Osteo­po­ro­se: Rücken­orthe­se redu­ziert Schmerzen

Seit mehr als zehn Jahren sind verschiedene Rücken­orthesenmodelle auf dem Markt, die eine Reduktion der Schmerzen bei osteoporosebedingten Wirbelbrüchen versprechen. Das Institut für Medizinische Physik (IMP) der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) fühlte mit einer gerade abgeschlossenen Kooperationsstudie „Auswirkungen der Spinomed active-Orthese auf chronische Rückenschmerzen bei Frauen mit Wirbelkörperfrakturen“ der Rückenorthese von Medi auf den Zahn. Studienleiter Prof. Wolfgang Kemmler erklärt im Gespräch mit der OT-Redaktion den Studienaufbau und die Kernergebnisse.

OT: War­um haben Sie eine Stu­die zum The­ma Osteo­po­ro­se aufgelegt?

Anzei­ge

Prof. Wolf­gang Kemm­ler: Osteo­po­ro­se gehört zu unse­ren Kern­the­men am Insti­tut, aller­dings eher mit dem Augen­merk auf kör­per­li­ches Trai­ning. Im Jahr 2009 erschien bereits eine Stu­die zur Spi­no­med-Rücken­orthe­se von Medi von Dr. med. Micha­el Pfei­fer mit dem Fokus auf die Aus­wir­kun­gen des Hilfs­mit­tels auf die Kraft der Träger:innen. Aus mei­ner Sicht ist bei der Erkran­kung Osteo­po­ro­se das The­ma Schmerz ein zen­tra­les, wes­halb es auch im Mit­tel­punkt unse­rer Unter­su­chung stand. Äuße­rer Anlass für die Stu­die war die aktu­el­le Über­ar­bei­tung der Leit­li­nie „Kör­per­li­ches Trai­ning zur Frak­tur­pro­phy­la­xe“ des Dach­ver­ban­des ­Osteo­lo­gie (DVO) e. V.

Gefun­den: 80 Studienteilnehmerinnen

OT: Wie haben Sie die Stu­die aufgestellt?

Kemm­ler: Wir such­ten ab Febru­ar 2021 über Ärzt:innen und über Berich­te in der Lokal­pres­se Frau­en über 65 Jah­re mit einer Wir­bel­säu­len­frak­tur infol­ge von ­Osteo­po­ro­se, die drei oder mehr Mona­te alt war. Wei­te­re Bedin­gung war: Die Frau­en lit­ten unter Schmer­zen auf­grund der Wir­bel­frak­tur. Sie kön­nen sich vor­stel­len, dass es in Zei­ten ­einer Pan­de­mie nicht ein­fach war, die nöti­ge Anzahl von Teil­neh­me­rin­nen zu fin­den. Allein für die Auf­stel­lung der bei­den Par­al­lel­grup­pen – der Kon­troll­grup­pe ohne Orthe­sen­ver­sor­gung (KG) und der Grup­pe mit Spi­no­med-acti­ve-Orthe­se (SOG) – haben wir vier Mona­te gebraucht. Aber es hat sich gelohnt. Per Los­ver­fah­ren wur­de aus­ge­wählt, wer in wel­cher Grup­pe an der Stu­die teil­nahm. Am Ende der ran­do­mi­sier­ten, kon­trol­lier­ten, ein­fach ver­blin­de­ten Stu­die (RCT) im Janu­ar 2022 konn­ten wir die Ergeb­nis­se von 80 Teil­neh­me­rin­nen, davon 40 in der SOG und 40 in der KG, auswerten.

OT: Wie ist die für die Stu­die aus­ge­such­te Orthe­se aufgebaut?

Kemm­ler: Kurz gesagt besteht die Spi­no­med-acti­ve-Orthe­se aus einem eng­an­lie­gen­den Kör­per­an­zug mit tex­ti­len Zug- und Dru­ck­ele­men­ten und einer Tasche am Rücken, in die eine stüt­zen­de Alu­mi­ni­um-Rücken­schie­ne ein­ge­setzt wird. Die stüt­zen­de Schie­ne kann auch indi­vi­du­ell an den Rücken der Pati­en­tin ange­passt wer­den. Sie soll die akti­ve Auf­rich­tung der Rumpf­mus­ku­la­tur durch ein Bio­feed­back­sys­tem sti­mu­lie­ren, das die Pati­en­tin an die auf­rech­te Hal­tung erinnert.

Koope­ra­ti­ons­stu­die mit Orthesenhersteller

OT: Wie haben Sie die 40 Rücken­orthe­sen für die SOG finanziert?

Kemm­ler: Das ist in der Tat ein gro­ßer Kos­ten­block. Des­halb haben wir die Stu­die als Koope­ra­ti­ons­stu­die auf­ge­stellt. Dank der Unter­stüt­zung von Medi konn­ten wir alle Teil­neh­me­rin­nen der SOG mit einer ent­spre­chen­den ­Rücken­orthe­se aus­stat­ten. Zudem hat uns die Fir­ma einen Ortho­pä­die­tech­ni­ker an die Sei­te gestellt. Das Unter­neh­men ermög­licht den Teil­neh­me­rin­nen der Kon­troll­grup­pe zusätz­lich eine Ver­sor­gung mit einer indi­vi­du­ell ange­pass­ten Orthe­se nach Abschluss der Stu­die. Lei­der muss­ten die gemein­sa­men Infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen, die spe­zi­ell für die Kon­troll­grup­pe vor­ge­se­hen waren, auf­grund von Covid-Beschrän­kun­gen abge­sagt werden.

Ortho­pä­die­tech­ni­ker an Bord

OT: Wel­che Auf­ga­ben hat­te der Ortho­pä­die­tech­ni­ker in Ihrer Studie?

Kemm­ler: Wir leg­ten beson­de­ren Wert auf die rich­ti­ge ­Anpas­sung und Hand­ha­bung der Orthe­se, da bei­des die Ergeb­nis­se stark beein­flusst. Die Orthe­se wur­de jeweils ­indi­vi­du­ell von dem Ortho­pä­die­tech­ni­ker ange­passt oder sogar in Ein­zel­fäl­len als Son­der­an­fer­ti­gung gefer­tigt. Er wies zudem die Teil­neh­me­rin­nen sorg­fäl­tig in das kor­rek­te An- und Able­gen der kom­plet­ten Orthe­se sowie das An- und Able­gen nur der Schie­ne etwa bei län­ge­rem Sit­zen oder in der Frei­zeit ein. Dar­über hin­aus infor­mier­te er die Teil­neh­me­rin­nen über die Rei­ni­gung und Pfle­ge der Orthe­sen und das Ver­hal­ten bei Pro­ble­men, Beschwer­den oder Defek­ten bzw. Beschä­di­gun­gen. Selbst­ver­ständ­lich sprach er mit den Frau­en auch über mög­li­che Neben­wir­kun­gen der ­Orthe­se. Nach zwei und dann nach acht Wochen der Interven­tion wur­den die Orthe­sen aller Teil­neh­me­rin­nen von dem­sel­ben Ortho­pä­die­tech­ni­ker über­prüft und – falls erfor­der­lich – ange­passt. Die Arbeit des Ortho­pä­die­tech­ni­kers hat­ten wir übri­gens unter­schätzt und hät­ten das trotz eini­ger Erfah­rung im Bereich selbst sicher nicht so gut „auf die Rei­he“ bekom­men. Umso dank­ba­rer sind wir für sei­ne Leis­tun­gen. In Tele­fon­in­ter­views, die alle zwei Wochen durch­ge­führt wur­den, wur­den die Hand­ha­bung der Orthe­se und ent­spre­chen­de Pro­ble­me bspw. beim An- und Able­gen, beim Ein­set­zen der Schie­ne oder beim Toi­let­ten­gang erfasst, sodass wir gege­be­nen­falls ein­grei­fen und Abwei­chun­gen vom Tra­ge­pro­to­koll inter­pre­tie­ren konnten.

OT: Wie oft soll­ten die Orthe­sen getra­gen werden?

Kemm­ler: Wäh­rend der 16-wöchi­gen Inter­ven­ti­on trug die SOG die Orthe­se täg­lich. In den ers­ten bei­den Wochen wur­den die Orthe­sen bis zu zwei Stun­den pro Tag getra­gen, ab Woche drei wur­de die Tra­ge­zeit täg­lich auf zwei ­Zyklen von min­des­tens zwei Stun­den erhöht. Zwi­schen den bei­den täg­li­chen Anwen­dun­gen konn­te die Orthe­se kom­plett abge­nom­men wer­den oder – was die Hand­ha­bung erleich­ter­te – nur die Schie­ne aus der Rücken­ta­sche ent­nom­men wer­den. Die Orthe­se soll­te bei den gewohn­ten alltäg­lichen kör­per­li­chen Akti­vi­tä­ten getra­gen wer­den. Die Teil­neh­me­rin­nen doku­men­tier­ten die täg­li­che ­Tra­ge­dau­er in ­einem Pro­to­koll, die Ein­hal­tung des Interventions­protokolls wur­de auch in den zwei­wö­chent­li­chen Telefon­interviews abgefragt.

Kern­ar­beits­the­sen und ihre Überprüfung

OT: Mit wel­chen Kern­ar­beits­the­sen sind Sie in die Stu­die gegangen?

Kemm­ler: Unse­re pri­mä­re Hypo­the­se war, dass die ­Spi­no­med-acti­ve-Orthe­se die Inten­si­tät der Rücken­schmer­zen im Ver­gleich zu einer Kon­troll­grup­pe ohne Orthe­se signi­fi­kant redu­ziert. Die wich­tigs­ten wei­te­ren Arbeits­the­sen waren, dass die Orthe­se hilft, den Tho­rax­ky­pho­sewin­kel zu ver­rin­gern sowie die maxi­ma­le Rumpf­kraft zu verbessern.

OT: Wie haben Sie die Hypo­the­sen überprüft?

Kemm­ler: Die Inten­si­tät der Kreuz­schmer­zen wur­de anhand einer nume­ri­schen Bewer­tungs­ska­la (NRS) von 0 (kei­ne Schmer­zen) bis 10 (schlimmst­mög­li­che Schmer­zen) über vier Wochen vor und wäh­rend der letz­ten vier Wochen der Inter­ven­ti­on erfasst. Die Teil­neh­me­rin­nen erhiel­ten stan­dar­di­sier­te Pro­to­kol­le und wur­den gebe­ten, jeden Abend ihre höchs­te täg­li­che „Low-Back-Pain“-Intensität, kurz LBP-Inten­si­tät, zu bewer­ten. Die durch­schnitt­li­che vier­wö­chi­ge LBP-Inten­si­tät vor und wäh­rend der letz­ten vier Wochen der Inter­ven­ti­on wur­de in die Ana­ly­se ein­be­zo­gen. Par­al­lel dazu wur­den die Teil­neh­me­rin­nen gebe­ten, die täg­li­che Schmerz­me­di­ka­ti­on in ihren Pro­to­kol­len fest­zu­hal­ten. Die durch­schnitt­li­che Anzahl der Tage mit Schmerz­mit­teln wäh­rend der vier­wö­chi­gen Peri­oden wur­de in die Ana­ly­se einbezogen.

Bei­de Grup­pen wur­den alle 14 Tage ange­ru­fen, um Ver­än­de­run­gen von etwai­gen Stör­fak­to­ren wie kör­per­li­che ­Akti­vi­tät und Bewe­gung, Phy­sio­the­ra­pie, ­Medi­ka­men­te, Nah­rungs­er­gän­zungs­mit­tel, ­Krank­hei­ten, ande­re Schmerz­zu­stän­de, Ereig­nis­se mit Aus­wir­kun­gen auf das Wohl­be­fin­den usw. zu ermit­teln. Zu Anfang und Ende des vier­mo­na­ti­gen Unter­su­chungs­zeit­raums haben wir ver­schie­de­ne Test­ver­fah­ren wie unter ande­rem den Kypho­metertest für die Bestim­mung des Kypho­sewin­kels im auf­rech­ten Ste­hen oder siche­re Kraft­tests der Rumpf­s­treck- und ‑beu­ge­mus­keln zur Mes­sung von Ver­än­de­run­gen der Rumpf­kraft durch­ge­führt. Der­zeit sind wir in der Schluss­pha­se, also der schrift­li­chen Abfas­sung aller Ergebnisse.

30 Pro­zent weni­ger Schmerzen/­Halbierung der Tage mit Schmerzmitteln

OT: Fan­den Sie Ihre pri­mä­re Arbeits­the­se bestätigt?

Kemm­ler: Wir haben zwar mit signi­fi­kan­ten Ver­bes­se­run­gen in der Grup­pe der Orthe­sen­trä­ge­rin­nen gerech­net, aber es hat mich doch über­rascht, wie gut die­se Orthe­sen tat­säch­lich wir­ken. So wur­de unse­re pri­mä­re Arbeits­the­se klar bestä­tigt: In der Grup­pe der Orthe­sen­trä­ge­rin­nen konn­ten wir eine Reduk­ti­on der Schmerz­in­ten­si­tät um 30 Pro­zent fest­stel­len. Die Schmerz­re­duk­ti­on bei der SOG liegt damit drei Mal so hoch wie bei der Kon­troll­grup­pe, die immer­hin eine Schmerz­re­duk­ti­on von zehn Pro­zent auf­wies. Wie die­se zehn Pro­zent zustan­de kom­men, kön­nen wir nur mut­ma­ßen. Viel­leicht beein­flusst das bewuss­te und inten­si­ve Beschäf­ti­gen mit dem eige­nen Befin­den die Wahr­neh­mung von Schmerz und redu­ziert die Bereit­schaft, Schmerz­mit­tel ein­zu­neh­men. Das zwei­te posi­ti­ve Ergeb­nis der Stu­die betrifft die sehr deut­li­che Reduk­ti­on der Schmerz­mit­tel bei der Grup­pe Orthe­sen­trä­ge­rin­nen: Die Tage mit Schmerz­mit­tel­me­di­ka­ti­on haben sich im Gegen­satz zur KG bei der SOG halbiert!

OT: Wie sahen die Ergeb­nis­se beim Kypho­sewin­kel und der Rumpf­kraft aus?

Kemm­ler: Auch die­se sekun­dä­ren Stu­di­en­ergeb­nis­se sind posi­tiv. Neh­men wir den Kypho­sewin­kel. Zu Beginn der Stu­die gab es zwi­schen bei­den Grup­pen kei­ne Unter­schie­de in Bezug auf den Kypho­sewin­kel. Nach der Inter­ven­ti­on hat­te sich bei der Kon­troll­grup­pe nichts ver­än­dert. Bei der SOG hin­ge­gen ver­bes­ser­te sich der Kypho­sewin­kel in auf­rech­ter Posi­ti­on um gan­ze zehn Pro­zent. Das ist ein Wahn­sinns­ef­fekt! Bei der Rumpf­kraft konn­ten wir eine Stei­ge­rung um 15 Pro­zent bei der SOG und bei der Kontroll­gruppe von fünf Pro­zent feststellen.

OT: Gab es wei­te­re inter­es­san­te Rückmeldungen?

Kemm­ler: Wir beka­men eine Rück­mel­dung, der nach­ge­gan­gen wer­den soll­te. So brach eine Teil­neh­me­rin ab, weil sie unter einer über­ak­ti­ven Bla­se litt und die Orthe­se nicht schnell genug aus­zie­hen konn­te, um zur Toi­let­te gehen zu kön­nen. Alle Ergeb­nis­se und Details zum Stu­di­en­auf­bau und den Test­ver­fah­ren wer­den hof­fent­lich ab Juli 2022 inter­na­tio­nal ver­öf­fent­licht und nach­zu­le­sen sein. Wir möch­ten die Daten auch auf unter­schied­li­chen natio­na­len Kon­gres­sen wie der OTWorld, der Osteo­lo­gie 22, dem Jah­res­tag der VSOU sowie dem DKOU vorstellen.

Die Fra­gen stell­te Ruth Justen.

Zu den Arbeits­ge­bie­ten von Prof. Wolf­gang Kemm­ler am IMP der Uni­ver­si­tät Erlan­gen-Nürn­berg (FAU) gehö­ren die Osteo­po­ro­se­for­schung, Kno­chen-Mus­kel-Inter­ak­ti­on, Trai­nings­leh­re in Prä­ven­ti­on und Reha­bi­li­ta­ti­on, alter­na­ti­ve Trai­nings­tech­no­lo­gien sowie Alters‑, Senio­ren- und Rehabilitationssport.

Osteo­po­ro­se
Druck­frisch leg­te die Inter­na­tio­nal Osteo­po­ro­sis Foun­da­ti­on (IOF) im Febru­ar einen Report über die Belas­tun­gen inner­halb der 27 EU-Staa­ten sowie in Groß­bri­tan­ni­en und der Schweiz durch ­Osteo­po­ro­se vor. In die­sen 29 Staa­ten waren im Jahr 2019 ins­ge­samt 32 Mil­lio­nen Men­schen an Osteo­po­ro­se – 25,5 Mil­lio­nen Frau­en und 6,5 Mil­lio­nen Män­ner – erkrankt. Die Kos­ten für die Behand­lung die­ser Men­schen belief sich in den 29 Län­dern auf ins­ge­samt 56,9 Mil­li­ar­den Euro. Allein 2019 zähl­te die IOF 4,3 Mil­lio­nen Brü­che infol­ge von Osteo­po­ro­se. Pro Minu­te kam es zu acht Brü­chen. Dar­un­ter auch die beson­ders schmerz­haf­ten Wirbelsäulenfrakturen. 
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