Wer­ner Die­rolf: „Gemein­sam sind wir stark”

145 Jahre Firmengeschichte als Familienbetrieb, davon 46 Jahre unter Mitwirkung von Orthopädieschuhmachermeister Werner Dierolf: Im Interview mit der OT-Redaktion spricht der Inhaber der Dierolf Orthopädie-Schuhtechnik über die Entwicklung des Betriebes und die Gemeinsamkeiten von Branche und Politik.

OT: Wie kam es 1875 zur Grün­dung des Familienbetriebes?

Wer­ner Die­rolf: Die Geschich­te um unse­ren Fami­li­en­be­trieb ken­ne ich nur aus den Erzäh­lun­gen mei­ner lei­der schon lan­ge ver­stor­be­nen Oma. Mei­ne Fami­lie betrieb, wie das damals so üblich war, eine klei­ne Land­wirt­schaft. Ab 1875 zogen sie auch offi­zi­ell als Schuh­ma­cher von Bau­er zu Bau­er. Sie fer­tig­ten auf den Bau­ern­hö­fen aus dem Leder der Tie­re Schu­he für den gesam­ten Haus­halt. Die Kennt­nis­se rund um das Schuh­hand­werk wur­den von Genera­ti­on zu Genera­ti­on wei­ter­ge­ge­ben. In der Genera­ti­on mei­ner Eltern gestal­te­te sich das dann schon pro­fes­sio­nel­ler. Mei­ne Eltern führ­ten eine gut gehen­de Schuh­hand­lung und betrie­ben neben­her ein wenig Landwirtschaft.

OT: Loya­li­tät oder Her­zens­an­ge­le­gen­heit? Wie sah Ihr Weg zur Ortho­pä­die-Schuh­tech­nik aus?

Die­rolf: Ich habe bereits mit 14 Jah­ren die Schu­le ver­las­sen, also die klas­si­schen acht Jah­re Volks­schu­le absol­viert. Da ich mich für das Machen von Schu­hen inter­es­sier­te, begann ich eine Leh­re als Schuh­ma­cher im Land­kreis. Dort kam ich auch mit der Ortho­pä­die-Schuh­tech­nik erst­mals in Berüh­rung. Aller­dings ging es damals vor allem um die Ver­sor­gung von Kriegs­ver­sehr­ten. Als Gesel­le wech­sel­te ich dann in den ortho­pä­die­schuh­tech­ni­schen Betrieb Reu­ter in Bad Mer­gen­theim, um Kennt­nis­se auf die­sem Gebiet zu ver­tie­fen. Die Vor­be­rei­tun­gen für mei­nen Meis­ter im Bereich der Ortho­pä­die-Schuh­tech­nik lie­fen bei der Fir­ma Schön & End­res in Würz­burg. Gleich nach dem Erhalt des Meis­ter­brie­fes stieg ich 1974 im elter­li­chen Geschäft ein. Vol­ler Unge­duld woll­te ich das Geschäfts­mo­dell ändern, den Betrieb vom Schuh­la­den zu einem ortho­pä­die­schuh­tech­ni­schen Betrieb ent­wi­ckeln. Gleich die Eröff­nung wur­de ein gro­ßes Ereig­nis und ein Erfolg. Man muss eben in der Öffent­lich­keit sicht­bar sein, übri­gens nicht nur über Mar­ke­ting, son­dern vor allem über gesell­schaft­li­ches Engagement.

OT: Wie bli­cken Sie auf die Ent­wick­lung Ihres Unter­neh­mens seit Ihrem Ein­tritt in den Fami­li­en­be­trieb im Jahr 1974 zurück?

Die­rolf: Mei­ne Eltern hat­ten eine Mit­ar­bei­te­rin in ihrem Laden. Heu­te sind 30 Men­schen in unse­ren drei Filia­len Die­rolf Ortho­pä­die-Schuh­tech­nik und unse­ren zwei Sani­täts­häu­sern Die­rolf Ortho­pä­die, von denen wir eins gemein­sam mit einem Apo­the­ker füh­ren. Wobei ich in den Sani­täts­häu­sern kei­ne Ortho­pä­die­tech­nik-Meis­ter beschäf­ti­ge. Es gibt nicht so vie­le in unse­rer eher länd­li­chen Regi­on. Die ent­spre­chen­den Pati­en­ten schi­cken wir zu den Ortho­pä­die-Tech­nik-Kol­le­gen. Den Kun­den hilft es am meis­ten, wenn er gute Rat­schlä­ge bekommt und nicht, wenn ich nur das Geld im Kopf habe. Wir kon­zen­trie­ren uns auf die Ortho­pä­die-Schuh­tech­nik, Maß­schu­he, Ein­la­gen, Lauf­ana­ly­se und die Podo­lo­gie sowie im Bereich der Ortho­pä­die-Tech­nik auf Kom­pres­si­ons­strümp­fe, Ban­da­gen, Orthe­sen und Rehatechnik/Pflege.

Machen, nicht träumen

OT: Wor­auf sind Sie in Ihrem Berufs­le­ben beson­ders stolz?

Die­rolf: Als Betriebs­in­ha­ber, egal in wel­cher Bran­che, muss man sich in der Öffent­lich­keit zei­gen, am bes­ten mit Enga­ge­ment für die Gemein­schaft. Genau das habe ich getan, zum Bei­spiel für das Hand­werk als Kreis­hand­werks­meis­ter, in der Hand­werks­kam­mer, ehren­amt­li­cher Arbeits­rich­ter, im OST-Ver­band bun­des­weit und inter­na­tio­nal. Ich bin Mit­glied in 30 Ver­ei­nen oder saß für mei­ne Par­tei, die CDU, im Gemein­de­rat Ober­sont­heim und Kreis­tag Schwä­bisch-Hall. Es freut mich, dass mei­ne Toch­ter Kat­ja eben­falls die­sen Weg beschrei­tet. Und selbst­ver­ständ­lich gehö­ren Weit­blick, der Blick nach vor­ne, aber auch der Blick auf ande­re Berei­che dazu. So stellt man fest, was man im eige­nen Beruf bes­ser machen kann. Man träumt nicht, man macht. Ich bin stolz, dass unser Betrieb Markt­füh­rer auf sei­nem Gebiet ist und das ohne Kon­kur­renz­den­ken mit den Kollegen.

OT: Ihr Haus hat auch eige­ne Lini­en im Bereich Ein­la­gen, Ban­da­gen und Hals­krau­sen im Ange­bot. War­um set­zen Sie bei der Viel­falt der Pro­duk­te auf dem Markt auf Eigenentwicklungen?

Die­rolf: Natür­lich gibt es vie­le tol­le Pro­duk­te wun­der­ba­rer Indus­trie­part­ner. Den­noch ist das indi­vi­du­ell gestal­te­te Ein­la­gen­frä­sen bes­ser, als Roh­lin­ge zu bear­bei­ten, um ein Bei­spiel zu nen­nen. Des­halb arbei­ten wir an eini­gen Stel­len mit eige­nen Lini­en. Im Übri­gen bil­den wir uns im Bereich neue Tech­ni­ken immer wei­ter. Alles, was es an Tech­nik in unse­rem Bereich gibt, haben und nut­zen wir, so waren wir auch mit die Ers­ten in der Bran­che, die die 3D-Mess­tech­nik ein­ge­führt hat­ten. Wobei die Tech­nik nur ein Mit­tel zum Zweck ist. Es geht um die best­mög­li­che Ver­sor­gung der Kun­den. Das errei­chen wir zum Bei­spiel, indem wir an Dia­be­tes-Sprech­stun­den teil­neh­men und die Ärz­te zum The­ma Ver­ord­nung bera­ten sowie Pati­en­ten Kol­le­gen emp­feh­len. Ich sage aus­drück­lich bera­ten, denn wir bestehen dar­auf, dass das vom Arzt erstell­te Rezept an den Pati­en­ten geht. Die­ser ent­schei­det allein, wo er das ein­löst. Mir ist es wich­tig, dass die Part­ner und Kun­den wahr­neh­men, der Die­rolf ist in Ord­nung, der ist ehr­lich und hat nicht nur die Dol­lar­zei­chen im Auge. Wobei sich gera­de die­se Den­ke letzt­lich aus­zahlt. Wenn Pati­en­ten dann doch das Rezept bei uns ein­lö­sen und sich anschlie­ßend beim Arzt lobend über die hand­werks­ge­rech­te Ver­sor­gung äußern, wer­den auch wei­te­re Rezep­te bei uns eingelöst.

Neue Gesell­schaf­ter­struk­tur

OT: Vie­le Ihrer Kol­le­gen fin­den in der eige­nen Fami­lie kei­ne Nach­fol­ger. Wie sieht das bei Ihnen aus?

Die­rolf: In unse­rer Bran­che tref­fen wir jeden Tag Men­schen, die im Roll­stuhl sit­zen oder eine Ampu­ta­ti­on erlit­ten haben. Ich bin froh über jeden Tag, den ich auf­ste­hen kann und ande­re zufrie­den­stel­len darf. Inso­fern habe ich lan­ge nicht ans Auf­hö­ren gedacht. Aber im nächs­ten Jahr soll es dann doch soweit sein. Mein Sohn Frank ist vom Fach. Er ist Gesel­le der Ortho­pä­die-Schuh­tech­nik und arbei­tet der­zeit an sei­nem Bache­lor of Engi­nee­ring „Tech­ni­sche Ortho­pä­die“ der Fach­hoch­schu­le Müns­ter. Im Moment schaut er sich inter­na­tio­nal um, war län­ger in Isra­el und lernt der­zeit indisch. Mei­ne Toch­ter ist Diplom-Betriebs­wir­tin, arbei­tet aber auch schon län­ger im Betrieb mit. Wir sind gera­de dabei, eine super Gesell­schaf­ter­struk­tur zu bau­en. Even­tu­ell bezie­hen wir sogar eini­ge Meis­ter mit ein, immer­hin arbei­ten der­zeit fünf Meis­ter, davon zwei Jung­meis­ter, bei uns. Im nächs­ten Jahr, wenn die Struk­tur steht, zie­hen mei­ne Frau und ich uns noch mehr aus der Ver­ant­wor­tung unse­rer bei­der Geschäf­te zurück. Mei­ne Frau lei­tet ihr Steu­er­bü­ro. Aller­dings sit­ze ich schon jetzt oft auf dem Kutsch­bock oder dem Rücken mei­nes Pfer­des, übri­gens auch teil­wei­se ohne Zaum­zeug, aber in Beglei­tung mei­ner Toch­ter, die eben­falls eine lei­den­schaft­li­che Rei­te­rin ist. Ich bin über­zeugt: Wer mit Tie­ren kann, kann auch mit Menschen.

OT: Was wer­den Sie Ihren Kin­dern mit auf den Weg geben, wenn Sie das Geschäft übernehmen?

Die­rolf: Leis­tung muss sich loh­nen. Als Inha­ber ist man Vor­bild. Außer­dem muss man Ansprech­part­ner sein für Kun­den, Mit­ar­bei­ter, Nach­barn, nicht nur in fach­li­chen Belan­gen. Daher ist gesell­schaft­li­ches Enga­ge­ment wichtig.

OT: Sie haben sich ein Leben lang auch gesell­schafts­po­li­tisch enga­giert, ange­fan­gen von der Jun­gen Uni­on bis zum lang­jäh­ri­gen Amt als Prä­si­dent des Zen­tral­ver­ban­des für Ortho­pä­die­schuh­tech­nik (ZVOS). Wel­ches sind die größ­ten Her­aus­for­de­run­gen, die der­zeit für Ihr Gewerk bzw. Ihre Par­tei anstehen?

Die­rolf: Gemein­sam sind wir stark! Die­ser Grund­satz gilt für die Bran­che genau­so wie für mei­ne Par­tei, die CDU. Nur wer gemein­sam nach vor­ne schaut, ist ein Vor­bild und damit wähl­bar. Ob Par­tei oder Ver­band, Que­re­len muss man hin­ter sich las­sen. Da ist die Ortho­pä­die-Tech­nik (OT) im Ver­gleich zur Ortho­pä­die-Schuh­tech­nik einen Schritt vor­aus. Mir scheint auch, dass sich deut­lich mehr Ortho­pä­die-Tech­ni­ker poli­tisch oder anders­wie enga­gie­ren als mei­ne OST-Kol­le­gen. Wenn man aber ehr­lich in Netz­wer­ken zusam­men­ar­bei­tet, pro­fi­tie­ren alle davon.

OT: Mit Blick auf die gera­de in Leip­zig zu Ende gegan­ge­ne rein digi­ta­le OTWorld.connect: Was neh­men Sie für Ihr Unter­neh­men und Ihr Fach aus der Ver­an­stal­tung mit?

Die­rolf: Kom­pli­ment an alle, die sich getraut haben, die OTWorld.connect durch­zu­zie­hen und natür­lich an alle, die sie umge­setzt haben. Ich kann es nur wie­der­ho­len: Mein Kom­pli­ment an die Bran­che! Beim Zuschau­en und ‑hören ist mir noch mal deut­li­cher gewor­den, dass wir in unse­rem Gewerk noch stär­ker an neu­en Tech­ni­ken und neu­en Medi­en arbei­ten müs­sen. Wir dür­fen nicht an alten For­men festhalten.

Die Fra­gen stell­te Ruth Justen.

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