FachartikelPeer Review

Funk­tio­nel­le Elek­tro­sti­mu­la­ti­on der Glu­te­al­mus­ku­la­tur zur Ver­bes­se­rung des ­Gang­bilds bei neu­ro­lo­gi­schen Patienten

L. Steinmeier
Die Reduktion des Sturzrisikos und eine Ökonomisierung des Gangs sollten bei der Versorgung neurologischer Patienten oberstes Ziel sein. Die funktionelle Elektrostimulation (FES) der Glutealmuskulatur kann hierbei eine entscheidende Rolle spielen und sollte deshalb mehr in den Fokus gerückt werden. In diesem Fachartikel sollen der Stellenwert der Glutealmuskulatur für einen funktionellen Gang abgebildet, die Möglichkeiten der funktionellen Elektrostimulation ebendieser dargestellt und mithilfe einer konkreten Versorgungsmöglichkeit anhand eines Fallbeispiels veranschaulicht werden.

Rele­vanz

Neu­ro­lo­gi­sche Erkran­kun­gen zäh­len welt­weit zu den Haupt­to­des­ur­sa­chen und sind häu­fig ver­ant­wort­lich für eine vor­über­ge­hen­de oder sogar dau­er­haf­te Behin­de­rung1.

In Deutsch­land ist der Schlag­an­fall mit ca. 270.000 Krank­heits­fäl­len pro Jahr eine der füh­ren­den Ursa­chen von Mor­bi­di­tät und Mor­ta­li­tät2. Die Anzahl steigt auf­grund des demo­gra­fi­schen Wan­dels und der damit ver­bun­de­nen Alte­rung der Bevöl­ke­rung kon­ti­nu­ier­lich an3.Drei Mona­te nach dem Schlag­an­fall sind die ver­blei­ben­den Ein­schrän­kun­gen in den Akti­vi­tä­ten des täg­li­chen Lebens sowie die Funk­ti­ons­stö­run­gen in vie­len Fäl­len mit­tel­schwer bis schwer ein­zu­ord­nen4.

Mul­ti­ple Skle­ro­se ist mit ca. 280.000 Betrof­fe­nen in Deutsch­land die häu­figs­te chro­nisch ent­zünd­li­che Erkran­kung des zen­tra­len Ner­ven­sys­tems jun­ger Men­schen5.

Um die­se gro­ße und vor allem wach­sen­de Pati­en­ten­men­ge effi­zi­ent zu ver­sor­gen, bedarf es viel­fäl­ti­ger und indi­vi­dua­li­sier­ter Behand­lungs­kon­zep­te sowie einer adäqua­ten Unter­stüt­zung durch Hilfs­mit­tel im All­tag wie z. B. durch funk­tio­nel­le Elektrostimulation.

Bei Per­so­nen mit zen­tral­ner­vö­ser Schä­di­gung ist das peri­phe­re Ner­ven­sys­tem noch intakt und kann genutzt wer­den, um pare­ti­sche, nicht ansteu­er­ba­re Mus­ku­la­tur trotz­dem zu akti­vie­ren. Die FES stellt hier­für eine sinn­vol­le Ver­sor­gungs­mög­lich­keit dar. Die erhält­li­chen FES-Sys­te­me auf dem Markt unter­stüt­zen meist die fuß­he­ben­de Funk­ti­on und kon­zen­trie­ren sich auf die Öko­no­mi­sie­rung der Schwung­pha­se. In der Fol­ge wird ver­deut­licht, dass die hüft­ge­lenk­s­um­ge­ben­de Mus­ku­la­tur, vor allem in der Stand­bein­pha­se, meis­tens eben­falls ein Defi­zit auf­weist und es sich des­halb lohnt, die­se als zusätz­li­che Vari­an­te der FES zu berück­sich­ti­gen. Mus­ku­lär beding­te Bewe­gungs­ein­schrän­kun­gen oder Insta­bi­li­tä­ten im Hüft­ge­lenk, die sich nega­tiv auf die Geh­be­we­gung und ande­re Seg­men­te aus­wir­ken, kön­nen somit ver­min­dert werden.

Refres­her: Funk­ti­on und Bedeu­tung der Glu­te­al­mus­ku­la­tur im Gang

Die drei Antei­le der Glu­te­al­mus­ku­la­tur M. Glu­teus maxi­mus, medi­us und mini­mus ver­bin­den den Ober­schen­kel mit dem Becken und haben somit Ein­fluss auf Bewe­gun­gen im Hüft­ge­lenk und der Len­den­wir­bel­säu­le. Der M. Glu­teus maxi­mus ist ein Hüft­stre­cker und vor allem bei der Auf­rich­tung des Rump­fes und der Rumpf­sta­bi­li­sie­rung aktiv. Er ver­hin­dert durch die Becken­kip­pung nach dor­sal eine Hyper­lor­do­se und ist zusätz­lich an der Abduk­ti­on im Hüft­ge­lenk betei­ligt6.

Der M. glu­teus medi­us ist gemein­sam mit dem M. glu­teus mini­mus ein kräf­ti­ger Abduk­tor im Hüft­ge­lenk. Im Gang ver­hin­dern sie das Absin­ken des Beckens auf der Spiel­bein­sei­te und tra­gen bei einer Insuf­fi­zi­enz zum Tren­delen­burg-Zei­chen oder einem Duchen­ne-Hin­ken bei. Die­se Mus­kel­grup­pe ist also ent­schei­dend für die Sta­bi­li­sie­rung des Beckens in der Fron­tal­ebe­ne7.

Die Abduk­to­ren im Hüft­ge­lenk sind nicht nur für die seit­li­che Sta­bi­li­tät ver­ant­wort­lich, son­dern erzeu­gen die media­le Boden­re­ak­ti­on, um den Mas­sen­schwer­punkt beim Gehen auf dem Unter­grund aus­zu­glei­chen8. Sie wer­den in der ers­ten Pha­se der Dop­pel­be­las­tungs­pha­se und in der ers­ten Hälf­te der ein­bei­ni­gen Stand­bein­pha­se im Gang akti­viert. In die­sen Pha­sen bewegt sich das Schwung­bein nach vor­ne, wäh­rend das Stand­bein aus­rei­chend für die Gewichts­über­nah­me und den Ein­bein­stand akti­viert ist9.

Die Funk­ti­on der Glu­te­al­mus­ku­la­tur im Gang zeigt, dass eine Ver­la­ge­rung des Kör­per­ge­wichts zwi­schen den Glied­ma­ßen und die Auf­recht­erhal­tung des Gleich­ge­wichts für einen funk­tio­nel­len Gang unab­ding­bar sind10. Wich­tig zu beto­nen ist außer­dem, dass die Kon­trol­le der Sta­bi­li­tät in late­ra­ler Rich­tung oft­mals eine grö­ße­re Her­aus­for­de­rung dar­stellt als die in ante­rior-pos­te­rio­re Rich­tung, da hier­für eine grö­ße­re akti­ve Kon­trol­le erfor­der­lich ist11. Bis­he­ri­ge Unter­su­chun­gen fokus­sie­ren sich meist auf Gang­pa­ra­me­ter in sagit­ta­ler Rich­tung wie z. B. Geschwin­dig­keit und weni­ger auf Gewichts­über­nah­me und Ver­schie­bung des Kör­per­schwer­punkts in der Fron­tal­ebe­ne, obwohl die­se eben­falls Ein­fluss auf Para­me­ter wie Geschwin­dig­keit und Gleich­ge­wicht im Gang haben12.

Was pas­siert, wenn die Glu­te­en zu schwach sind?

Bei Schlag­an­fall­pa­ti­en­ten besteht im Zuge einer Halb­sei­ten­läh­mung eine Schwä­che der Glu­te­al­mus­ku­la­tur. Dar­aus resul­tiert die Schwie­rig­keit, das Kör­per­ge­wicht auf die betrof­fe­ne Sei­te zu ver­la­gern, sodass eine asym­me­tri­sche Gewichts­ver­la­ge­rung die Fol­ge ist13 14. Auch bei Kin­dern mit Cere­bral­pa­re­se konn­te nach­ge­wie­sen wer­den, dass vor allem die Kraft des M. glu­teus maxi­mus im Ver­gleich zu ande­ren Bein­mus­keln her­ab­ge­setzt ist15. Sobald die oben genann­te Mus­ku­la­tur nicht aus­rei­chend als Becken­sta­bi­li­sa­tor fun­giert, fin­det kei­ne Vor­wärts­be­we­gung des Hüft­ge­lenks wäh­rend der Stand­bein­pha­se statt16. Zusätz­lich wird durch eine man­geln­de Gewichts­über­tra­gung auf das betrof­fe­ne Bein der moto­ri­sche Befehl für den Vor­wärts­schritt des kon­tra­la­te­ra­len Beins gehemmt17. Dem­zu­fol­ge tre­ten Defi­zi­te in der medio­la­te­ra­len Gleich­ge­wichts­kon­trol­le auf, die eine erhöh­te Sturz­ge­fahr mit sich brin­gen18, und auch die Gang­ge­schwin­dig­keit ist her­ab­ge­setzt19.

Funk­tio­nel­le Elek­tro­sti­mu­la­ti­on der Glutealmuskulatur

Die funk­tio­nel­le Elek­tro­sti­mu­la­ti­on (FES) gewinnt in den letz­ten Jah­ren immer mehr an Bedeu­tung im kli­ni­schen Kon­text. Grün­de hier­für sind unter ande­rem die unkom­pli­zier­te Anwen­dung und die Kos­ten­ef­fi­zi­enz20. Außer­dem wird davon aus­ge­gan­gen, dass durch die elek­tri­schen Impul­se auf der Haut nicht nur peri­phe­re Plas­ti­zi­tät, son­dern auch kor­ti­ka­le moto­ri­sche Plas­ti­zi­tät geför­dert wird21. Durch Ober­flä­chen­elek­tro­den auf der Haut wer­den elek­tri­sche Impul­se an die peri­phe­ren Ner­ven­fa­sern wei­ter­ge­ge­ben, die dann die ent­spre­chen­de Mus­ku­la­tur über ein Akti­ons­po­ten­zi­al zum Kon­tra­hie­ren brin­gen. Die Ein­stel­lung der Para­me­ter sowie die Fest­le­gung des Timings bewirkt eine Unter­stüt­zung der beein­träch­tig­ten Gang­pha­se bzw. Gelenk­funk­ti­on bei jedem Schritt. Ein ein­ge­bau­ter Algo­rith­mus passt die Sti­mu­la­ti­on an den indi­vi­du­el­len Gang der Pati­en­ten an. Die sich auf dem Markt befind­li­chen FES-Sys­te­me haben ent­we­der einen oder meh­re­re Kanä­le und kön­nen die dem­entspre­chen­de Anzahl an Mus­kel­grup­pen stimulieren.

Bis­he­ri­ge Unter­su­chun­gen zei­gen, dass mehr­ka­na­li­ge funk­tio­nel­le Elek­trostimulation moto­ri­sche Ein­schrän­kun­gen redu­ziert und die Geh­fä­hig­keit hemi­pa­re­ti­scher Pati­en­ten ver­bes­sert. Vier­ka­na­li­ge Sti­mu­la­ti­on ist dabei zwei­ka­na­li­ger Sti­mu­la­ti­on nach drei­wö­chi­ger Inter­ven­ti­ons­dau­er über­le­gen, was unter ande­rem durch bild­ge­ben­de Ver­fah­ren des Hirns nach­ge­wie­sen wer­den konn­te. Die­se zei­gen einen ver­grö­ßer­ten Durch­mes­ser des Ner­ven­fa­ser­bün­dels sowie eine ver­mehr­te Ner­ven­fa­ser­bil­dung im Bereich der Läsio­nen22.

Die ver­folg­te Stra­te­gie bei der Nut­zung von FES-Sys­te­men ist meist eine Ver­bes­se­rung der Fuß­he­bung und teil­wei­se auch eine Sta­bi­li­sie­rung des Knies über die Ham­strings oder den M. quad­ri­ceps femo­ris23 24. Auf­grund der oben erläu­ter­ten Schwä­che der Glu­te­al­mus­ku­la­tur bei neu­ro­lo­gi­schen Pati­en­ten wur­de eine (zusätz­li­che) Sti­mu­la­ti­on eben­die­ser unter­sucht. Bei den vor­lie­gen­den For­schungs­ar­bei­ten mit ins­ge­samt 87 Pro­ban­den25 26 27 28 wur­den Kle­be­elek­tro­den ver­wen­det und ent­we­der der direk­te orthe­ti­sche Effekt oder der Trai­nings­ef­fekt nach 3–8 Wochen gemes­sen. Es wur­den eine Fre­quenz von 40 Hz und eine Puls­brei­te zwi­schen 200 µs und 250 µs ver­wen­det. Im Fal­le einer Kom­bi­na­ti­on mit der Sti­mu­la­ti­on des M. tibia­lis ante­rior in der Schwung­bein­pha­se wur­de zusätz­lich die Glu­te­al­mus­ku­la­tur in der Stand­bein­pha­se ange­steu­ert. Das ent­spre­chen­de Timing wur­de durch einen Fer­sen­schal­ter gewähr­leis­tet. Zusam­men­ge­fasst kom­men die Stu­di­en zu dem Ergeb­nis, dass die durch eine Glu­te­us­sti­mu­la­ti­on ver­bes­ser­te Hüf­tex­ten­si­on, ver­mehr­te late­ra­le Sta­bi­li­tät des Beckens und eine erhöh­te Kraft der hüft­ge­lenk­s­um­ge­ben­den Mus­ku­la­tur die Gang­qua­li­tät erhö­hen. Die ver­bes­ser­te Gang­per­for­mance wur­de anhand von Para­me­tern wie Gangsym­me­trie, Schritt­län­ge und Geh­ge­schwin­dig­keit nach­ge­wie­sen. Vor allem die Schritt­län­ge weist eine signi­fi­kan­te Ver­bes­se­rung auf.

Fall­bei­spiel: unter Strom aus dem Rollstuhl

Die bis­her vor­lie­gen­den Aus­ar­bei­tun­gen zei­gen deut­lich, dass die funk­tio­nel­le Elek­tro­sti­mu­la­ti­on der Glu­te­al­mus­ku­la­tur einen posi­ti­ven Ein­fluss auf das Gang­bild neu­ro­lo­gi­scher Pati­en­ten hat. Im Rah­men des Stu­di­en­de­signs der auf­ge­führ­ten Publi­ka­tio­nen wur­den Fer­sen­schal­ter ver­wen­det sowie Kle­be­elek­tro­den, die über Kabel mit einem Gerät zur Impuls­ab­ga­be und ‑steue­rung ver­bun­den waren. Eine sol­che Ver­sor­gung ist wenig prak­ti­ka­bel und nicht all­tags­taug­lich. Im Fol­gen­den wird eine all­tags­taug­li­che Ver­sor­gung abgebildet.

Die Pati­en­tin ist 35 Jah­re alt, ver­hei­ra­tet und Mut­ter von zwei Kin­dern im Alter von 6 und 9 Jah­ren. Die gelern­te Ver­si­che­rungs­kauf­frau erlitt 2010 auf­grund eines Trep­pen­stur­zes eine Fer­sen­beinfrak­tur rechts, die wenig spä­ter durch eine Teil­ver­stei­fung des unte­ren Sprung­ge­lenks ope­ra­tiv behan­delt wur­de. Es tra­ten Kom­pli­ka­tio­nen wie eine ver­zö­ger­te Wund­hei­lung, Schmer­zen im Fuß, ein Zit­tern im Bein und vor allem eine Spitz- und Inver­si­ons­stel­lung im Sprung­ge­lenk auf. Auch eine wei­te­re OP konn­te die­se Sym­pto­me nicht besei­ti­gen, sodass die Dia­gno­se CRPS, kom­ple­xes regio­na­les Schmerz­syn­drom, gestellt wur­de. Es folg­te eine laut Leit­li­nie29 vor­ge­schrie­be­ne kon­ser­va­ti­ve The­ra­pie mit­tels Phy­sio­the­ra­pie. Ab 2020 ver­schlech­ter­ten sich die Sym­pto­me deut­lich, sodass der rech­te Fuß durch die mas­si­ve Ver­for­mung in Spitz­fuß- und Inver­si­ons­stel­lung nur noch auf der Außen­kan­te belas­tet wer­den konn­te (Abb. 1).

Zuneh­men­de Sym­pto­me wie Zit­tern oder spas­ti­sche Mus­kel­ver­kramp­fun­gen wur­den der Min­der­nut­zung zuge­schrie­ben. Auch die Beweg­lich­keit des rech­ten Hüft­ge­lenks nahm immer mehr ab und die dar­um lie­gen­de Mus­ku­la­tur ver­krampf­te. Der Zustand wur­de so extrem, dass die Pati­en­tin geh­un­fä­hig wur­de und auf einen Roll­stuhl ange­wie­sen war. Ope­ra­tiv wur­de das ein­lie­gen­de Mate­ri­al der Arthro­de­se ent­fernt, was die Sym­pto­me wei­ter­hin ver­schlech­ter­te und das gesam­te rech­te Bein beein­träch­tig­te (Abb. 2).

Sechs Mona­te spä­ter erfolg­te ein wei­te­rer Ein­griff mit Achil­les­seh­nen­ver­län­ge­rung, der es zumin­dest ermög­lich­te, das Sprung­ge­lenk in Null­stel­lung zu brin­gen. Trotz­dem war die Akti­vi­tät wei­ter­hin mas­siv ein­ge­schränkt, sodass der behan­deln­de Neu­ro­lo­ge schluss­end­lich die Dia­gno­se einer post­trau­ma­ti­schen Dys­to­nie stellte.

„Dys­to­nie bezeich­net eine Bewe­gungs­stö­rung, die durch unwill­kür­li­che, anhal­ten­de oder inter­mit­tie­ren­de Mus­kel­kon­trak­tio­nen ver­schie­de­ner Kör­per­tei­le gekenn­zeich­net ist, mit dar­aus resul­tie­ren­den abnor­men, oft­mals repe­ti­ti­ven Bewe­gun­gen und/oder Fehl­hal­tun­gen. Die­se wei­sen typi­scher­wei­se ein bestimm­tes Mus­ter auf und kön­nen mit ver­dre­hen­den Bewe­gun­gen ein­her­ge­hen oder tre­mor­ar­tig sein.“30

„Dys­tone Bewe­gungs­mus­ter wer­den bei Betrof­fe­nen oft durch will­kür­li­che Mus­kel­ak­ti­vi­tät betrof­fe­ner oder ent­fern­ter Mus­kel­grup­pen aus­ge­löst oder ver­stärkt (sog. Over­flow-Effekt).“31

Es folg­te eine leit­li­ni­en­ge­treue The­ra­pie mit Botox sowie Phy­sio- und Ergo­the­ra­pie. Außer­dem wur­de eine Ganz­bein­or­the­se getes­tet, um für Ent­las­tung und Sta­bi­li­tät zu sor­gen. Die Ver­kramp­fun­gen unter Belas­tung im rech­ten Bein und vor allem rund um das Hüft­ge­lenk bestan­den wei­ter­hin, sodass die Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung zunächst zum Ziel hat­te, einen pas­sen­den Roll­stuhl zu finden.

Der Ortho­pä­die­tech­ni­ker in der Reha führ­te eine Tes­tung mit dem FES-Sys­tem von der Fir­ma Evo­mo­ti­on GmbH, dem Evo­mo­ve, durch. Die Gang­ana­ly­se ohne Hilfs­mit­tel war nur für eine Stre­cke von ca. drei Metern mög­lich und es zeig­ten sich deut­li­che Abwei­chun­gen vom phy­sio­lo­gi­schen Gang, die unter ande­rem anhand der Gelenk­win­kel deut­lich wur­den (Abb. 3).

Im Lau­fe des Scree­ning­pro­zes­ses ent­stand eine kom­bi­nier­te Ver­sor­gung mit zwei Gerä­ten und ins­ge­samt vier Kanä­len. Die Para­me­ter wur­den gemäß dem Bedarf der Unter­stüt­zung indi­vi­du­ell ein­ge­stellt (Tab. 1).

Am Unter­schen­kel wer­den der M. tibia­lis ante­rior zur Fuß­he­bung und For­cie­rung der Ever­si­on und der M. tri­ceps surae zur Fer­sen­ab­lö­sung sti­mu­liert. Die Fuß­stel­lung wird aktiv kor­ri­giert und pas­siv durch eine leich­te Spi­ral­or­the­se in Null­stel­lung gehal­ten. Die Schwung­bein­pha­se kann somit unge­stört ablaufen.

Am Ober­schen­kel befin­det sich ein Kanal auf dem M. quad­ri­ceps femo­ris und der zwei­te Kanal auf der Glu­te­al­mus­ku­la­tur. Die Sti­mu­la­ti­on des Glu­teus wäh­rend der Stand­bein­pha­se in Kom­bi­na­ti­on mit einer Akti­vie­rung des Knie­stre­ckers gewähr­leis­ten die feh­len­de Sta­bi­li­tät im Rumpf und im Stand­bein wäh­rend der Gewichts­über­nah­me (Abb. 4).

Das ers­te Scree­ning mit dem Ortho­pä­die­tech­ni­ker fin­det mit Kle­be­elek­tro­den statt, die indi­vi­du­ell auf der Haut plat­ziert wer­den (Abb. 3 u. 4). Für eine all­tags­taug­li­che Defi­ni­tiv­ver­sor­gung wer­den die Elek­tro­den in ein maß­ge­fer­tig­tes Tex­til über­tra­gen. Die­ses besteht aus einem wasch­ba­ren, atmungs­ak­ti­ven Stoff mit einer Tasche für die Steu­er­ein­heit und kann unter der Klei­dung getra­gen wer­den (Abb. 5a). Die Aus­wahl der benö­tig­ten Inten­si­täts­stu­fe sowie das An- und Aus­schal­ten der Sti­mu­la­ti­on steu­ert die Pati­en­tin über eine Smartphone-App.

Um die Sprung­ge­lenks­stel­lung auch in der Sta­tik mög­lichst phy­sio­lo­gisch zu hal­ten und für zusätz­li­che exter­ne Sta­bi­li­tät zu sor­gen, kann die FES-Ver­sor­gung mit einer Orthe­se kom­bi­niert wer­den. In die­sem Fall wur­de eine Spi­ral­or­the­se für den Unter­schen­kel ange­fer­tigt, die die Pati­en­tin außer­halb des häus­li­chen Umfelds trägt (Abb. 5b).

Nach­dem die Bewe­gungs­ab­läu­fe in der The­ra­pie wie­der­erlernt wur­den, ist es der Pati­en­tin mög­lich, ihren All­tag selbst­stän­dig auf zwei Bei­nen zu bewäl­ti­gen und Akti­vi­tä­ten wie alter­nie­ren­des Trep­pen­lau­fen oder die Ver­sor­gung ihrer Kin­der zu meistern.

Fazit

In Bezug auf die Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung neu­ro­lo­gi­scher Pati­en­ten lässt sich sagen, dass die funk­tio­nel­le Elek­tro­sti­mu­la­ti­on der Glu­te­al­mus­ku­la­tur als Ergän­zung zu bestehen­den Ver­sor­gun­gen oder bei Neu­ver­sor­gun­gen als wirk­sa­me Mög­lich­keit in Betracht gezo­gen wer­den soll­te. Neben der Stra­te­gie, die Fuß­he­bung bzw. Schwung­bein­pha­se unter­stüt­zen zu wol­len, soll­te eben­falls die dyna­mi­sche Sta­bi­li­sie­rung des Beckens in der Stand­bein­pha­se durch Sti­mu­la­ti­on der Glu­te­al­mus­ku­la­tur Ein­zug in den ortho­pä­die­tech­ni­schen All­tag fin­den. Eine Sta­bi­li­sie­rung des Rump­fes und des Hüft­ge­lenks hat nach­ge­wie­se­ner­ma­ßen posi­ti­ven Ein­fluss auf die Geh­ge­schwin­dig­keit, Gangsym­me­trie und Schritt­län­ge. Bis­he­ri­ge Erkennt­nis­se wur­den haupt­säch­lich durch pro­to­ty­pi­sche, nicht all­tags­taug­li­che Gerä­te und Elek­tro­den­an­la­gen gesam­melt. Künf­ti­ge For­schung soll­te sich also auf den All­tags­trans­fer kon­zen­trie­ren, damit der bestehen­de Markt aus Pro­duk­ten wie dem Evo­mo­ve mit sei­ner Smart-Tex­ti­le-Lösung um wei­te­re Alter­na­ti­ven ergänzt wird.

 

Inter­es­sen­kon­flikt:
Die Autorin ist Ange­stell­te der Evo­mo­ti­on GmbH.

 

Die Autorin:
Lina Steinmeier
Bsc. Physiotherapie
Evo­mo­ti­on GmbH
Wall­stra­ße 3
21335 Lüneburg
steinmeier@evomotion.de

 

Begut­ach­te­ter Beitrag/reviewed paper

Zita­ti­on
Stein­mei­er L. Funk­tio­nel­le Elektrostimula­tion der Glu­te­al­mus­ku­la­tur zur Ver­bes­se­rung des Gang­bilds bei neu­ro­lo­gi­schen Pati­en­ten. ­Ortho­pä­die Tech­nik, 2025; 76 (9): 28–32

 

 

Tab. 1 Stimulationsparameter
mA = Mil­li­am­pere, µs = Mikro­se­kun­den, Hz = Hertz, Timing in % = Zeit­raum ­der Sti­mu­la­ti­on wäh­rend eines Dop­pel­schritts nach Per­ry [vgl. Per­ry J, Burn­field J. Gait ana­ly­sis: nor­mal and patho­lo­gi­cal func­tion. 2. Auf­la­ge. Boca Raton: CRC Press, 2010. doi: 10.1201/9781003525592].

Mus­kel­grup­peInten­si­tät (mA)Puls­brei­te (µs)Fre­quenz (Hz)Timing (in %)
M. tibia­lis anterior302504558–18
M. tri­ceps surae153004530–55
M. quad­ri­ceps femoris33350403–31
Glu­te­al­mus­ku­la­tur31350400–50

 

Quel­len­ver­zeich­nis

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