Digi­ta­ler ISPO-Weltkongress

Nach insgesamt vier Veranstaltungstagen endete der 18. Weltkongress der International Society for Prosthetics and Orthotics (ISPO), der nicht wie ursprünglich geplant in Mexiko, sondern virtuell stattfinden musste. In seiner Abschlussrede hat ISPO-Präsident Edward Lemaire (Professor an der University of Ottawa und Affiliate Investigator am Ottawa Hospital Research Institute) den Staffelstab an seinen Nachfolger Claude Tardif (Ortho-Prosthetist and Head of ICRC Physical Rehabilitation Programme) übergeben.

Im Anschluss prä­sen­tier­te Mar­lo Ortiz als loka­ler Ver­tre­ter den ursprüng­lich für 2021 geplan­ten und nun 2023 nächs­ten Aus­tra­gungs­ort des Kon­gres­ses: Gua­da­la­ja­ra. Ortiz ist vie­len in Deutsch­land durch sei­ne Inno­va­tio­nen im Schaft­de­sign ein Begriff. Ein Video mit impo­san­ten Bil­dern von Gua­da­la­ja­ra, Maria­chi-Musik und ein enthu­si­as­ti­scher Mar­lo Ortiz gaben einen Vor­ge­schmack auf 2023 und las­sen auf einen ver­trau­ten, nicht durch die Pan­de­mie bestimm­ten Kon­gress hof­fen. In den Tagen des vir­tu­el­len Kon­gres­ses wur­de ein umfang­rei­ches und abwechs­lungs­rei­ches Pro­gramm zu unter­schied­lichs­ten The­men der Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung gebo­ten. Die Zah­len spre­chen für sich: 86 Ses­si­ons, 317 Ein­rei­chun­gen und 1.076 Teil­neh­mer und Teilnehmerinnen.

Anzei­ge

Neue Wege in der Prothetik

Allen vor­an sind die vier Key­note-Vor­trä­ge zu nen­nen, die die Wahr­neh­mung der Kon­fe­renz wesent­lich bestimm­ten. Neben den Bei­trä­gen von Dr. Alar­cos Cie­za (World Health Orga­niz­a­ti­on), Dr. Mat­thew Major (Nor­thwes­tern Uni­ver­si­ty, Jes­se Brown VA Medi­cal Cen­ter Chi­ca­go) sowie Dr. Alex Dick­in­son (Uni­ver­si­ty of Sout­hamp­ton, Groß­bri­tan­ni­en) war vor allem der IC2A-Vor­trag von Chris­to­pher Hut­chi­son mit dem Titel „Prost­he­tics for All – Chan­ging Lives through Digi­tal Tech­no­lo­gies“ erwäh­nens­wert. Die IC2A ist ein inter­na­tio­na­ler Ver­bund von Ver­bän­den für Men­schen mit einer Ampu­ta­ti­on, wie bspw. dem Bun­des­ver­band für Men­schen mit Arm- oder Bein­am­pu­ta­ti­on (BMAB) in Deutsch­land. Hut­chi­son, selbst von einer bila­te­ra­len Ampu­ta­ti­on eines Unter- und Ober­schen­kels betrof­fen, ist Grün­dungs­mit­glied der Fir­ma Pros­Fit, die neue Wege bei der Ver­sor­gung von Men­schen mit einer Bein­am­pu­ta­ti­on gehen will und dabei Soft­ware-Lösun­gen zur Model­lie­rung und 3D-Druck-Tech­no­lo­gien ein­setzt. Das noble Ziel des Unter­neh­mens: ins­be­son­de­re Men­schen mit einem limi­tier­ten Zugang zu Hilfs­mit­teln mit einer gut­sit­zen­den Pro­the­se zu ver­sor­gen. Lei­der wur­den wie so oft der 3D-Druck und die Model­lie­rung per Soft­ware als Lösung aller „typi­schen“ Pro­ble­me der Pro­the­tik dar­ge­stellt. Ob die Ver­sor­gung von Pros­Fit, für die Hut­chi­son kri­tisch betrach­tet auch Wer­bung in eige­ner Sache betrie­ben hat, mit einer Ver­sor­gung durch einen hoch­qua­li­fi­zier­ten Ortho­pä­die­tech­ni­ker in einem „High Inco­me Coun­try“ gleich­zu­zie­hen ver­mag, bleibt offen. Unab­hän­gig davon ist der inter­na­tio­na­le und phil­an­thro­pi­sche Ansatz. Ein Leit­satz des Unter­neh­mens lau­tet frei über­setzt: „Wir wün­schen uns eine Welt, in der durch Inno­va­ti­on den Anwen­dern erschwing­li­che, zuver­läs­si­ge und adäqua­te Pro­the­sen­ver­sor­gun­gen zur Ver­fü­gung stehen.“

Schwel­len­län­der unterrepräsentiert

Die­se Hal­tung ent­spricht auch einem wesent­li­chen Aspekt des ISPO-Anspruchs, auf sei­nem Welt­kon­gress die Unter­schie­de der inter­na­tio­na­len Hilfs­mit­tel­land­schaft zu doku­men­tie­ren. Im Gegen­satz zur OTWorld, wo „Sta­te of the art“ prä­sen­tiert wird, nimmt der ISPO-Kon­gress die Ver­sor­gung von Men­schen in Län­dern mit einem gerin­ge­ren Ein­kom­men und einer unter­durch­schnitt­li­chen Gesund­heits­ver­sor­gung in den Fokus. Aus der War­te des Teil­neh­mers ist die­ser Gesichts­punkt beim vir­tu­el­len Kon­gress aller­dings etwas unter­re­prä­sen­tiert gewe­sen. Viel­leicht war durch das „Kor­sett“ der digi­ta­len Ver­an­stal­tung kein brei­te­rer Blick auf Vor­trä­ge und Aus­stel­lung mög­lich bzw. waren die Schwel­len- und Ent­wick­lungs­län­der auf­grund man­gel­haf­ter digi­ta­ler Infra­struk­tur im Nachteil.

Abschlie­ßend ist jedoch zu sagen, dass der ISPO-Kon­gress den­noch ein Erfolg war. Wir hof­fen alle instän­dig, dass wir in naher Zukunft wie­der Groß­ver­an­stal­tun­gen und Vor-Ort-Kon­gres­se im Bereich der Tech­ni­schen Ortho­pä­die durch­füh­ren kön­nen, denn die­se Inter­ak­ti­on ist unum­gäng­lich für einen inten­si­ve­ren Aus­tausch. Ich per­sön­lich freue mich auf jeden Fall auf den nächs­ten ISPO-Welt­kon­gress, an dem ich per­sön­lich teil­neh­men kann, um das zuvor beschrie­be­ne „Flair“ die­ser Ver­an­stal­tung live mitzuerleben.

Dipl.-Ing. (FH) Dani­el Heitzmann
Kli­nik für Ortho­pä­die und Unfallchirurgie, 
Abtei­lung Bewe­gungs­ana­ly­tik am 
Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum Heidelberg; 
Bei­rats­mit­glied des ISPO Deutsch­land e. V.

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