FachartikelPeer Review

Labor­prü­fung von Knie­or­the­sen – aktu­el­ler Stand und Anwendung

D. Hochmann, M. Kirillov
Der Beitrag beschreibt den aktuellen Wissensstand bei der Knieorthesen-Prüfung und definiert die Voraussetzungen für einen reproduzierbaren und trennscharfen Vergleich der funktionellen Eigenschaften von Knie­orthesen unter kontrollierten Prüfbedingungen.

Ein­lei­tung

Im Bereich der funk­tio­nel­len Bewer­tung von Knie­or­the­sen exis­tie­ren der­zeit kei­ne ver­bind­li­chen Prüf­stan­dards. Die har­mo­ni­sier­te Norm EN ISO 22523 ver­pflich­tet die Hilfs­mit­tel­her­stel­ler, die erfor­der­li­chen Fes­tig­keits­pa­ra­me­ter und die dazu gehö­ren­den Prüf­ver­fah­ren zu defi­nie­ren und zu doku­men­tie­ren, macht aber kei­ne Anga­ben zu der Funk­ti­ons­prü­fung. In Wis­sen­schaft und Pra­xis hat es sich jedoch bewährt, die Sta­bi­li­sie­rungs­wir­kung von Knie­or­the­sen mit­hil­fe eines soge­nann­ten stan­dar­di­sier­ten Labor­prüf­ver­fah­rens zu bewer­ten, bei dem die rele­van­ten Eigen­schaf­ten des mensch­li­chen Kör­pers in einem phy­si­ka­li­schen Modell rea­li­täts­nah abge­bil­det wer­den. Labor­prüf­ver­fah­ren kön­nen zwar kei­ne direk­te Aus­sa­ge über den medi­zi­ni­schen Nut­zen des Hilfs­mit­tels tref­fen, erlau­ben aber einen repro­du­zier­ba­ren und trenn­schar­fen Ver­gleich von funk­tio­nel­len Eigen­schaf­ten ein­zel­ner Hilfs­mit­tel unter kon­trol­lier­ten Prüf­be­din­gun­gen ohne Ein­fluss von Varia­blen wie indi­vi­du­el­ler Pati­en­ten­ei­gen­schaf­ten oder wei­te­ren Umgebungsfaktoren.

Labor­prü­fun­gen stel­len im Gegen­satz zu kli­ni­schen Stu­di­en kein direk­tes Pati­en­ten­ri­si­ko dar und kön­nen auch Ein­satz­sze­na­ri­en bewer­ten, die schwie­rig oder ethisch pro­ble­ma­tisch in einem kli­ni­schen Set­ting umzu­set­zen wären.

Stand der Tech­nik bei der Knieorthesenprüfung

Auf dem Gebiet der Knie­or­the­sen-Prü­fung sind in der Ver­gan­gen­heit neben Pro­ban­den- und Kada­ver­stu­di­en meh­re­re Prüf­mo­del­le unter­schied­li­cher Kom­ple­xi­tät ent­wi­ckelt wor­den. Sie kön­nen grob unter­teilt wer­den in:

  • Model­le mit einem ein­fa­chen mecha­ni­schen Gelenk, das einen oder meh­re­re Frei­heits­gra­de des mensch­li­chen Knie­ge­lenks nach­bil­det [1, 2]
  • kom­ple­xe Model­le mit empi­ri­scher Nach­bil­dung wesent­li­cher Struk­tu­ren des Knie­ge­lenks wie Bän­der, Meni­sci oder Seh­nen [3]
  • Model­le nach dem soge­nann­ten „Black Box“-Prinzip [4, 5]

Model­le mit Knie­ge­lenks­nach­bil­dung haben den sys­te­ma­ti­schen Nach­teil, dass sowohl die Orthe­se als auch die Knie­mo­dell­struk­tu­ren die Last gleich­zei­tig auf­neh­men. Um dies zu ver­mei­den, wird bei Model­len nach dem „Black-Box“-Prinzip auf ein phy­si­ka­li­sches Gelenk zur Ver­bin­dung von Ober- und Unter­schen­kel ver­zich­tet. Ober- und Unter­schen­kel sind dabei voll­stän­dig von­ein­an­der getrennt und die Belas­tun­gen wer­den aus­schließ­lich über die Orthe­se übertragen.

Für eine Knie­or­the­sen-Prü­fung sind die fol­gen­den kli­nisch rele­van­ten Belas­tun­gen von Bedeu­tung: Ante­rior/­Pos­te­ri­or-Trans­la­ti­on (Schub­la­de), Innen-/Au­ßen­ro­ta­ti­on sowie Varus/­Val­gus-Rota­ti­on. Die Belas­tun­gen wer­den ein­zeln oder über­la­gert mit­hil­fe eines anthro­po­mor­phen Prüf­mo­dells (Bein­phan­tom) über Antrie­be auf­ge­bracht (Abb. 1). Die ent­stan­de­nen Kraft-Weg- bzw. Moment-Win­kel-Kenn­li­ni­en wer­den durch inte­grier­te Sen­so­rik auf­ge­nom­men und aus­ge­wer­tet. Eine wich­ti­ge Vor­aus­set­zung dabei ist, dass sich die Mess­si­gna­le der ein­zel­nen Frei­heits­gra­de gegen­sei­tig nicht beeinflussen.

In den letz­ten Jah­ren sind im Labor für Bio­me­cha­tro­nik der FH Müns­ter im Rah­men von Auf­trags­un­ter­su­chun­gen und inter­nen Vali­die­rungs­mes­sun­gen zahl­rei­che Erkennt­nis­se zur Anwen­dung des Prüf­ver­fah­rens nach Hoch­mann [5] ent­stan­den. Durch den regel­mä­ßi­gen Aus­tausch im DIN-Arbeits­kreis „Labor­prüf­ver­fah­ren für Orthe­sen der unte­ren Extre­mi­tä­ten“ konn­ten die­se Erkennt­nis­se mit den Erfah­run­gen indus­tri­el­ler Anwen­der abge­gli­chen wer­den. Die dar­aus resul­tie­ren­den kon­sens­fä­hi­gen Fest­le­gun­gen wer­den im Fol­gen­den kurz dargestellt.

Eine ver­ti­ka­le Anord­nung des Bein­phan­toms bei einer ange­trie­be­nen Rela­tiv­be­we­gung des Unter­schen­kel­seg­ments gegen­über dem fes­ten Ober­schen­kel­seg­ment hat sich in den letz­ten Jah­ren eta­bliert. Um eine rea­li­täts­na­he Prü­fung zu gewähr­leis­ten, wer­den die Außen­form, die Abmes­sun­gen und die Beschaf­fen­heit des Bein­phan­toms ent­spre­chend der mensch­li­chen Mor­pho­lo­gie und den rele­van­ten anthro­po­me­tri­schen Daten gewählt. Es besteht Einig­keit dar­über, dass eine rea­li­täts­na­he Nach­bil­dung der Com­pli­ance des Weich­ge­we­bes sowie der Rei­bungs­ei­gen­schaf­ten der mensch­li­chen Haut erfor­der­lich ist. Auf kom­ple­xe Phan­to­me mit Nach­bil­dung der Mus­kel­ak­ti­vi­tät [5] wird dage­gen in den letz­ten Jah­ren zuneh­mend ver­zich­tet, da sie ten­den­zi­ell zu höhe­ren Mess­ab­wei­chun­gen füh­ren und sich nur schwer exakt repro­du­zie­ren lassen.

Bei der Prü­fung von kon­fek­tio­nier­ten Orthe­sen müs­sen die Abmes­sun­gen des Phan­toms mit der Grö­ße der zu tes­ten­den Orthe­sen aus­rei­chend über­ein­stim­men. Da ver­schie­de­ne Unter­neh­men unter­schied­li­che Grö­ßen­sys­te­me ver­wen­den, ist dies in der Pra­xis nicht immer ein­fach zu rea­li­sie­ren. Je klei­ner die zu detek­tie­ren­den Unter­schie­de in den Orthe­sen-Eigen­schaf­ten sind, des­to wich­ti­ger ist es, die Form­über­ein­stim­mung zu kon­trol­lie­ren. Bei der Bewer­tung von indi­vi­du­ell ange­fer­tig­ten Orthe­sen ist unter Umstän­den die Anfer­ti­gung eines Phan­toms aus den Scan­da­ten des Pati­en­ten erforderlich.

Es ist momen­tan lei­der unklar, wel­che Sta­bi­li­sie­rungs­wer­te von Knie­or­the­sen aus kli­ni­scher Sicht ange­strebt wer­den sol­len. Aus die­sem Grund wer­den heu­te in der Regel Ver­gleichs­mes­sun­gen durch­ge­führt, bei denen die Sta­bi­li­sie­rungs­wir­kung einer neu­en Orthe­se z. B. mit einem Kon­kur­renz­pro­dukt oder einem eige­nen markt­be­währ­ten Sys­tem ver­gli­chen wird.

Kon­trol­le der Prüfbedingungen

Bei Ver­gleichs­un­ter­su­chun­gen kommt es beson­ders dar­auf an, dass die Ergeb­nis­se der Prü­fung die Unter­schie­de in der Kon­struk­ti­on reprä­sen­tie­ren und nicht auf die Abwei­chun­gen beim Anle­gen und Befes­ti­gen zurück­zu­füh­ren sind.

Eine beson­de­re Bedeu­tung kommt der Sicher­stel­lung der ver­gleich­ba­ren Kraft­über­tra­gung zwi­schen Orthe­se und Bein­phan­tom zu [5]. Die Kräf­te in den Gur­ten müs­sen zu Beginn der Prü­fung ver­gleich­ba­re Wer­te auf­wei­sen. Es reicht dabei nicht aus, die Gur­te „nach Erfah­rung“ fest­zu­zie­hen. Die Kon­trol­le der Zug­kraft aus­schließ­lich beim Anzie­hen der Gur­te, z. B. mit einer Feder­waa­ge, ist eben­falls nicht aus­rei­chend. Zum einen ist die resul­tie­ren­de Kraft stark von der Rei­bung in den Umlenk­schlau­fen und der Rich­tung der Zug­kraft abhän­gig. Zum ande­ren beein­flus­sen sich die Gur­te beim Anzie­hen gegen­sei­tig. Die Kräf­te in den Gur­ten sol­len nach Mög­lich­keit wäh­rend der gesam­ten Prü­fung über­wacht wer­den. Dazu wur­den im Labor für Bio­me­cha­tro­nik der FH Müns­ter soge­nann­te Gurt­kraft­sen­so­ren ent­wi­ckelt (Abb. 2). Der Gurt kann dabei durch den Sen­sor geführt wer­den, ohne dass die­ser zer­schnit­ten wer­den muss (Abb. 3). Der Sen­sor ist für die Mes­sung von Zug­kräf­ten bis zu 200 N kon­zi­piert und für varia­ble Gurt­di­cken und Gurt­brei­ten zwi­schen 40 mm und 60 mm geeignet.

Die Erfah­run­gen zei­gen, dass die Höhe der Gurt­kräf­te einen erheb­li­chen Ein­fluss auf die Prüf­ergeb­nis­se hat. In der Rea­li­tät konn­ten dau­er­haft tole­rier­te Gurt­kräf­te von 20 bis 30 N gemes­sen wer­den [5]. Ein Ver­gleich der Prüf­ergeb­nis­se, die mit unter­schied­li­chen Gurt­kraft­ein­stel­lun­gen erzielt wur­den, ist nicht zulässig.

Des Wei­te­ren muss die Posi­tio­nie­rung der Orthe­se im Prüf­stand exakt repro­du­zier­bar sein. Das Anle­gen und die Rei­hen­fol­ge der Ver­gur­tung erfol­gen in der Regel nach Vor­ga­ben des Her­stel­lers. Zur Ori­en­tie­rung ist es sinn­voll, die Lage der Kom­pro­miss­ach­se nach Niet­ert mit­hil­fe eines Laser­poin­ters anzuzeigen.

Da die meis­ten heu­ti­gen Knie­or­the­sen über ein poly­zen­tri­sches Zahn­seg­ment­ge­lenk ver­fü­gen, besteht hier eine Inkon­gru­enz zu den mono­zen­tri­schen Dreh­ach­sen des Prüf­stands. Im ers­ten Zyklus der indu­zier­ten Bewe­gung kann es daher zu einer merk­li­chen Ver­schie­bung der Orthe­se kom­men. Dies wird vor allem durch Ach­sen­in­kon­gru­enz und die koni­sche Form des Bei­nes begüns­tigt. Die­se sog. „Ein­richt­fahrt“ wird bei der Aus­wer­tung in der Regel ver­wor­fen. Bei einer kon­ven­tio­nel­len Anord­nung des Bein­mo­dells (Ober­schen­kel oben) kann es jedoch infol­ge von Migra­ti­on dazu kom­men, dass auch die fol­gen­den Mess­zy­klen einen kon­ti­nu­ier­li­chen Signal­drift auf­wei­sen. Die­ser erschwert nicht nur den trenn­schar­fen Ver­gleich der Pro­duk­te, son­dern kann auch zu einer kom­plet­ten Dista­li­sie­rung der Orthe­se am Bein­mo­dell füh­ren. Um den Dista­li­sie­rungs­ef­fek­ten ent­ge­gen­zu­wir­ken, wur­de das Bein­mo­dell umge­dreht, so dass sich der Ober­schen­kel unten befin­det. Dadurch wirkt die koni­sche Form des Bein­mo­dells der Ach­sen­in­kon­gru­enz ent­ge­gen. In den Ver­gleichs­un­ter­su­chun­gen an der FH Müns­ter konn­te gezeigt wer­den, dass die­se Anord­nung die Abwei­chung der Ein­zel­mes­sun­gen erheb­lich redu­ziert, ohne die Aus­sa­ge­kraft der Ergeb­nis­se zu gefährden.

Durch­füh­rung und Aus­wer­tung der Prüfung

Die Durch­füh­rung der Knie­or­the­sen-Prü­fung im Labor für Bio­me­cha­tro­nik der FH Müns­ter erfolgt in fol­gen­den Schritten:

  • Anle­gen der Orthe­se mit Kon­trol­le über Gurtkraftsensoren,
  • Star­ten der Mess­rei­he aus fünf Wiederholungsmessungen,
  • voll­stän­di­ges Able­gen der Orthe­se durch Lösen der Gur­te und deren Ent­fer­nen vom Beinmodell,
  • drei­ma­li­ge Wie­der­ho­lung der vor­an­ge­gan­ge­nen Schritte.

Das Vor­ge­hen wird für jede Sta­bi­li­sie­rungs­rich­tung wie­der­holt. Die durch die Orthe­se erzeug­te Gegen­kraft (AP-Trans­la­ti­on) bzw. das Gegen­mo­ment (Innen-/Au­ßen­ro­ta­ti­on, Varus/­Val­gus-Rota­ti­on) wird dabei durch die Kraft­mess­do­se auf­ge­nom­men. Gleich­zei­tig wird der Trans­la­ti­ons­weg bzw. der Rota­ti­ons­win­kel erfasst, so dass eine typi­sche Kraft-Weg- bzw. Moment-Win­kel-Kenn­li­nie ent­steht (Abb. 4), die zur wei­te­ren Bewer­tung her­an­ge­zo­gen wer­den kann. Par­al­lel dazu wer­den wei­te­re Hilfs­pa­ra­me­ter, wie bei­spiels­wei­se die Gurt­kraft­ver­läu­fe, auf­ge­zeich­net. Die­se kön­nen bei unty­pi­schen Kenn­li­ni­en­ver­läu­fen zur Ursa­chen­klä­rung her­an­ge­zo­gen werden.

Die Ablei­tung der Ver­gleichs­pa­ra­me­ter aus den Mess­da­ten ist der­zeit jedoch nicht aus­rei­chend stan­dar­di­siert. Ein gän­gi­ger Weg ist es, eine gleich­blei­ben­de Orthe­sen­stei­fig­keit anzu­neh­men und linea­re Regres­si­on anzu­wen­den. Die trans­la­to­ri­sche [N/mm] bzw. die rota­to­ri­sche [Nm/°] Orthe­sen­stei­fig­keit ent­spricht dabei der Stei­gung der Regres­si­ons­ge­ra­den der jewei­li­gen Kenn­li­nie. Die­ses ver­ein­fa­chen­de Vor­ge­hen funk­tio­niert sehr gut bei sym­me­tri­schen und annä­hernd linea­ren Kenn­li­ni­en, wie im vor­ge­stell­ten Bei­spiel. Für nicht­li­nea­re und/oder asym­me­tri­sche Kur­ven­ver­läu­fe ist die­ses Vor­ge­hen auf Grund des zuneh­men­den Linea­ri­sie­rungs­feh­lers feh­ler­an­fäl­lig. Dies kann den Ver­gleich von kon­struk­tiv stark unter­schied­li­chen Pro­duk­ten erschwe­ren. Alter­na­tiv dazu wer­den ande­re Vor­ge­hen wie die poly­no­mia­le Appro­xi­ma­ti­on oder Defi­ni­ti­on von meh­re­ren Stei­fig­keits­be­rei­chen dis­ku­tiert. Auf­grund des grö­ße­ren Auf­wan­des und feh­len­der Stan­dar­di­sie­rung konn­ten sie sich bis­her jedoch nicht durchsetzen.

Neben der Orthe­se tra­gen Rei­bungs­ver­lus­te in den Antrie­ben zum Ergeb­nis bei. Um die­se zu eli­mi­nie­ren, hat es sich bewährt, eine soge­nann­te Null­fahrt ohne ange­leg­te Orthe­se durch­zu­füh­ren. Die­ses Null­ni­veau wird in der Aus­wer­tung zur Ergeb­nis­kor­rek­tur verwendet.

Exem­pla­ri­sche Anwendung

Beach­tet man die obi­gen Aus­füh­run­gen, so eig­nen sich Labor­prüf­ver­fah­ren beson­ders gut, um auch klei­ne Unter­schie­de zwi­schen Pro­duk­ten zu detek­tie­ren. Das ist ins­be­son­de­re dann von Vor­teil, wenn kon­kur­rie­ren­de Anfor­de­run­gen erfüllt wer­den sollen.

Im All­ge­mei­nen las­sen sich mit rigi­den Orthe­sen-Kon­struk­tio­nen höhe­re Sta­bi­li­sie­rungs­wer­te erzie­len. Auf der ande­ren Sei­te hän­gen die Ergeb­nis­se the­ra­peu­ti­scher Orthe­sen-Behand­lun­gen in hohem Maße von der Com­pli­ance des Pati­en­ten ab. Kli­ni­sche Stu­di­en haben gezeigt, dass Com­pli­ance-Raten bei vie­len ortho­pä­di­schen Hilfs­mit­teln, unter ande­rem auch bei Knie­or­the­sen, schlecht sind [6]. Bei ver­min­der­ter Com­pli­ance sind die gewünsch­ten the­ra­peu­ti­schen Effek­te unab­hän­gig von den guten funk­tio­nel­len Eigen­schaf­ten der Orthe­se schwer oder gar nicht zu errei­chen. Alle kon­struk­ti­ven Maß­nah­men zur Ver­bes­se­rung der Pati­en­ten­ak­zep­tanz sind daher grund­sätz­lich zu begrüßen.

Mit der Ent­wick­lung der teil­fle­xi­blen Knie­or­the­se „Secu­Tec Genu Flex“ ver­folg­te die Fir­ma Bau­er­feind (Zeu­len­ro­da) das Ziel, eine bes­se­re Form­an­pas­sung und dadurch einen ver­bes­ser­ten Tra­ge­kom­fort zu errei­chen. Die Schel­len der Orthe­se bestehen aus beweg­li­chen Ele­men­ten, die sich wäh­rend der Bewe­gung den sich ver­än­dern­den For­men von Ober­schen­kel und Unter­schen­kel anpas­sen sol­len. Dabei stell­te sich jedoch die Fra­ge, ob sich dadurch die Sta­bi­li­sie­rungs­wir­kung für die rele­van­ten Belas­tun­gen verschlechtert.

Aus die­sem Grund wur­de an der FH Müns­ter eine Unter­su­chung durch­ge­führt, bei der die Sta­bi­li­sie­rungs­ef­fek­te der Secu­Tec Genu Flex gegen A/P‑Translation und Innen-/Au­ßen­ro­ta­ti­on anhand des Ver­gleichs mit einer markt­be­währ­ten Hart­rah­men­or­the­se („Secu­Tec Genu“) bewer­tet wur­den. Die Unter­su­chungs­me­tho­dik ent­sprach dabei der oben dar­ge­stell­ten Vor­ge­hens­wei­se. Die Ver­gleich­bar­keit der Anle­ge­si­tua­ti­on wur­de durch die Kon­trol­le mit­tels Gurt­kraft­sen­so­ren sicher­ge­stellt. Die Zug­kraft in den Gur­ten betrug dabei ca. 25N. Die Posi­tio­nie­rung und die Anbrin­gung der Gurt­kraft­sen­so­ren sind für bei­de unter­such­te Orthe­sen ein­heit­lich. Der mit der Anbrin­gung der Gurt­kraft­sen­so­ren ver­bun­de­ne kon­struk­ti­ve Ein­griff in das Pro­dukt ist gering und somit ver­tret­bar. Die Prü­fung erfolg­te mit einer Trans­la­ti­ons­ge­schwin­dig­keit von 2 mm/s und einer Rota­ti­ons­ge­schwin­dig­keit von 1,5°/s. Für jeden Last­fall wur­den drei Mes­sun­gen mit je fünf Prüf­zy­klen durch­ge­führt, vor jeder Mes­sung wird das Prüf­ob­jekt neu angelegt.

Die Unter­su­chung ergab, dass bei­de Orthe­sen eine gleich­wer­ti­ge mecha­ni­sche Sta­bi­li­sie­rung sowohl in der Sagit­tal- als auch in der Hori­zon­tal­ebe­ne auf­wei­sen. Die Fle­xi­bi­li­tät der beweg­li­chen Ket­ten­glie­der der Secu­Tec Genu Flex führt dem­nach nicht zu Ver­lus­ten in der Sta­bi­li­sie­rungs­wir­kung. Ob die­se Fle­xi­bi­li­tät tat­säch­lich zu einer höhe­ren Com­pli­ance und damit zu einem bes­se­ren The­ra­pie­er­folg führt, müs­sen jedoch zukünf­ti­ge kli­ni­sche Unter­su­chun­gen zei­gen. An die­sem Anwen­dungs­bei­spiel kann man die Poten­tia­le und Limi­ta­tio­nen der Labor­prüf­ver­fah­ren für Knie­or­the­sen deut­lich erkennen.

Fazit

Labor­prüf­ver­fah­ren erlau­ben bei Beach­tung der im Arti­kel dar­ge­stell­ten Aspek­te einen repro­du­zier­ba­ren und trenn­schar­fen Ver­gleich der funk­tio­nel­len Eigen­schaf­ten von Knie­or­the­sen unter kon­trol­lier­ten Prüf­be­din­gun­gen. Die in die­sem Bei­trag sys­te­ma­ti­sier­ten Anfor­de­run­gen und Fest­le­gun­gen kön­nen als Refe­renz für die wei­te­re Ent­wick­lung von Prüf­ver­fah­ren dienen.

 

Begut­ach­te­ter Beitrag/reviewed paper

 

Für die Autoren:
Prof. Dr.-Ing. David Hochmann
FH Münster
Fach­ge­biet Bio­me­cha­tro­nik und Rehabilitationstechnik
Ste­ger­wald­stra­ße 39
48565 Steinfurt
david.hochmann@fh-muenster.de

Zita­ti­on
Hoch­mann D, Kirill­l­ov M. Labor­prü­fung von Knie­or­the­sen – aktu­el­ler Stand und Anwen­dung. Ortho­pä­die Tech­nik, 2025; 76 (12): 52–55

 

Abbil­dun­gen:

 

Quel­len­ver­zeich­nis

[1] Luns­ford T, Luns­ford B, Green­field J, Ross S. Respon­se of Eight Knee Ort­ho­ses to Val­gus, Varus and Axi­al Rota­ti­on Loads. Jour­nal of Pro­sthe­tics and Ortho­tics, 1990; 2 (4): 274–288

[2] Glynn D, Ken­ne­dy F, Hood M, Green­wald R. A Com­pa­ra­ti­ve Eva­lua­ti­on of New and Con­ven­tio­nal Knee Ort­ho­ses for Con­trol of Ante­rior Tibi­al Dis­pla­ce­ment. Jour­nal of Pro­sthe­tics and Ortho­tics, 2002; 14 (3): 113–120

[3] Caw­ley P, France E, Pau­los L. Com­pa­ri­son of reha­bi­li­ta­ti­ve knee braces. A bio­me­cha­ni­cal inves­ti­ga­ti­on. The Ame­ri­can Jour­nal of Sports Medi­ci­ne, 1989; 17 (2): 141–146

[4] Bin­der E, Luber M, Schaff P. Neue Bewer­tungs­mög­lich­kei­ten für Knie­or­the­sen auf der Basis eines Knie­si­mu­la­tors. Ortho­pä­die Tech­nik, 1997; 9: 754–757

[5] Hoch­mann D. Prüf- und Bewer­tungs­me­tho­den für Knie­or­the­sen. Ber­lin: Wal­ter de Gruy­ter, 2012

[6] Tha­ti­pel­li S et al. Review of exis­ting brace adhe­rence moni­to­ring methods to assess adhe­rence. Jour­nal of Pro­sthe­tics and Ortho­tics, 2016; 28 (4): 126–135

 

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