Ver­ein­fach­te Ver­fah­ren der Bewegungsanalyse

S. Lutherdt, S. Wenzel, A. Franz, D. Voges, S. Köhring, H. Witte
Sowohl in der klinischen Diagnostik als auch bei der Untersuchung biomechanischer Fragestellungen in der Medizin, der Sportwissenschaft und weiteren Anwendungsgebieten wie der Medizintechnik werden verschiedene­ Verfahren der Bewegungsanalyse­ genutzt. Dabei sind die etablierten­ Verfahren häufig sowohl teuer als auch aufwendig in der Anwendung. Zu den etablierten Umsetzungen der „direkten“ Verfahren der Bewegungsanalyse von Extremitäten und Körper­stamm (direkte Beobachtung der Bewegungen, z. B. bekannt unter den­ Marken Qualisys® und Vicon®) gibt es für geeignete Fragestellungen mit Microsoft® Kinect® eine preiswerte Alternative. Steht dagegen die Analyse der Bewegungen des Körperschwerpunktes im Vordergrund, ist die „indirekte Bewegungsanalyse“ (Rückschluss auf die Bewegungen aus den sie verursachenden Kräften mittels Kraftmessplatten, z. B. Kistler®­ oder AMTI®) einerseits genauer, andererseits aber auch weniger zeit- und kostenaufwendig als „direkte“ Verfahren. Beide­ Ansätze werden anhand eines Beispiels veranschaulicht und diskutiert.

Ein­lei­tung

Bewe­gungs­ana­ly­sen mit­tels des Ver­fol­gens („Tracking“) von Ober­flä­chen­mar­kern lie­fern sehr fle­xi­bel an die jeweilige­ Fra­ge­stel­lung anpass­ba­re Erfas­sungs­mög­lich­kei­ten für ausgewählte­ Lage- bzw. Orts­da­ten bestimm­ter „ana­to­mi­c­al land­marks“, aus denen sich mit geeig­ne­ten Mar­ker-Set­ups auch Ori­en­tie­run­gen von Kör­per­seg­men­ten und somit die Kör­per­hal­tung („pose“, Lage und Ori­en­tie­rung) berech­nen las­sen. Die­ser Fle­xi­bi­li­tät ste­hen hohe Kos­ten gegen­über – sowohl für die Infra­struk­tur (wobei die wach­sen­den Raum­kos­ten durch die sin­ken­den Kos­ten für die Tech­nik nicht kom­pen­siert wer­den) als auch die lang­fris­tig bedeut­sa­me­ren Arbeits­kos­ten. Letz­te­re wer­den domi­niert durch die „Rüst­zei­ten“, gege­be­nen­falls das Auf­bau­en der Mess­tech­nik, aber auch das Appli­zie­ren der Reflexmarker­ in Labo­ren mit fest instal­lier­ten ­Kame­ras. Bei stan­dar­di­sier­ten Abläu­fen erfol­gen Mes­sen und Aus­wer­ten häu­fig schnell. Zu den Ein­satz­mög­lich­kei­ten und Gren­zen der eta­blier­ten bewe­gungs­ana­ly­ti­schen Ver­fah­ren vgl. Wit­te und Gün­ther 1.

Bei ein­ge­schränk­ten Genau­ig­keits­for­de­run­gen kann die Nut­zung von Micro­soft® Kinect® für aus­ge­wähl­te Fra­ge­stel­lun­gen Zeit und Kos­ten spa­ren. Bei einer Fokus­sie­rung auf die Bewe­gung des Kör­per­schwer­punk­tes kann die Nut­zung von Kraft­mess­plat­ten genaue­re Daten bei gerin­ge­rem Zeit­auf­wand liefern.

Ein­satz von Micro­soft® Kinect® in der direk­ten Bewegungsanalyse

Bei der über­wie­gend ange­wen­de­ten direk­ten Bewe­gungs­ana­ly­se erfolgt eine­ Beob­ach­tung und Beur­tei­lung der Raum-Zeit-Ver­läu­fe der ablau­fen­den Bewe­gung. Dazu wer­den oft kos­ten­in­ten­si­ve und in der Vor­be­rei­tung zeit­auf­wen­di­ge drei­di­men­sio­na­le Bewe­gungs­ana­ly­se­sys­te­me wie Vicon® oder Qua­li­sys® ver­wen­det. Über am Kör­per der unter­such­ten Per­son ange­brach­te Mar­ker und ein um den Bewe­gungs­raum he­rum posi­tio­nier­tes Mehrkamera­system erfol­gen dabei Auf­zeich­nung und Bewer­tung der Bewe­gung. Eine ande­re Mög­lich­keit bie­tet das preis­wer­te, aber auch deut­lich feh­ler­be­haf­te­te­re Kinect®-System von Micro­soft® 2, das ursprüng­lich zur Steue­rung der Spie­le­kon­so­le Xbox® ent­wi­ckelt wur­de. Mit Hil­fe des von Micro­soft® zur Ver­fü­gung gestell­ten Soft­ware Deve­lo­p­ment Kits (SDK) wird Ent­wick­lern und ­Wis­sen­schaft­lern der Zugriff auf die Daten­ka­nä­le von Kinect ermög­licht. Dies wie­der­um gestat­tet viel­sei­ti­ge Anwen­dungs­än­de­run­gen des Sys­tems. Ein sol­cher Anwen­dungs­fall wird im Fol­gen­den als ein­fach aus der Ergo­no­mie in die Ortho­pä­die zu über­tra­gen­des Bei­spiel vor­ge­stellt. Dabei geht es um den Ein­satz von Kinect® zur Online-Abschät­zung des Gefährdungspotenzials­ einer manu­el­len Tätig­keit nach der „Leit­merk­mal­me­tho­de Heben, Hal­ten, Tra­gen“ 3.

Zur Gefähr­dungs­ana­ly­se von Arbeits­plät­zen nach §§ 5 und 6 des Arbeits­schutz­ge­set­zes sowie nach § 2 der Las­ten­hand­ha­bungs­ver­ord­nung emp­fiehlt die Bun­des­an­stalt für Arbeits­schutz und Arbeits­me­di­zin (BAuA) ver­schie­de­ne Leit­merk­mal­me­tho­den (LMM). Die­se LMM erlau­ben eine Vor­her­sa­ge der mög­li­chen Gefähr­dung für die Gesund­heit von Beschäf­tig­ten. Auf­bau­end auf dem Kon­zept von Suza­ly und Kol­le­gen 4 wur­de ein Gesamt­kon­zept für die Ver­wen­dung von Micro­soft® Kinect® Ver­si­on 2 (im Fol­gen­den nur noch Kinect® genannt) zur Kör­per­hal­tungs­ana­ly­se nach der LMM ent­wi­ckelt 5. Basie­rend auf den von der Tie­fen­ka­me­ra gene­rier­ten soge­nann­ten „stick figu­res“ („Stab­männ­chen“, wird von der Soft­ware erzeugt und ver­deut­licht unge­fähr das Ske­lett, des­sen „joints“ die Gelen­ke reprä­sen­tie­ren) und deren zuge­hö­ri­gen „joint“-Daten (Abb. 1) wer­den ver­schie­de­ne Abstän­de und Win­kel bestimmt, deren Ver­läu­fe mit Schnapp­schüs­sen der jeweils zuge­hö­ri­gen Bewe­gun­gen exem­pla­risch in Abbil­dung 2 zu sehen sind.

Kinect® ist in der Lage, mit einer Bild­ra­te von 30 fps („frames per second“) Real­bil­der und Tie­fen­da­ten („joint“-Daten) zu lie­fern. Dies wie­der­um ermög­licht eine Betrach­tung der Bewe­gung in 30 qua­si­sta­ti­schen Körper­haltungen pro Sekun­de. Die­se Kör­per­hal­tun­gen kön­nen mit­tels defi­nier­ter Para­me­ter ent­spre­chend der LMM  6 ana­ly­siert wer­den. Für jeden der Beur­tei­lungs­pa­ra­me­ter der Haltungs­gewichtung aus der LMM (Last­ab­stand, Ober­kör­per­nei­gung und ‑ver­dre­hung, knien­de, hocken­de oder ste­hen­de Bewe­gungs­aus­füh­rung) wer­den geeignete­ Ver­läu­fe der Bewe­gun­gen her­an­ge­zo­gen und berech­net. Über die Para­me­ter „Schul­ter­win­kel“ und „Last­ab­stand zum Ober­kör­per“ wird die Last­po­si­ti­on bewer­tet. Der Hüft­win­kel wird für die Beur­tei­lung der Oberkörperneigung­ her­an­ge­zo­gen. Der Knie­win­kel gibt an, ob eine knien­de oder hocken­de ­Posi­ti­on ein­ge­nom­men wur­de. Die Ver­dre­hung des Ober­kör­pers wird über den Dreh­win­kel zwi­schen obe­rem und unte­rem Tor­so­drei­eck beschrie­ben. Anhand die­ser Para­me­ter und eines schwell­wert­ba­sier­ten Ent­schei­dungs­baums erfolgt die Klas­si­fi­ka­ti­on der qua­si­sta­ti­schen Kör­per­hal­tun­gen ent­spre­chend den Kate­go­rien für die Kör­per­hal­tungs­be­wer­tung nach LMM 7. Dabei tre­ten aller­dings Feh­ler­ken­nun­gen durch Ver­de­ckun­gen oder ande­re Feh­ler auf, wel­che die Daten­aus­wer­tung erschwe­ren bzw. zu fal­schen Ergeb­nis­sen füh­ren (kön­nen).

Abschlie­ßend wird auf wei­te­re Ansät­ze für Ein­satz­mög­lich­kei­ten von ­Kinect® zur Bewe­gungs­ana­ly­se eingegangen.

Ermitt­lung anthropo­metrischer Daten

Die Anthro­po­me­trie spielt eine wich­ti­ge Rol­le im Indus­trie­de­sign, in der Ergo­no­mie und in der Klei­dungs­in­dus­trie. ­Aller­dings ist die Ermitt­lung anthro­po­me­tri­scher Daten durch manu­el­le Ver­mes­sung sehr zeit­in­ten­siv. Ver­fah­ren der digi­ta­len Anthro­po­me­trie kön­nen dabei ein­zel­ne Pro­zes­se ver­ein­fa­chen. Es gab bereits ers­te Ansät­ze, anthropo­metrische Daten mit­tels Micro­soft® Ki­nect® Ver­si­on 1 zu erhe­ben, z. B. durch Aslam et al. 8 sowie durch Chiu et al. 9. Mit dem Wech­sel des tech­ni­schen Prin­zips von der Struc­tu­red-light- (Kinect® Ver­si­on 1) zur Time-of-flight-Tech­no­lo­gie (Kinect® Ver­si­on 2) und der dar­aus fol­gen­den Erhö­hung der „joint“-Anzahl sowie der „joint“-Positionsgenauigkeit 10 ist eine deut­li­che Ver­bes­se­rung der Daten­qua­li­tät zu erwar­ten. Wen­zel und Kol­le­gen 11 konn­ten bereits linea­re Trends zwi­schen manu­el­len und digi­ta­len Mes­sun­gen auf Basis der Kinect®-Daten auf­zei­gen. Kön­nen die anthro­po­me­tri­schen Wer­te aus­ge­hend von den „joint“-Daten von Kinect® bestimmt wer­den, ermög­licht dies, die Feh­ler­ken­nun­gen von Kinect® zu ver­rin­gern und somit die Algo­rith­men für die Kör­per­hal­tungs­ana­ly­se zu ver­bes­sern. Dadurch wäre der Weg zum Ein­satz eines sol­chen Kinect®-Systems für die digi­ta­le Anthro­po­me­trie geebnet.

Ges­ten­steue­rung in der Mensch-Technik-Interaktion

Die direk­te Bewe­gungs­ana­ly­se mit ­Kinect® ermög­licht neben der rei­nen Bewe­gungs­ana­ly­se auch den Ein­satz als Sen­sor für alter­na­ti­ve Inter­ak­ti­ons­for­men. Durch die Beschrei­bung von Ges­ten wie Zei­gen 12 und deren Erken­nung, basie­rend auf den „joint“-Daten von Micro­soft® Kinect®, ist bereits ohne zusätz­li­che Inter­pre­ta­ti­on von Kon­text­in­for­ma­tio­nen eine Erken­nungs­ra­te über 80  % rea­li­sier­bar (gleich­be­deu­tend mit der Nutz­bar­keit als Input für Gestensteuerungen).

Ana­ly­se der Schwer­punkt­bahn mit­tels Bodenreaktionskraftmessungen

Für Men­schen ist die Fort­be­we­gung als Ver­än­de­rung der Kör­per­po­se (Lage und Ori­en­tie­rung im Raum) der Vor­gang mit dem größ­ten phy­si­ka­li­schen Leis­tungs­be­darf. Dafür muss der Stoff­wech­sel einen deut­lich über den Grund­um­satz hin­aus­ge­hen­den Betrag an Ener­gie bereit­stel­len, der vom Bewe­gungs­ap­pa­rat in mecha­ni­sche Arbeit umge­setzt wer­den kann. Auch wenn Rota­tio­nen der Extre­mi­tä­ten­seg­men­te und Bie­gun­gen wie Tor­sio­nen des Rump­fes in gro­ßem Umfang für die Fort­be­we­gung genutzt wer­den, ist die Trans­la­ti­ons­be­we­gung des Kör­per­schwer­punk­tes ein für die Bewe­gun­gen des gesam­ten Kör­pers ­reprä­sen­ta­ti­ves Maß. In der Ortho­pä­die eig­net sich damit die Ana­ly­se der Bewe­gung des Kör­per­schwer­punk­tes für die Tria­ge wie zur Ver­laufs­kon­trol­le,­ denn Ver­än­de­run­gen von Teil­kör­per­be­we­gun­gen gegen­über dem Nor­ma­len wer­den in Ver­än­de­run­gen der Bewe­gun­gen des Kör­per­schwer­punk­tes abgebildet.

Auf­grund des drit­ten Newton’schen Axi­oms ist die Beschleu­ni­gung des Kör­per­schwer­punk­tes bei kon­stan­ter Kör­per­mas­se (in der Bio­me­cha­nik der Aus­dau­er­sport­ar­ten ist die Ein­hal­tung die­ser Rand­be­din­gung nicht selbst­ver­ständ­lich) pro­por­tio­nal zur Sum­me aller auf den Kör­per­schwer­punkt wir­ken­den Kräf­te, die im Kör­per­in­ne­ren ent­ste­hen (Gra­vi­ta­ti­ons­wir­kung, Träg­heits­kräf­te) oder von außen in ihn ein­ge­tra­gen wer­den, z. B. über Hän­de und Füße. Bei mensch­li­cher Fort­be­we­gung haben zumeist nur die Füße Kon­takt mit der Umwelt. Deren „Boden­re­ak­ti­ons­kräf­te“ kön­nen mit kom­mer­zi­ell erhält­li­chen „Kraft­mess­plat­ten“ ­gemes­sen wer­den, wel­che die Beschleu­ni­gun­gen des Kör­per­schwer­punk­tes mit hoher Genau­ig­keit  abbil­den („indi­rek­te Bewe­gungs­ana­ly­se“); wegen der feh­len­den Über­tra­gungs­feh­ler durch Weich­teil­ef­fek­te ist dies genau­er als mit „direk­ten Ver­fah­ren“ mög­lich. Dabei ist es phy­si­ka­lisch irrele­vant, ob der Zusam­men­halt der beob­ach­te­ten Mas­se starr oder nach­gie­big gestal­tet ist. Die Berech­nung der Weg­grö­ßen aus den indi­rekt (als Kraft pro Mas­se) gemes­se­nen Beschleu­ni­gun­gen erfolgt über eine zwei­fa­che nume­ri­sche Integration­ mit der Not­wen­dig­keit zur Bestim­mung zwei­er Integrationskon­stanten (initia­ler Lage- und Geschwin­dig­keits­vek­tor). Deren Bestim­mung ist real nur feh­ler­be­haf­tet mög­lich; zusam­men mit den Feh­lern der nume­ri­schen Verfahren­ erge­ben sich Mess­unsicherheiten für die Bewe­gung des Gesamt­kör­per­schwer­punk­tes wie bei direk­ten Ver­fah­ren. Die­se Feh­ler las­sen sich aber bei Betrach­tung räum­lich und zeit­lich zykli­scher Bewe­gun­gen stark redu­zie­ren. Das Ide­al­bei­spiel hier­für ist das Auf­ste­hen und Wie­der­hin­set­zen; weil es für die kli­ni­sche Pra­xis (noch) rele­van­ter ist, wird im Fol­gen­den das Gehen auf dem Lauf­band betrach­tet. Vor­teil­haft ist aber in jedem Fall der im Ver­gleich zur klas­si­schen „direk­ten“ Bewe­gungs­ana­ly­se deut­lich gerin­ge­re und somit kos­ten­spa­ren­de Platz­be­darf für die Mes­sun­gen, da kei­ne gro­ßen seit­li­chen Abstän­de zur sagit­ta­len Beobachtung­sebene erfor­der­lich sind.

In der Bewe­gungs­for­schung ist die indi­rek­te Metho­de eta­bliert und metho­di­sche Grund­la­ge einer Viel­zahl wis­sen­schaft­li­cher Stu­di­en, als Bei­spiel sei nur die Grund­la­gen­ar­beit von Win­ter 13 genannt.

Anwen­dungs­bei­spiel

Die­ses Bei­spiel ist aus Wit­te et al. 14ent­nom­men, dort fin­det sich eine detail­lier­te­re Dar­stel­lung. Die mit den kom­mer­zi­ell für die Bewegungsanalyse­ ange­bo­te­nen Kraft­mess­plat­ten gelieferte­ Soft­ware bie­tet durch­weg die Berech­nung der Körperschwerpunktbahn­ aus­ den Kraft­mess­da­ten an. Die Aus­ga­be der Weg-Zeit-Daten eig­net sich nach eige­nen Tests aber nicht zur in der medi­zi­ni­schen Pra­xis eta­blier­ten Blick­dia­gnos­tik in der Rou­ti­ne – sie wird allen­falls als Kur­ven­dis­kus­si­on von Exper­ten in der For­schung ange­wen­det. Ange­sichts der kli­ni­schen Eta­blierung der Raum-Raum-Dar­stel­lung „area of sway“ in der Pos­tur­o­gra­phie (Stand­diagnostik) (15; vgl. auch 161718; zur Auf­be­rei­tung kon­den­sier­ter Daten für die Dia­gnos­tik vgl. 19; hin­sicht­lich der Feh­ler­mög­lich­kei­ten vgl. aber auch20) mit der Mög­lich­keit sowohl direk­ter Blick­dia­gnos­tik als auch der Ablei­tung ein­fa­cher quan­ti­ta­ti­ver Para­me­ter möch­ten die Autoren die Umset­zung die­ses Kon­zep­tes auch für die kli­ni­sche Bewe­gungs­dia­gno­se anre­gen. Dies wird im Fol­gen­den am Bei­spiel der Gang­ana­ly­se ver­deut­licht (vgl. auch den Bei­trag der Ver­fas­ser über das Gehen als ein­fach zu hand­ha­ben­de Reiz-Reak­ti­ons-Metho­de der Sys­tem­pro­vo­ka­ti­on des mensch­li­chen Bewe­gungs­ap­pa­ra­tes in 21).

In dem Bei­spiel wur­de ein „Kist­ler-Koor­di­na­ten­sys­tem“ zur Mes­sung und Berech­nung ver­wen­det: + x zeigt immer in Bewe­gungs­rich­tung, + z nach oben, und + y ergibt sich quer zur Bewe­gungs­rich­tung zwangs­läu­fig und ein­deu­tig aus der For­de­rung nach einem rechts­hän­di­gen Koor­di­na­ten­sys­tem als­ „nach links“ zei­gend. Der Koor­di­na­ten­ur­sprung wird durch die Lage des Schwer­punk­tes zu einem im Wei­te­ren defi­nier­ten Ereig­nis fest­ge­legt. Durch strik­te Vor­ga­be der Geh­rich­tung über die Mit­tel­ach­se der Rei­he der Kraft­mess­plat­ten erüb­rigt sich in der Pra­xis die Kom­pen­sa­ti­on von Rota­ti­ons­feh­lern („Links-“ oder „Rechts­kur­ve“). Bei Auf­tre­ten von Kur­ven­be­we­gun­gen durch z. B. neu­ro­lo­gi­sche Patho­lo­gien müs­sen die Rota­ti­ons­ein­flüs­se aber berück­sich­tigt wer­den 22.

Die Bodenreaktionskraftsignale­ des ­­lin­ken und rech­ten Fußes wer­den addiert und zu Zyklen zusam­men­ge­fasst (min­des­tens ein „Dop­pel­schritt“; Abb. 3). Die Kon­stan­te des ers­ten Inte­gra­ti­ons­schrit­tes, die Anfangs­ge­schwin­dig­keit, kann mit­tels einer Viel­zahl von Ver­fah­ren, z. B. einer Licht­schran­ken­mes­sung, ermit­telt wer­den. Die zwei­te Inte­gra­ti­ons­kon­stan­te (der Weg zu Beginn der Inte­gra­ti­on) kann ins­be­son­de­re bei Defi­ni­ti­on des Dop­pel­schrit­tes durch das glei­che Ereig­nis bei allen Mes­sun­gen (z. B. „heel-on“ oder „toe-off“ des lin­ken oder rech­ten Fußes) zu „null“ gesetzt wer­den, da für den ange­streb­ten Mus­ter­ver­gleich die Abso­lut­wer­te nicht erfor­der­lich sind und Flä­chen­be­rech­nun­gen unter den Kur­ven unver­fälscht blei­ben. Anders aus­ge­drückt wird der Koor­di­na­ten­ur­sprung durch die­ses Ereig­nis für jeden Dop­pel­schritt defi­niert. Für das Bei­spiel wur­de das loka­le Mini­mum der Boden­re­ak­ti­ons­kraft des füh­ren­den lin­ken Fußes („lea­ding limb“) als Reprä­sen­ta­ti­on des Start­zeit­punk­tes eines Zyklus gewählt.

Zum Gewin­nen „qua­si­sta­tio­nä­rer“ Mus­ter wur­de im Bei­spiel für das Gehen der Geschwin­dig­keits-Zeit-Ver­lauf in Fort­be­we­gungs­rich­tung eben­falls auf „null“ nor­miert, die mitt­le­re Geschwin­dig­keit in x vom Signal sub­tra­hiert und somit nur die Geschwin­dig­keits­schwan­kung um die mitt­le­re Geschwin­dig­keit wei­ter ver­rech­net bzw.­ dar­ge­stellt.

Abbil­dung 4 zeigt bei­spiel­haft für eine gesun­de männ­li­che Ver­suchs­per­son die Zeit­ver­läu­fe der Koor­di­na­ten der Kör­per­schwer­punkt­be­we­gung wäh­rend eines Dop­pel­schrit­tes. Zur Demons­tra­ti­on der Effek­te von Stö­run­gen des Gang­bil­des in den Dia­gram­men sind im Ver­gleich mit der unge­stör­ten Bewe­gung (schwar­ze Kur­ven) die fol­gen­den Aspek­te dargestellt:

  • Beu­ge­hem­mung des lin­ken Knie­ge­len­kes mit auf der Streck­sei­te kreuz­wei­se ange­leg­tem Tape (rote Kurven)
  • asym­me­tri­sche Stö­rung der Rumpf- und Wir­bel­säu­len­be­we­gung mit einem dor­sa­len Tape vom lin­ken ­Becken­kamm zur rech­ten Thorax­apertur (blaue Kurven)
  • Tra­gen einer Last (12 kg) in Vor­hal­te (lila Kurven)

Abbil­dung 5 zeigt die Pro­jek­tio­nen der Raum-Raum-Kur­ven auf die drei Haupt­ebe­nen und somit cum gra­no ­salis auf die ana­to­mi­schen Haupt­ebe­nen des Kör­pers der Versuchsperson.

Eine dif­fe­ren­zier­te Dis­kus­si­on der sich dar­bie­ten­den Bil­der ist ange­sichts feh­len­der Norm­da­ten obso­let. Jedoch wird jeder Leser ange­sichts der Form­ver­än­de­run­gen und Lageverschiebungen­ der Kur­ven sofort Hypo­the­sen ent­wi­ckeln – das konn­ten die Autoren bei allei­ni­ger Betrach­tung der stan­dard­mä­ßig zur Ver­fü­gung ste­hen­den Weg-Zeit-Dar­stel­lun­gen der Schwer­punkt­bahn nur sel­ten erle­ben. Offen­sicht­lich ist auch, dass auch bei einer nach kli­ni­scher Unter­su­chung bewe­gungs­ge­sun­den Ver­suchs­per­son die Kur­ven kei­nes­wegs ach­sen­sym­me­trisch sind – Geschlechts­spe­zi­fi­ka und Ein­flüs­se der Hän­dig­keit sind Gegen­stän­de aktu­el­ler Untersuchungen.

Schluss­fol­ge­rung

Neben der immer gebo­te­nen Neu­ent­wick­lung von Mess­me­tho­den soll­te unter Effi­zi­enz­aspek­ten die nut­zer­ge­rech­te Auf­be­rei­tung der Daten bereits eta­blier­ter Metho­den vor­an­ge­trie­ben werden.

Für die Autoren:
Dr.-Ing. Ste­fan Lutherdt
TU Ilmen­au, Fakul­tät für Maschinenbau
Fach­ge­biet Biomechatronik
Max-Planck-Ring 12, 98693 Ilmenau
stefan.lutherdt@tu-ilmenau.de

Begut­ach­te­ter Beitrag/reviewed paper

Zita­ti­on
Lutherdt S, Wen­zel S, Franz A, Voges D, Köh­ring S, Wit­te H. Ver­ein­fach­te Ver­fah­ren der Bewe­gungs­ana­ly­se. Ortho­pä­die Tech­nik. 2018; 69 (12): .

 

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