Inno­va­tiv – auch im Krisenmodus

Das Gesundheitshandwerk ist hochinnovativ und schafft Innovationen, die auch in Krisengebieten gebraucht werden. Der Ukraine beistehen – aber vor anderen Konflikten genauso wenig die Augen verschließen. Mit Qualitätsversorgung die Selbstverantwortung stärken. So könnte das Fazit der drei Podien des Branchenpolitischen Forums am zweiten Tag der OTWorld lauten.

Im Prin­zip ist die Ortho­pä­die-Tech­nik gut durch die Coro­na-Kri­se gekom­men, wie Albin May­er, Vize­prä­si­dent des Bun­des­in­nungs­ver­ban­des für Ortho­pä­die-Tech­nik (BIV-OT), in der Podi­um­s­run­de zum The­ma „Gesund­heits­be­ru­fe in der Ver­ant­wor­tung: Wie treibt das Hand­werk Fort­schritt und Inno­va­ti­on im deut­schen Gesund­heits­we­sen?“ am Ver­an­stal­tungs­mit­t­woch sag­te. Aller­dings hät­ten vie­le Betrie­be, die vor allem mit Fach­kli­ni­ken zusam­men­ar­bei­ten, mas­si­ve Ein­brü­che erlebt. Auf den zusätz­li­chen Aus­ga­ben von durch­schnitt­lich 25.000 bis 30.000 Euro im Monat auf­grund der Pan­de­mie­si­tua­ti­on sei­en die Unter­neh­men bis­lang eben­falls sit­zen­ge­blie­ben. Nur die wenigs­ten Kran­ken­kas­sen hät­ten etwas dazu­ge­ge­ben, so May­er. „Höchs­te Leis­tung, höchs­te Fle­xi­bi­li­tät“ ste­hen laut May­er zu viel Büro­kra­tie und zu vie­le Aus­re­den gegen­über. Und nach wie vor berei­ten Mate­ri­al­preis­stei­ge­run­gen und unter­bro­che­ne Lie­fer­ket­ten der Bran­che Kopfzerbrechen.

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Hand­werk ist „sexy“

„Wir haben einen sehr inno­va­ti­ven, leben­di­gen Beruf, der sehr viel­sei­tig ist“, beton­te May­er stolz. „Wir tra­gen eine enorm hohe Ver­ant­wor­tung und benö­ti­gen viel Fach­ver­stand. Wir schaf­fen Teil­ha­be und geben Lebens­freu­de zurück.“ Die hohe Kom­pe­tenz mache das Berufs­bild „sexy“. Vie­le inno­va­ti­ve Pro­duk­te ent­ste­hen aus dem Hand­werk her­aus – was Tho­mas Tru­cken­brod, Prä­si­dent des Zen­tral­ver­ban­des der Augen­op­ti­ker und Opto­me­tris­ten, sowie Mari­an­ne Fri­ckel, Prä­si­den­tin der Bun­des­in­nung Hör­akus­ti­ker (KdöR), nur bestä­ti­gen konnten.

Ech­te statt Scheininnovation

Auch die Her­aus­for­de­run­gen sehen in den Gesund­heits­hand­wer­ken ähn­lich aus: Ange­fan­gen bei der Stei­ge­rung der Mate­ri­al­prei­se über die Beschaf­fung bis zu den ver­teu­er­ten Trans­por­ten. „Hier müs­sen Lösun­gen geschaf­fen wer­den mit den gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­run­gen“, for­der­te Ste­phan Jehring, Prä­si­dent des Zen­tral­ver­ban­des für Ortho­pä­die-Schuh­tech­nik (ZVOS). Ein Pro­blem sieht er zudem im ver­staub­ten Image des Hand­werks, das auf­po­liert wer­den muss. „Wir sind schon lan­ge digi­tal unter­wegs!“, unter­strich Jehring. Des­halb zeig­te er sich ver­är­gert über Schei­nin­no­va­tio­nen, die unter dem Label des digi­ta­len Fort­schritts mit alten Metho­den wie Koh­le­ab­drü­cken arbei­ten, einer Erfin­dung der 1920er-Jah­re: „Da hat man ver­sucht, mit einer rie­sen­gro­ßen Wer­be­ma­schi­ne eine Inno­va­ti­on zu ver­kau­fen, die kei­ne ist.“ Wie man Märk­te „ver­nünf­tig digi­ta­li­sie­ren“ kön­ne, dabei alle Kolleg:innen betei­li­ge und qua­li­täts­ge­si­chert blei­be – dar­über mache sich das Fach aber schon Gedan­ken. „Im letz­ten Jahr haben wir ein Kom­pe­tenz­zen­trum gegrün­det, mit vier Mil­lio­nen Euro För­der­geld von der Bun­des­re­gie­rung finan­ziert“, berich­te­te Jehring.

Welt­weit helfen

Die Welt und die Bran­che im Kri­sen­mo­dus – die Coro­na-Kri­se noch nicht vor­bei, in Chi­na offen­bart sich das Schei­tern der Zero-Covid-Poli­tik und die Con­tai­ner­schif­fe lie­gen im Hafen von Shang­hai fest, der Ukrai­ne-Krieg hält die Welt in Atem, Kon­flik­te beherr­schen etli­che Regio­nen und zusätz­lich wach­sen wirt­schaft­li­che Ängs­te auf­grund von Infla­ti­on und Ener­gie­preis­schock. In der Dis­kus­si­on „Ver­ant­wor­tung zei­gen: Kennt inter­na­tio­na­le Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung (kei­ne) Gren­zen?“ erzähl­te BIV-OT-Vize­prä­si­dent May­er aus Gesprä­chen mit Ukrainer:innen: „Das war sehr hart für mich. Sie berich­te­ten, wie vie­le Schwerst­ver­letz­te man dort hat in der Zivil­be­völ­ke­rung und auch im Mili­tär – und man kann sie nicht behan­deln. Kli­ni­ken sind geschlos­sen, ukrai­ni­sche Werk­stät­ten nicht aktiv.“ Die Bemü­hun­gen um Hil­fe aus Deutsch­land und inter­na­tio­nal lau­fen: „Es geht um Sofort­hil­fe, aber auch um qua­li­fi­zier­te Aus­bil­dung in der Ukrai­ne sowie Gesel­len und Meis­ter von dort bei uns fortzubilden.“

Per­sön­li­che Ukraine-Hilfe

Nach der Covid-Zeit im Home­of­fice am Küchen­tisch, wo er sich gefühlt habe „wie der Tiger im Wel­len­sit­tich­kä­fig“, hat Hans Georg Näder, Eigen­tü­mer und Vor­sit­zen­der des Ver­wal­tungs­rats der Otto­bock SE & Co. KGaA, mit per­sön­li­chem Ein­satz in der Ukrai­ne gehol­fen. 25 Kin­der zwi­schen drei und 16 Jah­ren aus einem Wai­sen­haus in Char­kiw, die in einem Kel­ler Schutz vor den Bom­ben gesucht hät­ten, sei­en in einem „hol­ly­woo­drei­fen“ Son­der­ein­satz nach Duder­stadt geholt wor­den, ins Taba­lu­ga­haus. Schon seit län­ge­rem unter­stüt­ze die Otto­bock Glo­bal Foun­da­ti­on Kin­der in Kon­flikt­ge­bie­ten – zum Bei­spiel Kin­der mit Behin­de­run­gen in der Ukrai­ne und in Syri­en. Sei­ne Fir­ma sei ein­ge­bun­den in wei­te­re Hil­fe für die Ukrai­ne, auch in wei­te­ren Län­dern des ehe­ma­li­gen Ost­blocks. Aller­dings plä­dier­te Näder eben­falls dafür, den kul­tu­rel­len und sport­li­chen Dia­log in Kri­sen­zei­ten nicht abbre­chen zu las­sen: „Sport, Kunst und Kul­tur sind frie­dens­stif­tend auf ganz vie­len Ebe­nen. Ich hal­te es für kri­tisch, der Kunst den Tep­pich weg­zu­zie­hen, der Kul­tur den Tep­pich weg­zu­zie­hen und dem Sport“, so Näder. Das mensch­li­che Grund­rau­schen brau­che man – und es wird eine Zeit geben nach dem Krieg. Das Schaf­fen diplo­ma­ti­scher Brü­cken für bei­de Sei­ten des Kon­flikts sei wich­tig. Auch von den 200 Ange­stell­ten des Unter­neh­mens in Mos­kau hät­ten die Hälf­te Ver­wand­te in der Ukrai­ne. Die Situa­ti­on sei kom­plex. Nicht zu ver­ges­sen die Situa­ti­on in Afri­ka, das abhän­gig ist von Lebens­mit­tel­ein­fuh­ren aus der Ukrai­ne und Russ­land und durch den Ukrai­ne-Krieg von Hun­gers­not bedroht ist. „Afri­ka ist immer wie­der das Opfer – immer und immer wie­der“, wie Näder mahnt. Trotz allem sei er „Berufs­op­ti­mist“: „Wir brau­chen eine ruhi­ge Hand in der Kri­se und kla­res Leadership.“

Kri­sen überall

„Wir haben meh­re­re Kri­sen gleich­zei­tig, die wir meis­tern müs­sen“, so Hen­ning Quanz, Mode­ra­tor des Podi­ums. Dem konn­te Clau­de Tar­dif, Prä­si­dent der Inter­na­tio­nal Socie­ty for Prost­he­tics and Ortho­tics (ISPO), nur zustim­men. Er unter­strich, dass wäh­rend der Pan­de­mie vie­le Men­schen medi­zi­nisch nicht ver­sorgt wer­den konn­ten – aber Covid sei immer noch da. Und nun herr­sche nicht weit weg Krieg, in direk­ter Nach­bar­schaft, einen kur­zen Flug ent­fernt. „Die Schwie­rig­keit liegt dar­in, das bereit­zu­stel­len, was dort gebraucht wird.“ Der Ukrai­ne-Krieg sei aber nicht der ein­zi­ge Kon­flikt. Tar­dif erin­ner­te zum Bei­spiel an Afgha­ni­stan. Und dann gebe es die Infla­ti­on, die ers­te, die er erle­be. Die OTWorld sen­det aber nach Ansicht von Tar­dif eine posi­ti­ve Bot­schaft: Men­schen sei­en bereit, zusam­men­zu­ar­bei­ten – und in Leip­zig sei­en „eine Men­ge Mög­lich­kei­ten und Inno­va­tio­nen zu sehen“. Es gehe dar­um, einen Weg zu fin­den, um mehr Men­schen den Zugang zu ermöglichen.

Plä­doy­er für Prävention

Eine Lan­ze für mehr Prä­ven­ti­on und genaue­res Hin­schau­en bra­chen die Gäs­te der letz­ten Dis­kus­si­ons­run­de des Bran­chen­po­li­ti­schen Forums am Mitt­woch unter dem Titel „Zwi­schen Home­of­fice, Selb­st­op­ti­mie­rung und demo­gra­fi­schem Wan­del: Gesund­heit selbst ver­ant­wor­ten?“ Prä­ven­ti­on sei nicht nur Sache der Ärzt:innen, „Prä­ven­ti­on braucht alle in den Gesund­heits­be­ru­fen“, erklär­te Dr. Alex­an­der Ris­se, ehe­ma­li­ger Lei­ter des Dia­be­tes­zen­trums am Kli­ni­kum Dort­mund und Mit­glied der Deut­schen Dia­be­tes Gesell­schaft (DDG). Die jähr­lich 40.000 Ampu­ta­tio­nen wegen des Dia­be­ti­schen Fuß­syn­droms sei­en unnö­tig, so der Exper­te. Viel zu lang­sam – zu spät – wer­de reagiert. Gesund­heit­li­che Auf­klä­rung müs­se nicht drö­ge sein. Und Hilfs­mit­tel müs­sen nicht lang­wei­lig aus­se­hen – Stich­wort und Cre­do für Lipö­dem-Model, Unter­neh­me­rin, Autorin und Blog­ge­rin Caro­li­ne Sprott, die lei­den­schaft­lich für mehr Empa­thie bei der Behand­lung von Lipödem-Patient:innen plä­dier­te: „Wenn man nicht ernst genom­men wird, stellt man sich selbst infra­ge – und das ist nicht fair.“ Sie sprach dar­über, wie sie sich durch Mode selbst the­ra­piert habe, um ihre Erkran­kung anneh­men zu kön­nen: „Ich muss­te krea­tiv wer­den aus Überlebenswillen.“

Bes­tes Gesundheitssystem

BIV-OT-Prä­si­dent Alf Reu­ter ver­deut­lich­te, dass Prä­ven­ti­on ein wich­ti­ger Aspekt sei, der aber oft nicht bezahlt wer­de. „Die Prä­ven­ti­on beginnt bei der ärzt­li­chen Aus­bil­dung“, stell­te Jür­gen Gold fest. Die Patient:innen müss­ten recht­zei­tig mit Hilfs­mit­teln ver­sorgt wer­den, die ein aku­tes Krank­heits­bild ver­hin­dern, so der Vor­sit­zen­de von Euro­com e. V. „Die Erst­ver­sor­gung des Dia­be­ti­schen Fuß­syn­droms kos­tet um 2.000 Euro, die Ampu­ta­ti­on 14.000 bis 15.000 Euro.“ Für die Kran­ken­kas­sen sei­en die Patient:innen erst­mal alle gleich und wür­den eine adäqua­te, auf den aktu­el­len Zustand abge­stimm­te Behand­lung brau­chen, so Bernd Faehr­mann, Abtei­lungs­lei­ter Arznei‑, Heil- und Hilfs­mit­tel des AOK-Bun­des­ver­ban­des. Doch zu mehr Gesund­heit durch mehr Maß­nah­men zu kom­men – die­se Bemü­hun­gen schei­nen limi­tiert zu sein, wie er anmerk­te. „Wir geben ein Pro­zent für Prä­ven­ti­on aus. Die Kas­sen hät­ten kein Pro­blem, das auf zehn Pro­zent zu stei­gern, wenn die Gesamt­aus­ga­ben sin­ken wür­den. Wir sehen aber: Wir tun in jeden Topf mehr rein, ohne dass die Gesamt­aus­ga­ben sinken.“

Das ver­söhn­li­che Schluss­wort bei aller Kri­tik kam vom Dia­be­tes­ex­per­ten Dr. Ris­se: „Wir haben in Deutsch­land das bes­te Gesund­heits­sys­tem der Welt. Ich möch­te nir­gend­wo anders krank sein als in Deutschland.“

Cath­rin Günzel

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