Nach­schla­ge­werk deckt Band­brei­te der Neu­ro­or­tho­pä­die ab

Spezielle Fachbücher zu Teilgebieten der Neuroortho­pädie gibt es viele. Ein Lehrbuch, in dem alle wesent­lichen Aspekte sämtlicher beteiligten Berufsgruppen evidenz-, methoden- und praxisorientiert dargestellt werden und in dem auch Patient:innen zu Wort kommen: Das ist neu. Doch genau das war Herausgeber Prof. Dr. Walter Strobl besonders wichtig bei der Konzep­tion der neuen Fach­bücher „Neuroorthopädie – Disability Management“ und „Therapeutisches Arbeiten in der Neuroorthopädie“, die 2021 erschienen sind. ­Namhafte Expert:innen aus den verschiedensten Berufsgruppen konnten für die Umsetzung gewonnen werden.

Das Ergeb­nis: Den Leser:innen eröff­net sich ein Nach­schla­ge­werk, das die gesam­te Band­breite der Neu­ro­or­tho­pä­die abdeckt. Im Gespräch mit der OT gibt Prof. Dr. Wal­ter Stro­bl, Lei­ter des MOTIO Fort­bil­dungs­in­sti­tuts für Kin­der- und Neuro­orthopädie, Wien, detail­lier­te Ein­bli­cke in die Inhal­te, die Zie­le und den lan­gen Weg von der Idee bis zur Umsetzung.

Anzei­ge

OT: Wie ist die Idee ent­stan­den, die­se zwei Fach­bü­cher zur Neu­ro­or­tho­pä­die zu verwirklichen?

Prof. Dr. Wal­ter Stro­bl: Schon vor dem Start des Uni­ver­si­täts­lehr­gangs „Neu­ro­or­tho­pä­die – Disa­bi­li­ty Manage­ment“ im Jahr 2009 an der Donau-Uni­ver­si­tät für Wei­ter­bil­dung Krems hat­te ich dazu ein Kon­zept seit etwa 20 Jah­ren in mei­ner Schub­la­de lie­gen. Den Anstoß, das Kon­zept dort her­aus­zu­ho­len, gaben mir dann drei Absolvent:innen des Mas­ter­stu­di­en­gangs: die Phy­sio­the­ra­peu­tin Clau­dia Abel, die Sozi­al­päd­ago­gin Eli­sa­beth Pitz und der Neuro­orthopäde Nils Schi­ko­ra, alle drei Mitherausgeber:innen, die mir ihre Unter­stüt­zung zusi­cher­ten. Ich habe das sofort auf­ge­grif­fen und gesagt, wenn ich Unter­stüt­zung bekom­me, rea­li­sie­ren wir das gemein­sam und wir haben uns dran­ge­setzt, mein Kon­zept kom­plett zu über­ar­bei­ten. Spe­zi­al­bü­cher zu den ein­zel­nen Krank­heits­bil­dern gibt es über­aus vie­le. Wir woll­ten aber nichts dazu­set­zen, son­dern unser Ziel war es, ein Fach­buch her­aus­zu­brin­gen, das einen Über­blick über den Sta­te of the Art gibt, aber gleich­zei­tig metho­den­un­ab­hän­gig, evi­denz­ba­siert, pro­dukt­un­ab­hän­gig ist. Jeder Arti­kel soll­te dabei von den aus unse­rer Sicht bes­ten Expert:innen des deut­schen Sprach­raums ver­fasst werden.

OT: Wel­che Rol­le spiel­te bei der Erstel­lung der Neuroorthopädie-Masterlehrgang?

Stro­bl: Der Lehr­gang hat uns bei der Errei­chung unse­res Ziels sehr gehol­fen, weil wir auch da immer schon ver­sucht haben, für unse­re Stu­die­ren­den die bes­ten Vor­tra­gen­den zu gewin­nen. Das scheint uns auch weit­ge­hend gelun­gen zu sein, wie die Ent­wick­lung des Lehr­gangs zeigt. Des­halb lagen aus den letz­ten zehn Jah­ren so vie­le gute Vor­trä­ge und aus­ge­ar­bei­te­te Skrip­te vor, die die zahl­rei­chen Expert:innen für den Stu­di­en­gang erar­bei­tet haben. Wa­rum also die Skrip­te nicht als Basis neh­men für einen B­uchbeitrag? Das Argu­ment über­zeug­te, sodass wir von fast allen Expert:innen sofort eine Zusa­ge erhielten.

OT: War­um zwei ver­schie­de­ne Fachbücher?

Stro­bl: Zunächst war von uns nur ein Fach­buch geplant. Der Sprin­ger Ver­lag hat uns dann aber erst­mal ein biss­chen den Kopf zurecht­ge­rückt, weil er sag­te: Ein inter­dis­zi­pli­nä­res Fach­buch, mit dem wir alle Berufs­grup­pen anspre­chen und bei dem wir sogar Patient:innen mit­schrei­ben las­sen, sei zu inno­va­tiv. Der Ver­lag plä­dier­te aus sei­ner Erfah­rung in Bezug auf Anspra­chen von Ziel­grup­pen her­aus des­halb für zwei Fach­bü­cher: eines mehr für die Ziel­grup­pe Ärzt:innen und eines eher pra­xis- bzw. metho­den­ori­en­tiert für die The­ra­pie­be­ru­fe. Dar­auf­hin haben wir ein Kon­zept für ein all­ge­mei­nes Lehr­buch ent­wi­ckelt, das eher für Ärzt:innen und Insti­tu­tio­nen inter­es­sant ist, und ein etwas spe­zi­el­le­res Buch für die Therapeut:innen, in dem zwar auch eini­ge Grund­la­gen erfasst sind, aber ins­be­son­de­re alle The­ra­pie­tech­ni­ken vor­kom­men, die im ers­ten Band nicht so aus­führ­lich beschrie­ben sind. Grund­sätz­lich sind aus unse­rer Sicht bei­de Bän­de für alle Berufs­grup­pen, auch Orthopädietechniker:innen, sehr inter­es­sant, weil inhalt­li­che Über­schnei­dun­gen bei einer Grö­ßen­ord­nung von nur etwa einem Drit­tel liegen.

OT: Was erwar­tet die Leser:innen beim Hard­co­ver: ­„Neu­ro­or­tho­pä­die – Disa­bi­li­ty Management“?

Stro­bl: Die­ses umfasst drei gro­ße The­men­ge­bie­te. Der ers­te Teil beinhal­tet Grund­la­gen und Erkran­kungs­bil­der. Den neu­ro­mo­to­ri­schen Grund­er­kran­kun­gen im Kin­des- und Erwach­se­nen­al­ter wer­den die gesetz­mä­ßig auf­tre­ten­den ortho­pä­di­schen Pro­ble­me und Erkran­kun­gen sowie deren Behand­lungs­an­sät­ze gegen­über­ge­stellt und ein­zeln beschrie­ben. Es geht dabei nicht um das Auf­füh­ren von Koch­re­zep­ten für die Patient:innen, wir haben es ja mit vie­len, indi­vi­du­el­len Ver­läu­fen und psy­cho­so­zia­len Hin­ter­grün­den im Kli­nik­all­tag zu tun. Des­halb geht es hier um das Auf­zei­gen von Gesetz­mä­ßig­kei­ten und Prin­zi­pi­en, die in Kli­nik und Pra­xis wei­ter­hel­fen kön­nen, sowie vie­len Hin­wei­sen zu wei­ter­füh­ren­der Spe­zi­al­li­te­ra­tur. Der zwei­te Teil führt dann von der Erklä­rung der ein­fachs­ten und häu­figs­ten Behand­lun­gen bis hin zu den sel­tens­ten bzw. kom­ple­xes­ten. Bei die­sem Teil haben wir als Ers­tes einen Pati­en­ten gefragt. Das ist sicher­lich unge­wöhn­lich für ein Lehr­buch, aber wir den­ken, dass es im Sin­ne des inklu­si­ven Lehr­buchs unbe­dingt not­wen­dig ist, dass Patient:innen bei uns eine Stim­me bekom­men und uns sagen, was ihnen bei der The­ra­pie­ziel­de­fi­ni­ti­on wich­tig ist. Von dort aus haben wir über­legt, wie man einen Men­schen mit Behin­de­rung am bes­ten beglei­ten bzw. die Behin­de­rung aus­glei­chen kann. Begin­nend mit einem Arti­kel zur UK (Unter­stütz­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on) wer­den The­ra­pie­for­men, ortho­pä­die­tech­ni­sche Hilfs­mit­tel und vie­les mehr bis hin zu den ver­schie­de­nen medi­ka­men­tö­sen und ope­ra­ti­ven Maß­nah­men dar­ge­stellt, bevor es im drit­ten Teil um die Ver­sor­gungs­struk­tur geht. Der drit­te Teil beginnt bei der Geschich­te, also der Fra­ge, wie sich die medi­zi­ni­sche Betreu­ung und Behand­lung von Men­schen mit Behin­de­rung ent­wi­ckelt haben. Dem schlie­ßen sich die Kapi­tel zu Selbst­hil­fe­grup­pen, Bil­dung, Sport, Reha, Migra­ti­on, Ethik an bis hin zu Tipps zum wis­sen­schaft­li­chen Arbei­ten auf dem Fach­ge­biet. Am Schluss schließt sich mit den ver­schie­de­nen Aus­bil­dungs­an­ge­bo­ten für das gesam­te Behand­lungs­team der Kreis zu unse­ren Lehr­gän­gen, die den Aus­gangs­punkt und die Grund­la­ge für das Fach­buch bilden.

OT: Was bie­tet das Taschen­buch „The­ra­peu­ti­sches Arbei­ten in der Neu­ro­or­tho­pä­die“ den Leser:innen?

Stro­bl: Bei die­sem Band haben wir das ers­te Kapi­tel mit den Grund­la­gen und Krank­heits­bil­dern kür­zer gehal­ten, um dann im zwei­ten Teil eine sehr umfas­sen­de ICF-basier­te Dar­stel­lung der ein­zel­nen Behand­lungs­tech­ni­ken für bestimm­te All­tags­ak­ti­vi­tä­ten der Patient:innen zu brin­gen. Die­se beginnt bei der Kom­mu­ni­ka­ti­on, Spra­che und Ernäh­rung, geht dann wei­ter mit Gehen, Ste­hen, Trans­fers bis hin zur Lage­rung von Men­schen, die schwerst mehr­fach behin­dert sind. Die Idee und unser Auf­trag an die Autor:innen waren, dass die Therapeut:innen in der Vor­be­rei­tung des Arti­kels gemein­sam mit ihren Orthopädietechniker:innen die Ant­wort auf die Fra­ge erar­bei­ten: Was braucht man und wie inte­griert man am bes­ten The­ra­pie und Hilfsmittel­versorgungen? Wie­der waren uns der inter­dis­zi­pli­nä­re Aus­tausch im Vor­feld und die Metho­den- und Produkt­unabhängigkeit im Kapi­tel beson­ders wichtig.

OT: Wel­chen Mehr­wert haben die Bücher für OTler?

Stro­bl: Vie­le unse­rer Stu­die­ren­den sind Orthopädie­tech­niker:­innen und haben einen zen­tra­len Stel­len­wert in den mul­ti­dis­zi­pli­nä­ren Betreu­ungs­teams. Ihnen wol­len wir ein pro­dukt­un­ab­hän­gi­ges Buch bie­ten, das auch einen Ein­blick in die Erkran­kungs­bil­der, die Grund­la­gen und Prin­zi­pi­en gibt. Denn schon 1920 hat Phel­ps auf die Not­wen­dig­keit ver­wie­sen, dass alle Betei­lig­ten „gemein­sam auf Augen­hö­he“ die Patient:innen ver­sor­gen soll­ten. Die­se ­Bücher lie­fern dafür das not­wen­di­ge Know-how.

Die Fra­gen stell­te Ire­ne Mechsner.

Hin­ter­grund
Erst­mals star­tet im Jahr 2009 an der Donau-Uni­ver­si­tät Krems ein vom Lei­ter des Öster­rei­chi­schen Arbeits­krei­ses für Neu­ro­or­tho­pä­die Prof. Dr. Wal­ter Stro­bl und von Univ.-Prof. Dr. Ste­fan Neh­rer ent­wi­ckel­ter berufs­be­glei­ten­der fünf­se­mest­ri­ger Mas­ter­lehr­gang „Neu­ro­or­tho­pä­die“. Vier wei­te­re spe­zia­li­sier­te Mas­ter­stu­di­en­gän­ge wur­den seit­dem entwickelt. 

 

Die Bücher

  • Stro­bl W. (Hrsg.), Abel C., Pitz E., Schi­ko­ra N.
    Neu­ro­or­tho­pä­die – Disa­bi­li­ty Management.
    Ver­lag: Sprin­ger, Ber­lin; 2021
  • Stro­bl W. (Hrsg.), Abel C., Pitz E., Schi­ko­ra N.
    The­ra­peu­ti­sches Arbei­ten in der Neuroorthopädie.
    Ver­lag: Sprin­ger, Ber­lin; 2021
Tei­len Sie die­sen Inhalt