OST-Mes­se: Kla­re Lini­en braucht die Branche

Zwischen Einlagen und Schuhen, Orthesen und Bandagen, Kompressionsstrümpfen und Co. herrschte zwei Tage lang reges Treiben: Die 6. Ausgabe der „Orthopädie-Schuh-Technik“-Messe zog am 14. und 15. Oktober zahlreiche nationale und internationale Besucher:innen nach Köln und vereinte die Branche nach pandemiebedingtem Ausfall 2021 mit einem abwechslungsreichen Programm.

Sowohl Inhaber:innen und Mitarbeiter:innen aus OST-Betrie­ben als auch Vertreter:innen benach­bar­ter Berufs­grup­pen wie Ortho­pä­die-Tech­nik, Podo­lo­gie, Sani­täts­fach­han­del, Medi­zin und For­schung kamen bei Mes­se, Kon­gress sowie bei den Semi­na­ren auf ihre Kos­ten. Auch der Nach­wuchs war stark ver­tre­ten und konn­te abseits des eige­nen Aus­bil­dungs­be­triebs OST-Luft schnup­pern, sich wei­ter­bil­den und aus­tau­schen, um nach dem Wochen­en­de inspi­riert in den Azu­bi-All­tag zurück­zu­keh­ren. Stand an Stand reih­ten sich die mehr als 140 Aus­stel­ler anein­an­der und prä­sen­tier­ten ihre Neu­hei­ten und Ange­bo­te rund um die ortho­pä­die­schuh­tech­ni­sche Ver­sor­gung. Doch nicht nur das „Was“, son­dern auch das „Wie“ wur­de gezeigt – der Weg zum End­pro­dukt ist heu­te oft ein digi­ta­ler. An den The­men 3D-Druck und ‑Scan kam auch nicht vor­bei, wer im Forum der Mes­se­hal­le Platz nahm oder die Semi­na­re besuch­te. „Die Tech­nik gibt mir die Mög­lich­keit, Din­ge her­zu­stel­len, die ich so mit der Hand nie hät­te bau­en kön­nen“, beton­te OSM Mar­tin Jae­ger bei sei­ner Ein­füh­rung in die für ihn immer wich­ti­ger wer­den­de Addi­ti­ve Fer­ti­gung. Als „Werk­zeug der Zukunft“ bezeich­ne­te auch Fre­de­ric Groß­mann vom Kom­pe­tenz­zen­trum Ortho­pä­die­schuh­tech­nik (Kom­zet O.S.T.) den 3D-Druck, beton­te aber: „Es ist kein Ersatz, son­dern ein zusätz­li­ches Mit­tel, das die Bran­che berei­chern kann.“

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3D-Tech­no­lo­gie als Zeitersparnis

Dass sich ein Betrieb nicht das kom­plet­te Wis­sen aneig­nen und voll­um­fäng­lich aus­stat­ten muss, son­dern auch Schrit­te an Drit­te aus­la­gern kann, ver­deut­lich­te im Rah­men des Forums der gemein­sa­me Vor­trag des nie­der­län­di­schen Unter­neh­mens PLT Pro­ducts und Klein Ortho­pä­die Schuh­tech­nik mit Sitz in Köln. Wäh­rend der Scan im Betrieb gemacht wird, über­nimmt der Out­sour­cing-Part­ner das Model­lie­ren. „Wir bekom­men den Leis­ten immer mit sehr gutem Ergeb­nis zurück“, berich­te­te Inha­ber Dirk Klein. „Das spart auch Zeit. Mehr Zeit, die wir für unse­re Patient:innen haben.“ Alle Ver­an­stal­tun­gen im Forum waren für die Messebesucher:innen frei zugäng­lich. Indus­trie­un­ter­neh­men, Dienst­leis­ter und Bil­dungs­trä­ger prä­sen­tier­ten dort ihre Inno­va­tio­nen sowie aktu­el­len Pro­jek­te. Dar­un­ter auch das Kom­zet O.S.T. Pro­jekt­lei­te­rin Dr. Annet­te Kerk­hoff stell­te die Ein­rich­tung, die sich für For­schung, Aus- und Wei­ter­bil­dung stark macht, mit ihren ein­zel­nen Stand­or­ten vor, eben­so bekam das Publi­kum Infor­ma­tio­nen zu Lehr­gän­gen und lau­fen­den Stu­di­en. Auch die Semi­na­re deck­ten ein brei­tes Spek­trum ab – von medi­zi­ni­schen und hand­werk­li­chen The­men über Bera­tung und Ver­kauf bis hin zu Rechts­fra­gen und Nachhaltigkeit.

Para­dig­men­wech­sel in der Schuhversorgung

Schwer­punk­te des Fach­kon­gres­ses, der in die­sem Jahr zusam­men mit dem Kon­gress des Inter­na­tio­na­len Ver­ban­des der Ortho­pä­die-Schuh­tech­ni­ker (IVO) statt­fand, waren die The­men „Bio­me­cha­nik des Fußes“ und „Dia­be­ti­sches Fuß­syn­drom“. Wäh­rend sich an Tag zwei die Key­note-Spea­ker Kel­ly Robb und Dr. Micha­el Ryan den bio­me­cha­ni­schen Kon­zep­ten aus nord­ame­ri­ka­ni­scher sowie Tho­mas Stief aus euro­päi­scher Per­spek­ti­ve wid­me­ten, refe­rier­te Prof. Sic­co Bus an Tag eins unter dem Titel „Bio­me­cha­nik des Dia­be­ti­schen Fuß­syn­droms und ortho­pä­di­sches Schuh­werk: Neu­es­ter Wis­sens­stand, Leit­li­ni­en und Umset­zung“ und konn­te dabei auf­grund des erkrank­ten Prof. Dr. med. Bern­hard Grei­te­mann spon­tan noch wei­ter aus­ho­len als geplant. Lob gab es schon, bevor Bus die Büh­ne über­haupt betrat: „Ich ken­ne kei­nen Wis­sen­schaft­ler, der sich so tief in die Mate­rie der Ortho­pä­die-Schuh­tech­nik ein­ge­ar­bei­tet und so gute Wis­sen­schaft in die­sem Jahr betrie­ben hat“, kün­dig­te OSM Jür­gen Stumpf den Red­ner an. „Einer von elf Erwach­se­nen hat Dia­be­tes mel­li­tus, 19 bis 34 Pro­zent davon ent­wi­ckeln einen Fuß­ul­cus“, mach­te Bus zu Beginn sei­nes Key­note-Vor­trags auf die welt­wei­te Rele­vanz der Erkran­kung, Prä­ven­ti­on und The­ra­pie auf­merk­sam. Zunächst nahm Bus die Ursa­chen und die Ent­wick­lung eines Ulcus in den Blick, anschlie­ßend die Behand­lung sowie die Schuh- und Ein­la­gen­ver­sor­gung. Das ent­schei­den­de Stich­wort hier: Ent­las­tung. Neu­es­te Stu­di­en, die zei­gen, wor­auf es dabei ankommt, stell­te Bus dem Publi­kum im Über­blick vor und mach­te dabei auch deut­lich, dass er einen Para­dig­men­wech­sel in der Schuh­ver­sor­gung sieht – weg von einem erfah­rungs­ori­en­tier­ten hin zu einem evi­denz­ba­sier­ten Ansatz. Dahin­ge­hend wer­de der­zeit die 2019 von der Inter­na­tio­nal Working Group on the Dia­be­tic Foot (IWGDF) ver­öf­fent­lich­te Richt­li­nie aktua­li­siert. Die Vor­stel­lung sei für kom­men­des Jahr geplant.

„Jetzt haben wir aufgeräumt“

Eine kla­re Linie defi­nie­ren – das war auch das Ziel der Deut­schen Gesell­schaft für inter­pro­fes­sio­nel­le Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung e. V. (DGIHV). Ergeb­nis ist das Kom­pen­di­um „Qua­li­täts­stan­dard im Bereich Fuß und Schuh“ – das ers­te von Orthopädieschuhtechniker:innen und Medi­zi­nern gemein­sam ent­wi­ckel­te und ver­ab­schie­de­te Stan­dard­werk zur ortho­pä­die­schuh­tech­ni­schen Ver­sor­gung. Für Micha­el Möl­ler ein Pro­jekt, in das viel Herz­blut floss. Das merk­te man dem Ortho­pä­die­schuh­ma­cher-Meis­ter, der gemein­sam mit Dr. Hart­mut Sti­nus als Schrift­lei­ter fun­gier­te, bei sei­nem lei­den­schaft­li­chen Vor­trag auf der OST-Mes­se an. Im Rah­men des Forums stell­te er das Kom­pen­di­um vor, gab Ein­blick in die Inhal­te, den Auf­bau und auch in die Hin­ter­grün­de. „Wir haben in der Ver­gan­gen­heit ein rie­sen Durch­ein­an­der von Indi­ka­tio­nen, Ver­sor­gungs­kon­zep­ten und Ver­ord­nun­gen gehabt“, blick­te er zurück. „Jetzt haben wir auf­ge­räumt“, beton­te er mit stol­zem Blick auf das druck­fri­sche Werk in sei­nen Hän­den. Die Sitz­ge­le­gen­hei­ten hat­ten sich zu Anfang schnell gefüllt, eben­so schnell leer­te sich der Bestand an Lese­pro­ben am Ende des Vor­trags, den Möl­ler auf­grund des krank­heits­be­ding­ten Aus­falls von Sti­nus allein meis­ter­te. Wer noch eine Lese­pro­be ergat­tern woll­te, wur­de am Stand des Ver­lags OT fün­dig. Hier nutz­te auch der eine oder ande­re Inter­es­sent die Gele­gen­heit, das – bis dahin noch nicht ver­öf­fent­lich­te – Werk gleich vor­zu­be­stel­len. Ab dem 20. Okto­ber wird das Kom­pen­di­um nun verschickt.

Zwei Tage „Orthopädie-Schuh-Technik“-Messe: Dem regen Trei­ben wich am Ende eine nahe­zu lee­re Hal­le. Geblie­ben sind zahl­rei­che Ein­drü­cke, anre­gen­de Gesprä­che, Wis­sens­lü­cken, die gefüllt wur­den, und Vor­trä­ge, die nach­schwin­gen. In die gesam­mel­ten Taschen steck­ten die Besucher:innen nicht nur Pro­spek­te und Wer­be­ge­schen­ke, son­dern nah­men sicher­lich eben­so vie­le Anre­gun­gen für den Arbeits­all­tag mit nach Hause.

Pia Engel­brecht

 

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