten, die sowohl zu Studienbeginn (Woche 1) als auch am Studienende (Woche 5) ausreichend Daten für die Analyse beitrugen, befand sich ein Patient, der zu beiden Zeitpunkten beschwerdefrei war. Unter den übrigen 39 Patienten verbesserte sich der VVSymQ-Beschwerdescore während der vierwöchigen MKS-Tragedauer bei 33 Patienten. Dies entspricht einer Erfolgswahrscheinlichkeit von 84,6 % (95 % KI: 71,9 %, 100 %; einseitiger Zeichentest: p = 0,000007).
Quantitativ reduzierte sich der VVSymQ-Beschwerdescore für alle 40 Patienten im Schnitt auf 57,4 % des Ausgangswertes (95 % KI: 46,2 %, 68,7 %; einseitiger Test „Proportionalitätsfaktor = 100 % gegen Proportionalitätsfaktor < 100 %“: p < 0,00001).
Zu Studienbeginn waren die Patienten vor allem von den Leitsymptomen Schwellung, Schwere und Schmerzen betroffen, mit mittleren Werten zwischen 2,03 und 1,67 auf der Skala von 0 bis 5. Pochen und Juckreiz waren mit mittleren Werten von 0,62 und 0,47 deutlich schwächer ausgeprägt (Supplement Tab. S4).
Während der MKS-Intervention in den Wochen 2 bis 5 nahmen die Symptome Schwellung, Schwere, Schmerzen und Pochen kontinuierlich und deutlich ab, sowohl bei allen in den jeweiligen Studienwochen analysierbaren Teilnehmern (Supplement Tab. S4) als auch in der Gruppe der 37 Patienten, die konstant über alle fünf Studienwochen ausreichend Daten beitrugen (Abb. 2 und Supplement Tab. S5). Juckreiz wurde von den Patienten in der ersten Interventionswoche etwas stärker angegeben und sank im Laufe der MKS-Intervention wieder auf das Niveau vor Interventionsbeginn ab.
In der zweiten Studienwoche, in der die Patienten am linken Bein Flachstrick-MKS und am rechten Bein Rundstrick-MKS trugen, zeigte sich kein systematischer Unterschied zwischen den für die beiden Beine angegebenen VVSymQ-Beschwerdescores (Supplement Abb. S2).
Im Anschluss an die zweite Studienwoche wählten 30 der 49 Patienten den Rundstrick-MKS und 18 der 49 Patienten den Flachstrick-MKS. Ein Patient hatte die Studie in der zweiten Studienwoche aufgrund von Beschwerden am Oberschenkel abgebrochen. Die Patienten, die einen Rund- oder Flachstrick-MKS wählten, unterschieden sich nicht wesentlich hinsichtlich CEAP-Klasse, Geschlecht, Alter, BMI oder ABI (Supplement Tab. S6).
Insgesamt wurden die MKS im Verlauf der Studie im Mittel 9,6 Stunden pro Tag getragen. Die Patienten, die einen Flachstrick-MKS wählten, trugen diesen pro Tag in allen Studienwochen im Mittel etwas länger als die Patienten, die einen Rundstrick-MKS wählten (Abb. 3).
Tabelle 2 enthält die Resultate für die Veränderung des VVSymQ-Beschwerdescores für verschiedene Patientengruppen. Diese Modelle wurden jeweils separat als Einzelregressionen berechnet, um die Annahme gleicher Fehlervarianzen zu vermeiden. Die Absenkung über die Zeit wurde mit dem einseitigen Test „Proportionalitätsfaktor = 100 % gegen Proportionalitätsfaktor < 100 %“ bewertet und der Unterschied zwischen den Gruppen mit dem zweiseitigen Welch-Test. Der VVSymQ-Beschwerdescore reduzierte sich insbesondere bei den Patienten, die ihre MKS durchschnittlich mehr als 8 Stunden pro Tag trugen, auf 42,3 % des Wertes zu Studienbeginn und damit deutlich stärker als bei den Patienten, die ihre MKS durchschnittlich nicht mehr als 8 Stunden täglich trugen (p = 0,0014) (Tab. 2).
Klinisch relevante Ödeme lagen vor Beginn der MKS-Intervention bei 22 von 47 Patienten mit entsprechenden Angaben an mindestens einem Bein vor. Während der MKS-Intervention heilten sie bei 16 der 22 Patienten (73 %) ab. Ein neues Ödem entwickelte sich bei einem Patienten (Tab. 3). Xerosis cutis lag vor MKS-Intervention an mindestens einem Bein bei 19 der 47 Patienten vor. Während der MKS-Intervention heilte diese bei 8 der 19 Patienten ab. Bei keinem Patienten trat Xerosis cutis neu auf (Tab. 3). Aus den Wechselspalten nein/ja und ja/nein geht hervor, dass in der Gesamtbetrachtung für kein Symptom eine Verschlechterung eintrat. Für diese Spalten wurde ein einseitiger Test auf Verbesserung (McNemar-Test mit exakter Berechnung durch die Binomialverteilung) durchgeführt. Sowohl für Ödeme als auch Xerosis cutis ergab sich dabei jeweils eine hochsignifikante Reduzierung der Fälle.
Eine deutliche Mehrheit der Patienten gab am Studienende an, nur selten oder nie ein Engegefühl an Fuß, Unterschenkel oder Bündchen gespürt oder Schnürfurchen am Spann entwickelt zu haben (Tab. 4).
Ebenfalls eine deutliche Mehrheit der Patienten bewerteten Sitz und Handhabung (sowohl das An- als auch das Ausziehen der Strümpfe) der MKS mit „gut“ oder „sehr gut“. Dabei fiel die Bewertung am Studienende, nach dem dreiwöchigen Tragen der Wunsch-MKS, noch etwas besser aus (Tab. 5) als nach der ersten Tragewoche, in der am rechten Bein Rundstrick- und am linken Bein Flachstrick-MKS getragen wurden (Supplement Tab. S7).
Diskussion
Die vorliegende Studie untersuchte erstmals die Auswirkungen der Kompressionstherapie auf die Beschwerden einer funktionellen Veneninsuffizienz bei Adipositas. Obwohl die Beinvenen der untersuchten Patienten mit Adipositas keine Refluxe und keine Lumenminderungen zeigten, traten doch erhebliche Beschwerden unter dem klinischen Bild einer chronischen Veneninsuffizienz auf. Diese Beschwerden waren unter Kompressionstherapie rasch rückläufig.
Obwohl die Prävalenz der Adipositas in den OECD-Staaten (Organisation for Economic Cooperation and Development) durchschnittlich bei 19,5 % liegt und in den USA sogar bei 38,2 % [14], gibt es bislang kaum Evidenz zur Behandlung venöser Erkrankungen adipöser Patienten [15]. Dies gilt insbesondere auch für die Kompressionstherapie.
Oft wird die Meinung vertreten, dass adipöse Patienten durch ihre geringere Beweglichkeit Kompressionsstrümpfe als schwierig handhabbar empfinden und dadurch eine schlechte Therapieadhärenz zur Kompressionstherapie haben [15, 16]. Zudem zeigte eine frühere Studie, dass übergewichtige Patienten mit einem BMI ≥ 25 kg/m² tendenziell häufiger Einschnürungen durch Kompressionsstrümpfe hatten als nicht übergewichtige Patienten (35,0 vs. 19,2 %,
p = 0,06) [17]. Während in vielen, wenn nicht in den meisten Studien zur Therapie venöser Erkrankungen der Beine adipöse Patienten jedoch ausgeschlossen wurden [15], liegen in der vorliegenden Studie nun erstmals spezifische Daten zur Kompressionstherapie adipöser Patienten mit venösen Erkrankungen vor.
Die Ergebnisse zeigen, dass der Tragekomfort der MKS von 98 % und die Handhabung von etwa 84 % der adipösen Patienten mit gut oder sehr gut bewertet wurde. Zudem traten bei den adipösen Patienten nur sehr wenige Begleiterscheinungen auf. Die durchschnittlichen Tragedauern lagen zwischen 9 und gut 10 Stunden pro Tag. Dies entspricht in etwa einem repräsentativ ausgewählten Kollektiv von Patienten mit venösen und lymphologischen Erkrankungen in Deutschland, welches die MKS ebenfalls überwiegend täglich und im Mittel 11 Stunden pro Tag trägt [18].
Es ist davon auszugehen, dass die gute Therapieadhärenz mit dem guten Tragekomfort und insbesondere mit der sehr raschen (die Effekte waren bereits in der ersten Studienwoche sichtbar) und deutlichen Verringerung der von den adipösen Patienten genannten venösen Beschwerden einherging. Während der durchschnittliche VVSymQ-Wert zu Studienbeginn bei etwa 6,8 Punkten lag, waren die Beschwerden am Studienende auf etwa 3,7 Punkte zurückgegangen. Die Leitsymptome Schwellung, Schwere und Schmerzen, aber auch Pochen, das den adipösen Patienten deutlich geringere Beschwerden verursachte, reduzierten sich alle um einen ähnlich starken Anteil. Zudem heilte bei der Mehrheit (73 %) der zu Studienbeginn von einem Ödem am Bein betroffenen Patienten das Ödem im Verlauf der vierwöchigen MKS-Therapie ab.
Als Nebenwirkungen von MKS werden häufig Hautirritationen wie zum Beispiel Xerosis cutis und Juckreiz angesehen. In der vorliegenden Untersuchung lag bei 40 % der adipösen Patienten, die vor der Studie keine medizinische Kompressionstherapie erhalten hatten, eine Xerosis cutis vor. Diese heilte im Verlauf der vierwöchigen MKS-Therapie bei fast der Hälfte (42 %) der Betroffenen ab, während sich unter den zu Studienbeginn nicht Betroffenen keine neue Xerosis cutis entwickelte. Von Juckreiz, der als eines der fünf klinischen Symptome im VVSymQ-Score erhoben wurde, waren die Patienten sowohl zu Beginn als auch am Ende der Studie nur schwach betroffen.
Dieser Befund ist bemerkenswert, angesichts der mit einer Adipositas oftmals einhergehenden gestörten epidermalen Barrierefunktion. Diese zeigt sich in einem signifikant erhöhten transepidermalen Wasserverlust und einer vermehrten Erythemneigung im Vergleich zu normalgewichtigen Personen [19] und führt klinisch vermehrt zu trockener Haut [20]. Auch die bei Adipösen häufig auftretenden plantaren Hyperkeratosen [21] führten in der vorliegenden Studie nicht zu Einschränkungen der Kompressionstherapie.
Unter den untersuchten adipösen Patienten entschieden sich 62,5 % für Rundstrick-MKS und 37,5 % für Flachstrick-MKS. Adipöse Patienten mit Kalibersprüngen, die nur mit Flachstrick-MKS therapiert werden können, wurden nicht in die Studie eingeschlossen, um den direkten Vergleich zwischen den beiden MKS-Arten zu ermöglichen. Sowohl Rundstrick- als auch Flachstrick-MKS waren wirksam. Ein Zusammenhang mit der Stärke der VVSymQ-Reduktion zeigte sich bei der Analyse der MKS-Tragedauern. Patienten, die ihre MKS durchschnittlich mehr als 8 Stunden am Tag trugen, erzielten eine deutlich stärkere Abnahme ihrer Beschwerden.
Bei AA-FVI verursachen die viszeralen Fettgewebsmassen eine Obstruktion der Leistenvenen, was in der Folge zu einem erhöhten intravasalen Druck in den unteren Extremitäten führt. Bereits ein BMI von 25 kg/m² kann zu einem Druck von 20 mmHg in der Leiste führen, was wiederum die Druckverhältnisse in den peripheren Venen der Extremität beeinflusst. Mit einem weiteren Anstieg des BMI steigt auch der Druck in der Leiste und im Venensystem der unteren Extremitäten. Durch den erhöhten intravasalen Druck im Venensystem der unteren Extremitäten verringert sich deren Blutflussgeschwindigkeit, was zu einem verminderten venösen Blutrückfluss führt [22]. Die Kompressionstherapie verringert den Durchmesser der Gefäße und verbessert so den venösen Blutrückfluss, da die Venenklappen wieder besser schließen und als Rückflussventile fungieren können. Der verbesserte venöse Abfluss reduziert den transmuralen Druck in den Venen der Extremitäten und verringert vorhandene Ödeme in den Beinen, da die Venen mehr Kapazität haben, Gewebeflüssigkeit aufzunehmen und zum Herzen zu transportieren. Diese verbesserte Venenfunktion könnte auch die Besserung der VVSymQ-Symptome erklären [23, 24].
Die Ergebnisse sind von hoher Versorgungsrelevanz, da Adipositas eine Volkskrankheit ist und es bei einer länger anhaltenden, nicht behandelten venösen Insuffizienz neben der subjektiven Beschwerdesymptomatik zur Ausprägung CVI-typischer Komplikationen wie Ödemen, Hyperpigmentierung, Dermatoliposklerose, Erysipelen, Atrophie blanche, Wundheilungsstörungen oder Ulzera kommt [6, 22, 25]. Darüber hinaus ist die Adipositas auch ein unabhängiger Risikofaktor für die Entstehung einer Thrombose [26, 27], der durch Kompressionstherapie ebenfalls effektiv vorgebeugt werden kann [9].
Eine Limitation der Studie besteht darin, dass es sich nicht um eine randomisierte kontrollierte Studie handelt, da die Hauptanalyse auf einem intraindividuellen Vergleich basiert, bei dem die Daten jedes Teilnehmers vor der Intervention als Kontrolldaten dienen. Eine weitere Limitation ist, dass unsere Studie auf adipöse Patienten mit einem BMI zwischen 30 und 40 kg/m² beschränkt war, sodass es unklar ist, ob Patienten mit einem höheren BMI ebenso stark profitieren wie die untersuchte Gruppe. Diese Einschränkung wurde bewusst vorgenommen, da das Risiko für besondere individuelle Körperformen, die mit der Rundstricktechnik nicht mehr behandelt werden können, mit dem Schweregrad der Adipositas zunimmt. Ein fairer Vergleich zwischen den beiden MKS-Typen wäre dann nicht möglich gewesen. Darüber hinaus steigt die Prävalenz von zusätzlichem Adipositas-assoziiertem Lymphödem mit dem Schweregrad der Adipositas, das gemäß den Leitlinienempfehlungen [28] und Expertenmeinungen [29] speziell mit Flachstrick behandelt werden sollte. Abgesehen davon lassen sich die Studienergebnisse jedoch weitgehend verallgemeinern, da die Patienten den MKS in ihrer häuslichen Umgebung trugen, es nur sehr wenige Studienabbrecher gab und die Therapieadhärenz hoch war, obwohl den Studienteilnehmern keine Anreize geboten wurden.
Fazit
Die Beschwerden und Symptome einer Adipositas-assoziierten funktionellen Veneninsuffizienz können durch MKS effektiv und nebenwirkungsarm behandelt werden. Die Effekte treten unmittelbar, bereits in der ersten Woche der Tragezeit ein. Schwellung, Schweregefühl, Schmerzen und Pochen gehen zurück. Mit einer durchschnittlichen täglichen Tragedauer zwischen 9 und gut 10 Stunden ist die Adhärenz zur Kompressionstherapie bei adipösen Patienten nicht niedriger als in der Allgemeinbevölkerung. Die Patienten präferieren teils Rundstrick, teils Flachstrick, beide MKS sind medizinisch wirksam. Die Bewertung der MKS durch die adipösen Patienten mit einem BMI von 30–40 kg/m² fällt sowohl hinsichtlich des Tragekomforts als auch der Handhabung überwiegend gut oder sehr gut aus. Die Ergebnisse sind von hoher Versorgungsrelevanz für die Behandlung von Adipositas und venösen Erkrankungen, da eine länger anhaltende, nicht behandelte venöse Insuffizienz neben der subjektiven Beschwerdesymptomatik in schwerwiegende Komplikationen wie Erysipelen, Wundheilungsstörungen oder Ulzerationen münden kann.
Begutachteter Beitrag/reviewed paper
Interessenkonflikt:
Der Autor M. Stücker erhielt Beratungsgebühren von Bauerfeind AG und Urgo GmbH sowie Rednerhonorare von Juzo GmbH und Urgo GmbH. Der Autor W. Olbricht erhielt eine Beratungsgebühr von der Katholischen Klinikum Bochum gGmbH.
Für die Autoren:
Prof. Dr. med. Markus Stücker
Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie
Venenzentrum der Dermatologischen und Gefäßchirurgischen Kliniken am St. Maria-Hilf-Krankenhaus, Kliniken der Ruhr-Universität Bochum
Hiltroper Landwehr 11 – 13
44805 Bochum
markus.stuecker@klinikum-bochum.de
Tel. 0234 8792–377
Stücker M, Olbricht W. Medizinische Kompressionsstrümpfe reduzieren die Beschwerden bei Adipositas-assoziierter funktioneller venöser Insuffizienz. Orthopädie Technik, 2026; 77 (8): 36–43
Abbildungen:
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