Ver­sor­gung mit einer fremd­kraft­ge­steu­er­ten Partialhandprothese

V. Biedermann
Die prothetische Versorgung mit einer fremdkraftgesteuerten Partialhandprothese erweitert das Versorgungsspektrum und erfordert Erfahrung, Teamarbeit und Innovationsbereitschaft. Der folgende Artikel setzt sich mit verschiedenen Versorgungsvarianten des i-limbdigits-Systems auseinander, das Partialhandversorgungen in Verbindung mit myoelektrischen Ansteuerungskomponenten und funktionellen Fingersystemen ermöglicht. Ebenso wird die Zusammenarbeit mit den involvierten Personen des Teams erläutert und die einzelnen Fertigungsschritte anhand mehrerer Versorgungsbeispiele vorgestellt.

Ein­lei­tung

Die Ver­sor­gung von Par­ti­al­han­dam­pu­ta­tio­nen ist ein Bereich, der bis­her zum größ­ten Teil mit kos­me­ti­schen Pro­the­sen ohne Funk­ti­on abge­deckt wur­de. Wenn Anwen­der sich jedoch nach funk­tio­nel­len Pro­the­sen erkun­dig­ten, waren die Ver­sor­gungs­gren­zen schnell erreicht. Die Ver­sor­gung mit sol­chen Pro­the­sen ist abhän­gig von der ana­to­mi­schen Situa­ti­on und der Com­pli­an­ce des Anwen­ders sowie der Inno­va­ti­ons­be­reit­schaft des Tech­ni­kers. Das Spek­trum der pro­the­ti­schen Fer­ti­gung reicht vom Ersatz ein­zel­ner Fin­ger bis zum voll­stän­di­gen Ersatz aller Fin­ger inklu­si­ve Dau­men. Auch die Aus­füh­rung des Schaft­de­signs soll­te mit den Anwen­dern gemein­sam fest­ge­legt wer­den, vor allem im Hin­blick auf die Adap­ti­on der Pas­s­teil­kom­po­nen­ten. Jedoch soll­te man sol­che Ver­sor­gun­gen nur durch­füh­ren, wenn die fol­gen­den Vor­aus­set­zun­gen erfüllt sind:

Anzei­ge
  • Erfah­rung in der Her­stel­lung myo­elek­tri­scher Prothesen
  • Erfah­rung in der Silikonverarbeitung
  • enge Zusam­men­ar­beit mit The­ra­peu­ten, mög­lichst im Haus

Mit dem hier vor­ge­stell­ten i‑lim­bdi­gits-Sys­tem der schot­ti­schen Fir­ma Touch Bio­nics ist es mög­lich, Par­ti­al­hand­ver­sor­gun­gen mit myo­elek­tri­schen Ansteue­rungs­kom­po­nen­ten und funk­tio­nel­len Fin­ger­sys­te­men zu ver­se­hen. Das i‑limb-digits-Sys­tem kann in ver­schie­de­nen Aus­füh­run­gen her­ge­stellt wer­den, die jedoch über die glei­che Kon­fi­gu­ra­ti­on der Kom­po­nen­ten mit der Mög­lich­keit ver­fü­gen, ver­schie­de­ne Griff­po­si­tio­nen mit­tels einer Pro­gram­mie­rung auszuführen.

Kom­po­nen­ten

Das i‑limb-digits-Sys­tem besteht aus den fol­gen­den Komponenten:

  • ein­zel­ne Fingermodule
  • mecha­nisch ver­stell­ba­res Dau­men­seg­ment im Sinn der Rotation
  • Ansteue­rungs­kom­po­nen­te: wahl­wei­se EMG-Elek­tro­de, Disc-Elek­tro­de oder Touchpad
  • Akku-Set
  • Mikro­pro­zes­sor-Set
  • Adap­ti­ons­kom­po­nen­ten für ein­zel­ne Fin­ger oder eine Kom­po­nen­te für Dig. 2–5
  • Adap­ti­ons­kom­po­nen­te für die Daumeneinheit
  • Soft­ware
  • Wrist­band (Trä­ger­mo­dul), falls erforderlich
  • sämt­li­che erfor­der­li­chen Klein­tei­le (Spa­cer, ver­schie­de­ne Tools, Befestigungsteile)

Die ein­zel­nen Fin­ger­kom­po­nen­ten und das Dau­men­seg­ment wer­den über in den Ein­hei­ten inte­grier­te Moto­ren ange­trie­ben; mit­tels inte­grier­ter Zug­sys­te­me und einer Getrie­be­tech­nik ist eine Fle­xi­on oder Exten­si­on der Fin­ger­ge­lenk­ket­te mög­lich. Mit­tels der bio­sim-Soft­ware kön­nen ver­schie­de­ne Ansteue­run­gen wie 1- oder 2‑Ka­nal-Steue­rung ein­ge­ge­ben wer­den, eben­so eine Ansteue­rung über kom­bi­nier­te Signal­aus­lö­ser. Auch die Hand­ha­bung der Griff­pro­gram­me wird in den Mikro­pro­zes­sor ein­pro­gram­miert. Die Aus­lö­ser für die Griff­pro­gram­me kön­nen über ver­schie­de­ne Trig­ger exakt jus­tiert wer­den, da das Pro­gramm aus den erfor­der­li­chen Trai­nings­ein­hei­ten z. B. bei einem 2- oder 3‑fach‑Signal einen Mit­tel­wert errechnet.

Des Wei­te­ren kön­nen auch eine Ko-Kon­trak­ti­on oder ein zeit­lich jus­tier­ba­res Ein­zel­si­gnal zur Aus­lö­sung eines Griff­pro­gramms die­nen. Das Pro­gramm ver­fügt über 12 ver­schie­de­ne Griff­mus­ter, wobei ein Teil auch über die mecha­ni­sche Ver­stel­lung des Dau­mens erfol­gen kann. Auch indi­vi­du­el­le Grif­fe sind pro­gram­mier­bar. Des Wei­te­ren kön­nen alle Fin­ger­mo­du­le in ihrer Geschwin­dig­keit und Stel­lung gegen­ein­an­der über das Pro­gramm ein­zeln jus­tiert wer­den. Alle die­se Daten wer­den dann gespei­chert, um stets eine fort­lau­fen­de Kon­trol­le über die Fort­schrit­te und Ände­run­gen zu haben.

Ver­sor­gungs­ab­lauf

Als ers­ter Schritt erfolgt eine gründ­li­che Unter­su­chung der betrof­fe­nen Hand. Dies ist wich­tig, um auch auf kleins­te ana­to­mi­sche Gege­ben­hei­ten wie Nar­ben oder schmerz­emp­find­li­che Zonen sowie die ver­blie­be­nen Rest­funk­tio­nen zu ach­ten. Ein wei­te­rer Aspekt ist der mus­ku­lä­re Sta­tus, der über die Ansteue­rung ent­schei­det. Nach einer aus­führ­li­chen Infor­ma­ti­on über die Zusam­men­set­zung der Kom­po­nen­ten wer­den die zu erwar­ten­den Zie­le mit den Anwen­dern bespro­chen. Die­se Zie­le wer­den schrift­lich fest­ge­hal­ten und dann mit­tels einer Check­lis­te abge­ar­bei­tet. Die­se ent­hält den Ver­sor­gungs­ab­lauf mit allen erfor­der­li­chen Fer­ti­gungs­schrit­ten und Übungs­ab­schnit­ten sowie die Zie­le nach einer mit den Anwen­dern ver­ein­bar­ten Tra­ge­zeit der Pro­the­se. Hier­bei sind ver­schie­de­ne Kri­te­ri­en zu berück­sich­ti­gen, sei es das per­sön­li­che Emp­fin­den des Anwen­ders, die tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten der Pro­the­se in Bezug auf die vor­han­de­ne ana­to­mi­sche Situa­ti­on oder die Ein­satz­mög­lich­kei­ten der Pro­the­se in den ver­schie­de­nen Akti­vi­tä­ten des täg­li­chen Lebens. Dies ist ein wich­ti­ger Abschnitt im Pro­ce­de­re der Ver­sor­gung, der nach Erfah­rung des Ver­fas­sers mit einem erheb­li­chen Zeit­auf­wand ver­bun­den ist.

Nach­dem die Ansteue­rungs­area­le mit­tels eines Myo-Test­pro­gramms fest­ge­legt wor­den sind und die kom­for­ta­ble und siche­re Jus­tie­rung der Aus­lö­se­punk­te fest­steht, wer­den die Area­le mar­kiert. Sodann erfolgt der Abdruck mit­tels Algi­nat- oder Sili­kon-Abdruck­mas­se. Der Vor­teil die­ser Vari­an­te ist die genaue Abbil­dung der ana­to­mi­schen Gege­ben­hei­ten der geschä­dig­ten Extre­mi­tät, da hier­bei alle Struk­tu­ren sicht­bar wer­den. Es soll­te auch ein Abdruck der kon­tralate­ra­len Sei­te erfol­gen, der zur Anglei­chung der ana­to­mi­schen und sta­ti­schen Ver­hält­nis­se dient.

Des Wei­te­ren spielt die Fest­le­gung der Signal­an­steue­run­gen der Fin­ger­mo­du­le eine wich­ti­ge Rol­le bei der Aus­wahl der Schaft­va­ri­an­ten. Nach der Her­stel­lung des HTV-Pro­be­schaf­tes und des “check-socket” für die Adap­ti­on der Fin­ger­grup­pe wer­den zunächst Pass­form und Stel­lung der mecha­ni­schen Ele­men­te über­prüft (Abb. 1). Dies geschieht wäh­rend der ers­ten Anpro­be, da die mecha­ni­schen Ele­men­te immer wie­der mit­tels eines 2‑Kom­po­nen­ten-Kle­bers sehr schnell gelöst und wie­der posi­tio­niert wer­den kön­nen. Bei die­ser Anpro­be wer­den dann die Kom­po­nen­ten zusam­men­ge­fügt, und es wer­den noch­mals alle Tests zur siche­ren Ansteue­rung mit­tels der Soft­ware eingestellt.

Sodann erfolgt die ers­te Test­rei­he mit ver­schie­de­nen Übun­gen durch den The­ra­peu­ten und den Tech­ni­ker, der bei Bedarf noch­mals Schaft-Ver­än­de­run­gen vor­neh­men kann. Die­se Test­rei­he dient der Opti­mie­rung von Signa­len durch Fein­jus­tie­rung über die Soft­ware, z. B. das schnel­le Wech­seln zwi­schen Öff­nen und Schlie­ßen und die siche­re Aus­lö­sung der ein­ge­ge­be­nen Griff­pro­gram­me. Auch das Ansteu­ern der Signa­le in ver­schie­de­nen Posi­tio­nen des Armes muss getes­tet wer­den. Als hilf­rei­cher Griff hat sich dabei der soge­nann­te Pin­zet­ten­griff mit einem fes­ten teil­flek­tier­ten Dau­men gegen­über Dig. 2, einer kom­plet­ten Fle­xi­ons­po­si­ti­on der Dig. 3–5 und einer Beweg­lich­keit des Dig. 2 in Rich­tung Dig. 1 erwie­sen (Abb. 2). Damit sind alle wich­ti­gen Para­me­ter fest­ge­legt und jeder­zeit abruf­bar. Die Anwen­der üben in die­ser Pha­se den Umgang mit all­täg­li­chen Akti­vi­tä­ten, die zuvor in einem Unter­su­chungs­bo­gen fest­ge­legt wur­den, und es wer­den noch­mals die ver­schie­de­nen Mög­lich­kei­ten der Hand­ha­bung besprochen.

Nach­dem die Übungs­ein­hei­ten absol­viert sind und die Pass­form zur Zufrie­den­heit der Anwen­der fest­ge­legt wur­de, kann der nächs­te Schritt erfol­gen. In die­ser Pha­se der Fer­ti­gung wer­den die Posi­tio­nen der Fin­ger- und Dau­men-Adap­tio­nen der Übungs­pro­the­se mit­tels eines Über­tra­gungs­ge­rä­tes für wei­te­re Fer­ti­gungs­schrit­te exakt fest­ge­hal­ten. Das Über­tra­gungs­ge­rät ist unbe­dingt not­wen­dig und kann rela­tiv schnell in der eige­nen Werk­statt her­ge­stellt wer­den. Dann wird der defi­ni­ti­ve HTV-Schaft gefer­tigt, falls not­wen­dig mit inte­grier­ten Platz­hal­tern für die Signal­ge­ber und Spa­cern für die Kabel­ver­bin­dun­gen, sowie Akkus und Mikro­pro­zes­sor (Abb. 3). Dann wird über das Über­tra­gungs­ge­rät noch­mals die Posi­tio­nie­rung über­prüft, und die Fer­ti­gung der end­gül­ti­gen Trä­ger­ein­heit kann erfol­gen. Auch hier ste­hen eini­ge Optio­nen der Armie­rungs­tech­nik zur Ver­fü­gung, denn es ist unbe­dingt erfor­der­lich, genau auf die spe­zi­fi­schen Bedürf­nis­se der Anwen­der zu ach­ten. Auch die Aus­füh­rung der Pro­the­se mit ver­schie­de­nen HTV‑Schaftversionen ist dabei zu berück­sich­ti­gen. Bei Abga­be und abschlie­ßen­der Unter­wei­sung soll­te ein The­ra­peut anwe­send sein, um noch­mals alle Übungs­ein­hei­ten zusam­men mit den Anwen­dern zu bespre­chen und durch­zu­füh­ren sowie die im Hin­blick auf die nach­fol­gen­de Tra­ge­zeit fest­ge­leg­ten Übungs­zie­le zu bespre­chen. Erfah­rungs­ge­mäß soll­te zeit­nah noch­mals ein wei­te­rer Ter­min fest­ge­legt wer­den, um Pass­form und Hand­ling der Pro­the­se zu überprüfen.

Vari­an­ten des Schaftdesigns

HTV-Lang­schaft mit inte­grier­ten Kom­po­nen­ten (Abb. 4)

Die­se Ver­si­on fasst einen gro­ßen Teil des Unter­arms ein und ent­hält in den HTV-Schaft inte­grier­te Kom­po­nen­ten. Die­se Vari­an­te wird meis­tens mit EMG- oder mit Disc-Elek­tro­den versehen.

HTV-Lang­schaft mit Wrist­band (Abb. 5)

Bei die­ser Vari­an­te sind alle Kom­po­nen­ten bis auf die Ansteue­rung in einer Trä­ger­ein­heit inte­griert. Hier kön­nen alle 3 Signal­kom­po­nen­ten ein­ge­setzt werden.

HTV-Kurz­schaft mit Wrist­band (Abb. 6)

Der HTV-Schaft endet vor dem Hand­ge­lenk und ermög­licht einen umfang­rei­chen Bewe­gungs­ab­lauf im Sinn der Fle­xi­on und der Exten­si­on des Gelen­kes. Hier kann man Disc-Elek­tro­den oder Touch­pads ein­bau­en. Alle übri­gen Kom­po­nen­ten sind wie in der vor­her­ge­hen­den Ver­si­on in der Trä­ger­ein­heit vorhanden.

Ansteue­rung

EMG-Elek­tro­de (Abb. 7)

Die­se Elek­tro­de ent­spricht der klas­si­schen Ansteue­rungs­me­tho­de aus der Myo­pro­the­tik. Mit­tels der bio­sim-Soft­ware wird die Elek­tro­de ein­ge­stellt und kann dann noch­mals über das Poten­tio­me­ter regu­liert wer­den. Die EMG-Elek­tro­de kann nicht mehr ver­än­dert wer­den, wenn sie ein­mal im Schaft inte­griert ist.

Disc-Elek­tro­de (Abb. 8)

Die­se Elek­tro­de besteht aus 3 von­ein­an­der getrenn­ten Signal­punk­ten, des­halb kön­nen die­se Punk­te in ver­schie­de­nen Abstän­den gesetzt wer­den. Das hat den Vor­teil, dass die Signal­punk­te immer wie­der ver­än­dert wer­den kön­nen. Damit kann der Tech­ni­ker sehr schnell auf ana­to­mi­sche Ver­än­de­run­gen des Stump­fes reagie­ren. Außer­dem sind die­se Elek­tro­den durch ihre Gold­be­schich­tung sen­si­bler in der Umset­zung von Mus­kel­si­gna­len. Auch hier kann eine wei­te­re Fein­jus­tie­rung über ein Poten­tio­me­ter erfol­gen. Die­se Vari­an­te kann bei allen drei Schaft­ver­sio­nen ein­ge­setzt wer­den; gera­de bei Kurz­ver­sio­nen kön­nen die kleins­ten Signa­le gut umge­setzt werden.

FSR-Sen­sor (Touch­pad) (Abb. 9)

Die­ser Sen­sor reagiert auf Druck und kann über­all – ob im Schaft oder zwi­schen Schaft und Trä­ger­scha­le – ein­ge­setzt wer­den. Hier kann die Posi­tio­nie­rung immer wie­der ver­än­dert wer­den. Es ist jedoch nicht mög­lich, die Emp­find­lich­keit der FSR-Sen­so­ren zu ver­än­dern. Auch eine Kom­bi­na­ti­on zwi­schen allen drei Ansteue­run­gen ist möglich.

Ver­sor­gungs­bei­spie­le

Anwen­de­rin 1 (nach Sprit­zen­ab­szess und 90 Ope­ra­tio­nen, Abb. 10)

Die­se Anwen­de­rin war die ers­te, die in Deutsch­land mit die­sem Sys­tem ver­sorgt wur­de. Damals wur­de eine Lang­schaft­ver­si­on mit inte­grier­ten Kom­po­nen­ten gefer­tigt. Die Signa­le wur­den über EMG-Elek­tro­den aus­ge­löst. Die Pati­en­tin war 16 Jah­re lang auf frem­de Hil­fe ange­wie­sen; eine kos­me­ti­sche Pro­the­se hat­te sie stets abge­lehnt mit der Begrün­dung, dass die­se ihr nichts nüt­ze. Die Pro­the­se hat ihren All­tag posi­tiv ver­än­dert, denn heu­te ist sie wie­der in der Lage, ihren Tages­ab­lauf allei­ne zu bewäl­ti­gen. Auch konn­te sie nach 16 Jah­ren wie­der Auto fah­ren. Ihr Fazit: „Die­se Pro­the­se nimmt mir nie­mand mehr weg, denn sie gehört zu mei­nem Leben.”

Anwen­de­rin 2 (Dys­me­lie, Abb. 11; Lang­schaft­ver­si­on mit Disc-Elek­tro­den und inte­grier­ten Komponenten)

Die Pro­the­se dient hier als Unter­stüt­zung im fami­liä­ren und beruf­li­chen Umfeld, da es bei der Pati­en­tin zu mus­ku­lä­ren Ver­än­de­run­gen über die Jah­re kam. Hier wur­de auch eine ein­sei­ti­ge Belas­tung der kon­tralate­ra­len Sei­te fest­ge­stellt. Dies hat­te Aus­wir­kun­gen auf den gesam­ten Tages­ab­lauf – beruf­lich, per­sön­lich und fami­li­är. Fazit: „Ich kann im Büro eine Tür öff­nen und in der ande­ren Hand eine Tas­se hal­ten, das ist für mich ein Fort­schritt und macht mich zufriedener.”

Anwen­der 3 (Dys­me­lie, Abb. 12; Lang­schaft­ver­si­on mit Wristband)

Durch die sehr redu­zier­te Beweg­lich­keit und die der­ma­to­lo­gi­sche Situa­ti­on des Pati­en­ten war es nur mög­lich, FSR-Sen­so­ren im dista­len Bereich zu set­zen. Die Ansteue­rung erfolgt über Fle­xi­on und Exten­si­on des Hand­ge­lenks. Die­ser Anwen­der benö­tigt die Pro­the­se zur Aus­übung sei­nes Beru­fes; durch den täg­li­chen Ein­satz sei­ner geschä­dig­ten Hand kam es teil­wei­se zu Aus­fall­erschei­nun­gen, zudem hat sich mit der Zeit der mus­ku­lä­re Sta­tus nega­tiv ver­än­dert. Die Pro­the­se dient dem Pati­en­ten als Werk­zeug und zur Unter­stüt­zung im Arbeits­be­reich. Auch im täg­li­chen Leben kann er die Pro­the­se ein­set­zen. Fazit: „Die­se Pro­the­se ist eine abso­lu­te Unter­stüt­zung für mich.”

Anwen­der 4 (Dys­me­lie mit Dau­men­seg­ment, Abb. 13; Kurz­schaft­ver­si­on mit Wristband)

Die Ansteue­rung erfolgt über Disc-Elek­tro­den eben­falls im dista­len Bereich. Der Dau­men wur­de auf Wunsch des Anwen­ders nur umman­telt und ist ohne Funk­ti­on. Jedoch wur­de ein funk­tio­nel­les Dau­men­seg­ment ange­baut. Fazit: „Ich kann mein Han­di­cap nicht ver­ber­gen; ich tra­ge die­se Pro­the­se, also zei­ge ich sie.”

Übungs­ein­hei­ten

Die hier vor­ge­stell­ten Übun­gen sind nur ein klei­ner Teil der erfor­der­li­chen The­ra­pie­zie­le. Der Anwen­der soll­te in der Lage sein, Tei­le die­ser Übun­gen schon wäh­rend der ers­ten Pro­be zu absol­vie­ren, denn es geht hier­bei dar­um, Fer­tig­kei­ten des per­sön­li­chen Tages­ab­laufs spä­ter sicher zu beherr­schen. Dazu gehört das Hal­ten und auch Fest­hal­ten unter­schied­li­cher Gegen­stän­de. Siche­res Grei­fen ist wich­tig, denn die Pro­the­se soll die vor­han­de­nen Defi­zi­te so weit wie mög­lich aus­glei­chen. Auch die Kom­bi­na­ti­on ver­schie­de­ner Griff­mus­ter ist rele­vant. Der Prä­zi­si­ons­griff z. B. dient dem Grei­fen klei­ner Gegen­stän­de (Abb. 14). Eben­so kön­nen eini­ge Stan­dard­grif­fe geübt wer­den, etwa der 3‑Fin­ger-Griff oder der soge­nann­te Kof­fer­griff, eben­so der Zylin­der­griff (Abb. 15). Auch das Grei­fen run­der oder koni­scher Gegen­stän­de ist Teil des Übungs­pro­gramms (Abb. 16). Das siche­re Dre­hen z. B. einer Tas­se oder einer Fla­sche muss geübt wer­den (Abb. 17). Auch das Üben in ver­schie­de­nen All­tags­si­tua­tio­nen wie Haus­ar­beit oder Zube­rei­tung von Mahl­zei­ten, eben­so Ein­kau­fen oder anwen­der­spe­zi­fi­sche Arbei­ten wer­den erprobt. Die Bil­der zei­gen einen Teil der Übun­gen und die­nen der Ori­en­tie­rung, um das The­ra­pie­ziel zu erreichen.

Die­se Übun­gen die­nen der siche­ren Hand­ha­bung der Pro­the­se und sind teils durch­aus zeit­auf­wen­dig. Die Übungs­ein­hei­ten wer­den schrift­lich fest­ge­legt und nach einem Zeit­plan abge­fragt, um den Erfolg zu dokumentieren.

Tech­ni­sche Einschätzung

Bei der Fer­ti­gung der Pro­the­se sind die Vor­ga­ben des Her­stel­lers genau zu beach­ten. Das Sys­tem besteht aus vie­len Ein­zel­tei­len wie den Bau­grup­pen für die Fin­ger­seg­men­te als 4‑fach-Adap­ti­on oder Ein­zel-Adap­ti­on. Alle Fin­ger­seg­men­te sind mit Seri­en­num­mern ver­se­hen, eben­so die übri­gen Kom­po­nen­ten. Für jeden Anwen­der wird ein eige­nes Sys­tem mit allen erfor­der­li­chen Kom­po­nen­ten aus einem Modul-Sys­tem-Set gebaut.

Die Her­stel­lung einer Par­ti­al­hand­pro­the­se erfor­dert ein Umden­ken in der Tech­nik und Fer­ti­gung von Pro­the­sen der obe­ren Extre­mi­tät. Tech­ni­ker müs­sen sich hier­bei mit den ver­blie­be­nen Rest­funk­tio­nen der Hand und den Ansprü­chen des Anwen­ders aus­ein­an­der­set­zen. Die Bewe­gungs­ab­läu­fe müs­sen genau betrach­tet wer­den; der Anwen­der muss deut­lich auf die tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten auf­merk­sam gemacht werden.

Die­se Tech­nik ist ein neu­es Feld und for­dert die vol­le Auf­merk­sam­keit der invol­vier­ten Per­so­nen, auch unter dem Aspekt der Fer­ti­gungs- und Pro­be­zei­ten. Meh­re­re Fak­to­ren sind dabei zu berück­sich­ti­gen, sei es die ana­to­mi­sche oder auch die psy­chi­sche Situa­ti­on. Wie hoch ist die Com­pli­an­ce des Anwen­ders? Wie geht der Anwen­der mit sei­nem Han­di­cap um? Wie hoch ist die Erwar­tungs­hal­tung? Als Tech­ni­ker soll­te man so viel wie mög­lich über die Anwen­der wis­sen, um dann ziel­ge­rich­tet die­se Infor­ma­tio­nen in die Ver­sor­gung mit einzubinden.

Ein wei­te­rer wich­ti­ger Fak­tor ist die Trans­pa­renz inner­halb des bio­sim-Pro­gramms, das es ermög­licht, Tra­ge­dau­er und Griff­zy­klen des Sys­tems genau auf­zu­zeich­nen. Dies ist bedeut­sam für even­tu­el­le Nach­fra­gen des Kos­ten­trä­gers hin­sicht­lich der Effi­zi­enz der Pro­the­se. Die­se Doku­men­ta­ti­on des Sys­tems in Kom­bi­na­ti­on mit Auf­zeich­nun­gen über Signal­ein­stel­lun­gen, Griff­kon­stel­la­tio­nen, Anzahl der Bewe­gun­gen und ande­re rele­van­te Daten erge­ben einen guten Über­blick über die Fort­schrit­te einer Ver­sor­gung. Die­ses Daten­pa­ket kann dann dem Kos­ten­trä­ger zur Ver­fü­gung gestellt werden.

Fazit

Die heu­ti­ge Tech­nik der Myo-Pro­the­tik ermög­licht es, einen voll­kom­men neu­en Ansatz in der Ver­sor­gung zu rea­li­sie­ren. Ein gewis­ses Umden­ken ist dabei erfor­der­lich, denn der Tech­ni­ker ist hier­bei als Teil eines Ver­sor­gung­teams zu betrach­ten, der die tech­ni­schen Ein­zel­tei­le unter Berück­sich­ti­gung aller rele­van­ten Fak­to­ren in einer auf den Anwen­der zuge­schnit­te­nen Pro­the­se kombiniert.

Der Her­stel­ler berück­sich­tigt bei der Wei­ter­ent­wick­lung sei­ner Pro­duk­te Vor­schlä­ge sowohl von Anwen­dern als auch von Tech­ni­kern. Dies betrifft Aspek­te wie Design, Ansteue­rung, Pro­zes­sor­ein­hei­ten, Mate­ria­li­en und Antriebs­ein­hei­ten. Alle bis­he­ri­gen Anwen­der des i‑limb-digits-Sys­tems haben ihre Ver­sor­gung als sehr posi­tiv für ihre Lebens­si­tua­ti­on emp­fun­den und an Selbst­si­cher­heit und Selbst­ver­trau­en gewonnen.

Ich wid­me die­sen Arti­kel mei­nem Vater Wal­ter G. Biedermann.

Der Autor:
Veit Bie­der­mann
OTM, Lei­ter Abt. Armprothetik
Sani­täts­haus Lut­ter­mann GmbH
Zur Schmie­de 6
45141 Essen
V.Biedermann@luttermann.de

Begut­ach­te­ter Beitrag/reviewed paper

Zita­ti­on
Bie­der­mann V. Ver­sor­gung mit einer fremd­kraft­ge­steu­er­ten Par­ti­al­hand­pro­the­se. Ortho­pä­die Tech­nik, 2015; 66 (5): 14–19
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