Sport­pro­the­sen in der Kin­der- und Jugendlichenversorgung

T. Kipping
An Prothesen für Kinder und Jugendliche sind angesichts ihres Bewegungsdranges besondere Anforderungen zu stellen, die sich nochmals erhöhen, wenn damit Sport getrieben wird. Der Autor schildert die Situation der Kinder- und Jugendlichensportprothetik in Deutschland und zeigt die Anforderungen an die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Ärzten, Physiotherapeuten und Orthopädie-Technikern auf. Für Letztere ist Beratung in diesem Zusammenhang ein wesentlicher Aspekt, den Eltern kommt ebenfalls eine tragende Rolle zu. Am Beispiel des knieexartikulierten Leichtathleten Philipp Wassenberg und seiner sportlichen Erfolge wird abschließend geschildert, inwiefern mit einer geeigneten Versorgung den extremen Anforderungen im Spitzensport begegnet werden kann.

Die Angst vor dem Sturz

Die genaue Zahl der ampu­tier­ten Kin­der und Jugend­li­chen in Deutsch­land ist nicht bekannt. Auf der Grund­la­ge berufs­prak­ti­scher Erfah­run­gen ist zu schät­zen, dass etwa nur 1 bis 2 Pro­zent der Ampu­tier­ten im Bereich der hohen Mobi­li­täts­gra­de (Mob. 3 und 4) her­an­wach­sen­den Pro­the­sen­trä­gern zuge­ord­net wer­den kön­nen. Die­se nied­ri­ge Rate erklärt das gerin­ge Ange­bot an geeig­ne­ten Pass­tei­len in die­sem Seg­ment. Sport lässt sich damit nur bedingt aus­üben. Selbst die im Kin­des­al­ter nor­ma­len Spiel­ar­ten wie Fan­gen, Rad­fah­ren oder auch Roll­schuh­lau­fen füh­ren sehr schnell zum Ver­schleiß der aktu­el­len Pass­tei­le für den Nachwuchs.

Grund­sätz­lich ist es für die Ortho­pä­die-Tech­nik zwar kein Pro­blem, defek­te Tei­le aus­zu­tau­schen. Es ist jedoch enorm wich­tig, im Vor­feld dar­über auf­zu­klä­ren, um spä­te­re Ent­täu­schun­gen und Ver­let­zungs­ri­si­ken einzudämmen.

Gene­rell befürch­ten Eltern, dass ihrem Nach­wuchs etwas zustößt. Häu­fig ist die­se Angst gestei­gert, wenn es sich um Kin­der oder Jugend­li­che mit Han­di­cap han­delt. Die meist­ge­stell­te Fra­ge in die­sem Zusam­men­hang lau­tet: „Kann mein Kind stürzen?”

Aller­dings ist die­se Sor­ge nur teil­wei­se begrün­det. Auch gleich­alt­ri­ge Her­an­wach­sen­de ohne Han­di­cap kön­nen beim Spie­len stür­zen. Je jün­ger Kin­der sind, umso unbe­küm­mer­ter gehen sie mit einer sol­chen Situa­ti­on um. Sicher ist ein Sturz­er­leb­nis nichts, wor­über man sich beson­ders freut. Den­noch hilft es, Erfah­run­gen zu sam­meln und den Bewe­gungs­ap­pa­rat bes­ser zu steu­ern, um zukünf­tig ein sol­ches Nega­tiv­erleb­nis nicht mehr erlei­den zu müssen.

Zwar müs­sen Eltern in jedem Fall ihrer Für­sor­ge­pflicht nach­kom­men und dür­fen ihre Kin­der weder unacht­sam noch fahr­läs­sig in Gefahr brin­gen. Den­noch ist den Erzie­hungs­be­rech­tig­ten zu emp­feh­len, ihren ampu­tier­ten Nach­wuchs mit der All­tags­pro­the­se alle Bewe­gungs­ar­ten aus­pro­bie­ren zu lassen.

Eltern als „Bewe­gungs-Mana­ger” ihres Nachwuchses

Die bes­ten Ergeb­nis­se kön­nen mit Eltern erzielt wer­den, die es ihrem Kind von Anfang an zuge­ste­hen, mit der nor­ma­len All­tags­pro­the­se all die Din­ge zu ver­su­chen, die auch Gleich­alt­ri­ge mit zwei Bei­nen unter­neh­men. Die Eltern müs­sen aller­dings dar­auf hin­ge­wie­sen wer­den, dass eine regel­mä­ßi­ge Kon­trol­le und War­tung der Pro­the­sen statt­fin­den muss.

So kann das Unfall­ri­si­ko mini­miert und gleich­zei­tig wäh­rend der War­tung mit den Eltern bespro­chen wer­den, wel­che Bewe­gun­gen bzw. Sport­ar­ten dem Kind beson­de­ren Spaß berei­ten. Dar­aus las­sen sich wie­der­um die nächs­ten sinn­vol­len pro­the­ti­schen Schrit­te ableiten.

Ein Pro­blem in die­sem Zusam­men­hang besteht häu­fig dar­in, dass Eltern nicht offen mit der Behin­de­rung ihrer Kin­der umge­hen. Sie möch­ten zum Bei­spiel nicht, dass Drit­te die Behin­de­rung des Kin­des sehen (z. B. auf einem Sport­platz in kur­zer Hose). In sol­chen Fäl­len soll­te der Ortho­pä­die-Tech­ni­ker die betrof­fe­nen Eltern dazu ermun­tern, ihren Kin­dern mehr Spiel­raum für ihre nor­mal­kind­li­che Ent­fal­tung zu geben. Hier­bei emp­fiehlt es sich häu­fig, eine „Poli­tik der klei­nen Schrit­te” anzuwenden.

Ande­re Eltern wie­der­um gehen offe­ner mit der Behin­de­rung ihres Kin­des um. Sie zeich­nen sich dadurch aus, dass sie nicht das Schick­sal ihres Kin­des sich selbst auf­bür­den. Statt­des­sen möch­ten sie, dass ihr Kind mög­lichst frei und ohne beson­de­re Gren­zen auf­wach­sen kann. Es soll in die Gesell­schaft inte­griert und aner­kannt wer­den. Hier ist der Ortho­pä­die-Tech­ni­ker auf­ge­ru­fen, sei­nen Bei­trag dazu zu leisten.

Inter­dis­zi­pli­nä­re Zusammenarbeit

Um eine erfolg­rei­che pro­the­ti­sche Sport­ver­sor­gung bei Her­an­wach­sen­den zu gewähr­leis­ten, steht die inter­dis­zi­pli­nä­re Zusam­men­ar­beit zwi­schen Ärz­ten, Phy­sio­the­ra­peu­ten und Ortho­pä­die-Tech­ni­kern an ers­ter Stel­le. Selbst wenn kein akti­ver Sport mit Pro­the­sen betrie­ben wird, soll­ten in regel­mä­ßi­gen Abstän­den die behan­deln­den Ärz­te, The­ra­peu­ten und Ortho­pä­die-Tech­ni­ker sich ein Gesamt­bild der aktu­el­len Ver­sor­gungs­si­tua­ti­on machen kön­nen. Dabei spie­len die mus­ku­lä­ren und knö­cher­nen Wachs­tums­struk­tu­ren die größ­te Rolle.

Auch hier­bei haben die Eltern eine wich­ti­ge Funk­ti­on, denn die Regel­ter­mi­ne müs­sen von ihnen orga­ni­siert wer­den. Dabei ist wich­tig, dass in kur­zen Abstän­den (min­des­tens alle 3 bis 6 Mona­te) das Wachs­tum des Kin­des über­wacht wird, um die ent­spre­chen­de pro­the­sen­sei­ti­ge Anpas­sung kör­per­ge­recht durch­füh­ren zu können.

Neben dem Län­gen­wachs­tum spielt die Ent­wick­lung des Stump­fes eine über­ge­ord­ne­te Rol­le. Ent­spre­chend sind Anpas­sun­gen im Schaft­be­reich inner­halb der Wachs­tums­pha­sen not­wen­dig. Es ist stets sicher­zu­stel­len, dass die Kraft­über­tra­gung zwi­schen Stumpf und Schaft gewähr­leis­tet ist.

Wel­che Schä­den eine unge­eig­ne­te oder auch über­trie­be­ne sport­li­che Betä­ti­gung ampu­tier­ter Kin­der und Jugend­li­cher lang­fris­tig nach sich zie­hen kann, ist bis­her nicht wis­sen­schaft­lich unter­sucht wor­den. Der Leis­tungs­ge­dan­ke soll­te aller­dings nicht im Fokus ste­hen, wenn es um den Sport von her­an­wach­sen­den jun­gen Men­schen mit Pro­the­sen geht.

Zuwei­len ist es schwie­rig, einen geeig­ne­ten Ver­ein zu fin­den; hier ist wie­der­um das Enga­ge­ment der Eltern gefragt. Nicht sel­ten kommt es vor, dass Ver­ei­ne oder Trai­ner aus dem Nicht­be­hin­der­ten­sport die Auf­nah­me von Sport­lern mit Pro­the­sen ableh­nen. Fälsch­li­cher­wei­se geht man dort von zu hohen Ver­let­zungs­ri­si­ken aus. Anfra­gen wer­den mit dem Hin­weis abge­lehnt, sich an einen Behin­der­ten­sport­ver­ein zu wen­den. Hier sind die Eltern gefragt, sich für das sport­li­che Wohl ihres Kin­des einzusetzen.

Fall­bei­spiel Phil­ipp Wassenberg

Im Fol­gen­den wird ein Fall aus der Berufs­pra­xis des Ver­fas­sers geschil­dert, der zeigt, wie mit einer adäqua­ten Ver­sor­gung auch den Ansprü­chen im Spit­zen­sport Genü­ge getan wer­den kann (Abb. 1 u. 2).

Phil­ipp Was­sen­berg wur­de 1998 gebo­ren. Auf­grund eines Ewing-Sar­koms erfolg­te im Alter von neun Jah­ren eine Knie­ex­ar­ti­ku­la­ti­on. Dank sei­ner Eltern muss­te Phil­ipp sei­ne sport­li­chen Ambi­tio­nen des­halb jedoch nicht auf­ge­ben. Mit­hil­fe des behan­deln­den Arz­tes in der Kin­der-Uni-Kli­nik Bonn nah­men sie Kon­takt zu dem eben­falls knie­ex­ar­ti­ku­lier­ten Sport­ler Hein­rich Popow auf, einem erfolg­rei­chen Sprin­ter, der bei den Para­lym­pics in Lon­don 2012 eine Gold­me­dail­le gewann.

Nach eini­gen inten­si­ven Gesprä­chen zwi­schen Popow, Phil­ipp und sei­nen Eltern war der sport­li­che Weg für Phil­ipp geebnet.

Nach über­stan­de­ner Che­mo­the­ra­pie und Inte­rims-Pro­the­sen­ver­sor­gung wur­de Phil­ipp mit einem PU-Liner-Sys­tem inner­halb eines Car­bon-Rah­men­schaf­tes ver­sorgt. Zunächst wur­den die Knie­pro­the­se Juni­or-Total Knee und die Fuß­pro­the­se Flex-Foot-Juni­or Set (bei­des Fa. Össur) ein­ge­setzt (Abb. 3 u. 4).

Bereits kurz nach der Ein­ge­wöh­nungs­pha­se war Phil­ipp kaum mehr zu brem­sen, ob beim Klet­tern, Rad­fah­ren oder auch Skate­boar­den. Dabei blieb der eine oder ande­re Sturz mit den dar­aus resul­tie­ren­den Schürf­wun­den und kaput­ten Hosen nicht aus.

Sei­ne dama­li­gen Mit­schü­ler mach­ten ihm dabei das Leben jedoch nicht gera­de ein­fach. Das führ­te dazu, dass Phil­ipp immer wie­der ver­such­te, trotz sei­nes Han­di­caps mehr als die Mit­schü­ler zu leis­ten. Als sei­ne Eltern spür­ten, dass er sich dabei einem nega­ti­ven Stress aus­setz­te, orga­ni­sier­ten sie den Wech­sel an eine ande­re Schu­le, der sich sehr posi­tiv aus­wirk­te und Phil­ipp mehr Lebens­freu­de ver­schaff­te. Durch Phil­ipps Bewe­gungs­drang wur­den aller­dings die Pass­tei­le der­art über­for­dert, dass z. B. das Knie­ge­lenk nur eine Halt­bar­keits­dau­er von maxi­mal drei Mona­ten hatte.

Phil­ipp schloss sich in der Fol­ge dem Leicht­ath­le­tik-Nach­wuchs-Team der Behin­der­ten­sport­ab­tei­lung des TSV Bay­er 04 Lever­ku­sen an. Lizen­zier­te Trai­ne­rin­nen und Trai­ner coa­chen die Nach­wuchs­kräf­te dort ein bis zwei Mal pro Woche.

Dies erhöh­te den Pass­teil­ver­schleiß noch­mals enorm. Es blieb nur der Weg, Phil­ipp mit Mate­ria­li­en und Pass­tei­len zu ver­sor­gen, die im Nor­mal­fall im Erwach­se­nen­be­reich ein­ge­setzt wer­den. Dabei erga­ben sich zwei Pro­ble­me: das ver­hält­nis­mä­ßig hohe Gewicht der Pass­tei­le und die Bau­hö­hen-Vor­ga­ben. Somit waren Sport­ler und Tech­ni­ker glei­cher­ma­ßen gefordert.

Inner­halb der ers­ten zwei Jah­re absol­vier­te Phil­ipp sei­ne Trai­nings- und auch Wett­kampf­ein­sät­ze mit einem Total-Knee 2000 (Abb. 5) unter der Ver­wen­dung eines Modu­lar-3-Car­bon-Fußes (Abb. 6) (bei­des Fa. Össur). Mit stei­gen­der Trai­nings­in­ten­si­tät stell­ten die Trai­ner und Phil­ipp aller­dings fest, dass sich sein Lauf­bild mit stei­gen­der Geschwin­dig­keit kon­ti­nu­ier­lich ver­schlech­ter­te. Seit dem Spät­som­mer 2012 nutzt Phil­ipp daher das Sport-Knie­ge­lenk 3S80 (Abb. 7), wel­ches in Ver­bin­dung mit einem 1E90 Sprint­fuß (Abb. 8) (bei­des Fa. Otto Bock) für ihn die opti­ma­le sport­li­che Lösung darstellt.

Sei­ne sport­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit doku­men­tier­te Phil­ipp wäh­rend der Junio­ren-Welt­meis­ter­schaf­ten 2013 in Puer­to Rico. Dort gewann er in den Sprint-Dis­zi­pli­nen über 100 und 200 Meter jeweils die Gold­me­dail­le in sei­ner Alters­klas­se. Im Weit­sprung erreich­te er mit per­sön­li­cher Best­wei­te die Bron­ze­me­dail­le. Phil­ipp Was­sen­berg wird bereits als legi­ti­mer Nach­fol­ger sei­nes Ver­eins­ka­me­ra­den Hein­rich Popow gehan­delt – vor­aus­ge­setzt, er ver­folgt sein Ziel wei­ter­hin so engagiert.

Fazit

Das Bei­spiel zeigt, wie mit­tels einer engen Zusam­men­ar­beit der Betei­lig­ten und der Suche nach der bes­ten Ver­sor­gung nicht nur den alters­ty­pi­schen Anfor­de­run­gen begeg­net wer­den kann, son­dern dass dadurch sogar sport­li­che Spit­zen­leis­tun­gen erzielt wer­den kön­nen. Es wäre aller­dings wün­schens­wert, wenn die Pass­teil-Indus­trie zukünf­tig ver­stärkt geeig­ne­te Knie­ge­len­ke und Fuß­mo­du­le für die Ver­sor­gung her­an­wach­sen­der Pro­the­sen­trä­ger ent­wi­ckeln und lie­fern könnte.

Der Autor:
Tho­mas Kipping
Ortho­pä­die-Tech­ni­ker-Meis­ter
APT Ser­vice GmbH
Im Diehl­stein 1
56459 Sto­ckum-Püschen
t.kipping@apt-service.de

Begut­ach­te­ter Arti­kel / review­ed paper

Zita­ti­on
Kip­ping T. Sport­pro­the­sen in der Kin­der- und Jugend­li­chen­ver­sor­gung. Ortho­pä­die Tech­nik, 2014; 65 (2): 42–45
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