Sani­täts­haus Gun­der­mann fei­ert 100-Jähriges

Ein Jahrhundert – drei Generationen: Dafür steht das Sanitätshaus Gundermann in Aschaffenburg, das dieser Tage sein 100-jähriges Bestehen feiert. Geführt wird das Familienunternehmen seit 2014 in dritter Generation von Sabine Gundermann.

Die Geschich­te des ortho­pä­die­tech­ni­schen Unter­neh­mens ähnelt der vie­ler Häu­ser in Deutsch­land: Mit dem Ende des Ers­ten Welt­krie­ges gab es unzäh­li­ge kriegs­ver­sehr­te Men­schen mit schwe­ren Ver­let­zun­gen und Ampu­ta­tio­nen, die eine Ver­sor­gung mit den damals mög­li­chen Hilfs­mit­teln benö­tig­ten. Infol­ge­des­sen grün­de­ten zahl­rei­che Ban­da­gis­ten oder Mecha­ni­ker ortho­pä­di­sche Werk­stät­ten. Hier­zu zähl­te auch Wil­helm Gun­der­mann (1894 – 1982), der 1918 sei­nen Meis­ter im Ortho­pä­die­technik­hand­werk mit Aus­zeich­nung ableg­te. Drei Jah­re nach Ende des Ers­ten Welt­krie­ges eröff­ne­te er 1921 in Würz­burg die ers­te ortho­pä­di­sche Werk­statt der Stadt. Bereits 1925 zog die Fir­ma nach Aschaf­fen­burg, wo noch heu­te die Fir­men­zen­tra­le steht.

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Mehr­fach wag­te die Fami­lie den Neu­an­fang: Nach der Zer­stö­rung ihres Wohn- und Geschäfts­hau­ses bei einem Bom­ben­an­griff 1944 bau­te das seit 1931 ver­hei­ra­te­te Paar Wil­helm und The­re­sia Gun­der­mann 1945 eine neue ortho­pä­di­sche Werk­statt und ein Sani­täts­haus auf. Nur 16 Jah­re spä­ter ent­stand 1961 ein neu­es Wohn- und Geschäfts­haus, eben­falls in Aschaf­fen­burg. Eini­ge Umzü­ge und Fili­al­grün­dun­gen spä­ter ver­eint das Sani­täts­haus heu­te 40 Mitarbeiter:innen an fünf Stand­or­ten in Aschaf­fen­burg, Groß­ost­heim, Groß­wall­stadt und Seligenstadt.

Erfin­dungs­reich und umtriebig

Treu der Grund­ein­stel­lung: „Du musst mit den Augen steh­len und sehen, wel­che Ver­bes­se­run­gen und Neue­run­gen mach­bar sind“, sei sein Vater Wil­helm ein Tüft­ler, Ent­wick­ler und Kon­struk­teur gewe­sen, berich­tet Karl Gun­der­mann, der bis zu sei­nem Ruhe­stand 2014 das Unter­neh­men lei­te­te. Der Erfin­der- und Kon­struk­ti­ons­geist, der sei­nen Vater zeit sei­nes Lebens umge­trie­ben habe, brach­te zahl­rei­che Gebrauchs­mus­ter und Paten­te her­vor. Sei­ne wich­tigs­ten Erfin­dun­gen waren ein Brems-Gleit­knie für Holz­pro­the­sen­trä­ger und ein all­sei­tig beweg­li­cher Fuß. Für die Ver­bes­se­rung der Lebens­qua­li­tät unzäh­li­ger Ver­sehr­ter erhielt er 1974 das Bundesverdienstkreuz.

„Zugleich war er ein selbst­ge­rech­ter Patri­arch“, beschreibt der 89-jäh­ri­ge Karl Gun­der­mann sei­nen Vater rück­bli­ckend. „Mei­ne Mut­ter wie­der­um war eine umtrie­bi­ge und sehr akti­ve Geschäfts­frau. Sie sorg­te für Har­mo­nie, wenn miss­li­che Stim­mung zwi­schen dem Ehe­mann und dem Rest der Welt herrsch­te.“ Wil­helms Ehe­frau The­re­sia (1902–1991) unter­stütz­te im Bereich Sani­täts­haus das Unter­neh­men zeit ihres Lebens tat­kräf­tig, wie Sohn Karl betont, obwohl sie par­al­lel drei Kin­der großzog.

Von der Ortho­pä­die-Tech­nik zur Vollversorgung

„In unse­rer Fami­lie gab es kei­ne Tren­nung zwi­schen Beruf und Pri­vat­le­ben“, erin­nert sich Karl Gun­der­mann. „Ich bin von Kind­heit an in den Beruf hin­ein­ge­wach­sen, wobei mich die viel­fäl­ti­gen Mög­lich­kei­ten des Ortho­pä­die­hand­werks wirk­lich sehr inter­es­siert haben.“ Seit Beginn sei­ner Aus­bil­dung im Jahr 1946 in der Fir­ma tätig, leg­te er 1958 die Meis­ter­prü­fung zum Ortho­pä­die­me­cha­ni­ker und Ban­da­gis­ten an der Bun­des­fach­schu­le für Ortho­pä­die-Tech­nik (BUFA) ab. Von 1972 bis 2014 war er der Chef der Fir­ma, muss­te sich aber so man­ches Mal gegen den „über­mäch­ti­gen Vater“ behaup­ten, wie er sagt: „Ich habe wäh­rend mei­ner beruf­li­chen Lauf­bahn den Wan­del der Bran­che erlebt, konn­te dabei aber mei­ne Ideen umsetzen.“

In sei­ne Zeit als geschäfts­füh­ren­der Gesell­schaf­ter fiel der Auf­bau der Abtei­lung Reha-Tech­nik mit dem Ver­leih von Pfle­ge­bet­ten und Roll­stüh­len. Als ers­ter Sani­täts­haus­be­trei­ber in Deutsch­land über­zeug­te er Kran­ken­kas­sen davon, dass Leih­mo­del­le für Pfle­ge­bet­ten und Roll­stüh­le güns­ti­ger sei­en als der Ankauf. Mit der Grün­dung der Reha-Tech­nik-Abtei­lung star­te­te zugleich der Aus­bau des Sani­täts­hau­ses zum Voll­ver­sor­ger. Ein wei­te­rer Mei­len­stein in sei­ner Amts­zeit: Bereits 1982 trat er mit sei­nem Unter­neh­men bei Sani Aktu­ell ein. Die Orga­ni­sa­ti­on war im glei­chen Jahr als rei­ner Ein­kaufs­ver­band gegrün­det wor­den. Bis heu­te zeich­ne den Fami­li­en­be­trieb Gun­der­mann das ste­te Bemü­hen und Stre­ben aus, das Bes­te für die Kun­den zu errei­chen, erklärt der Meis­ter im Ruhe­stand. Das alles unter Berück­sich­ti­gung der wirt­schaft­li­chen Aspek­te. „Dies geschieht nur gemein­sam mit unse­ren Mit­ar­bei­tern. Wir sehen uns als ein fami­li­är geführ­tes Haus.“

Lie­be zur Vielfalt

Acht Jah­re lang lei­te­ten Vater und Toch­ter das Unter­neh­men gemein­sam, bevor sich Karl Gun­der­mannn ins Pri­va­te zurück­zog. „Ich habe viel gelernt in die­ser Zeit und bin mei­nem Vater sehr dank­bar dafür“, unter­streicht Sabi­ne Gun­der­mann, die die Geschi­cke des Hau­ses seit 2014 allein bestimmt. Aller­dings habe sie anfangs mit dem Ein­tritt in das Fami­li­en­un­ter­neh­men geha­dert. „Das Restau­rie­ren von Möbeln und Häu­sern hat mich als jun­ge Frau sehr fas­zi­niert. Aber inzwi­schen lie­be ich die Viel­falt unse­rer Bran­che sehr und habe den Ein­stieg nicht bereut“, erklärt die Ortho­pä­die­me­cha­ni­ke­rin und Ban­da­gis­tin (Abschluss 1980) sowie Diplom-Betriebs­wir­tin des Hand­werks. Das berufs­be­glei­ten­de Stu­di­um hat­te sie neben ihrer Tätig­keit in der Werk­statt absol­viert und 1990 abge­schlos­sen. Bis heu­te steht sie an zwei Tagen in der Woche in der Werk­statt, beglei­tet ihre Mitarbeiter:innen aktiv. Unter ihrer Lei­tung eröff­ne­te das Sani­täts­haus die drei Filia­len in Groß­ost­heim, Groß­wall­stadt und Seligenstadt.

Ver­wir­ren­de Pandemieregeln

Ange­spro­chen auf die letz­ten 16 Mona­te der Coro­na-Pan­de­mie, berich­tet die Geschäfts­füh­re­rin von dem enor­men Stress, den die Pan­de­mie­be­gleit­erschei­nun­gen mit sich brach­ten. „Kei­ner wuss­te im ers­ten Lock­down, wie es wei­ter­geht. Spä­tes­tens die Ver­lus­te im zwei­ten Lock­down konn­ten wir nicht mehr auf­ho­len, auch wenn wir ins­ge­samt im ver­gan­ge­nen Jahr mit einem blau­en Auge davon­ge­kom­men sind“, so die 59-Jäh­ri­ge. „Rich­tig kata­stro­phal lief das Geschäft im ers­ten Quar­tal die­ses Jah­res, weil die Kund:innen total ver­wirrt waren über die stän­dig wech­seln­den Laden­öff­nungs­be­din­gun­gen und ein­fach nicht mehr ins Geschäft kamen.“ Das alles brau­che sie nicht noch­mal, aber der nächs­te Lock­down kom­me bestimmt, ist sie überzeugt.

Die größ­te Belas­tung für alle sei aber die Büro­kra­tie – Pan­de­mie hin oder her. Zu ihrer Anfangs­zeit habe eine Schreib­ma­schi­ne für das Ver­fas­sen der kur­zen Kos­ten­vor­anschlä­ge aus­ge­reicht, so Sabi­ne Gun­der­mann. Inzwi­schen beschäf­ti­ge sie fünf Ver­wal­tungs­an­ge­stell­te allein für die Abrech­nung. Die­se wach­sen­de Büro­kra­tie mit dem damit ver­bun­de­nen Auf­wand für alle Mitarbeiter:innen sieht genau­so Karl Gun­der­mann als nach­tei­lig für die Bran­che an. Posi­tiv sei­en hin­ge­gen die Wei­ter­ent­wick­lun­gen in der Tech­ni­schen Ortho­pä­die, die ihn sehr fas­zi­nie­re, sowie die Mög­lich­kei­ten, über Ver­bands­mit­glied­schaf­ten wirt­schaft­li­cher Mate­ri­al zu besor­gen. Zudem lobt er die Ver­ein­fa­chung beim Bei­tritt zu Kran­ken­kas­sen­ver­trä­gen. Viel Zuver­sicht und Geduld wünscht Karl Gun­der­mann sei­ner Toch­ter und all den ande­ren Kolleg:innen für eine wei­ter­hin posi­ti­ve Ent­wick­lung der Branche.

Ruth Jus­ten

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