Coro­na: Aus­bil­dungs­kri­se nein, Fach­kräf­te­man­gel ja

Das Handelsblatt titelte am 15. April „Corona bedroht die Ausbildung in Deutschland“; der Zentralverband des Deutschen Handwerks forderte am 26. Mai, dass die berufliche Ausbildung über die Krisenphase hinweg weiter stattfinden müsse. Gibt es eine Ausbildungskrise nach der Corona-Krise? Eine kleine Umfrage der OT-Redaktion unter drei traditionsreichen OT-Ausbildungsbetrieben in Deutschland ergab: Von einer Ausbildungskrise infolge der Corona-Krise kann zumindest in der Orthopädie-Technik keine Rede sein.

Bei Münch & Hahn in Duis­burg habe sich im Bereich Aus­bil­dung durch die Coro­na-Kri­se nicht viel ver­än­dert, erklärt Geschäfts­füh­rer Tho­mas Münch. Seit Beginn der Coro­na-Pan­de­mie arbei­te das 1951 gegrün­de­te Sani­täts­haus an sei­nen drei Stand­or­ten wie gewohnt wei­ter und ver­sor­ge sei­ne Kun­den mit Hilfs­mit­teln. „Selbst­ver­ständ­lich wer­den dabei die Hygie­ne­vor­schrif­ten und die Mas­ken­pflicht beach-tet. Wobei wir auch vor Coro­na nach jedem Besuch die Kun­den­ka­bi­ne des­in­fi­ziert haben“, betont Tho­mas Münch. Der Betrieb sucht aktu­ell noch zwei Aus­zu­bil­den­de in den Berei­chen Ortho­pä­die-Tech­nik, Ver­kauf und Ver­wal­tung für den Aus­bil­dungs­be­ginn im Sep­tem­ber 2020 und will damit bei der glei­chen Anzahl Aus­zu­bil­den­der wie im letz­ten Jahr blei­ben. Da aber bei neu­en Aus­bil­dungs­ver­trä­gen eine neue, seit dem 1. Janu­ar 2020 gel­ten­de Min­dest­ver­gü­tung gel­te, habe man auch die bis­he­ri­gen Aus­bil­dungs­ver­trä­ge an die neue Ver­gü­tung ange­passt. „Glei­ches Recht für alle!“, begrün­det der Geschäfts­füh­rer die Maß­nah­me. Der Betrieb freue sich auf Aus­bil­dungs­be­wer­ber. Die Bewer­bungs­ge­sprä­che wür­den wie all die Jah­re zuvor an einem gro­ßen Tisch geführt, der den Min­dest­ab­stand von 1,5 Metern garan­tie­re, so Münch. Auch von der Berufs­schu­le sei man in Bezug auf den Start des neu­en Aus­bil­dungs­jah­res nicht über Ver­än­de­run­gen infor­miert worden.

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Die 1877 gegrün­de­te Fir­ma Alip­pi mit der­zeit über 50 Sani­täts­haus-Filia­len in Bran­den­burg, Sach­sen, Sach­sen-Anhalt und Thü­rin­gen will eben­falls wei­ter­hin aus­bil­den. „Wir pla­nen, in den Berei­chen Ortho-pädie, Schuh­or­tho­pä­die, Ver­wal­tung und Ver­kauf aus­zu­bil­den“, erklärt Geschäfts­füh­rer Kars­ten Alip­pi. „Die Anzahl unse­rer Aus­zu­bil­den­den hat sich im Gegen­satz zum Vor­jahr ver­rin­gert; dies ist zurück­zu-füh­ren auf die zu weni­gen Bewer­bun­gen bzw. auf den Man­gel an geeig­ne­ten Bewer­bern. Dies liegt aber vor allem an der man­geln­den Bekannt­heit unse­rer Berufs­zwei­ge und deren Viel­sei­tig­keit bzw. Attrak­ti­vi­tät. Ob dies Fol­gen der Coro­na-Pan­de­mie sind, kann ich nur schwer ein­schät­zen. Hier liegt die Auf­ga­be bei den Unter­neh­men, die Aus­bil­dungs­be­ru­fe bei jun­gen Men­schen bekann­ter zu machen.“ In der Hoch­pha­se der Pan­de­mie ver­zich­te­te das Unter­neh­men auf per­sön­li­che Bewer­bungs­ge­sprä­che in der Fir­ma. Aktu­ell wer­den nach Ein­gang der Bewer­bun­gen Ter­mi­ne für Bewer­bungs­ge­sprä­che ver­ein­bart. „Die Bewer­bungs­ge­sprä­che fin­den unter den Hygie­ne­vor­schrif­ten statt, in gro­ßen gelüf­te­ten Räu­men mit aus­rei­chend Abstand und Mund­schutz. Das Des­in­fi­zie­ren der Hän­de ist eben­falls not­wen­dig vor und nach dem Betre­ten der Räum­lich­kei­ten“, so der Geschäfts­füh­rer. Das Tra­gen von Mund­schutz und die Ein­hal­tung der Abstands­re­geln gäl­ten der­zeit für die Berufs­schu­len eben­so wie für die Büro- und Ge-schäfts­räu­me der Firma.

Alles sei gleich geblie­ben, betont auch Joa­chim Glotz vom Vital-Zen­trum Sani­täts­haus Glotz in Stutt­gart. Das 1938 gegrün­de­te Unter­neh­men mit acht Stand­or­ten suche nach wie vor Aus­zu­bil­den­de für das kom­men­de Aus­bil­dungs­jahr. Ob sich die Sys­tem­re­le­vanz der Bran­che auf die Anzahl der Bewer­ber posi­tiv aus­wir­ke, kön­ne er nicht ein­schät­zen. „Die Zahl der Bewer­ber schwankt von Jahr zu Jahr deut-lich“, so der Geschäfts­füh­rer. Seit Jah­ren beob­ach­te er aber in Baden-Würt­tem­berg, dass zwar die Anzahl der Aus­zu­bil­den­den in den Ortho­pä­die-Tech­nik-Betrie­ben anstei­ge, aber auf immer weni­ger Betrie­be ent­fal­le. „Das berei­tet mir Sor­ge“, erklärt er. Auf­grund der Moder­ni­sie­rung der Aus­bil­dung zum bzw. zur Ortho­pä­die­tech­nik-Mecha­ni­ker/in im Jahr 2013 müss­ten Betrie­be mehr Zeit und „Man­power“ in die anspruchs­vol­le Aus­bil­dung inves­tie­ren. Denn seit­her sei es zum Glück nicht mehr mög­lich, Aus­zu­bil­den­de als bil­li­ge Hilfs­kräf­te aus­zu­nut­zen. Es bestehe die Gefahr, dass sich eini­ge Betrie­be dafür ent­schei­den könn­ten, ihren Nach­wuchs lie­ber durch das Abwer­ben von Gesel­len zu sichern. „Coro­na oder nicht, der Fach­kräf­te­man­gel bleibt eine gro­ße Her­aus­for­de­rung für die Bran­che“, meint Joa­chim Glotz abschließend.

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