Dysmelie – insbesondere bei Kindern eine hoch individuelle orthopädietechnische Herausforderung
Dysmelien sind nicht seltene, angeborene Hemmungsmissbildungen, die in sehr unterschiedlichen Ausprägungen auftreten können. Sie können die obere oder die untere Extremität betreffen und ggf. mit weiteren körperlichen oder geistigen Erkrankungen gepaart sein. Zum Ausgleich der dadurch entstehenden Einschränkungen benötigt es eine individuelle Förderung (z. B. Physiotherapie und Ergotherapie) und eine Hilfsmittelversorgung. Dies umfasst Orthesen, Orthoprothesen und Alltagshilfsmittel und stellt insbesondere bei Kindern eine hoch individuelle orthopädietechnische Herausforderung dar.

Einleitung
Skelettale Erkrankungen des Fetus sind mit 5:1000 Schwangerschaften relativ häufig. Betroffen sein können einzelne Abschnitte der Extremitäten (Dysmelien), das ganze Skelett (Skelettdysplasien), der knöcherne Schädel (Kraniosynostosen) und die Wirbelsäule (Dysostosen, kaudale Regression). In 50 % der Fälle bestehen komplexe Krankheitsbilder1 2 3.
Die klinische Ausprägung angeborener Fehlbildungen am menschlichen Bewegungsapparat ist ausgesprochen vielfältig und sehr unterschiedlich in ihren motorischen Auswirkungen – insbesondere auch unter dem Aspekt, ob die obere oder die untere Extremität betroffen ist. Außerdem ist die Kombination der Fehlbildungen und der Begleiterkrankungen relevant für die daraus entstehenden Einschränkungen.
Zunächst wird sich der Säugling selbst kaum eingeschränkt fühlen. Ab dem Kleinkindalter jedoch wird dem Kind allmählich – je nach Schwere der Fehlbildung – klar werden, dass es nur eingeschränkt in der Lage sein wird, seine Neigungen und Begabungen zu realisieren. Die Behinderung kann zudem eine psychische Belastung darstellen – auch für die Eltern. Bewältigungsstrategien sind die Tarnung sowie das Vortäuschen des „Normalen“.
Der Wunsch nach möglichst umfangreicher Mobilität und Alltagsäquivalenz ist bei fast allen Patienten groß. Das Wissen um die orthopädietechnischen Versorgungsmöglichkeiten ist unter den verordnenden Ärzten jedoch oft nicht ausreichend und schwindet zunehmend seit dem Wegfall des einzigen Lehrstuhls für Technische Orthopädie und Rehabilitation an der Universitätsklinik in Münster im Jahr 20154.
Dysmelie
Eine Dysmelie ist eine angeborene Fehlbildung einer oder mehrerer Gliedmaßen. Nach ICD-10 (Q73.8) spricht man von „sonstige Reduktionsdefekte nicht näher bezeichneter Extremität(en)“. Für die Mehrzahl der Krankheiten sind genetische Ursachen (Einzelgen-Mutationen, numerische und strukturelle chromosomale Aberrationen) bekannt5 (Holt-Oram-Syndrom6 oder TAR-Syndrom) 7 8 efn_note] Roche Lexikon Medizin. 4. Aufl. München: Urban & Fischer, 1999 [/efn_note]. Bei exogenen Faktoren findet die Störung durch Noxen (z. B. Sauerstoffmangel, Pharmaka, Infektionen, Mangelernährung, Amniotisches-Band-Syndrom) in der Extremitätenentwicklung zumeist während der sensiblen Phase zwischen dem 29.–46. Schwangerschaftstag statt9 10. Die Ausbildung der Störung hängt in diesem Fall vom Zeitpunkt des Einwirkens und der Wirkungsdauer der Noxen ab11. Ein ätiologischer Zusammenhang mit exogenen Faktoren gelang bisher nur bei Thalidomid12. Eine Dysmelie kann per Sonographie im Rahmen der Pränataldiagnostik bereits im Mutterleib diagnostiziert werden und wirft bereits dann bei den Eltern Sorgen und Fragen auf13.
Etabliert hat sich die Einteilung der Dysmelien modifiziert nach Swanson14 (Tab. 1). Die geläufigsten Fachbegriffe rund um die Dysmelie sind in Tabelle 215 dargestellt.
Orthopädietechnische Versorgungsmöglichkeiten
Die orthopädietechnische Versorgung bei Dysmelien ist sehr individuell. Sie erfolgt in Abhängigkeit der Einschränkung, der Fehlbildung und der Ansprüche des Patienten und bei Kindern oft auch der Eltern. Wichtigster Grundsatz ist: Hilfsmittel sollen helfen! Deshalb nimmt im Rahmen der Versorgung die Hilfsmittelerprobung und später auch das Hilfsmitteltraining unter physio- und ergotherapeutischer Unterstützung einen großen Stellenwert ein.
Neben
- Orthesen, die vorhandene Gliedmaßen/Körperteile korrigieren/ stabilisieren, kommen
- Prothesen (ersetzen nicht vorhandene Gliedmaßen/Körperteile),
- Orthoprothesen (Kombination aus Orthese und Prothese; stützen den vorhandenen fehlgebildeten Körperabschnitt und ersetzen den fehlenden Anteil) und
- Hilfsmittel zum Einsatz.
Bei der Versorgung müssen viele Aspekte berücksichtigt werden:
- Grunderkrankung
- Ziel der Versorgung
- motorisches Niveau (aktuelles und angestrebtes)
- Wie viel ist von der Extremität vorhanden bzw. soll ersetzt werden? Welche Gelenke sollen rekonstruiert werden?
- weitere Defizite:
– z. B. an der kontralateralen oder oberen Extremität
– organische Einschränkungen (z. B. Herzfehler)
– kognitive Einschränkungen?
– psychische Belastung? - Liegen Deformitäten vor?
– ggf. Deformitätenanalyse (z.B. Gelenkwinkel) durchführen
– Müssen diese ggf. vor einer orthoprothetischen Versorgung operativ korrigiert werden? - Wie ist die Situation der vorhandenen Gelenke:
– Hüftsituation?
– Ist das Knie stabil?
– Ist die Patella: vorhanden, hypoplastisch, luxiert, instabil?
– Wie ist das Sprunggelenk: mobil? steif?
– Wie ist die Rückfußstellung: flexibel? steif? - Liegt eine Beinlängendifferenz vor? Wie ist die aktuelle Beinlängendifferenz, bzw. wie ist die zu erwartende Beinlängendifferenz? Soll mittelfristig die Länge der Extremität rekonstruiert werden (Einstellung im Spitzfuß oder gerade nicht)?
- … etc.
Folgende Kriterien – modifiziert nach Baumgartner16 17 18 19 – sind zusätzlich zu den direkt die Krankheit oder den Patienten betreffenden Kriterien zur Indikationsstellung und Erfolgswahrscheinlichkeit einer Orthesen-/Prothesenversorgung zu berücksichtigen:
- der körperliche und psychomotorische Entwicklungszustand
- der psychische Zustand
- die Umwelt
- die Ätiologie der Amputation (Behinderung/Einschränkung)
- die Höhe der Amputation (Behinderung/Einschränkung)
- liegt eine ein- oder mehrfache Amputation (Behinderung/Einschränkung) vor
- die Zeitspanne zwischen der Amputation (Behinderung/Einschränkung) und der Prothesenversorgung
- die Möglichkeiten der Orthopädietechnik
Nachfolgend werden die Aspekte von Baumgartner20 21 22 23 erläutert:
Der körperliche und psychomotorische Entwicklungszustand
Für eine erfolgreiche Versorgung müssen berücksichtigt werden:
- physische Probleme (z. B. Grunderkrankung, organische Erkrankungen, weitere Fehlbildungen, Weichteilverhältnisse)
- die geistige Entwicklung
- die Prothese/Orthese/Orthoprothese muss sich den Entwicklungsphasen anpassen:
– Säuglinge,
– Krabbelkinder,
– Schulkinder oder
– Jugendliche
haben verschiedene Bedürfnisse24 25.
Der psychische Zustand
„Der psychische Zustand ist wichtiger als der körperliche. Wir versorgen primär den Patienten, nicht den Stumpf“/die Extremität26.
Jedes betroffene Kind bzw. bei angeborenen Defiziten insbesondere deren Eltern durchleben verschiedene Phasen von Bewältigungsprozessen der Erkrankung: Schuldgefühle, Schock, Verleugnung, Aggression, Depression, Verhandeln, rationale und emotionale Akzeptanz bis hin zur Integration. Dies ist abhängig von Ausprägung der Fehlbildung, dem Wesen von Eltern und Kind, dem Alter und der Reife des Kindes sowie dem sozialen und kulturellen Umfeld27.
Die Umwelt
Die Umwelt besteht aus dem sozialen Umfeld, aber auch den kulturellen Traditionen. Bei kleinen Kindern ist vor allem der funktionelle Wert der Versorgung wichtig. Im Schulalter tritt der kosmetische Aspekt mehr in den Vordergrund. Es besteht der Wunsch nach Anpassung des eigenen Erscheinungsbildes an das von Gleichaltrigen.
Die Ätiologie (der Behinderung/Einschränkung)
Bei Kindern mit angeborenen Defekten ist ein klarer Vorteil die voll erhaltene Sensibilität am Stumpfende sowie die meist bessere Weichteilsituation als bei posttraumatischen Stümpfen. Außerdem fehlen bei angeborenen Defekten oft das „Versehrtheitsgefühl“ und der Wunsch nach Wiederherstellung, die bei Patienten mit einem späteren Extremitätenverlust vorliegen. Von angeborenen Fehlbildungen betroffene Kinder mögen ihre Extremitäten und finden zunächst von sich aus nichts Schlechtes an ihnen. Erst der Umgang der Umwelt damit prägt ihre spätere Einstellung dazu.
Die Amputationshöhe/Höhe (der Behinderung/Einschränkung)
Patienten mit einer peripheren Dysmelie (z. B. der Finger oder Zehen) benötigen meist keine Prothese/Orthese/Orthoprothese, da sie nur eine sehr geringe Funktionsminderung erfahren. Je kürzer die Extremität, desto größer ist der Wunsch des Patienten nach einer guten Versorgung.
Außerdem macht es einen gravierenden Unterschied, ob die obere oder die untere Extremität betroffen ist. Eine Versorgung der unteren Extremität findet häufig eine erkennbar höhere Akzeptanz, da sie ggf. essenziell zur Fortbewegung ist und somit eine persönliche Einschränkung deutlich reduziert werden kann28.
Die häufigste angeborene Extremitätenfehlbildung ist die Unterarmperomelie (es kommt eine Armfehlbildung auf 20.000 Geburten, meist in Form einer Unterarm-Peromelie) 29 30. Bei unilateraler Betroffenheit der oberen Extremität ist die Akzeptanz einer künstlichen Gliedmaße fraglich, da der Patient sie systematisch mit seiner anderen, funktionstüchtigen Gliedmaße vergleicht31 32, und der Patient beherrscht oft viel mehr Möglichkeiten der Kompensation im Alltag. Eine Kinderhand zu bauen ist eine ethische Herausforderung: Für das heranwachsende Kind erfordert die Prägung, die in der Kindheit entsteht, besondere Sorgfalt in der Gestaltung des Hilfsmittels33. Trotz modernster Technik vermag keine Prothese die vielfältigen, exakt aufeinander abgestimmten Bewegungen der Hand zu imitieren, ebenso wenig die Sensibilität der Haut34.
Statistiken zeigen, dass besonders bei angeborenen Fehlbildungen viele Patienten mit einer einfachen Versorgung oder ganz ohne Prothese gut zurechtkommen35 36. Gerade in diesem Fall muss den Eltern klar sein, dass eine Prothese für das Kind nur ein Angebot ist. Das Kind ist primär funktionell eingestellt und wird auf lange Sicht eine Prothese nur dann akzeptieren, wenn es einen nachhaltigen Nutzen davon hat37.
Die Imitation von Tastsinn (Vincent: Vincentevolution-Hand [Abb. 2], Ottobock: Bebionic-Hand und die System-Elektrohand, Taska Prosthetics: Taska Hand) ist im Vormarsch, dennoch werden bei Kindern im Bereich der oberen Extremität eher Hilfsmittel (Essinstrumente [Abb. 3a–d], Lenkhilfe [Abb. 4], Griffplatte und hochindividuelle Alltagshilfen zum Paddeln oder Schwimmen [Abb. 5a–c]) akzeptiert als Prothesen. Bei beidhändiger Betroffenheit steigt die Akzeptanz von Prothesen/Orthoprothesen.
Mehrfache Amputationen (Behinderung/Einschränkung)
Die Schwierigkeit ergibt sich aus der fehlenden Möglichkeit zur Kompensation. Die Anforderungen an die Versorgung sind dann sehr hoch. Auch hier macht es wieder einen gravierenden Unterschied, ob die obere oder die untere Extremität betroffen ist, ebenso spielen die Länge des Amputationsstumpfes und die Symmetrie eine Rolle.
Zeitspanne zwischen Amputation und Prothesenversorgung
Eine späte Versorgung führt zumeist zu einer guten Adaptation und einer schlechten Hilfsmitteltoleranz. Somit sollte auch bei angeborenen Fehlbildungen den betroffenen Kindern möglichst früh eine Hilfsmittelversorgung zumindest angeboten werden, um langfristig gute Akzeptanz zu finden. Aber Cave Overtreatment: Einen Säugling oder ein Krabbelkind zu früh zu versorgen, kann zu massiver Ablehnung führen!
Orthopädietechnik
Wichtig ist die Qualifikation des Orthopädietechnikers bei einer hoch individuellen Versorgung. Vor allem das Wissen um die verschiedenen Materialien (z. B. Gießharz, Carbon, Copolymer, Prepreg) und der ständige technische Fortschritt (z. B. der 3D-Druck) sind von entscheidender Bedeutung für Funktion, Belastbarkeit und Tragekomfort38.
Da gerade bei Kindern eine häufige Anpassung der Prothese an das Längenwachstum und die Volumenzunahme nötig ist und Reparaturen ebenfalls häufig vorgenommen werden müssen, ist eine unkomplizierte Erreichbarkeit des Orthopädietechnikers für die positive Entwicklung der Rehabilitation des Kindes mit der Prothese/Orthese/Orthoprothese notwendig39 40 41 42, insbesondere, weil es bei neuen Hilfsmitteln und wachstumsbedingten Veränderungen bei Kindern immer wieder zu Komplikationen im Sinne von Nichtpassfähigkeit oder Druckstellen kommen kann.
Operative Verbesserungsmaßnahmen
Neben der sich stetig verbessernden technischen Möglichkeiten in der Orthopädietechnik verbessern sich auch die chirurgischen Möglichkeiten, die die Funktionseinschränkung, die eine Dysmelie mit sich bringt, ausgleichen können. Vor allen Dingen im Bereich der unteren Extremität können operative Korrektur- und Verlängerungsmaßnahmen (z. B. bei longitudinalen Reduktionsdefekten, s. Tab. 1) zu einer deutlichen Funktionsverbesserung führen43 44 45 46. Hierzu existieren komplexe Operationsprocedere, die als Ziel haben, die Alltagseinschränkung zu minimieren, manchmal Orthoprothesenfähigkeit herzustellen oder zu verbessern oder sogar (kurzstreckige) hilfsmittelfreie Mobilität herzustellen47 48 49 50.
Rekonstruktive operative Maßnahmen und Verlängerungsmaßnahmen sind meist sehr (zeit-)aufwendig und komplikationsträchtig.
Das Thema Amputation hat vor allem im angloamerikanischen Raum einen großen Stellenwert, in Deutschland wird zumeist extremitätenerhaltend gearbeitet51 52.
Letztlich sind Patienten mit einer Dysmelie nicht nur im Wachstum, sondern ein Leben lang auf eine gute, immer wieder anpassbare Hilfsmittelversorgung angewiesen, die sich an den Alltagsbedürfnissen orientiert.
Klinische Beispiele
Rechtsseitige Tibiaaplasie (Q72.5 – longitudinaler Reduktionsdefekt der Tibia)
Der auf den ersten Bildern (Abb. 6a u. b) abgebildete, 2‑jährige Junge ist als Flüchtling aus Syrien nach Deutschland gekommen. Wegen der eingeschränkten medizinischen Möglichkeiten bei ungeklärtem Flüchtlingsstatus war zunächst eine rasche orthopädietechnische Versorgung der rechtsseitigen tibialen Hemimelie notwendig, um die statomotorischen Möglichkeiten des Kindes zu fördern und vor allem eine selbstständige Steh- und Gehfähigkeit zu ermöglichen. Diese seltene Erkrankung kommt bei einem von 1 Million Neugeborenen vor53 und wird nach Kalamchi und Dawe54 in die Typen I–III eingeteilt. Bei dem Jungen liegt ein Typ I vor. Die Kniegelenksbeweglichkeit rechts wies lediglich einen Beuge-/Streckumfang von 130–110‑0° auf, der Fuß war in einer extremen Spitzfüßigkeit, sodass nur umfangreiche und mehrfache operative Behandlungsschritte eine langfristige Korrektur und Belastungsfähigkeit des rechten Beines möglich machen würden.
Aufgrund der eingeschränkten medizinischen Behandlungsmöglichkeiten zum Zeitpunkt des eingeleiteten Asylverfahrens wurde die Indikation zur Anfertigung eines sogenannten Knieruhebeins (Abb. 6 c u. d) gestellt, das durch die differenzierten OP-Möglichkeiten und durch die Entwicklungen der orthopädietechnischen Produkte inzwischen nicht mehr zur „Standardversorgung“ zählt. Mit der orthoprothetischen Versorgung war der Junge spontan steh- und gehfähig, wobei er durch ein diskretes Streckdefizit des rechten Hüftgelenkes ein noch leicht auffälliges, jedoch alternierendes und dynamisches Gangbild zeigte.
Im weiteren Verlauf erfolgten immer wieder operative Korrekturmaßnahmen zur Herstellung eines Knie- und eines Sprunggelenks. Zuletzt ergaben sich ein wackelsteifes versorgbares Kniegelenk in 30° Beugekontraktur und ein orthetisch versorgbarer Spitzfuß in Varusabweichung im OSG. Bei der orthopädietechnischen Versorgung ist es wichtig, das Lot herzustellen, um bei dem Schrittzyklus einen möglichst symmetrischen Ablauf zu ermöglichen (Abb. 7 a–e).
Unterarmperomelie
Bei der jungen Dame handelt es sich um ein zum Zeitpunkt der Aufnahmen 4‑jähriges Mädchen, das eine Unterarmperomelie links aufweist (Abb. 8a). Als altersgerechte Versorgung und zum Prothesentraining/Erproben der Prothesenakzeptanz erfolgte die Versorgung mit einer Schmuckprothese (Abb. 8b).
Mit der prothetischen Versorgung konnte der Bewegungsapparat in Symmetrie gebracht werden (lotgerechte Wirbelsäulenentwicklung) und nach erfolgreicher Schmuckprothesenversorgung kann im nächsten Schritt auch eine Versorgung mit einer Funktionsorthese wie z. B. eine myoelektrische Versorgung erprobt werden.
Diese Versorgung (Abb. 9) erfolgte bei steigenden Ansprüchen mit einer myoelektrischen Hand: hier Vincentyoung oder später bei jungen Erwachsenen mit Vincentevolution.
Fazit
Die orthopädietechnische Versorgung bei Kindern mit Dysmelien ist hoch individuell. Sie erfolgt in Abhängigkeit der Einschränkung, der Fehlbildung und der Ansprüche von Patienten und bei Kindern auch deren Eltern. Im Rahmen der Versorgung sind die Hilfsmittelerprobung und später das Hilfsmitteltraining unter physio- und ergotherapeutischer Unterstützung essentiell, um individuelle Hilfsmittel, Orthesen, Orthoprothesen oder Prothesen zu planen, umzusetzen und später auch einzusetzen.
Für die Autoren:
Dr. Melanie Juliane Horter
Christophorus-Kliniken
Sozialpädiatrisches Zentrum
Südring 41
48653 Coesfeld
melanie.horter@christophorus-kliniken.de
Begutachteter Beitrag/reviewed paper
Horter MJ et al. Dysmelie – insbesondere bei Kindern eine hoch individuelle orthopädietechnische Herausforderung. Orthopädie Technik, 2025; 76 (8): 20–27
Tab. 1 Einteilung der Dysmelien modifiziert nach Swanson [vgl. Swanson AB, Swanson G, Taka K. A classification for congenital limb malformation. Journal of Hand Surgery, 1983; (5) 8: 693–702].
| Bezeichnung | Beispiele | |
|---|---|---|
| I | Ausbildungsdefekt — longitudinal — transversal | proximaler Femurdefekt, Fibula- oder Tibiahypoplasie/-aplasie Perodaktylie, Peromelie, Amelie |
| II | Differenzierungsdefekt | Kamptodaktylie, Klinodaktylie, Syndaktylie, Synostosen |
| III | Doppelbildungen | Mirrorfoot, Polydaktylie |
| IV | Gigantismus | Proteus-Syndrom |
| V | Hypoplasie | Apodie, Adaktylie, Brachydaktylie |
| VI | Schnürfurchensyndrom | s. Abb. 1 |
| VII | generalisierte Skelettdeformität | Arthrogryposis multiplex congenita, Achondroplasie, Phosphatdiabetes, Osteogenesis imperfecta |
Tab. 2 Fachbegriffe rund um die Dysmelie.
| Adaktylie | Einzelne oder alle Finger oder Zehen fehlen. |
|---|---|
| Akromelie | Verkürzung besonders der distalen Extremitätenanteile (Finger oder Zehen) |
| Amelie | Völliges Fehlen der Gliedmaße(n) |
| Apodie | Fehlen des Fußes |
| Brachydaktylie | Verkürzungen von Gliedmaßen: von Fingern oder Zehen |
| Ektrodaktylie | Fehlbildung des Hand- oder Fußskeletts: Finger oder Zehen sind verkürzt oder fehlen (Oligodaktylie), was auch als Spalthand bzw. Spaltfuß bezeichnet wird. |
| Ektromelie | Einzelne oder mehrere Röhrenknochen sind nicht oder zu klein ausgebildet. |
| Hemimelie | Fehlen oder deutliche Verkürzung des unteren Teiles einer oder mehrerer Extremitäten |
| Kamptodaktylie | Beugekontraktur der Mittelgelenke meist des Kleinfingers |
| Klinodaktylie | Angeborene seitlich-winklige Abknickung eines Fingerglieds im Handskelett |
| Mesomelie | Verkürzung der mittleren Anteile der Extremität (Unterarme oder ‑schenkel) |
| Mikromelie | Angeborene Verkürzung der Gliedmaße(n) |
| Mirrorfoot | Form der Polydaktylie mit partieller Fußdoppelung |
| Oligodaktylie | Völliges Fehlen von Fingern oder Zehen |
| Perodaktylie | Verkürzte Finger/Stummelfingrigkeit |
| Peromelie | Transversaler Defekt, amputationsartiger Stumpf |
| Phokomelie | Robbengliedrigkeit: Fehlen der Röhrenknochen der Gliedmaßen mit Ansetzen der Hände bzw. Füße am Schulter- bzw. Hüftgelenk |
| Polydaktylie | vermehrte Anzahl von Anteilen von Hand- oder Fußgliedmaßen |
| Proteus-Syndrom | Regionaler Überwuchs, vielfältiges klinisches Erscheinungsbild; es entwickeln sich häufig Tumore. |
| Rhizomelie | Verkürzung der proximalen Anteile der Extremität (Oberarme oder ‑schenkel) |
| Syndaktylie | Häutige, knöcherne oder totale Verwachsung bzw. Nichttrennung von Finger- oder Zehengliedern |
| Synostosen | Knöcherne Verbindung (Verschmelzung) zweier Knochen, die zuvor knorpelig oder bindegewebig verbunden waren. |
| Tetraamelie | Alle vier Gliedmaßen sind betroffen. |
Quellenverzeichnis
- Gelenkfuß für Gehhilfen — 8. September 2026
- Myoelektrische Orthesenversorgung bei Funktionseinschränkungen oder ‑verlust der oberen Extremität: Einsatzmöglichkeiten des Luna-Neo-Systems — 7. September 2026
- Bewegung statt Stillstand: neue Therapieansätze mit Controlled-Dynamic-Stretch(CDS)-Orthesen zur Verbesserung der Gelenkbeweglichkeit bei Kindern mit neurologischen Erkrankungen — 4. September 2026
- Schramm T, Mommsen H. Fetal skeletal disorders. Ultraschall in der Medizin, 2018; 39 (6): 610–634
- Frommer A. Angeborene Skelettanomalien. In: Kerbl R, Reiter K, Wessel L. (Hrsg.). Referenz Pädiatrie. Stuttgart: Thieme, 2024
- Schiedel F. Tibiale und fibulare Hemimelie. In: Engelhardt M, Raschke MJ (Hrsg.). Orthopädie und Unfallchirurgie. Berlin: Springer, 2023
- Horter MJ, Kramer C, Küpers R, Hafkemeyer U. Dysmelien und orthopädietechnische Versorgungsmöglichkeiten. Orthopädie und Unfallchirurgie up2date, 2020; 15 (2): 179–191
- Schramm T, Mommsen H. Fetal skeletal disorders. Ultraschall in der Medizin, 2018; 39 (6): 610–634
- Hafkemeyer U, Verhoeven G, Koller A, Wetz HH. Das Holt-Oram-Syndrom. Drei Fallbeispiele und deren krankengymnastische, ergotherapeutische und orthopädietechnische Behandlung. Die Orthopädie, 2001; 30: 226–230
- Martin I. Dysmelie. Angeborene Gliedmaßenfehlbildung/-en. Ein Hand- und Fußbuch. Maintal: Homo-Mancus, 2015
- Sinclair MF. Kongenitale Fehlbildungen der unteren Extremität. Pädiatrie Hautnah, 2002; 5: 218–221
- Frommer A. Angeborene Skelettanomalien. In: Kerbl R, Reiter K, Wessel L. (Hrsg.). Referenz Pädiatrie. Stuttgart: Thieme, 2024
- Schiedel F. Tibiale und fibulare Hemimelie. In: Engelhardt M, Raschke MJ (Hrsg.). Orthopädie und Unfallchirurgie. Berlin: Springer, 2023
- Niethard FU, Pfeil J, Bieberthaler P. Duale Reihe Orthopädie und Unfallchirurgie. Stuttgart: Thieme, 2009
- Niethard FU, Pfeil J, Bieberthaler P. Duale Reihe Orthopädie und Unfallchirurgie. Stuttgart: Thieme, 2009
- Niethard FU, Pfeil J, Bieberthaler P. Duale Reihe Orthopädie und Unfallchirurgie. Stuttgart: Thieme, 2009
- Swanson AB, Swanson G, Taka K. A classification for congenital limb malformation. Journal of Hand Surgery, 1983; (5) 8: 693–702
- Horter MJ, Kramer C, Küpers R, Hafkemeyer U. Dysmelien und orthopädietechnische Versorgungsmöglichkeiten. Orthopädie und Unfallchirurgie up2date, 2020; 15 (2): 179–191
- Baumgartner R. Amputation und Prothesenversorgung beim Kind. Stuttgart: Enke, 1977: 185
- Baumgartner R, Botta P. Amputation und Prothesenversorgung der unteren Extremität. Stuttgart: Enke, 1995: 206, 415
- Koller A, Wetz HH. Hilfsmittel bei Fehlbildungen der oberen Extremitäten. Versorgungskonzepte im Wandel der Zeit. Die Orthopädie, 2006; 35 (11): 1137–1145
- Baumgartner R, Botta P. Amputation und Prothesenversorgung. Stuttgart: Thieme, 2008
- Baumgartner R. Amputation und Prothesenversorgung beim Kind. Stuttgart: Enke, 1977: 185
- Baumgartner R, Botta P. Amputation und Prothesenversorgung der unteren Extremität. Stuttgart: Enke, 1995: 206, 415
- Koller A, Wetz HH. Hilfsmittel bei Fehlbildungen der oberen Extremitäten. Versorgungskonzepte im Wandel der Zeit. Die Orthopädie, 2006; 35 (11): 1137–1145
- Baumgartner R, Botta P. Amputation und Prothesenversorgung. Stuttgart: Thieme, 2008
- Jain S. Rehabilitation in limb deficiency. 2. The pediatric amputee. Archives of Physical Medicine and Rehabilitation, 1996; 77 (3): 9–13
- Horter MJ et al. Kriterien für die erfolgreiche armprothetische Versorgung von Kindern und Jugendlichen. Orthopädie Technik, 2016; 67 (3): 48–53
- Baumgartner R, Botta P. Amputation und Prothesenversorgung der unteren Extremität. Stuttgart: Enke, 1995: 206, 415
- Lamb DW, Law HT. Upper limb deficiencies in children: prosthetic, orthotic and surgical management. Boston/Toronto: Little, Brown, 1987
- Horter MJ et al. Kriterien für die erfolgreiche armprothetische Versorgung von Kindern und Jugendlichen. Orthopädie Technik, 2016; 67 (3): 48–53
- Horter MJ et al. Kriterien für die erfolgreiche armprothetische Versorgung von Kindern und Jugendlichen. Orthopädie Technik, 2016; 67 (3): 48–53
- Giesbertz D. Myoelektrische Armversorgung bei Kindern. Orthopädie Technik, 2000; (51) 11: 960–964
- Horter MJ et al. Kriterien für die erfolgreiche armprothetische Versorgung von Kindern und Jugendlichen. Orthopädie Technik, 2016; 67 (3): 48–53
- Cavrini R. Myoelektrische Prothesen und spezielle Schaftkonstruktionen für Kinder. Orthopädie Technik, 1992; 43: 740–745
- Horvath E. Neue Elektrohand für Kinder. Orthopädie Technik, 1992; 43
- Horter MJ et al. Kriterien für die erfolgreiche armprothetische Versorgung von Kindern und Jugendlichen. Orthopädie Technik, 2016; 67 (3): 48–53
- Schmidli M. Werden Armprothesen überhaupt getragen? Dissertation, Medizinische Fakultät der Universität Zürich, 1982
- Stinus H, Baumgartner R, Schüling S. Über die Akzeptanz von Armprothesen. Medizinisch-orthopädische Technik, 1992; 112: 7–12
- Giesbertz D. Myoelektrische Armversorgung bei Kindern. Orthopädie Technik, 2000; (51) 11: 960–964
- Zuniga J et al. Cyborg beast: a low-cost 3D-printed prosthetic hand for children with upper-limb differences. BMC Research Notes, 2015; (1) 8: 10. doi: 10.1186/s13104-015‑0971‑9
- Baumgartner R. Amputation und Prothesenversorgung beim Kind. Stuttgart: Enke, 1977: 185
- Baumgartner R, Botta P. Amputation und Prothesenversorgung der unteren Extremität. Stuttgart: Enke, 1995: 206, 415
- Koller A, Wetz HH. Hilfsmittel bei Fehlbildungen der oberen Extremitäten. Versorgungskonzepte im Wandel der Zeit. Die Orthopädie, 2006; 35 (11): 1137–1145
- Baumgartner R, Botta P. Amputation und Prothesenversorgung. Stuttgart: Thieme, 2008
- Chong DY, Paley D. Deformity reconstruction surgery for tibial hemimelia. Children (Basel), 2021; 8 (6): 461
- Fuller CB, Shannon CE, Paley D. Lengthening reconstruction surgery for fibular hemimelia: a review. Children (Basel), 2021; 8 (6): 467
- Deisenhofer J et al. Possibilities of orthopedic technical care for extremity lengthening and reconstruction. Orthopädie (Heidelberg), 2023; 52 (9): 756–766
- Frommer A et al. Patient reported outcome measurements in individuals with congenital longitudinal deficiency of the lower limb. 43rd European Paediatric Orthopaedic Society Annual Meeting. Journal of Children’s Orthopaedics, 2025; 19 (2): 1–148
- Chong DY, Paley D. Deformity reconstruction surgery for tibial hemimelia. Children (Basel), 2021; 8 (6): 461
- Fuller CB, Shannon CE, Paley D. Lengthening reconstruction surgery for fibular hemimelia: a review. Children (Basel), 2021; 8 (6): 467
- Deisenhofer J et al. Possibilities of orthopedic technical care for extremity lengthening and reconstruction. Orthopädie (Heidelberg), 2023; 52 (9): 756–766
- Frommer A et al. Patient reported outcome measurements in individuals with congenital longitudinal deficiency of the lower limb. 43rd European Paediatric Orthopaedic Society Annual Meeting. Journal of Children’s Orthopaedics, 2025; 19 (2): 1–148
- Birch JG et al. Amputation versus staged reconstruction for severe fibular hemimelia: assessment of psychosocial and quality-of-life status and physical functioning in childhood. JBJS Open Access, 2019; 4 (2): e0053
- Elmherig A et al. Amputation versus limb reconstruction for fibula hemimelia: a meta-analysis. Journal of Pediatric Orthopaedics, 2020; 40 (8): 425–430
- Schröder S, Berdel P, Niedthard F, Weber M. Registration of congenital limb malformations in Germany. 22nd annual meeting EPOS, London, 3. April 2003. Orthopaedic Proceedings, 2003; 85 (3): 252
- Kalamchi A, Dawe RV. Congenital deficiency of the tibia. Journal of Bone and Joint Surgery (British Volume), 1985; 67 (4): 581–584. doi: 10.1302/0301–620X.67B4.4030854









