Son­der­an­fer­ti­gun­gen von Knie- und Fußpassteilen

C. Schneider
Die Herstellung von Knie- und Fußpassteilen unterliegt den Rentabilitätserwägungen der Hersteller – ist die Nachfrage zu gering, werden spezielle Teile nicht produziert, auch wenn sie im Einzelfall dringend benötigt werden. Abhilfe schaffen Sonderanfertigungen, mit denen individuelle Erfordernisse teils sogar noch besser berücksichtigt werden können als mit fertigen Lösungen. Der Artikel stellt vier Typen von Sonderanfertigungen vor und diskutiert deren Eigenschaften.

Ein­lei­tung

In den Kata­lo­gen ortho­pä­die­tech­ni­scher Hilfs­mit­tel sind zahl­rei­che Knie- und Fuß­pas­s­tei­le zu fin­den. Die­se exis­tie­ren in einer Viel­zahl von Typen, Preis­ka­te­go­rien und Qua­li­tä­ten – und doch gilt für alle der Fak­tor Ren­ta­bi­li­tät für ihren jewei­li­gen Her­stel­ler. Aus markt­wirt­schaft­li­chen Grün­den bedeu­tet eine schwa­che Nach­fra­ge das Ende des ent­spre­chen­den Pas­s­tei­les. Wel­che Alter­na­ti­ven hat der Ortho­pä­die-Tech­ni­ker, wenn er die benö­tig­ten Pas­s­tei­le auf dem Markt nicht findet?

Im Fol­gen­den wer­den vier Bei­spie­le vor­ge­stellt, bei denen als Alter­na­ti­ve die Pas­s­tei­le selbst her­ge­stellt wurden.

Pro­the­sen­ver­sor­gung bei Fehl­bil­dung des Femurs

Eine Pro­the­sen­ver­sor­gung bei Fehl­bil­dung des Femurs kann ohne Gelenk erfol­gen, bis die Pro­the­sen­län­ge das Sit­zen unmög­lich macht (z. B. im Auto). Dies ist meis­tens bei Kin­dern um das 6. Lebens­jahr der Fall. Dann ist das Ein­set­zen eines Pro­the­sen­knie­ge­lenks zwin­gend. Dazu sind markt­üb­li­che Pro­duk­te jedoch unge­eig­net. Um die Über­län­ge zu redu­zie­ren, haben wir uns ent­schie­den, das Knie hin­ter dem Fuß des Pati­en­ten zu plat­zie­ren (Abb. 1 u. 2). Dafür las­sen sich aller­dings Knie mit ven­tra­lem Fest­stell­zug nicht ver­wen­den; viel­fach sind die auf dem Markt exis­tie­ren­den Knie zu volu­mi­nös. Außer­dem erge­ben Knie­pas­s­tei­le ohne pneu­ma­ti­sche oder hydrau­li­sche Steue­rung kein befrie­di­gen­des Gang­bild. Aus die­sem Grund haben wir eine Lösung gesucht, um ein pas­sen­des Gelenk mit Sper­re herzustellen.

Die Anfor­de­run­gen lauteten:

  • Volu­men und Mas­se reduzieren;
  • Über­län­ge in Sitz­po­si­ti­on auf das Mini­mum redu­zie­ren, da das pro­xi­ma­le Seg­ment schon zu lang ist;
  • ein­fa­che Handhabung.

Es wur­de ein Alu-Gelenk kon­stru­iert, das flach genug ist, um hin­ter dem Kin­der­fuß Platz zu fin­den (Abb. 3). Der Pin der Sper­re besteht aus gehär­te­tem Stahl. Er ist in einem Fein­ge­win­de mit einer Gegen­mut­ter aus Mes­sing befes­tigt. Dies erlaubt eine fei­ne Regu­lie­rung und erhöht die Pass­ge­nau­ig­keit. Der Sper­r­ham­mer bewegt sich auf late­ra­len Druck; die Rück­füh­rung der Sper­re wird mit­tels einer Feder erreicht.

Für den Auf­bau wird die Pro­the­se steif anpro­biert. Das Gelenk wird auf Schaft und Bal­sa­holz­teil befes­tigt; dabei muss auf die Stel­lung geach­tet wer­den, so dass die sit­zen­de Posi­ti­on ermög­licht wird. Erst dann sägen wir die Pro­the­se auf Zehen­hö­he ab (damit die­se in sit­zen­der Posi­ti­on eben­falls frei lie­gen). Somit errei­chen wir eine mini­ma­le Län­ge des pro­xi­ma­len Seg­men­tes (Abb. 4 u. 5). Sobald die Grö­ße des Kin­des es zulässt, wird unser selbst ent­wi­ckel­tes Knie durch ein hydrau­li­sches Ein­achs-Knie­ge­lenk ersetzt. Das erziel­te Resul­tat im Erwach­se­nen­al­ter spricht gegen eine Ampu­ta­ti­on des Kinderfußes.

Ski-Ober­schen­kel­hül­se für Unterschenkelamputierte

Eine Ski-Ober­schen­kel­hül­se wur­de schon vor eini­gen Jah­ren von Pierre Bot­ta beschrie­ben 1. Sie ermög­licht die benö­tig­te Kon­trol­le der Rota­ti­on. Doch füh­len sich Spit­zen­sport-Ski­fah­rer beim Ein­kan­ten häu­fig ein­ge­schränkt. Somit wur­de nach einer Ver­bes­se­rungs­mög­lich­keit gesucht.

Die Anfor­de­run­gen lauteten:

  • Rota­ti­ons­kon­trol­le
  • mühe­lo­ses Einkanten

Wenn ein Ski­fah­rer eine Kur­ve fah­ren will, drückt er die Knie in Rich­tung Kur­ve, um sei­nen Ski­ern die pas­sen­de Rich­tung zu geben, und kan­tet ein. Wäh­rend die­ser Pha­se bleibt das Becken senk­recht zu den Ski­ern. Beim Unter­schen­kel­am­pu­tier­ten mit kon­ven­tio­nel­ler Pro­the­se stell­ten wir fest, dass die Ober­schen­kel­hül­se das Ein­kan­ten behin­dert. Dies ver­hin­dert die Rota­ti­on, und der Ober­schen­kel bleibt stets par­al­lel zu den Ski­ern. Um ein bes­se­res Ein­kan­ten zu ermög­li­chen, wur­den Schie­nen mit einem seit­li­chen Gelenk kon­stru­iert. Die­se neu­en Gelen­ke sind zwar abso­lut unpas­send zur Ana­to­mie (Abb. 6), doch erlau­ben sie die late­ra­le Nei­gung der Hül­se, die logi­scher­wei­se aus zwei Tei­len bestehen muss (Abb. 7). Optisch hat man den Ein­druck, das Knie ver­lau­fe in einer Val­gum-Stel­lung. In Wahr­heit sind es Fuß‑, Knie- und Hüft­ge­len­ke, die gegen­über den Ski­ern rotie­ren. In Akti­on ist fest­zu­stel­len, dass das Ein­kan­ten völ­lig natür­lich ver­läuft (Abb. 8).

Poly­zen­tri­sches Kniegelenk

Auf dem APO-Kon­gress 2005 äußer­te der Ver­fas­ser, dass die Knie­ex­ar­ti­ku­la­ti­on in Bezug auf die viel zu gerin­ge Aus­wahl exis­tie­ren­der Pas­s­tei­le für die­se Ampu­ta­ti­ons­art „das Stief­kind der Indus­trie” sei. Dem Auf­ruf maßen die Her­stel­ler jedoch kein Gewicht bei, da die Nach­fra­ge zu gering sei. Bereits seit 1996 sucht das Team des Ver­fas­sers nach indi­vi­du­el­len Lösun­gen, um die betrof­fe­nen Pati­en­ten zufrie­den­stel­lend zu ver­sor­gen 2. Die Anfor­de­run­gen lauteten:

  • mini­ma­le Über­län­ge des pro­xi­ma­len Segmentes;
  • Rück­ver­set­zung des dista­len Seg­men­tes im Sitzen;
  • kräf­ti­ge Steue­rung der Schwungphase.

Meh­re­re Aus­füh­run­gen waren nötig, um aus­sa­ge­kräf­ti­ge Resul­ta­te publik machen zu kön­nen. Die ers­ten Knie waren eine Mischung aus bestehen­den Pro­duk­ten: die pro­xi­ma­len Tei­le und Gelenk­ar­me von Teh-Lin mit einer hydrau­li­schen Schwung­pha­sen­steue­rung von Mauch. Das Chas­sis war eine Eigen­kon­struk­ti­on. Spä­ter stell­ten wir, abge­se­hen von der hydrau­li­schen Ein­heit, alles selbst her. Im Jahr 2006 unter­brei­te­ten wir die Resul­ta­te unse­rer Arbeit der APO 3.

Das KX06 erlaubt eine Ver­sor­gung sowohl von Knie­ex­ar­ti­ku­la­ti­ons- als auch von Ober­schen­kel-Ampu­ta­tio­nen. Das ist mög­li­cher­wei­se der Grund, wes­halb die Fir­ma Blatch­ford das KX06 im Jahr 2007 in qua­si unver­än­der­ter Form in ihr Sor­ti­ment auf­ge­nom­men hat. Somit han­delt es sich nicht mehr um eine Son­der­an­fer­ti­gung. Trotz der pro­kla­mier­ten gerin­gen Markt­nach­fra­ge wur­den tau­sen­de Exem­pla­re ver­kauft (Abb. 9).

Gewichts­er­spar­nis durch Ver­zicht auf Modularsystem

Bei Unter­schen­kel-Pro­the­sen ent­fer­nen wir das Modu­lar­sys­tem, um Gewicht zu spa­ren. Es wird durch ein über­la­mi­nier­tes Bal­sa­holz­teil ersetzt (Abb. 10) 4. Die­se Tech­nik ist sehr zufrie­den­stel­lend bei Füßen, die durch eine zen­tra­le Schrau­be befes­tigt wer­den. Aller­dings haben vie­le neue Füße eine inte­grier­te Pyra­mi­de. Dazu stel­len wir Adap­ter aus Alu her, die es erlau­ben, auch die­se Füße direkt am Bal­sa­holz­kern ein­zu­la­mi­nie­ren (Abb. 11).

Schluss­fol­ge­run­gen

Eine Son­der­an­fer­ti­gung geht mit dem Ver­spre­chen ein­her, nach einer indi­vi­du­el­len Lösung zu suchen. Ein Erfolg moti­viert und befrie­digt bei­de Par­tei­en. Nicht alle unse­re Son­der­an­fer­ti­gun­gen wer­den eine wirt­schaft­lich erfolg­rei­che Zukunft haben, das ist auch nicht unser Ziel. Doch tra­gen sie dazu bei, Ange­bots­lü­cken zu füllen.

Der Autor:
Clé­ment Schneider
Bot­ta Ortho­pä­die AG
Karl-Neu­haus­str. 24
CH – 2502 Biel
info@bottaweb.ch

Begut­ach­te­ter Bei­trag / review­ed paper

Zita­ti­on
Schnei­der C. Son­der­an­fer­ti­gun­gen von Knie- und Fuß­pas­s­tei­len. Ortho­pä­die Tech­nik, 2014; 65 (7): 46–48
  1. Baum­gart­ner R, Bot­ta P. Ampu­ta­ti­on und Pro­the­sen­ver­sor­gung. Stutt­gart: Thie­me, 2008
  2. Bot­ta R. Pro­the­sen nach Knie­ex­ar­ti­ku­la­ti­on. Ortho­pä­die Tech­nik, 2005; 56 (8): 536–541
  3. Schnei­der C, Stei­ner J‑L. Kom­po­nen­ten für Knie­ex­ar­ti­ku­la­ti­on. APO Revue, 2007; 26: 19–29
  4. Baum­gart­ner R, Bot­ta P. Ampu­ta­ti­on und Pro­the­sen­ver­sor­gung. Stutt­gart: Thie­me, 2008
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