Sub­jek­ti­ve Schutz­funk­ti­on einer Knie­orthe­se in kri­ti­schen Alltagssituationen

A. Erhardt
Bei dem vorliegenden Artikel werden Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage mit 3.000 Patienten zum Thema "Subjektive Schutzfunktion einer Knieorthese in kritischen Alltagssituationen" vorgestellt. Ziel der Erhebung war die Untersuchung des Nutzens einer Orthese in kritischen Alltagssituationen bei Patienten mit Knieverletzungen. Der Erhebungsbogen beinhaltete Fragen zur Indikation, zur Therapie, zur Häufigkeit kritischer Ereignisse während der Rehabilitation und zum Nutzen und Tragekomfort der Orthese. An der Befragung nahmen 2.956 Patienten mit Knieverletzungen teil, von denen 76 % operativ und 24 % konservativ behandelt wurden. Bis zu 94 % der Teilnehmer bestätigten, dass die Orthese Sicherheit gegeben und vor kritischen, das OP-Ergebnis gefährdenden Bewegungen geschützt habe. 63 % der Befragten berichteten, dass tatsächlich ein kritisches Ereignis in der Rehabilitationsphase eingetreten sei und dass die Orthese sie in dieser Situation unterstützt habe. 94 % der Anwender würden die Orthese weiterempfehlen. Die repräsentative Umfrage bestätigte somit die Schutzfunktion einer Knieorthese in kritischen Alltagssituationen.

Ein­lei­tung

Der Ein­satz von Knie­orthe­sen wird in der Fach­welt kon­tro­vers dis­ku­tiert. Auch die Stu­di­en­la­ge zeigt ein hete­ro­ge­nes Bild, vor allem, was die Anwen­dung einer funk­tio­nel­len Orthese­ nach Rekon­struk­ti­on des vor­de­ren Kreuz­ban­des betrifft 1 2. In den meis­ten Studien­ zum post­ope­ra­ti­ven Ein­satz von Orthe­sen wer­den vor­zugs­wei­se kli­ni­sche End­punk­te wie Sta­bi­li­tät des Knie­ge­lenks, Funk­ti­on (ROM), Schmerz oder Mus­kel­ak­ti­vi­tät her­an­ge­zo­gen. Zudem liegt der gewähl­te Zeit­punkt der Stu­di­en­end­punk­te häu­fig in der spä­ten Rehabilitationsphase­ 3 4. Die Evi­denz für den Ein­satz und Nut­zen einer Orthe­se in der frü­hen Rehabilitationsphase­ ist dage­gen gering, unter ande­rem, weil die­ser Aspekt in Stu­di­en sel­ten beleuch­tet wird. Vor allem in den ers­ten Wochen bis zu zwölf Mona­ten nach der Ope­ra­ti­on kön­nen kri­ti­sche Ereig­nis­se auf­tre­ten mit der Folge­ von Re-Rup­tu­ren oder kon­tralate­ra­len Ver­let­zun­gen [3]5. Diese­ Aspek­te ein­schließ­lich der sub­jek­ti­ven Schutz­funk­ti­on einer Knie­orthe­se wur­den in bis­he­ri­gen kli­ni­schen Stu­di­en nicht aus­rei­chend berück­sich­tigt und kön­nen mit der allei­ni­gen Unter­su­chung objek­ti­ver kli­ni­scher Para­me­ter nicht ein­deu­tig nach­ge­wie­sen wer­den6. Des­halb soll­ten bei der Bewer­tung des post­ope­ra­ti­ven Nut­zens einer Knie­orthe­se immer zwei Aspek­te getrennt von­ein­an­der betrach­tet werden:

Anzei­ge
  1. Für ein opti­ma­les OP-Ergeb­nis sind u. a. die Aspek­te Trans­plan­tat­wahl (Semitendinosus‑, Patel­lar- oder Qua­dri­zeps­seh­ne), Ver­wen­dung eines adäqua­ten Seh­nen­durch­mes­sers, Posi­tio­nie­rung der Bohr­ka­nä­le und Fixa­ti­ons­tech­ni­ken ent­schei­dend7. Eine Orthe­se hat auf die­ses kli­ni­sche Ergeb­nis kei­nen Einfluss.
  2. Bei der Orthe­se ist viel­mehr der Schutz gegen­über kri­ti­schen All­tags­be­we­gun­gen ent­schei­dend, die das OP-Ergeb­nis im Nach­gang gefähr­den kön­nen. Somit kommt der Orthe­se in der frü­hen Reha-Pha­se viel­mehr die Funk­ti­on zu, das OP-Ergeb­nis zu schüt­zen, und weni­ger, es zu ver­bes­sern. Wei­ter­hin wird eine Knie­orthe­se bei einer kom­bi­nier­ten Ver­let­zung des vor­de­ren Kreuz­ban­des und des media­len Sei­ten­ban­des emp­foh­len, wobei zur The­ra­pie der VKB-Ver­let­zung eine ope­ra­ti­ve Maß­nah­me und bei der Sei­ten­band-Ver­let­zung eine kon­ser­va­ti­ve Behand­lung unter Ein­be­zie­hung einer Orthe­se bevor­zugt wird. Die Orthe­se schützt somit nicht nur das OP-Ergeb­nis, son­dern unter­stützt zusätz­lich die Aus­hei­lung der Sei­ten­band­ver­let­zung 8 9.

Neben der Schutz­funk­ti­on kann die Orthe­se auch eine psy­cho­lo­gi­sche Bedeu­tung haben; die psy­cho­lo­gi­sche Kom­po­nen­te der Ver­sor­gung wird jedoch in Stu­di­en sel­ten unter­sucht10 11. Eine Stu­die konn­te einen posi­ti­ven Ein­fluss der Knie­orthe­se in der frü­hen post­ope­ra­ti­ven Pha­se nach VKB-Rekon­struk­ti­on nach­wei­sen: Ein Grund war unter ande­rem der psy­cho­lo­gi­sche Effekt, der zu einem gestei­ger­ten Ver­trau­en des Pati­en­ten in sei­ne kör­per­li­che Belast­bar­keit und dar­aus resul­tie­rend zur Stei­ge­rung der kör­per­li­chen Akti­vi­tät und zur Ver­bes­se­rung sei­ner Beweg­lich­keit führ­te 12. Auch bei kon­ser­va­tiv behan­del­ten Pati­en­ten mit Rup­tur des vor­de­ren Kreuz­ban­des zeig­te eine Stu­die, dass Pati­en­ten mit Orthe­se ein signi­fi­kant höhe­res Sta­bi­li­täts­ge­fühl und posi­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf die Reha­bi­li­ta­ti­on emp­fun­den haben als Pati­en­ten in der Kon­troll­grup­pe ohne Orthe­se 13.

Vor allem beim „Return to Sports” spielt die Angst vor einer erneu­ten Ver­let­zung eine gro­ße Rol­le: Nur ca. 50 % der Sport­ler mit Rup­tur des vor­de­ren Kreuz­ban­des erlang­ten trotz phy­si­scher Reha­bi­li­ta­ti­on das Aus­gangs­ni­veau ihrer sport­li­chen Akti­vi­tät. Bei den Pati­en­ten, die nicht zu ihrem sport­li­chen Leis­tungs­le­vel zurück­kehr­ten, zeig­te sich im vali­dier­ten „Tam­pa Sca­le of Kine­sio­pho­bia“ (TSK), dass die­se Pati­en­ten­sub­po­pu­la­ti­on mehr Angst vor einer erneu­ten Ver­let­zung hat­te 14. Eine aktu­el­le Stu­die bestä­tigt die­ses Ergeb­nis: Ein gerin­ge­res Angst­ge­fühl – gemes­sen anhand nied­ri­ger Kinesiophobie*-Werte vier Wochen nach VKB-Rekon­struk­ti­on – kor­re­lier­te mit einer bes­ser vor­an­ge­schrit­te­nen Reha­bi­li­ta­ti­on nach 12 Wochen 15.

Des­halb soll­te die Angst vor einer erneu­ten Ver­let­zung wäh­rend der Reha-Pha­se sowohl im Real-Life-Set­ting als auch in kli­ni­schen Stu­di­en mehr Berück­sich­ti­gung fin­den 16. Im Zusam­men­hang mit dem Aspekt „Return to Sports“ wur­de hier­für bereits 2008 der vali­dier­te Score „ACL-Return to Sport after Inju­ry“ (ACL-RSI) mit 12 Items ent­wi­ckelt 17.

Die aktu­ell ver­füg­ba­ren vali­dier­ten Scores zie­len auf Angst vor Bewe­gung und kör­per­li­cher Akti­vi­tät ab – vor allem im Zusam­men­hang mit Sport. Die Angst vor einer erneu­ten Ver­let­zung auf­grund kri­ti­scher Situa­tio­nen kann jedoch nicht nur für Sport­ler einen nega­ti­ven Ein­fluss auf den Reha-Pro­zess haben, son­dern für jeden Pati­en­ten – unab­hän­gig von pati­en­ten­in­di­vi­du­el­len Fak­to­ren wie Alter, Geschlecht, sport­li­cher Akti­vi­tät oder Body-Mass-Index. Des­halb wur­de die vor­lie­gen­de Erhe­bung im Real-Life-Set­ting durch­ge­führt, um Ver­sor­gungs­rea­li­tät und Pati­en­ten­kli­en­tel im Zusam­men­hang mit Knie­ver­let­zun­gen best­mög­lich wider­zu­spie­geln. Ziel der Pati­en­ten­be­fra­gung war es, vom Pati­en­ten sub­jek­tiv wahr­ge­nom­me­ne kri­ti­sche All­tags­si­tua­tio­nen zunächst zu iden­ti­fi­zie­ren, zu doku­men­tie­ren und schließ­lich die Schutz­funk­ti­on einer Orthe­se bei Pati­en­ten mit Knie­ver­let­zun­gen zu untersuchen.

Mate­ri­al und Methoden

Die frei­wil­li­ge Befra­gung erfolg­te im Rah­men des „Medi-Sorg­los­pa­ke­tes“ (Rück­ho­lung der Knie­orthe­se nach erfolg­rei­cher Behand­lung). Der spe­zi­fisch für die­se Erhe­bung gene­rier­te Fra­ge­bo­gen wur­de den Hart­rah­men­orthe­sen „M.4s com­fort“ (Abb. 1) und „M.4 X‑lock“ bei­gelegt und beinhal­te­te Fra­gen zur Indi­ka­ti­on, zur Ätio­lo­gie der Ver­let­zung, zur The­ra­pie, zur Häu­fig­keit kri­ti­scher Ereig­nis­se wäh­rend der Reha­bi­li­ta­ti­on und zum Nut­zen sowie zum Tra­ge­kom­fort der Orthe­se. Es waren teil­wei­se Mehr­fach­ant­wor­ten mög­lich. Die Pati­en­ten wur­den über die Teil­nah­me auf­ge­klärt und konn­ten online oder pos­ta­lisch ant­wor­ten. Der Zeit­raum der Befra­gung erstreck­te sich von März bis Sep­tem­ber 2018. Die Aus­wer­tung erfolg­te anony­mi­siert mit­tels LamaPoll.

Ergeb­nis­se

Pati­en­ten

An der frei­wil­li­gen Befra­gung nah­men ins­ge­samt 2.956 Pati­en­ten mit Ver­let­zun­gen im Bereich des Knie­ge­lenks teil. Indi­ka­tio­nen für die ärzt­li­che Ver­ord­nung einer Knie­orthe­se waren fol­gen­de (Mehr­fach­aus­wahl bei kom­bi­nier­ten Ver­let­zun­gen mög­lich): Ver­let­zung am vor­de­ren Kreuz­band 47 %, Ver­let­zung am Menis­kus 32 %, Ver­let­zung an den Sei­ten­bän­dern 18 %, Ver­let­zung an der Patel­lar-/Qua­dri­zeps­seh­ne 12 %, Ver­let­zung am Knor­pel 11 %, Knie-­In­sta­bi­li­tät 15 %, Ver­let­zung am hin­te­ren Kreuz­band 5 %, Sons­ti­ges 10 %. Zu den Ver­let­zungs­ur­sa­chen zähl­ten Win­ter­sport (23 %), Fuß­ball (17 %), ande­re Sport­ar­ten (19 %), Haus­halts­un­fäl­le (11 %), Arbeits­un­fäl­le (8 %), Ver­kehrs­un­fäl­le (3 %) und Sons­ti­ges (19 %). Nach der Dia­gno­se gaben 76 % der Pati­en­ten an, eine ope­ra­ti­ve The­ra­pie­maß­nah­me erhal­ten zu haben, 24 % der Pati­en­ten wur­den kon­ser­va­tiv behan­delt. Neben der Ver­ord­nung einer Orthe­se zum post­ope­ra­ti­ven oder kon­ser­va­ti­ven Ein­satz gaben die Pati­en­ten wei­te­re The­ra­pie­maß­nah­men an (Mehr­fach­aus­wahl mög­lich): Phy­sio­the­ra­pie 90 %, Manu­el­le Lymph­drai­na­ge 55 %, medi­ka­men­tö­se The­ra­pie (zum Bei­spiel Schmerz­mit­tel) 41 %, Motor-/Be­we­gungs­schie­ne 31 %, medi­zi­ni­scher Kom­pres­si­ons­strumpf 25 %, Wär­me-/Käl­te­ther­a­­pie 22 %, Akupunk­tur 1 %, Sons­ti­ges 9 %.

Bei der Fra­ge nach sport­li­cher Akti­vi­tät gaben 73 % der Teil­neh­mer an, dass sie vor der Ver­let­zung Sport getrie­ben hät­ten, und zwar mit fol­gen­der Inten­si­tät: bis zu vier Stun­den pro Woche 46 %, vier bis acht Stun­den pro Woche 36 %, acht bis zwölf Stun­den pro Woche 14 % und mehr als zwölf Stun­den pro Woche 4 % der Patienten.

Sub­jek­ti­ve Schutz­funk­ti­on der Orthese

Um den vom Pati­en­ten wahr­ge­nom­me­nen Nut­zen der Orthe­se im All­tag zu bewer­ten, konn­ten fol­gen­de Aus­sa­gen auf einer Ska­la von 1 (= „stim­me nicht zu“) bis 6 (= „stim­me voll zu“) bewer­tet wer­den: Der ers­ten Aus­sa­ge „Die Orthe­se hat mich in der The­ra­pie unter­stützt und mir Sicher­heit gege­ben“ stimm­ten 94 % der Pati­en­ten zu bzw. voll zu (Ska­la 5 und 6, Abb. 2A). Der zwei­ten Aus­sa­ge „Die Orthe­se hat mir Sicher­heit gege­ben, das Knie rich­tig zu strecken/anzuwinkeln“ stimm­ten 87 % der Pati­en­ten zu bzw. voll zu (Ska­la 5 und 6, Abb. 2B). Der drit­ten Aus­sa­ge „Die Orthe­se hat mich vor kritischen/gefährlichen Knie-Bewe­gun­gen geschützt“ stimm­ten 92 % der Teil­neh­mer zu bzw. voll zu (Ska­la 5 und 6, Abb. 2C). Die sub­jek­tiv emp­fun­de­ne Schutz­funk­ti­on der Knie­orthe­se wur­de somit vom Groß­teil der Pati­en­ten posi­tiv bewer­tet. Bei der Iden­ti­fi­ka­ti­on kri­ti­scher Ereig­nis­se im All­tag bejah­ten 63 % der Pati­en­ten die Fra­ge nach tat­säch­lich erleb­ten kri­ti­schen Situa­tio­nen und bestä­tig­ten, dass die Orthe­se sie dabei unter­stützt und geschützt habe (Abb. 3A). Im Fra­ge­bo­gen konn­ten die Pati­en­ten zwi­schen fol­gen­den kri­ti­schen Ereig­nis­sen aus­wäh­len: a) „zu star­kes Anwin­keln bzw. Stre­cken des Knies“, b) „Knie ver­dre­hen“, c) „Stol­pern bzw. Stür­zen“ und d) „Sons­ti­ges“ (mit der Mög­lich­keit einer Frei­text­an­ga­be). Als kri­ti­sche Ereig­nis­se wur­den vor allem „zu star­kes Anwin­keln bzw. Stre­cken des Knies“ (49 %), „Knie ver­dre­hen“ (49 %) und „Stol­pern bzw. Stür­zen“ (35 %), unter ande­rem beim Trep­pen­stei­gen oder beim Ein- und Aus­stei­gen aus dem Auto, ange­ge­ben (Mehr­fach­aus­wahl mög­lich, Abb. 3B).

Tra­ge­kom­fort und Weiterempfehlungsrate

Die Teil­neh­mer konn­ten Qua­li­tät, Tra­ge­kom­fort und Hand­ha­bung der Orthe­sen auf einer Ska­la von 1 (= „unge­nü­gend“) bis 6 (= „sehr gut“) bewer­ten: 93 % der Pati­en­ten bewer­te­ten die Qua­li­tät der Orthe­se als gut bis sehr gut (Ska­la 5 und 6, Abb. 4A); 77 % gaben einen guten bis sehr guten Tra­ge­kom­fort an (Ska­la 5 und 6, Abb. 4B), und 84 % emp­fan­den die Hand­ha­bung als gut bis sehr gut (Ska­la 5 und 6, Abb. 4C). Der Groß­teil der Pati­en­ten war folg­lich mit der Ver­ar­bei­tung und Anwen­dung der Orthe­se zufrie­den, was sich auch in der Wei­ter­emp­feh­lungs­ra­te wider­spie­gelt: 94 % der Anwen­der wür­den die Orthe­se ande­ren Pati­en­ten wei­ter­emp­feh­len (Ska­la 5 „wahr­schein­lich“ und 6 „sehr wahr­schein­lich“, Abb. 5). Fast 10 % der Pati­en­ten möch­ten die Orthe­se auch nach der Reha­bi­li­ta­ti­on wei­ter­hin beim Sport oder im All­tag tra­gen. Haupt­grün­de waren die Ant­wor­ten „Gibt mir Sicher­heit beim Sport/im All­tag“ (bei 61 % der Befrag­ten) und „Sta­bi­li­siert mein Knie“ (50 %), gefolgt von den Ant­wor­ten „Traue mich, mein Knie zu belasten/zu stre­cken“ (25 %) und „Erin­nert mich dar­an, vor­sich­tig zu sein“. (25 %, Mehr­fach­aus­wahl möglich).

Dis­kus­si­on und Schlussfolgerung

Nach Kennt­nis­stand der Autorin ist die hier vor­ge­stell­te Erhe­bung die ers­te gro­ße Pati­en­ten­be­fra­gung in Deutsch­land, die das Auf­tre­ten sub­jek­tiv wahr­ge­nom­me­ner kri­ti­scher Ereig­nis­se und deren Häu­fig­keit bei fast 3.000 Pati­en­ten mit Ver­let­zun­gen im Bereich des Knie­ge­lenks doku­men­tiert hat. Bis zum jet­zi­gen Zeit­punkt wur­den in vie­len Stu­di­en zum Ein­satz einer Knieorthese­ vor­zugs­wei­se kli­ni­sche End­punk­te wie Sta­bi­li­täts­grad, Funktion/ROM, Schmerz und Mus­kel­ak­ti­vi­tät her­an­ge­zo­gen, die in ers­ter Linie auf die Ver­bes­se­rung des OP-Ergeb­nis­ses und lang­fris­ti­ge Fol­gen abzie­len und weni­ger die Siche­rung des OP-Ergeb­nis­ses und die kon­ser­va­ti­ve Behand­lung mög­li­cher Begleit­ver­let­zun­gen in der (Ein-)Heilungsphase berück­sich­ti­gen 18  19.

Die Rup­tur des vor­de­ren Kreuz­ban­des zählt bei Ver­let­zun­gen im Bereich des Knie­ge­lenks zu den häu­figs­ten trau­ma­ti­schen Band­ver­let­zun­gen, was auch in der vor­lie­gen­den Erhe­bung mit fast 50 % der ein­ge­schlos­se­nen Pati­en­ten bestä­tigt wur­de. Bei sol­chen Ver­let­zun­gen sind auf­wen­di­ge Reha­bi­li­ta­ti­ons­maß­nah­men erfor­der­lich, um ein gutes Lang­zeit­er­geb­nis zu erzie­len 20. Ein fes­ter Bestand­teil die­ser Maß­nah­men ist der Ein­satz einer Knie­orthe­se – sowohl bei kon­ser­va­ti­ver The­ra­pie als auch nach ope­ra­ti­ver Ver­sor­gung. Der Nut­zen der Orthe­se ist vor allem in der frü­hen Reha-Pha­se ent­schei­dend. So wer­den in der Nach­be­hand­lung der Kreuz­bandersatz­plas­ti­ken Orthe­sen ein­ge­setzt, die das Ein­hei­len des Trans­plan­tats sichern sol­len, da die­ses in der Zeit sei­nes Umbaus vor zu hoher Belas­tung geschützt wer­den muss 21. Grün­de für sol­che unzu­träg­li­chen Belas­tun­gen kön­nen eine zu frü­he Wie­der­ein­glie­de­rung in den Sport, aber auch all­täg­li­che, unbe­wuss­te und nicht vor­her­seh­ba­re Ereig­nis­se sein, zum Bei­spiel Stol­pern oder Stür­zen beim Trep­pen­stei­gen, Aus­rut­schen auf Glatt­eis oder Ver­dre­hen des Knies beim Ein- und Aus­stei­gen aus dem Auto.

Des­halb lau­te­te das Ziel der hier vor­ge­stell­ten Erhe­bung, den in Stu­di­en oft­mals unter­re­prä­sen­tier­ten pati­en­ten­re­le­van­ten Nut­zen einer Orthese­ – näm­lich die sub­jek­tiv wahr­ge­nom­me­ne Schutz­funk­ti­on – im Ver­sor­gungs­all­tag zu beleuch­ten. An der Umfrage­ nah­men fast 3.000 Pati­en­ten aus ver­schie­de­nen Alters­klas­sen und mit unter­schied­li­chem sport­li­chem Akti­vi­täts­le­vel teil. Obwohl ein Groß­teil der Teil­neh­mer vor der Ver­let­zung sport­lich aktiv war (73 %) und über die Hälf­te der Ver­let­zun­gen auf eine Sport­ver­let­zung (fast 60 %) zurück­zu­füh­ren waren, wur­den in der Befra­gung auch Teil­neh­mer ohne sport­li­che Akti­vi­tät und mit ande­ren Ver­let­zungs­ur­sa­chen berück­sich­tigt, sodass eine all­um­fas­sen­de Betrach­tung der Real-Life-Situa­ti­on gewähr­leis­tet ist.

Die Befra­gung zeig­te, dass der Orthe­se eine gro­ße, pati­en­ten­re­le­van­te Bedeu­tung zukommt: In einem ers­ten Schritt wur­den die Pati­en­ten nach ihrer gene­rel­len sub­jek­ti­ven Ein­schät­zung zur Schutz­funk­ti­on der Orthe­se gefragt. Hier stimm­ten jeweils ca. 90 % der Pati­en­ten den all­ge­mei­nen Aus­sa­gen zur sub­jek­ti­ven Sicher­heits- und Schutz­funk­ti­on zu. Befrag­te man die Pati­en­ten in einem nächs­ten Schritt spe­zi­ell nach dem tat­säch­li­chen Auf­tre­ten kri­ti­scher Ereig­nis­se im All­tag, bejah­ten inter­es­san­ter­wei­se fast zwei Drit­tel der Pati­en­ten die­se Fra­ge und hoben her­vor, dass die Orthe­se dabei ihre Funk­ti­on als „Sicher­heits­gurt“ erfüllt habe. In einer Ver­öf­fent­li­chung aus dem Jahr 2017 wird ein ein­fa­cher, aber gut nach­voll­zieh­ba­rer Ver­gleich ange­führt: Ana­log zum Sicher­heits­gurt beim Auto­fah­ren – solan­ge nichts pas­siert, braucht man ihn nicht, wenn etwas pas­siert, kann er Leben ret­ten – dient die Orthe­se dem Schutz des Trans­plan­ta­tes bzw. des OP-Ergeb­nis­ses 22.

Nicht unbe­ach­tet soll­te auch der psy­cho­lo­gi­sche Effekt der Orthe­se blei­ben, da eine erheb­li­che Anzahl der befrag­ten Pati­en­ten beim Tra­gen einer Orthe­se über ein ver­mehr­tes Sicher­heits­ge­fühl berich­te­te, unter ande­rem des­halb, weil sich die Pati­en­ten trau­ten, das Knie zu belas­ten. Für die Unter­su­chung des psy­cho­lo­gi­schen Effekts einer Orthe­se bie­ten sich in Stu­di­en unter ande­rem die vali­dier­ten Fra­ge­bö­gen „ACL-RSI Score“ 23oder „Tam­pa Sca­le of Kine­sio­pho­bia“ 24als „pati­ent-repor­ted out­co­mes“ (PRO) an. Dar­über hin­aus gaben eini­ge Pati­en­ten in der vor­lie­gen­den Erhe­bung an, dass sie durch die Orthe­se dar­an erin­nert wor­den sei­en, vor­sich­tig zu sein. Die­se Mahn­funk­ti­on sehen vor allem auch The­ra­peu­ten bei der Ver­wen­dung einer Knie­orthe­se 25.

Eine aktu­el­le struk­tu­rier­te anony­mi­sier­te Online-Umfra­ge unter Instruk­toren der Gesell­schaft für Arthro­sko­pie und Gelenk­chir­ur­gie (AGA) beschäf­tig­te sich mit den Stan­dards in der Nach­be­hand­lung nach vor­de­rem Kreuz­bandersatz im deutsch­spra­chi­gen Raum. Die wich­tigs­ten Erkenntnisse­ der Befra­gung waren, dass die Mehr­zahl der Ope­ra­teu­re kei­ne län­ge­re Ent­las­tungs­pe­ri­ode nach der Operation­ vor­sieht und eine Orthe­se post­ope­ra­tiv ver­ord­net: 82,8 % der Befrag­ten schützen­ das von ihnen ope­rier­te Gelenk mit einer Orthe­se, vor­nehm­lich mit einer Hart­rah­men­orthe­se (77,8 %) 26. Die vor­lie­gen­de Erhe­bung unter­mau­ert den sinn­vol­len Ein­satz einer Orthe­se bei Pati­en­ten mit Knieverletzungen.

Die Ergeb­nis­se der frei­wil­li­gen Befra­gung lie­fern ers­te Hin­wei­se, dass der Pati­ent durch die Orthe­se ein gestei­ger­tes Ver­trau­en und ein sub­jek­tiv höhe­res Sta­bi­li­täts­ge­fühl emp­fin­det – mög­lich­wei­se in Kom­bi­na­ti­on mit kör­per­ei­ge­nen Schutz­me­cha­nis­men. Das erhöh­te Sicher­heits­ge­fühl kann eine schnel­le­re Mobi­li­sie­rung und Rück­kehr in den All­tag und Beruf ermög­li­chen. Der Nut­zen einer Orthe­se sowie ihr Bei­trag zur Reduk­ti­on mög­li­cher rezi­di­vie­ren­der Trau­ma­ta mit Fol­ge­ver­let­zun­gen ist somit nicht nur aus Sicht des Pati­en­ten und des Kli­ni­kers, son­dern auch aus gesund­heits­öko­no­mi­scher Per­spek­ti­ve rele­vant. Neben den objek­ti­ven kli­ni­schen Para­me­tern soll­ten des­halb in Zukunft geeig­ne­te vali­dier­te subjektive­ Fra­ge­bö­gen und unter Umstän­den noch zu definierende­ objek­ti­ve Para­me­ter zur Unter­su­chung der Schutz­funk­ti­on im Stu­di­en­de­sign kli­ni­scher Unter­su­chun­gen Beach­tung fin­den, um die Ergeb­nis­se der hier vor­ge­stell­ten Befra­gung auf­zu­grei­fen, zu bestä­ti­gen und vor allem in der kli­ni­schen Pra­xis zu untersuchen.

*Unter Kine­sio­pho­bie ver­steht man die über­mä­ßi­ge Angst vor Bewe­gung und kör­per­li­chen Akti­vi­tä­ten, weil diese­ mit einer schmerz­haf­ten Ver­let­zung oder einer erneu­ten Ver­let­zung in Ver­bin­dung gebracht wer­den. Zur Quan­ti­fi­zie­rung der Kine­sio­pho­bie wur­de der vali­dier­te „Tam­pa Sca­le of ­Kine­sio­pho­bia“ (TSK) entwickelt.

Die Autorin:
Dr. Annet­te Erhardt
Lei­tung Medi­cal Affairs
Medi GmbH & Co. KG
Medi­cus­str. 1 
95448 Bay­reuth
a.erhardt@medi.de

Begut­ach­te­ter Beitrag/reviewed paper

Zita­ti­on
Erhardt A. Sub­jek­ti­ve Schutz­funk­ti­on einer Knie­orthe­se in kri­ti­schen All­tags­si­tua­tio­nen. Ortho­pä­die Tech­nik. 2019; 70 (2): 32–37
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