Digi­ta­les Lern­mo­dul unter­stützt Reha nach Amputation

Schon immer haben Kriege die Branche besonders gefordert. Mit dem Angriffskrieg Russlands ist die Ukraine ein neuer Hotspot für orthopädietechnische Versorgungen geworden. Seit Beginn wurden Tausende Menschen verletzt. Viele von ihnen verloren ihre Gliedmaßen. Betroffene, Angehörige und das Versorgerteam stellt das vor viele Herausforderungen und Fragen.

Eine Unter­stüt­zung im Reha­bi­li­ta­ti­ons­pro­zess soll das digi­ta­le Lern­modul „Reha­bi­li­ta­ti­on after Ampu­ta­ti­on Tea­ching Tool“ – kurz RehAmpTT – der Medi­zi­ni­schen Hoch­schu­le Han­no­ver (MHH) bie­ten. Schritt­wei­se führt es die Nutzer:innen durch die Pha­sen der reha­bi­li­ta­ti­ven Ver­sor­gung. Im Gespräch mit der OT-Redak­ti­on erläu­tern Dr. phil. Chris­toph Egen und Dr. med. Jörg Schil­ler, Kli­nik für Reha­bi­li­ta­ti­ons- und Sport­me­di­zin der MHH, die Hin­ter­grün­de des vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­um geför­der­ten Projekts.

Anzei­ge

OT: Nach einer Ampu­ta­ti­on ist Reha­bi­li­ta­ti­on der Schlüs­sel, um wie­der zurück ins Leben zu fin­den. Wel­che Bedeu­tung kommt dem Lern­mo­dul RehAmpTT hier zu?

Chris­toph Egen: Das kön­nen wir zum jet­zi­gen Zeit­punkt noch nicht rich­tig ein­schät­zen, da das Lern­mo­dul erst seit dem 1. Novem­ber 2023 zur Ver­fü­gung steht und erst lang­sam durch Vor­stel­lung auf Kon­gres­sen, Infor­mie­ren von Fach­ver­bän­den sowie über E‑Mail-Ver­tei­ler und persön­liche Kon­tak­te bekannt wird. Es kann aber natür­lich kei­ne medi­zi­ni­sche Reha­bi­li­ta­ti­on erset­zen! Es bie­tet eine sinn­vol­le Ergän­zung für Betrof­fe­ne und Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge sowie für Ange­hö­ri­ge medi­zi­ni­scher Fach­be­ru­fe, die bis­lang nur wenig oder gar nichts mit der Reha­bi­li­ta­ti­on arm- und/oder bein­am­pu­tier­ter Men­schen zu tun hat­ten. Bei der Gestal­tung hat­ten wir unter ande­rem ein Akut­kran­ken­haus vor unse­rem geis­ti­gen Auge, das sich nun – auf­grund der hohen Fall­zah­len – auch zuneh­mend um die Reha­bi­li­ta­ti­on küm­mern muss und das Tool zur Fort­bil­dung der Mit­ar­bei­ten­den nut­zen könnte.

OT: Erläu­tern Sie bit­te kurz die Inhal­te des Lernmoduls.

Jörg Schil­ler: In einem ers­ten Schritt muss man sich für den Bereich der obe­ren oder unte­ren Extre­mi­tät ent­schei­den. Auf einer zwei­ten Ebe­ne wählt man eine von drei Reha-Pha­sen, also post­ope­ra­ti­ve Pha­se, Inte­rims­pha­se oder Erhal­tungs­pha­se aus. In allen Pha­sen fin­den sich die Inhal­te zu fol­gen­den neun The­men­ge­bie­ten: Akti­vi­tä­ten des täg­li­chen Lebens; Bewe­gung, Kraft und Mobi­li­tät; Body­ma­nage­ment und Coping; Hilfs­mit­tel; Pro­the­se; Schmerz; Schwel­lung; Stumpf­pfle­ge und Wun­de. Zum Teil sind dann hier noch wei­te­re Unter­be­rei­che vor­han­den, wie zum Bei­spiel bei „Schmerz“, wo nach der all­ge­mei­nen Dar­stel­lung der medi­ka­men­tö­sen und the­ra­peu­ti­schen Behand­lungs­mög­lich­kei­ten noch tie­fer auf Wund‑, Stumpf- und Phan­tom­schmerz ein­ge­gan­gen wird. Die Inhal­te bestehen in der Regel aus einem Pathway, kur­zen Tex­ten sowie Bil­dern und Vide­os zur Behand­lung, Selbst­übung und prak­ti­schen Tipps, etwa wie man sich ein­hän­dig einen Pull­over anzie­hen kann.

OT: Die Platt­form ent­hält also einen Berg an Infor­ma­tio­nen. Inwie­fern gewähr­leis­ten der Auf­bau und die Benut­zer­füh­rung, dass sich die Nutzer:innen nicht über­for­dert fühlen?

Egen: Die Reha-Pha­sen und The­men sind farb­lich und durch intui­tiv ver­ständ­li­che Icons von­ein­an­der zu unter­schei­den. Wie Nut­ze­rin­nen und Nut­zer damit klar­kom­men, wer­den wir sicher noch mit­be­kom­men. Eine Tes­tung war auf­grund der kur­zen Pro­jekt­lauf­zeit lei­der nicht möglich.

OT: Wich­tig ist bei der Reha­bi­li­ta­ti­on die Zusam­men­ar­beit aller an der Ver­sor­gung Betei­lig­ten. Wird das Modul die­sem Anspruch gerecht?

Schil­ler: Das Lern­mo­dul ver­folgt einen holis­ti­schen Ansatz. Alle Berufs­grup­pen kön­nen sich über die Arbeit der ande­ren Berufs­grup­pen infor­mie­ren. Aber den Anspruch einer Zusam­men­ar­beit am und mit den Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten kann ein sol­ches Tool nicht gewähr­leis­ten, da dies in der rea­len Welt pas­sie­ren muss. Das Tool för­dert aber sicher ein fach­über­grei­fen­des Verständnis.

OT: Das Modul rich­tet sich an ver­schie­de­ne Ziel­grup­pen – auf der einen Sei­te an das Fach­per­so­nal und auf der ande­ren Sei­te an Betrof­fe­ne und Ange­hö­ri­ge. Wie gelingt es alle glei­cher­ma­ßen anzu­spre­chen? Domi­niert die Theo­rie oder sind die Inhal­te auch für den All­tag anwendbar?

Egen: Das ist the­men­spe­zi­fisch: Bei zum Bei­spiel „Schmerz“ und „Wun­de“ domi­niert die Anspra­che an die Ange­hö­ri­gen medi­zi­ni­scher Fach­be­ru­fe, bei den „Akti­vi­tä­ten des täg­li­chen Lebens“ und „Bewe­gung, Kraft und Mobi­li­tät“ in der Erhal­tungs­pha­se sind die Pati­en­tin­nen und Pa­­tienten die Adres­sa­ten, da es hier um ganz prak­ti­sche Tipps und Selbst­übun­gen geht. Alle Inhal­te sind aber unab­hän­gig von den Adres­sa­ten immer mehr prak­tisch als theo­re­tisch orientiert.

OT: Wel­che Funk­ti­on nimmt das Tool kon­kret im Ver­sor­gungs­pro­zess ein?

Schil­ler: Das kön­nen wir noch nicht abschät­zen. Auf dem 32. Reha­bi­li­ta­ti­ons­wis­sen­schaft­li­chen Kol­lo­qui­um im Fe­bruar 2023 in Han­no­ver hat­ten wir es in einer hybri­den ­Ukrai­ne-Ses­si­on vor­ge­stellt und stie­ßen auf gro­ßes Inter­es­se. Ob das Tool die Erwar­tun­gen erfüllt, bleibt abzuwarten.

OT: Im Mit­tel­punkt jeder Ver­sor­gung steht der Mensch mit sei­nen indi­vi­du­el­len Bedürf­nis­sen. Wie indi­vi­du­ell kann so ein Online-Tool sein?

Egen: Ja, die kon­kre­ten Ver­sor­gungs­be­dürf­nis­se eines ampu­tier­ten Men­schen sind sehr indi­vi­du­ell und häu­fig sehr kom­plex, sodass auch unser stan­dar­di­sier­tes Reha­bi­li­ta­ti­ons­sys­tem in Deutsch­land – zumin­dest jen­seits der DGUV-Ver­sor­gungs­struk­tu­ren – im Prin­zip über­for­dert ist (Deut­sche Gesetz­li­che Unfall­ver­si­che­rung, Anm. der Red.). Ein in acht Mona­ten erstell­tes Online-Tool kann nicht auf die viel­fäl­ti­gen Pro­blem­la­gen ein­ge­hen und ob dies auch mit mehr Zeit über­haupt mög­lich und sinn­voll wäre, ist zu bezwei­feln. Und wie gesagt: Das Tool kann die mensch­li­che Zuwen­dung nicht erset­zen, son­dern nur ergänzen!

OT: Die Inhal­te ent­spre­chen der kli­ni­schen Pra­xis in Deutsch­land. Inwie­fern sind die­se auf das Ver­sor­gungs­sys­tem in der Ukrai­ne übertragbar?

Schil­ler: Sehr gut. Das Reha­bi­li­ta­ti­ons­sys­tem der Ukrai­ne war vor dem Angriffs­krieg viel­leicht nicht so auf­ge­stellt wie das deut­sche Sys­tem, aber es ist auch nicht ver­gleich­bar mit einem Reha­bi­li­ta­ti­ons­sys­tem in einem Ent­wick­lungs­land. Was das Sys­tem aber sicher über­for­dert, sind die enor­men Fall­zah­len. Man ver­mu­tet cir­ca 50.000 zusätz­li­che Arm- und Bein­am­pu­ta­tio­nen seit Kriegs­be­ginn, und ein Ende ist lei­der nicht in Sicht. Und das sind über­wie­gend jun­ge Men­schen, die ihr gan­zes Leben noch vor sich haben. Die reha­bi­li­ta­ti­ve Ver­sor­gung die­ser Pati­en­ten­grup­pe wird die Ukrai­ne auch nach einem hof­fent­lich bal­di­gen Ende des Kriegs sicher noch Jahr­zehn­te beschäf­ti­gen – auch im zivi­len Bereich, durch die vie­len ver­min­ten Land­stri­che. Wäh­rend in Deutsch­land die Zah­len der Bein­am­pu­ta­tio­nen glück­li­cher­wei­se seit Jahr­zehn­ten rück­läu­fig sind und somit auch die Ver­sor­gungs­rou­ti­ne abnimmt, so wird sich die Ukrai­ne auf die­sem Gebiet zwei­fels­oh­ne und bedau­er­li­cher­wei­se eine enor­me Exper­ti­se aneignen.

OT: Die Platt­form wur­de vor dem Hin­ter­grund des Angriffs­kriegs auf die Ukrai­ne ins Leben geru­fen. Kann sie dar­über hin­aus auch für Deutsch­land und ande­re Län­der eine Unter­stüt­zung im Ver­sor­gungs­pro­zess sein?

Egen: Ja, davon sind wir über­zeugt. Auch in Deutsch­land ist der reha­bi­li­ta­ti­ve Ver­sor­gungs­pro­zess nach Ampu­ta­ti­on zumeist von vie­len Brü­chen und admi­nis­tra­ti­ven Hür­den gekenn­zeich­net. Häu­fig ist auch feh­len­des Wis­sen bei den ver­schie­de­nen ver­sor­gen­den Berufs­grup­pen im Spiel. Hier bie­tet das Tool zumin­dest eine Grund­la­ge. Ein wei­te­res Anwen­dungs­ge­biet des Lern­mo­duls kann in der Aus­bil­dung von Stu­die­ren­den der Medi­zin, aber auch in der Aus­bil­dung von Phy­sio- und Ergo­the­ra­peu­tin­nen und ‑the­ra­peu­ten lie­gen. Haus­ärz­tin­nen und Haus­ärz­te wären sicher eben­falls eine sinn­vol­le Ziel­grup­pe. Da man über Micro­soft Edge die Sei­ten unab­hän­gig von der im Tool hin­ter­leg­ten ukrai­ni­schen Über­set­zung in alle mög­li­chen Spra­chen über­set­zen kann, kann es prin­zi­pi­ell auch von allen genutzt wer­den und auf­grund der zuneh­men­den krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen in der Welt, wird es sicher lei­der auch in ande­ren Län­dern zum Ein­satz kom­men – sofern es dort eine ent­spre­chen­de Bekannt­heit erlangt. Damit es mög­lichst vie­le Per­so­nen nut­zen kön­nen, haben wir es über die Open-Source-Platt­form ILIAS gestal­tet, sodass es kos­ten­los ver­füg­bar ist.

OT: Kön­nen Sie bereits ein ers­tes Fazit ziehen?

Schil­ler: Die bis­he­ri­gen Rück­mel­dun­gen von Exper­tin­nen und Exper­ten sind durch­weg posi­tiv. Wie sich die Nut­zung dann vor Ort gestal­tet, bleibt abzu­war­ten. Für ein Fazit ist es noch zu früh.

Das Lern­mo­dul RehAmpTT steht online auf deut­scher, ­ukrai­ni­scher und eng­li­scher Spra­che zur Verfügung.

Die Fra­gen stell­te Pia Engelbrecht.

Tei­len Sie die­sen Inhalt