FachartikelPeer Review

Das Ver­sor­gungs­spek­trum 3D-gedruck­ter Rumpfor­the­sen, dar­ge­stellt anhand von vier Fallbeispielen

S. Bulat-Würsching, A. Würsching
Der 3D-Druck stellt für die Konstruktion und die Versorgung mit Rumpforthesen einen neuen Weg dar, um noch besser und effektiver auf die individuellen Bedürfnisse von Patientinnen und Patienten eingehen zu können. Mit dieser Technik wird das mögliche Versorgungsspektrum erweitert, weil die biomechanische Konstruktion einer erfolgreichen Versorgung besser an die Alltagsbedürfnisse der zu Versorgenden angepasst werden kann. Ziel ist es, dass die Patienten das Hilfsmittel annehmen – sei es ein Kleinkind, ein Teenager oder ein Erwachsener im fortgeschrittenen Alter. Das Hilfsmittel muss sich gut in den Alltag integrieren lassen, denn erst dann können die biomechanischen Errungenschaften und das Wissen um die Verbesserung der Gesundheit zum Tragen kommen. Dabei hat die additive Fertigung im Korsettbau nach Ansicht der Autoren nichts mit „Rapid Prototyping“ oder kostengünstiger Schnellfertigung zu tun. Vielmehr stellt sie eine hochspezialisierte Möglichkeit dar, durch eine maximierte Individualisierung die Alltagstauglichkeit und den Komfort einer Rumpforthese zu optimieren. Die Patienten erhalten ein verbessertes Tragegefühl, während die Techniker diese Methode leicht in den gewohnten Versorgungsablauf integrieren können. Wie vielfältig das Versorgungsspektrum mit 3D-gedruckten Rumpforthesen sein kann, zeigt der folgende Artikel anhand von vier Fallbeispielen.

Ein­lei­tung

Seit mehr als fünf Jah­ren wer­den im Unter­neh­men der Autoren in Kroa­ti­en Pati­en­ten mit 3D-gedruck­ten Rumpfor­the­sen ver­sorgt. Von Anfang an wur­den dabei zwei Haupt­kri­te­ri­en für eine erfolg­rei­che Ver­sor­gung definiert:

  1. die Effek­ti­vi­tät der Ver­sor­gung und
  2. deren All­tags­taug­lich­keit.

Die­se Fak­to­ren ent­schei­den, ob die Bereit­schaft der Pati­en­ten, die The­ra­pie mit­zu­tra­gen, vom Hilfs­mit­tel unter­stützt wird. Die im Fol­gen­den vor­ge­stell­ten Ver­sor­gun­gen wur­den mit haus­ei­ge­nen Dru­ckern per Fused Depo­si­ti­on Mode­ling (FDM) her­ge­stellt. Die dazu jeweils ver­wen­de­ten Druck­ma­te­ria­li­en (Fila­men­te) wer­den indi­vi­du­ell unter Berück­sich­ti­gung der Bedürf­nis­se bzw. der Wün­sche der Pati­en­ten und der dar­aus resul­tie­ren­den Kon­struk­ti­on ausgewählt.

Die Pati­en­ten wer­den nach dem Maß­neh­men per Tablet („iPad“, Apple Inc., Cup­er­ti­no, Kali­for­ni­en) mit­tels eines dar­an befes­tig­ten „Struc­tu­re Sen­sor“ (Occi­pi­tal Inc.) gescannt. Der spe­zi­ell für den Medi­zin­be­reich ent­wi­ckel­te Sen­sor ermög­licht 3D-Funk­tio­nen für das iPad. Die ortho­pä­die­tech­ni­sche Model­lie­rung erfolgt mit dem Pro­gramm „Neo“ der Fir­ma Rodin4D (Ger­stet­ten-Hel­den­fin­gen). Anschlie­ßend wer­den ver­schie­de­ne Pro­gram­me zur Gestal­tung des Kor­setts ein­ge­setzt. Oft­mals erge­ben sich erst in der Kom­bi­na­ti­on die­ser Soft­ware­an­wen­dun­gen die gewünsch­ten Ergeb­nis­se. Sowohl „Mesh­mi­xer“ als auch „Simplify3D“ kom­men anschlie­ßend als typi­sche Pro­gram­me zur G‑Code-Gene­rie­rung zur Anwendung.

Die im Fol­gen­den vor­ge­stell­ten Ver­sor­gun­gen wur­den mit eige­nen 3D-Dru­ckern per FDM-Tech­nik her­ge­stellt. Aktu­ell han­delt es sich bei den ver­wen­de­ten Fila­men­ten um Misch­de­ri­va­te, die auf Poly­pro­py­len basie­ren. Ein haus­in­tern ent­wi­ckel­tes Fila­ment ist zudem in der Erpro­bung. Dar­über hin­aus wur­den alle im Ein­satz befind­li­chen Dru­cker durch fir­men­ei­ge­ne Umbau­ten spe­zi­fi­ziert, die den mit dem Druck gro­ßer Objek­te per FDM ein­her­ge­hen­den ver­viel­fach­ten Belas­tun­gen der maschi­nel­len Tei­le bes­ser entsprechen.

Die vor­ge­stell­ten Ergeb­nis­se der Ver­sor­gungs­bei­spie­le sind die Resul­ta­te eines fünf­jäh­ri­gen Pro­zes­ses fort­wäh­ren­der Opti­mie­rung von Hard- und Soft­ware. Im Fol­gen­den wird anhand von vier Fall­bei­spie­len auf­ge­zeigt, wel­che unter­schied­li­chen Mög­lich­kei­ten der Rumpfor­the­tik­ver­sor­gung sich mit der 3‑D-Tech­no­lo­gie bieten.

Fall­bei­spiel 1: Zwei­jäh­ri­ger Pati­ent mit Spi­na bifida

Indi­ka­ti­on

Pati­ent M. ist zwei Jah­re alt und ein auf­ge­weck­ter, mun­te­rer Jun­ge. Sei­ne offe­ne tho­ra­ka­le Spi­na bifi­da wur­de ope­ra­tiv geschlos­sen, und es wur­de ein Shunt gelegt. Geblie­ben ist nach der Ope­ra­ti­on eine schlaf­fe Hemi­pa­re­se mit mas­si­ver Insta­bi­li­tät des Ober­kör­pers. Der­zeit erkenn­bar ist dies an einer Gib­bus­bil­dung, die der Pati­ent zeigt, wenn er ohne Hilfs­mit­tel län­ger sit­zen muss. Da er sei­ne rech­te Hand prä­fe­riert und sich dabei mit der lin­ken Hand abstützt, hat sich eine links­kon­ve­xe Sko­lio­se gebil­det. Sowohl eine Rumpf­stre­ckung als auch eine akti­ve Rota­ti­on im Schul­ter­gür­tel sind nicht möglich.

Bis­he­ri­ge Versorgung

Außer der Not­wen­dig­keit, den Rumpf des Pati­en­ten zu sta­bi­li­sie­ren, war es wich­tig, die ver­blie­be­ne Rest­mus­kel­stär­ke nicht mit einem zu star­ren Kor­sett still­zu­le­gen 1 2. Gleich­zei­tig soll­te jedoch das Kor­sett die Arme als Haupt­stüt­ze wäh­rend des Sit­zens ent­las­ten, damit mit bei­den Hän­den frei gespielt und gehan­delt wer­den kann. Ein Stress­fak­tor bei der bis­he­ri­gen Ver­sor­gung bestand ins­be­son­de­re für die Mut­ter dar­in, dass sie, wenn sie ihr Kind in den Arm nahm, das Gefühl hat­te, dass es in einem „Plas­tik­pan­zer“ stecke.

Neue Ver­sor­gung – Konzept

Den oben auf­ge­führ­ten Aspek­ten konn­te mit einem indi­vi­du­ell ent­wor­fe­nen Kor­sett ent­spro­chen wer­den. Wäh­rend die Sei­ten Sta­bi­li­tät und Sicher­heit (Abb. 1a) ver­mit­teln, konn­ten Front- und Rück­sei­te etwas dün­ner (redu­ziert um ca. 30 % der sons­ti­gen Wand­stär­ke) gestal­tet wer­den. Als posi­ti­ver Neben­ef­fekt ergab sich eine hohe Tole­ranz für jeg­li­chen Füll­zu­stand der getra­ge­nen Win­del (Abb. 1b). Eben­so posi­tiv kom­men­tier­te die Mut­ter das In-den-Arm-Neh­men. Dabei fühlt sich das Hilfs­mit­tel nach ihrer Aus­kunft eher wie eine etwas dicke­re Jeans­wes­te an, nicht wie ein klas­si­sches Kor­sett. Durch die bei den Kor­set­ten der Autoren typi­sche groß­flä­chi­ge Per­fo­rie­rung (Abb. 1c) wird die Regu­lie­rung der Kör­per­tem­pe­ra­tur nur kaum merk­lich gestört; gera­de die Nar­ben­be­rei­che auf dem Rücken des hier vor­ge­stell­ten Pati­en­ten blei­ben ohne Irri­ta­ti­on. Das Kor­sett kann leicht und ohne viel Auf­wand gepflegt und gerei­nigt werden.

Erstel­lung der Versorgung

Her­ge­stellt wur­de die Ver­sor­gung nach einem Scan, bei dem der Pati­ent von sei­ner Mut­ter in Sitz­po­si­ti­on gehal­ten wur­de. Als Grund­kon­struk­ti­on bot sich eine zir­ku­lär umfas­sen­de, weit­ge­hend sym­me­trisch gehal­te­ne Form an. Die Gewichts­über­nah­me wird durch den Kraft­schluss um den Tho­rax erreicht. Zusätz­lich fan­gen die axil­la­ren Anstüt­zun­gen einen Teil des Gewichts auf. Aller­dings muss­te auf eine unge­stör­te Durch­blu­tung und auf eine gute Abpols­te­rung geach­tet wer­den, da der Pati­ent über den Tag „in die Orthe­se rutscht“ – wie oben erwähnt besteht beim Pati­en­ten kaum Mus­kel­kraft, die zur selbst­stän­di­gen Rumpf­sta­bi­li­sie­rung genutzt wer­den könn­te. Der Bauch wur­de mit einer wei­chen Lasche (im Druck inte­griert) gefasst. Die Tro­chan­ter­an­la­gen sind knapp über der Sitz­flä­che abge­setzt, damit das Kor­sett sowohl Klei­dung als auch Sitz­flä­chen nicht aufreibt.

Auf­grund der vie­len Kran­ken­haus­auf­ent­hal­te hat der Jun­ge eine star­ke Stress­re­ak­ti­on ent­wi­ckelt, sobald es um das The­ma Gips­ab­druck geht. Inso­fern konn­te das berüh­rungs­lo­se Ver­mes­sen hier­bei nicht nur sei­ne Schnel­lig­keit aus­spie­len, son­dern erwies sich durch die feh­len­de Berüh­rung auch als über­aus posi­tiv für den gesam­ten Ver­sor­gungs­ab­lauf und för­der­te nach­hal­tig die wich­ti­ge posi­ti­ve Stim­mung wäh­rend der fol­gen­den Ter­mi­ne und Anproben.

Fall­bei­spiel 2: 13-jäh­ri­ger Pati­ent mit juve­ni­ler Skoliose

Indi­ka­ti­on

Der 13-jäh­ri­ge L. fällt mit sei­ner juve­ni­len Sko­lio­se etwas aus dem übli­chen Rah­men der Ver­sor­gung idio­pa­thi­scher Sko­lio­sen. Neben der Aus­gangs­la­ge, bei der nur sehr unzu­rei­chen­de Rönt­gen­auf­nah­men zur Dia­gno­se­stel­lung und Ver­sor­gungs­pla­nung vor­la­gen (Abb. 2a u. b), warf die stark von der Norm abwei­chen­de Grund­hal­tung des Pati­en­ten mehr Fra­gen als Ant­wor­ten für die Autoren auf (Abb. 3a u. b): Neben einer tho­ra­ka­len Haupt­krüm­mung mit einer zusätz­li­chen leich­ten kom­pen­sa­to­ri­schen Krüm­mung im lum­ba­len Bereich stell­te eine star­ke tho­ra­ka­le Kypho­se mit mas­si­ver Vor­ro­ta­ti­on bei­der Schul­ter­ge­len­ke (Abb. 4) eine recht kom­ple­xe Auf­ga­be dar, denn bei der Erst­vor­stel­lung war kaum eine Eigen­kor­rek­tur mög­lich. Die fach­ärzt­li­che Dia­gno­se ent­hielt als ein­zi­gen Punkt ledig­lich eine idio­pa­thi­sche Sko­lio­se auf dem Befund; eine wei­te­re Ein­tra­gung (mög­li­cher­wei­se „Mar­fan-Syn­drom“) war kaum leser­lich. Aller­dings bestä­tig­ten wei­te­re Tests dies nicht; auch die sonst mehr oder weni­ger star­ke typi­sche Bin­de­ge­webs­schwä­che lag nicht vor.

Bis­he­ri­ge Versorgung

Mit 13 Jah­ren befin­det sich der Pati­ent in der Puber­tät, inso­fern steht das Tra­gen eines Kor­setts auf sei­ner Prio­ri­tä­ten­lis­te nicht ganz oben. Gleich­zei­tig hat er jedoch in letz­ter Zeit mehr Eigen­wahr­neh­mung und den Wunsch ent­wi­ckelt, sei­ne Kör­per­hal­tung zu ver­bes­sern. Mit den bereits unter­nom­me­nen Phy­sio­the­ra­pien war dies­be­züg­lich kein zufrie­den­stel­len­des Resul­tat erreicht wor­den. Da sein Risser-Zei­chen bei 1 bis 2 liegt, ent­schied man sich für die Anfer­ti­gung eines Kor­setts, um sowohl ein Fort­schrei­ten der Sko­lio­se zu min­dern als auch sei­ne Hal­tung ins­ge­samt zu ver­bes­sern. Vor allem sein beid­sei­tig pro­mi­nen­ter late­ra­ler Rip­pen­bo­gen stellt für ihn per­sön­lich eine ästhe­ti­sche Belas­tung dar (Abb. 5).

Kon­zept und Erstel­lung der Versorgung

Nach einem Scan und dem Maß­neh­men wur­de ein drei­di­men­sio­nal kor­ri­gie­ren­des Kor­sett ent­wor­fen. Vom bekann­ten Ver­sor­gungs­sche­ma nach Chêneau/Rigo muss­ten die Autoren etwas abwei­chen 3 4 5: Die Kor­rek­tur der Sko­lio­se erfolgt mit einer der zwei­bo­gi­gen Form ent­spre­chen­den not­wen­di­gen Kom­bi­na­ti­on aus Druck­pe­lot­ten und Expan­si­ons­be­rei­chen. Nur durch ein beid­sei­ti­ges umfas­sen­des Becken­teil erhiel­ten sie genug Rota­ti­ons­sta­bi­li­tät für die wie­der­um im Schul­ter­gür­tel auf­tre­ten­den Kräf­te. Eben­so muss­ten bei­de Schul­ter­blät­ter gefasst und durch Druck in der ent­ky­pho­sie­ren­den und gleich­zei­tig dero­tie­ren­den Bewe­gung geführt wer­den. Von fron­tal wur­den zwei wei­ter kra­ni­al plat­zier­te sowohl ent­ky­pho­sie­ren­de als auch dero­tie­ren­de Span­gen ein­ge­ar­bei­tet. Bei­de Span­gen wur­den dabei so ange­legt, dass ein leich­tes Nach­pas­sen mög­lich ist, da eine Dero­ta­ti­on des Schul­ter­gür­tels nur in klei­nen Schrit­ten mög­lich sein wird (Abb. 6a–d). Die Nach­ar­bei­ten kön­nen hier­bei mit einem werk­statt­ty­pi­schen Heiß­luft­fön erfol­gen. Ein gro­ßer Vor­teil 3D-gedruck­ter Kor­set­te besteht dar­in, dass Nach­pas­sun­gen schnell und sicher vor­ge­nom­men wer­den kön­nen. Das gedruck­te Mate­ri­al (ein Fila­ment aus Poly­pro­py­len Deri­vat) nimmt die Hit­ze schnell auf; dabei kommt es aber nicht zu einer groß­flä­chi­gen, son­dern zu einer geziel­ten und loka­len Ver­for­mung – nur dort, wo der Tech­ni­ker eine Ver­for­mung vor­nimmt, biegt sich das Mate­ri­al in eine neue Form. Der sonst stö­ren­de Memo­ry-Effekt – eine Ent­for­mung zurück in die Plat­te – ent­fällt völ­lig. Ziel beim hier vor­ge­stell­ten Fall ist ein Anpress­druck, der den Hume­rus­kopf inklu­si­ve Schul­ter­blatt nach dor­sal führt, ohne eine Druck­stel­le zu ver­ur­sa­chen. Um die Atmung nicht zu sehr zu beein­träch­ti­gen, wur­de das Bauch­teil beid­sei­tig elas­tisch gehal­ten, sodass der Druck auf die Rip­pen­bö­gen bei ange­leg­tem Kor­sett sanft und je nach Tages­si­tua­ti­on über die Klett­ver­schlüs­se regu­liert wer­den kann. Nach kra­ni­al lässt das Kor­sett mehr Volu­men zu und gleicht so die redu­zier­te Bauch­at­mung aus. Dies unter­stützt eine kon­stan­te dero­tie­ren­de Kraft auf die Schul­ter­stel­lung (Abb. 7a u. b).

Fall­bei­spiel 3: 86-Jäh­ri­ger mit Mor­bus Bechterew

Indi­ka­ti­on und bis­he­ri­ge Versorgung

Herr V., 86 Jah­re alt, stell­te sich mit der Grund­dia­gno­se „Mor­bus Bech­te­rew“ vor. Neben der Grund­er­kran­kung bzw. der vor vie­len Jah­ren statt­ge­fun­de­nen und nun fixier­ten Abwei­chung der Wir­bel­säu­len­form erlebt der Pati­ent eine zuneh­men­de Belas­tung durch mehr und mehr Schmer­zen. Ver­ur­sacht durch die ein­ge­schränk­te Beweg­lich­keit sei­ner Wir­bel­säu­le hat­ten sich im Lau­fe der Zeit ungüns­ti­ge Bewe­gungs­mus­ter gebil­det, die nun zu wei­te­ren Beschwer­den z. B. im Nacken führten.

Vor­über­le­gun­gen und Kon­zept der Versorgung

Außer den typi­schen Leis­tungs­ver­lus­ten, die mit zuneh­men­dem Alter zu erwar­ten sind, ver­stär­ken die genann­ten Bewe­gungs­mus­ter nun die ehe­mals vom Pati­en­ten „über­spiel­ten“ Ein­schrän­kun­gen auf das Emp­find­lichs­te. Der Pati­ent erlebt daher eine mas­si­ve und schnel­le Ver­schlech­te­rung sei­ner Lebens­si­tua­ti­on. Gleich­zei­tig fin­det der ver­sor­gen­de Tech­ni­ker bei hoch­alt­ri­gen Men­schen gene­rell immer weni­ger ana­to­misch vor­teil­haf­te Gege­ben­hei­ten vor, um ein Hilfs­mit­tel adäquat anzu­pas­sen (pro­ble­ma­tisch sind in die­sem Zusam­men­hang ins­be­son­de­re schlaf­fes Gewe­be, ein pro­mi­nen­tes Abdo­men und ein ver­rin­ger­ter Rip­pen-Becken-Abstand). Bewe­gungs­ein­schrän­kun­gen in den obe­ren Glied­ma­ßen erschwe­ren zudem die Hand­ha­bung einer tex­ti­len Orthe­se mit Gur­ten. Beim hier vor­ge­stell­ten Pati­en­ten wirkt sich die auf­grund des Mor­bus Bech­te­rew schon vor Jahr­zehn­ten vor­ge­nom­me­ne tota­le Ver­stei­fung der Wir­bel­säu­le jetzt wie ein gro­ßer Hebel aus, der den gan­zen Kör­per nach fron­tal kippt; die ver­blie­be­ne Beweg­lich­keit im Sakral­be­reich und im unte­ren Lum­bal­be­reich kann nicht mehr oder nur noch teil­wei­se genutzt wer­den, da die dafür not­wen­di­gen Mus­keln nach jah­re­lan­ger Über­be­an­spru­chung kein Poten­zi­al mehr haben (Abb. 8a u. b).

Der geis­tig vita­le und selbst­stän­di­ge Pati­ent such­te nach einer Sta­bi­li­sie­rungs­hil­fe, die die feh­len­de auf­rich­ten­de Mus­kel­kraft ersetzt, damit er wenigs­tens sei­nen Akti­ons­ra­di­us im All­tag (Haus, sozia­le Kon­tak­te, Ein­kau­fen) wei­ter bewäl­ti­gen kann. Von Anfang an wur­de nach einer Lösung gesucht, die vom Pati­en­ten zeit­wei­se – je nach Tages­ab­lauf – ange­legt und getra­gen wer­den kann. Da er tex­ti­le Kon­struk­tio­nen schon mehr­fach getes­tet hat­te, ohne zu einem befrie­di­gen­den Ergeb­nis zu gelan­gen, wur­de nun eine Rumpfor­the­se im klas­si­schen Drei­punkt-Sys­tem geplant 6 7.

Erstel­lung der Versorgung

Dazu wur­de der Pati­ent in der ihm maxi­mal mög­li­chen auf­ge­rich­te­ten Posi­ti­on gescannt und ver­mes­sen. Die hohe Genau­ig­keit des Scan­ners über­trifft nach Ansicht der Autoren bei Wei­tem die Mög­lich­kei­ten eines klas­si­schen Gips­ab­drucks, der in die­sem Fall schon auf­grund der Herz- und Kreis­lauf­pro­ble­me des Pati­en­ten gar nicht hät­te durch­ge­führt wer­den kön­nen. Somit stellt die­ser Fall ein adäqua­tes Bei­spiel dar, das zeigt, wie wich­tig es ist, dass Scan, CAD und schließ­lich auch Fer­ti­gung mit so gerin­gen Tole­ran­zen wie mög­lich in Bezug auf die Bedürf­nis­se des Pati­en­ten ineinandergreifen.

Der Effekt der für den Pati­en­ten schließ­lich ange­fer­tig­ten Orthe­se besteht in einer nur 15 mm gro­ßen Zurück­ver­la­ge­rung des Kör­per­schwer­punk­tes. Die­ses gering erschei­nen­de Maß ent­schei­det also dar­über, ob der Pati­ent selbst­stän­dig agie­ren kann oder nicht (Abb. 9a u. b). Zur Erzie­lung die­ses Effekts wur­de eine Teil­fle­xi­bi­li­tät des Mate­ri­als in Kom­bi­na­ti­on mit einer geziel­ten Ver­stär­kung der Pro­fi­le gewählt, damit der Ober­kör­per zwar gestützt wird, aber der Pati­ent sich so frei wie mög­lich bewe­gen kann. Ähn­lich einer Redres­si­ons­fe­der kann das Kor­sett auf die­se Wei­se die feh­len­de Mus­kel­kraft erset­zen, ohne den Pati­en­ten noch stär­ker zu fixie­ren, als es schon durch sei­ne Grund­er­kran­kung ver­ur­sacht wird. Ein Vor­beu­gen soll­te mög­lich sein, jedoch das Auf­rich­ten – soweit noch mög­lich – durch das Kor­sett unter­stützt werden.

Durch die recht gerin­ge Mate­ri­al­stär­ke des Kor­setts kann das Hilfs­mit­tel unter einem Hemd getra­gen wer­den, ohne auf­zu­fal­len; die Wand­stär­ke vari­iert ledig­lich zwi­schen 4 und maxi­mal 12 mm. An die­ser Stel­le kamen die beson­de­ren Vor­tei­le des 3D-Drucks zum Tra­gen: Mit wenig Auf­wand konn­te die vom Pati­en­ten vor­ge­ge­be­ne opti­ma­le Posi­ti­on repro­du­ziert wer­den; gleich­zei­tig konn­te mit ver­schie­de­nen Wand­stär­ken und mit den ent­spre­chen­den Funk­ti­ons­ein­hei­ten (Bauch­la­sche, Rekli­na­ti­ons­bü­gel, dor­sa­ler Rah­men etc.) (Abb. 10a–c) eine effek­ti­ve Sta­bi­li­sie­rung des Rump­fes erreicht wer­den 8. Die bei der ers­ten Anpro­be noch benutz­te tex­ti­le Bauch­bin­de wur­de in der fina­len Ver­si­on durch eine in den Druck inte­grier­te Bauch­fas­sung abge­löst. Hier­aus ergab sich ein bes­se­rer Kraft­schluss, da der tei­le­las­ti­sche Bauch­gurt zu viel der auf­rich­ten­den Feder­kraft absor­bier­te und dem Pati­en­ten daher kei­nen Nut­zen bot.

Fall­bei­spiel 4: Sie­ben­jäh­ri­ger Pati­ent mit Ehlers-Dan­los-Syn­drom und Mitochondriopathie

Indi­ka­ti­on und bis­he­ri­ge Versorgung

Pati­ent J., sie­ben Jah­re alt, wur­de mit der Dia­gno­se „Ehlers-Dan­los-Syn­drom mit zusätz­li­cher Mito­chon­drio­pa­thie“ vor­ge­stellt. Er war 2019 schon mit einem 3D-gedruck­ten Kor­sett ver­sorgt wor­den. Das dama­li­ge gute Ergeb­nis hielt aller­dings nicht lan­ge an – der all­ge­mei­ne gesund­heit­li­che Zustand des Pati­en­ten ver­schlech­ter­te sich schon nach einem knap­pen hal­ben Jahr auf­grund sei­ner Mito­chon­drio­pa­thie. Die­se Ent­wick­lung führ­te dazu, dass das Tra­gen des Kor­setts erst redu­ziert, dann ganz unter­las­sen wurde.

Der Ver­such, die rapi­de Ver­schlech­te­rung der Rumpf­sta­bi­li­tät des Pati­en­ten mit einem tei­le­las­ti­schen sta­bi­li­sie­ren­den Body zu the­ra­pie­ren, zei­tig­te nicht den gewünsch­ten Erfolg. Zusam­men mit der im März 2020 ein­set­zen­den Coro­na­pan­de­mie, durch die not­wen­di­ge Kon­troll­ter­mi­ne nicht wahr­ge­nom­men wer­den konn­ten, erfolg­te eine fast galop­pie­ren­de Ver­schlech­te­rung der Sko­lio­se. Aktu­ell (Stand: Novem­ber 2021) wird nach einer ope­ra­ti­ven Lösung gesucht, um die über 110 Grad Krüm­mung der Wir­bel­säu­le nach Cobb im tho­ra­ka­len Bereich zu stabilisieren.

Erstel­lung der Versorgung

Trotz der mas­si­ven Sko­lio­se (Abb. 11a–c) läuft und bewegt sich der Pati­ent zwar völ­lig frei – auf­fal­lend sind dabei jedoch sei­ne über­be­weg­li­chen Knie­ge­len­ke und die in Wel­len auf­tre­ten­den Ermü­dungs­zu­stän­de. Bei der Ana­mne­se stell­te sich die Wir­bel­säu­len­ver­for­mung als sehr rigi­de dar und ließ sich nur im Lie­gen merk­lich auf­deh­nen. Daher wur­de im Lie­gen ein fron­ta­ler und nach Umwen­den in Bauch­la­ge ein zwei­ter, dor­sa­ler Scan vor­ge­nom­men. Die Scans der Rücken­la­ge und der Bauch­la­ge wur­den dann digi­tal zusam­men­ge­fügt und als Aus­gangs­punkt für den Fer­ti­gungs­pro­zess ver­wen­det. Bio­me­cha­nisch gese­hen stellt das hier kon­zi­pier­te Kor­sett eine Kom­bi­na­ti­on aus einem Bet­tungs­kor­sett (Becken und unte­rer Rip­pen­be­reich) und einem Rekli­na­ti­ons­kor­sett (Tho­rax und Axil­la) dar. Digi­ta­le Kor­rek­tur und Form­ge­bung erwie­sen sich als kom­plex, da der rech­te Becken­kamm des Pati­en­ten über­gangs­los mit der 11. Rip­pe ver­schmilzt. Für die Erstel­lung des Kor­setts wur­de die Soft­ware „Neo“ der Fir­ma Rodin4D ein­ge­setzt (Abb. 11d).

Die Anpro­be ver­lief ohne Pro­ble­me. Eini­ge klei­ne­re Weich­teil­pols­ter muss­ten ein­ge­passt wer­den, um Druck­spit­zen abzu­fan­gen. Die mas­si­ve Ver­än­de­rung des Ster­num-Bereichs, ein­her­ge­hend mit der Ver­schie­bung des Schul­ter­gür­tels, erfor­der­te mehr­fa­che Anpas­sungs­schrit­te wäh­rend der Anpro­be. Im Ster­num-Bereich wur­de ins­be­son­de­re dar­auf geach­tet, dass der Pati­ent genug Platz zum Ein­at­men hat und dass der Brust­korb sich in sei­ner ver­dreh­ten Form nach kra­ni­al dero­tie­rend exten­die­ren kann. Der Zuge­winn an Sta­bi­li­sie­rung der Sko­lio­se wur­de aller­dings mit einer Ver­stei­fung des Rump­fes erkauft (Abb. 12a–c). Es muss sich noch zei­gen, ob der Pati­ent die­se Sta­bi­li­sie­rung erfolg­reich in sein Bewe­gungs­mus­ter (ins­be­son­de­re in Bezug auf Kopf­kon­trol­le und Schritt­zy­klus) inte­grie­ren kann oder ob ihn dies zu viel Ener­gie kos­tet. Dann müs­sen neue Lösun­gen in der Ver­sor­gung gefun­den werden.

Abschlie­ßen­de Ein­schät­zung der Versorgung

3D-druck­tech­nisch erwies sich vor allem die freie Wahl der Mate­ri­al­stär­ke in ver­schie­de­nen Berei­chen des Kor­setts von Vor­teil. Auch die Nach­form­bar­keit des gedruck­ten Mate­ri­als war für die Anpro­be för­der­lich. Ein per Fused Depo­si­ti­on Mode­ling (FDM) gedruck­tes Kor­sett kann an jeder belie­bi­gen Stel­le mit einem Fön erwärmt und nach­be­ar­bei­tet wer­den. Die Erwär­mung führt – anders als bei einem tief­ge­zo­ge­nen Kor­sett – zu kei­ner­lei Ver­for­mung. Nur an erwärm­ten Stel­len, die man hän­disch mit­tels Niet­horn oder Ball­ham­mer ver­än­dert, lässt sich das Mate­ri­al in eine ande­re Form brin­gen; benach­bar­te Berei­che blei­ben trotz der Wär­me­zu­fuhr form­sta­bil – ein sehr vor­teil­haf­ter Aspekt, der gera­de bei klei­nen, fili­gra­nen Nach­pas­sun­gen zum Tra­gen kommt (Abb. 13).

Fazit

Nach den Erfah­run­gen der Autoren sind die meis­ten von ihnen behan­del­ten Pati­en­ten hoch moti­viert und stre­ben eine Ver­bes­se­rung ihres gesund­heit­li­chen Zustan­des an. Häu­fig ver­braucht sich die­ses Moti­va­ti­ons­vo­lu­men jedoch recht schnell ange­sichts eines an den All­tag der Pati­en­ten nicht gut genug ange­pass­ten Ver­sor­gungs­kon­zepts – nur durch das akti­ve Anneh­men des Hilfs­mit­tels wird ent­schie­den, ob sei­ne vol­le Wirk­sam­keit zum Tra­gen kommt 9 10. Wie anhand der Fall­bei­spie­le im Bereich Rumpfor­the­sen auf­ge­zeigt wer­den konn­te, hilft dabei der 3D-Druck nach den Erfah­run­gen der Autoren, den Anfor­de­run­gen in höhe­rem Maß und vor allem in indi­vi­du­el­le­rer Form zu ent­spre­chen als bei einer kon­ven­tio­nel­len Ver­sor­gung: Bis­her not­wen­di­ge Mate­ri­al- und Fer­ti­gungs­kom­bi­na­tio­nen wer­den dabei durch eine kom­pak­te und eng mit­ein­an­der ver­zahn­te Kon­struk­ti­on abge­löst – von der Kon­zep­ti­on bis zur Her­stel­lung der Ver­sor­gung wird dadurch die Zahl der not­wen­di­gen Kom­pro­mis­se stark reduziert.

Für die Autoren:
Andre­as Wür­sching, OTM
Geschäfts­füh­rer und Inhaber
Kuca zdravlja d. o. o./3DScolioTM
Pol­ji­cka 31
HR-10 000 Zagreb
Kroa­ti­en
wuersching@kuca-zdravlja.com

Begut­ach­te­ter Beitrag/reviewed paper

Zita­ti­on
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