Prin­zip­stu­die zur Wir­kung ­eines indus­tri­el­len Exo­ske­letts ­bei Überkopfarbeit

Th. Schmalz, J. Bornmann, B. Schirrmeister, ­J. Schändlinger, M. Schuler
Arbeitsbedingte muskuloskelettale­ Erkrankungen zählen in Deutschland und Europa zu den häufigsten Gründen für Arbeitsunfähigkeit und sind ein bedeutender Kostenfaktor für Unternehmen und Gesundheitssysteme. Mit der Einführung von Exoskeletten wird angestrebt, arbeitsbedingte Überlastungen des Bewegungsapparats zu verringern.

In die­sem Kon­text ver­bes­sert das Exo­ske­lett „Paexo“ den Kom­fort bei Über­kopf­tä­tig­kei­ten. In der hier vor­ge­stell­ten Prin­zip­stu­die wer­den in einer Labor­si­tua­ti­on meta­bo­li­sche und elek­tro­myo­gra­fi­sche Para­me­ter wäh­rend einer typi­schen Über­kopf­ar­beit erho­ben, um die Wir­kung des Exo­ske­letts objek­tiv zu bewer­ten. Aus den Resul­ta­ten folgt, dass die Anwen­dung des Exo­ske­letts den meta­bo­li­schen Auf­wand des Nut­zers signi­fi­kant ver­rin­gert. Die elek­tromyografische Ana­ly­se belegt, dass mit dem Exo­ske­lett ins­be­son­de­re die Belas­tung der Schul­ter­re­gi­on deut­lich redu­ziert wird.

Anzei­ge

Ein­lei­tung

Arbeits­be­ding­te mus­ku­los­ke­letta­le Erkran­kun­gen (MSE) sind in Deutsch­land und Euro­pa der häu­figs­te Grund für Arbeits­un­fä­hig­keit und damit ein bedeu­ten­der Kos­ten­fak­tor für Unter­neh­men und Gesund­heits­sys­te­me1. Die Bun­des­an­stalt für Arbeits­schutz und Arbeits­me­di­zin bezif­fert die Pro­duk­ti­ons­aus­fall­kos­ten durch Krank­hei­ten des Bewe­gungs­ap­pa­rats im Jahr 2016 für Deutsch­land auf 17,2 Mrd. Euro2. Überkopf­arbeit kann dabei eine Ursa­che von MSE sein, die oft von Schmer­zen beglei­tet sind. Dies gilt ins­be­son­de­re, wenn Zusatz­ge­wich­te in Form von Werk­zeu­gen gehal­ten wer­den müs­sen 3 4 5. Bei Arbei­ten mit erho­be­nen Armen über 90° Ante­ver­si­on, die einen Anteil von mehr als 10 % der Arbeits­zeit ein­neh­men, zeigt sich ein bis zu zwei Drit­tel erhöh­tes Risi­ko von MSE im Schul­ter­be­reich. Hier­aus kann man fol­gern, dass die­se Hal­tun­gen im direk­ten Zusam­men­hang mit extrem erhöh­ten Belas­tun­gen des Schul­ter­ge­lenks ste­hen 6. Ergo­no­mi­sche Maß­nah­men wie der Ein­satz von Hand­ha­bungs­hilfs­mit­teln (z. B. hand­ge­führ­te Mani­pu­la­to­ren) haben sich in eini­gen Berei­chen als vor­teil­haft erwie­sen. Jedoch sind die gerin­ge Nut­zer­ak­zep­tanz auf­grund von Zeit­ver­zö­ge­run­gen, des erhöh­ten „Bewe­gungs­auf­wan­des“ sowie der Man­gel an not­wen­di­ger Fle­xi­bi­li­tät bei der Arbeits­aus­füh­rung ein gro­ßer Nach­teil 7. Somit kön­nen die­se indus­tri­el­len Robo­ter die not­wen­di­ge Fle­xi­bi­li­tät mensch­li­cher Bewe­gun­gen in der Pro­duk­ti­on momen­tan nicht adäquat ersetzen.

Eine Alter­na­ti­ve zur Unter­stüt­zung von Über­kopf­ar­bei­ten stellt die Nut­zung von Exo­ske­let­ten dar. Exoskelette­ sind am Kör­per getra­ge­ne exter­ne Struk­tu­ren, die bei einer Viel­zahl von Auf­ga­ben unter­stüt­zend wir­ken kön­nen und somit in der Lage sind, die Leis­tung des Nut­zers zu ver­bes­sern. Indi­vi­du­ell an den Men­schen ange­pass­te Exo­ske­let­te haben das Poten­zi­al, die beschrie­be­nen Nach­tei­le bis­he­ri­ger Robo­ter­sys­te­me zu redu­zie­ren. Dabei müs­sen sie den hohen Ansprü­chen an Funk­tio­na­li­tät, Sicher­heit und Kom­fort im Arbeits­all­tag ent­spre­chen und zu einer hohen Akzep­tanz füh­ren. In die­sem Kon­text kommt dem objek­ti­ven Nach­weis des Anwen­der­nut­zens eine gro­ße Bedeu­tung zu. Im vor­lie­gen­den Bei­trag wer­den ers­te Unter­su­chun­gen vor­ge­stellt, mit denen der Effekt eines pas­si­ven Exo­ske­letts bei einer typi­schen Über­kopf­ar­beit mess­tech­nisch erfasst und geprüft wird. Im Mit­tel­punkt ste­hen dabei sowohl die Erfas­sung meta­bo­li­scher Para­me­ter als auch die mus­ku­lär beding­te Belas­tung des Schultergelenks.

Metho­den

Ver­wen­de­tes Exoskelett

„Paexo“ (Abb. 1) ist ein neu­ar­ti­ges pas­si­ves Exo­ske­lett, das mit 1,9 kg äußerst leicht im Ver­gleich mit funk­tio­nell ähn­li­chen Sys­te­men ist 89. Die pas­si­ven Aktua­to­ren spei­chern die Ener­gie aus der Bewe­gung und geben sie ab, wenn sie benö­tigt wird. Beim Tra­gen des Exo­ske­letts erfährt der Nut­zer wäh­rend des Arbei­tens mit erho­be­nen Armen (Über­kopf­tä­tig­kei­ten) eine spür­ba­re Ent­las­tung des Schul­ter­ge­lenks, indem das Arm­ge­wicht abhän­gig von der Hal­tung des Ober­arms kom­pen­siert wird. Die Ober­ar­me sind dazu in einer Arm­scha­le gela­gert, die über eine Schie­ne mit einem Gelenk ver­bun­den ist. Die­ses Gelenk ist mit einer beweg­li­chen Stre­be ver­bun­den und kann sich ähn­lich dem Schul­ter­blatt über den Rücken bewe­gen. Die Kraft wird über einen Gurt in die Hüft­re­gi­on ein­ge­lei­tet (Prin­zip Wanderrucksack).

Die Stre­ben auf dem Rücken kön­nen sich unab­hän­gig von­ein­an­der bewe­gen und erlau­ben so eine voll­stän­di­ge Bewe­gungs­frei­heit des Ober­arms und des Rückens. Das Gelenk ist voll­stän­dig frei beweg­lich und befin­det sich in Höhe des Schul­ter­blat­tes. Über ver­schie­de­ne Ein­stell­mög­lich­kei­ten kann das Exo­ske­lett indi­vi­du­ell an den Nut­zer ange­passt wer­den. Dabei sind in ers­ter Linie die Ein­stel­lung anthro­po­me­tri­scher Grö­ßen sowie die Anpas­sung der Unter­stüt­zungs­kraft wich­tig. Ist das Exo­ske­lett bereits an den Nut­zer ange­passt, kann es in weni­ger als 20 Sekun­den wie ein Wan­der­ruck­sack ange­legt wer­den. „Paexo“ wur­de zusam­men mit Anwen­dern der Auto­mo­bil­in­dus­trie ent­wi­ckelt und in der Seri­en­fer­ti­gung getes­tet 10.

Simu­la­ti­on einer typi­schen Über­kopf­ar­beit unter Laborbedingungen

Zur Simu­la­ti­on einer typi­schen Über­kopf­ar­beits­si­tua­ti­on (Abb. 1) wur­de im Bio­me­cha­nik­la­bor ein modi­fi­zier­tes Regal mit einem höhen­ver­stell­ba­ren Auf­ga­ben­mo­dul aus­ge­stat­tet (Abb. 2a). Auf dem Modul befin­den sich die Adap­tio­nen für die über Kopf aus­zu­füh­ren­den Auf­ga­ben. Zur Schaf­fung glei­cher Vor­aus­set­zun­gen für jeden Pro­ban­den wur­den die Ösen­haken des Moduls auf Augen­hö­he des Pro­ban­den posi­tio­niert (Abb. 2b). Die Test­auf­ga­be für die Pro­ban­den bestand dar­in, mit einem Akku­schrau­ber (1,5 kg) wäh­rend der gesam­ten Mess­zeit mit der rech­ten obe­ren Extre­mi­tät über Kopf­hö­he zu arbei­ten; die lin­ke obe­re Extre­mi­tät fun­gier­te unter­stüt­zend (Aus- und Ein­schrau­ben von Schrau­ben, Abb. 3).

Pro­banden­grup­pe

Als Pro­ban­den wur­de eine Grup­pe von 12 Per­so­nen ohne bekann­te ortho­pä­di­sche oder neu­ro­lo­gi­sche Erkran­kun­gen rekru­tiert (24 ± 3 Jah­re, 176 ± 15 cm, 73 ± 15 kg, 6 männ­lich, 6 weib­lich). Die Pro­ban­den hat­ten kei­ner­lei Vor­er­fah­rung in der Nut­zung von Exoskeletten.

Ver­suchs­durch­füh­rung

Nach einer Erläu­te­rung des Stu­di­en­de­signs wur­den alle Pro­ban­den in die kor­rek­te Aus­füh­rung der Mess­auf­ga­be ein­ge­wie­sen, ein­schließ­lich eines ca. 20-minü­ti­gen „Trai­nings“ mit kom­plett ange­leg­ter Messtechnik.

Für den eigent­li­chen Messablauf­ wur­den die Pro­ban­den in zwei Gruppen­ ein­ge­teilt: Die ers­te Grup­pe führte­ die Auf­ga­be zwei­mal mit Exo­ske­lett und ein­mal ohne Exo­ske­lett (A‑B-A) aus, die zwei­te Grup­pe zwei­mal ohne Exo­ske­lett und ein­mal mit Exo­ske­lett (B‑A-B). Hier­durch sollte­ die Aus­wir­kung von Adaptations­effekten auf die Resul­ta­te mini­miert wer­den. Die Mess­dau­er jeder Aus­füh­rung betrug fünf Minu­ten, um das Errei­chen des phy­sio­lo­gi­schen „Steady-Sta­te“ zu gewähr­leis­ten. Die Pau­sen­zeit zwi­schen jeder Ein­zel­aus­füh­rung betrug ca. 20 Minu­ten. Vor jeder Aus­füh­rung wur­den in einer zwei­mi­nü­ti­gen sit­zen­den Posi­ti­on die Ruhewerte­ der meta­bo­li­schen Para­me­ter erfasst. Nach der Belas­tung erfolg­te die Werte­ermittlung für wei­te­re zwei ­Minu­ten eben­falls in sit­zen­der Position.

Die elek­tro­myo­gra­fi­schen Signa­le wur­den von den Antei­len des M. del­to­ide­us (acro­mia­lis, cla­vicu­la­ris und ­spi­na­lis) und des M. tra­pe­zi­us (ascen­dens, trans­ver­sa und descen­dens) sowie des M. biceps bra­chii gemes­sen. Dies ermög­licht die Erfas­sung eines detail­lier­ten Bil­des der Akti­vi­tät der Schul­ter­mus­ku­la­tur wäh­rend der Durch­füh­rung der Arbeits­auf­ga­be. Die Mes­sung des M. tri­ceps bra­chii war auf­grund der Arm­scha­len nicht möglich.

Mess­tech­nik

Meta­bo­li­sche Parameter

Die Mes­sung der Sauer­stoff­auf­nah­me („O2 rate“, Breath-by-Breath-Metho­de) erfolg­te mit dem mobi­len Ergo­spirometriesystem „MetaMax®3B“ (Cor­tex Bio­phy­sik GmbH, Leip­zig, Deutsch­land). Bei die­ser Mes­sung ist die simul­ta­ne Erfas­sung der Herz­fre­quenz mit einem Sport­tes­ter „T31“ inte­griert (Polar Elec­tro GmbH, Büt­tel­born, Deutschland).

Elek­tro­myo­gra­fi­sche Parameter

Zur Erfas­sung der elek­tro­myo­gra­fi­schen Para­me­ter wur­de das kabellose­ Sys­tem „Nora­xon Tele­myo DTS“ (Nora­xon, Scotts­da­le, USA; Mess­fre­quenz 1000 Hz) genutzt. Dabei wur­den Elek­tro­den vom Typ „Blue Sen­sor P“ (Ambu GmbH, Frank­furt, Deutsch­land) verwendet.

Daten­auf­be­rei­tung

Meta­bo­li­sche Parameter

Zur Bestim­mung der Ruhe­wer­te (Sauer­stoff­auf­nah­me und Herz­fre­quenz) wur­den alle Wer­te der jeweils letz­ten Minu­te vor der Aus­füh­rung der Mess­auf­ga­be gemit­telt. Aus den Daten der fünf­mi­nü­ti­gen Mess­auf­ga­be wur­den eben­falls die Mit­tel­wer­te der letzten­ Minu­te, also im anzu­neh­men­den „Steady-Sta­te“, berech­net. In der letz­ten Minu­te der abschlie­ßen­den Ruhe­mes­sung erfolg­te eine weitere­ Daten­er­he­bung. Die beschrie­be­ne Para­me­ter­er­mitt­lung wur­de für die Mess­durch­gän­ge mit und ohne Exo­ske­lett glei­cher­ma­ßen ange­wen­det. Die Wer­te aller Pro­ban­den bil­de­ten die Grund­la­ge für die Errech­nung der Grup­pen­mit­tel­wer­te bei­der Messsituationen.

Elek­tro­myo­gra­fi­sche Parameter

Die Roh­si­gna­le der EMG-Wer­te wur­den gleich­ge­rich­tet und Arte­fak­te (u. a. „Über­spre­chen“ von EKG-­Si­gna­len) durch spe­zi­el­le Algo­rith­men eli­mi­niert 11. Abschlie­ßend erfolg­te eine Signal­glät­tung mit einem RMS-Fil­ter (Fens­ter­grö­ße 100 ms). Aus­ den­ fünf­mi­nü­ti­gen Auf­zeich­nun­gen wur­de ein Ampli­tu­den­mit­tel­wert für jeden Mus­kel gebil­det, Basis für die Grup­pen­mit­tel­wer­te der bei­den zu ver­glei­chen­den Situationen.

Zur Bestim­mung der Mus­kel­er­mü­dung wur­de der „Mus­cle Fati­gue ­Index“ (MFI) bestimmt 12. Die­ser Index beschreibt eine Ver­schie­bung der mitt­le­ren Fre­quenz des elek­tro­myo­gra­fi­schen Signals in Rich­tung nied­ri­ger Fre­quen­zen, wenn ein Mus­kel unter nähe­rungs­wei­se sta­ti­schen Bedin­gun­gen ermü­det. Dazu wur­de die gesam­te Zeit­rei­he des Roh-EMG in zehn­se­kün­di­ge Peri­oden ℗ unter­teilt und in jedem die­ser Abschnit­te die mitt­le­re Fre­quenz bestimmt. Der Anstieg der Regres­si­ons­ge­ra­den, die sich aus den mitt­le­ren Fre­quen­zen im Zeit­ver­lauf errech­nen lässt, bil­det den nume­ri­schen Wert des MFI. Der MFI wird dabei in der Ein­heit (s*P)-1 ange­ge­ben. Nega­ti­ve Wer­te reprä­sen­tie­ren die Ermü­dung eines Muskels.

Sta­tis­tik

Zur Prü­fung von Unter­schie­den zwi­schen den Grup­pen­mit­tel­wer­ten wur­de der nicht­pa­ra­me­tri­sche Wil­coxon-Test ver­wen­det. Als Signi­fi­kanz­ni­veau wur­den die Irr­tums­wahr­schein­lich­kei­ten p < 0.05 (signi­fi­kan­te Dif­fe­renz) und p < 0.01 (hoch­si­gni­fi­kan­te Dif­fe­renz) festgelegt.

Ergeb­nis­se

Meta­bo­li­sche Parameter

Die gemes­se­nen Ruhe­wer­te vor und nach der Belas­tung zei­gen für die Mess­durch­gän­ge mit und ohne Exo­ske­lett sowohl für Sauer­stoff­auf­nah­me als auch Herz­fre­quenz kei­ne signi­fi­kan­ten Dif­fe­ren­zen. Wäh­rend der Arbeits­auf­ga­be wur­de eine signi­fi­kan­te Reduk­ti­on der Herz­fre­quenz um 7 % und für die Sauer­stoff­auf­nah­me um 11 % gemes­sen, wenn das Exo­ske­lett genutzt wird (Abb. 4 u. 5).

Elek­tro­myo­gra­fi­sche Parameter

Für die Para­me­ter, die sich aus der mitt­le­ren EMG-Ampli­tu­de ablei­ten, erge­ben sich aus­nahms­los signi­fi­kan­te Effek­te, deren Aus­prä­gung mus­kel­spe­zi­fisch ist. Die mitt­le­re Ampli­tu­de sinkt bei Nut­zung des Exo­ske­letts für alle Antei­le des M. del­to­ide­us und für den M. biceps bra­chii zwi­schen 40 und 48 %, für die Antei­le des M. tra­pe­zi­us zwi­schen 18 und 34 % (Abb. 6).

Der Mus­kel­er­mü­dungs­in­dex MFI beträgt ohne Exo­ske­lett zwi­schen ‑0.44 und ‑0.62 (s*P)-1 für die Anteile­ des M. del­to­ide­us sowie für den M. ­biceps bra­chii und sinkt für die­se Mus­keln signi­fi­kant auf Wer­te zwi­schen ‑0.08 und ‑0.21 (s*P)-1, wenn die ­Arbeits­auf­ga­be mit Exo­ske­lett aus­ge­führt wird. Der MFI für die Antei­le des M. tra­pe­zi­us ist ohne Exo­ske­lett ver­gli­chen mit den ande­ren ana­ly­sier­ten Mus­kel­an­tei­len deut­lich gerin­ger. Mit Exo­ske­lett wur­de eine signifikante­ Reduk­ti­on des Para­me­ters für den unte­ren Anteil die­ses Mus­kels gemes­sen (Abb. 7).

Dis­kus­si­on

Mit der vor­lie­gen­den Prin­zip­stu­die soll die bio­me­cha­ni­sche Wir­kung des Exo­ske­letts „Paexo“ im Rah­men einer Labor­si­tua­ti­on, die den Bedin­gun­gen rea­ler Arbeits­ab­läu­fe nahe­kommt, mit objek­ti­ven Mess­ver­fah­ren unter­sucht wer­den. In der Arbeits­me­di­zin gilt die (Oberflächen-)Elektromyografie als Stan­dard­ver­fah­ren, um die indi­vi­du­el­le Mus­kel­be­an­spru­chung und ‑ermü­dung zu tes­ten 13. Der parallel­ erfass­te Sauer­stoff­ver­brauch kann unter defi­nier­ten Bedin­gun­gen (Belas­tungs­in­ten­si­tät nicht im maxi­ma­len Bereich und Belas­tungs­zeit nicht über etwa 30 Minu­ten) als Indi­ka­tor für den meta­bo­li­schen Ener­gie­ver­brauch ange­se­hen wer­den 14. Zusam­men mit der Herz­fre­quenz ist die Sauer­stoff­auf­nah­me somit ein Maß für die Gesamt­be­an­spru­chung des ­Orga­nis­mus bei nicht­ma­xi­ma­ler Arbeit, die aus phy­sio­lo­gi­scher Sicht durch das Errei­chen eines „Steady-State“-­Niveaus gekenn­zeich­net ist 15.

Die nicht­si­gni­fi­kan­ten Dif­fe­ren­zen der Ruhe­wer­te der meta­bo­li­schen Para­me­ter bele­gen, dass die im Ver­suchs­de­sign fest­ge­leg­ten Pau­sen­zei­ten zu einer voll­stän­di­gen Erho­lung der Pro­ban­den füh­ren und dass somit die Ver­glei­che der Arbeits­auf­ga­ben aus­sa­ge­kräf­tig sind. Die bei Nut­zung des Exo­ske­letts ermit­tel­ten redu­zier­ten Wer­te für Herz­fre­quenz und Sauer­stoff­auf­nah­me ent­spre­chen einer Reduk­ti­on der Gesamt­be­an­spru­chung des Orga­nis­mus, die in ähn­li­cher Weise­ in einer frü­he­ren Stu­die ermit­telt wur­den 16. Die Stär­ke des Effekts, der für den Nut­zer des Sys­tems deut­lich posi­tiv spür­bar ist 17, wur­de in einer sol­chen Grö­ßen­ord­nung bei­spiels­wei­se im Bereich orthe­ti­scher Hilfs­mit­tel nur bei Ver­glei­chen von Kom­po­nen­ten nach­ge­wie­sen, die extrem dif­fe­ren­te Funk­ti­ons­prin­zi­pi­en auf­wei­sen1819.

Die elek­tro­myo­gra­fi­schen Para­me­ter doku­men­tie­ren in ein­deu­ti­ger Wei­se die dras­ti­sche Reduk­ti­on der mus­ku­lä­ren Bean­spru­chung, wenn der Anwen­der das Exo­ske­lett nutzt. Die Resul­ta­te kor­re­lie­ren mit Befun­den aus ande­ren Arbei­ten, die ähn­li­che Effek­te für ein­zel­ne Mus­keln im Bereich der Schul­ter nach­wie­sen 20 21. Mit der vor­lie­gen­den Unter­su­chung ist auf­grund der kom­ple­xen Erfas­sung meh­re­rer Mus­kel­grup­pen erkenn­bar, dass die Reduk­ti­on der mus­ku­lä­ren Bean­spru­chung in den Antei­len des M. del­to­ide­us und im M. biceps bra­chii am stärks­ten aus­ge­prägt ist. Da zudem die bei­den Arbeits­auf­ga­ben in ver­gleich­ba­ren Gelenk­win­kel­stel­lun­gen aus­ge­führt wur­den (Abb. 3), kann aus den Befun­den im Sin­ne einer Plau­si­bi­li­täts­be­trach­tung geschlos­sen wer­den, dass die not­wen­di­gen Mus­kel­kräf­te ins­be­son­de­re im M. del­to­ide­us beträcht­lich redu­ziert sind 22. Eine Fol­ge der Reduk­ti­on von Mus­kel­kräf­ten ist die Reduk­ti­on der inter­nen Gelenk­kom­pres­si­ons­kräf­te, was aus pro­gnos­ti­scher Sicht über län­ge­re Zeit­räu­me zu ver­rin­ger­ten Ver­schleiß­erschei­nun­gen füh­ren könn­te 23 24.

Bei der Ana­ly­se der Wer­te für den Mus­kel­er­mü­dungs­in­dex ist zu beach­ten, dass die Bestim­mung des MFI für sta­ti­sche Bedin­gun­gen gül­tig ist 25 26. Die hier unter­such­te Arbeits­auf­ga­be kann nähe­rungs­wei­se als ­sta­tisch beschrie­ben wer­den. Die ermit­tel­te Reduk­ti­on des MFI, gleich­be­deu­tend mit einer dras­ti­schen ­Ver­ringerung der loka­len Muskel­ermüdung bei Nut­zung des Exo­ske­letts, ist wie­der­um mus­kel­spe­zi­fisch (stärks­te Effek­te im M. del­to­ide­us und im M. biceps bra­chii). Die Ver­rin­ge­rung des MFI kor­re­liert auch mit den meta­bo­li­schen Wer­ten, da unter aero­ben Ener­gie­be­reit­stel­lungs­pro­zes­sen eine ver­rin­ger­te Sauer­stoff­auf­nah­me ein Maß für eine ver­rin­ger­te not­wen­di­ge Ver­sor­gung des Ske­lett­mus­kels mit Sauer­stoff ist 27.

Fazit und Ausblick

Die Ergeb­nis­se zei­gen, dass die Ver­wen­dung des getes­te­ten Exo­ske­letts prin­zi­pi­ell zu einer Belas­tungs­re­duk­ti­on in der zu unter­stüt­zen­den Schul­ter­re­gi­on führt. Die auch unmit­tel­bar posi­tiv emp­fun­de­ne Wir­kung ist dem­zu­fol­ge mit einer hohen Akzep­tanz durch den Nut­zer ver­bun­den. Um zu tes­ten, ob die­se Belastungs­reduktion auch für kom­ple­xe Anwen­dungs­fäl­le und vari­ie­ren­de Nut­zer­grup­pen als zutref­fend anzu­neh­men ist, wer­den in Zukunft wei­te­re wis­sen­schaft­li­che Unter­su­chun­gen mit unter­schied­li­chen Pro­banden­grup­pen und in Form von Feld­stu­di­en durch­ge­führt. Der heu­ti­ge Wis­sens- und For­schungs­stand lässt noch kei­ne ver­läss­li­chen Aus­sa­gen hin­sicht­lich einer lang­jäh­ri­gen gene­rel­len posi­ti­ven gesund­heit­li­chen Wir­kung der Belas­tungs­re­duk­ti­on und der Umver­tei­lung von Kräf­ten im Kon­text des Berufs­all­ta­ges zu 28. Dies unter­streicht eben­falls die Not­wen­dig­keit wei­te­rer sys­te­ma­ti­scher Unter­su­chun­gen. Dadurch wird auch sicher­ge­stellt, dass neue Erkennt­nis­se in die zukünf­ti­ge Ent­wick­lung indus­tri­el­ler Exo­ske­let­te ein­flie­ßen kön­nen. Dabei ist der Dia­log zwi­schen Anwen­dern, Arbeits­wis­sen­schaft­lern und Her­stel­lern essen­ti­ell. Der pri­mä­re Aspekt dabei ist das Wohl des Nut­zers mit der best­mög­li­chen Ent­spre­chung sei­ner Bedürf­nis­se,­ um eine mög­lichst hohe Anwen­der­ak­zep­tanz sicherzustellen.

Für die Autoren:
Dr. Tho­mas Schmalz
Otto­bock SE & Co. KGaA, ­­Bereich ­Cli­ni­cal Rese­arch & Services/Biomechanics
Her­mann-Rein-Stra­ße 2a
37075 Göttingen
schmalz@ottobock.de


Begut­ach­te­ter Beitrag/reviewed paper

Zita­ti­on
Schmalz Th., Born­mann J., Schirr­meis­ter B., Schänd­lin­ger J., Schuler M. Prin­zip­stu­die zur Wir­kung eines indus­tri­el­len Exo­ske­letts bei Über­kopf­ar­beit. Ortho­pä­die Tech­nik, 2019; 70 (6): 36–41
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