Work-Life-Balan­ce im Sanitätsfachhandel

Eine Balance zwischen Arbeits- und Privatleben zu finden, das war schon vor der Corona-Pandemie für Beschäftigte in Gesundheitsberufen nicht einfach. Doch welchen Einfluss hat die Pandemiebewältigung auf die Work-Life-Balance des Sanitätshauspersonals, ob in der Werkstatt, in der Administration oder im Handel? Wie können Unternehmen für eine größere Ausgewogenheit sorgen? Darüber und wie sich die Ansprüche der Kund:innen verändert haben, sprach die OT-Redaktion mit Petra Kröger-Schumann.

Die gelern­te Kran­ken­schwes­ter stieg vor 25 Jah­ren in die Geschäfts­füh­rung der Medi­zin­tech­nik & Sani­täts­haus Harald Krö­ger GmbH mit Sitz in Mas­sen (Nie­der­lau­sitz) ein. Die im Juli 1990 als Ein­zel­han­dels­be­trieb für medi­zi­ni­schen Bedarf gegrün­de­te Fir­ma eröff­ne­te 1992 das ers­te Sani­täts­haus und betreibt mitt­ler­wei­le 15 Filia­len im Land Bran­den­burg. Als geschäfts­füh­ren­de Gesell­schaf­te­rin lei­tet die 62-jäh­ri­ge Krö­ger-Schu­mann auch die wei­te­ren Unter­neh­men des Fir­men­ver­bun­des mit ins­ge­samt rund 280 Mitarbeiter:innen: Kröger’s Cen­trum für tech­ni­sche Ortho­pä­die, die auf Ernäh­rung spe­zia­li­sier­te Bases GmbH sowie die Heim-The­ra­pie-Ser­vice GmbH.

OT: Haben sich die Anfor­de­run­gen der Kund:innen an den Sani­täts­han­del verändert? 

Petra Krö­ger-Schu­mann: In den letz­ten zehn bis 15 Jah­ren haben sich Wün­sche und Ansprü­che stark gewan­delt. Jen­seits der klas­si­schen Ange­bo­te fra­gen unse­re Kund:innen zuneh­mend Life­style-Arti­kel wie Klein­fit­ness­ge­rä­te oder Bade­mo­den sowie Pfle­ge­pro­duk­te nach. Vor allem aber suchen sie ganz­heit­li­che Unter­stüt­zung, wenn es in der Fami­lie plötz­lich einen Pfle­ge­fall gibt. Es ist dann unse­re Auf­ga­be, in kür­zes­ter Zeit prak­ti­ka­ble Lösun­gen zu fin­den, die für spür­ba­re Erleich­te­run­gen im All­tag der Men­schen sor­gen. Oft ist dies mit eini­gen Her­aus­for­de­run­gen ver­bun­den, denen wir uns aber ger­ne stellen.

OT: Wel­che Aus­wir­kun­gen hat das?

Krö­ger-Schu­mann: Auf die zusätz­li­chen Wün­sche haben wir in unse­ren Fach­ge­schäf­ten mit einer grö­ße­ren Sor­ti­ments­viel­falt sowie neu geschaf­fe­nen Aus­stel­lungs­flä­chen für Reha- und Pfle­ge­hilfs­mit­tel reagiert. Ist ein Pro­dukt mal nicht vor­rä­tig, aber lie­fer­bar, bestel­len wir es umge­hend. Die Ver­än­de­run­gen in der Nach­fra­ge spie­geln sich außer­dem in der Namens­ge­bung wider: Inzwi­schen bezeich­nen wir unse­re 15 Filia­len nicht mehr als Sani­täts­häu­ser, son­dern als Gesund­heits­fach­ge­schäf­te. Dort sol­len die Men­schen alles erhal­ten, was zum Gesund­blei­ben und ‑wer­den bei­trägt. Anders als in den Groß­städ­ten schlägt sich bei uns im länd­li­chen Raum Süd­bran­den­burgs der Wunsch nach län­ge­ren Öff­nungs­zei­ten aber noch nicht nie­der. Wir öff­nen des­halb nach wie vor zwi­schen 8 und 18 Uhr, was für die Mitarbeiter:innen natür­lich auch fami­li­en­freund­li­cher ist. Schluss­end­lich haben wir bereits mit dem Aus­bau vom medi­zi­ni­schen Fach­han­del zu einem Voll­ver­sor­ger sowie der Grün­dung des Fir­men­ver­bun­des auf die ver­än­der­ten Bedürf­nis­se der Kund:innen und des Gesund­heits­mark­tes reagiert. Vom klas­si­schen Sani­täts­haus­sor­ti­ment über Ortho­pä­die- und Ortho­pä­die­schuh-Tech­nik, Podo­lo­gie, Home­ca­re- und Phy­sio­the­ra­pie bis zu Ernäh­rungs­be­ra­tung und Essens­ver­sor­gung reicht heu­te unse­re Angebotspalette.

OT: Was hat im Arbeits­all­tag beson­ders gro­ße Aus­wir­kun­gen auf das Zeit­ma­nage­ment der Mitarbeiter:innen – und damit letzt­lich auf die Work-Life-Balance? 

Krö­ger-Schu­mann: Die büro­kra­ti­schen Anfor­de­run­gen im Gesund­heits­sek­tor sind im All­ge­mei­nen enorm gestie­gen. Das liegt vor allem an den kom­pli­zier­ten Ver­trags­ge­stal­tun­gen mit den Kran­ken­kas­sen. Inzwi­schen beschäf­ti­gen wir cir­ca 75 Mitarbeiter:innen nur in der Ver­wal­tung. Trotz­dem bleibt an den Mitarbeiter:innen im Ver­kauf oder den Werk­stät­ten noch viel büro­kra­ti­scher Auf­wand hän­gen, schließ­lich müs­sen alle Leis­tun­gen – ins­be­son­de­re die hand­werk­li­chen – trans­pa­rent sein und detail­liert doku­men­tiert wer­den. In der Coro­na-Pan­de­mie fiel eini­ges an Büro­kra­tie weg, was aus unse­rer Sicht ger­ne so blei­ben kann.

Im Gespräch abholen

OT: Wie unter­stüt­zen Sie die Work-Life-Balan­ce Ihrer Mitarbeiter:innen?

Krö­ger-Schu­mann: Die Bereichsleiter:innen suchen regel­mä­ßig das Gespräch mit den Kolleg:innen, um sie dort abzu­ho­len, wo sie pri­vat und beruf­lich gera­de ste­hen. Gibt es Pro­ble­me im Pri­vat­le­ben, weil zum Bei­spiel ein Eltern­teil schwer erkrankt ist, Pfle­ge oder Hilfs­mit­tel braucht, unter­stüt­zen wir selbst­ver­ständ­lich – ob mit Sach­leis­tun­gen oder redu­zier­ter Arbeits­zeit für die betref­fen­den Mitarbeiter:innen. Das Glei­che gilt für Kolleg:innen, die eine Kin­der­be­treu­ung benö­ti­gen. Aller­dings möch­te nicht jede oder jeder dar­über spre­chen, wenn es pri­vat Schwie­rig­kei­ten gibt. Das muss man natür­lich respek­tie­ren. Um kör­per­li­che und see­li­sche Fit­ness zu stär­ken, bie­ten wir zudem kos­ten­frei Gesund­heits­kur­se vom Anti-Stress-Semi­nar bis zum Power-Work-out an.

OT: Wel­chen Ein­fluss hat­te die Coro­na-Pan­de­mie auf die Work-Life-Balance?

Krö­ger-Schu­mann: Die kurz­fris­ti­gen Aus­wir­kun­gen lie­gen auf der Hand. Mitarbeiter:innen mit betreu­ungs­be­dürf­ti­gen Kin­dern stan­den unter einem extre­men Druck. Auch hier haben wir ver­sucht, gemein­sam Lösun­gen zu fin­den. Zeit­wei­lig muss­ten wir auch Kurz­ar­beit bean­tra­gen, sodass die Arbeits­zeit eini­ger Mitarbeiter:innen auf 30 oder 35 Stun­den pro Woche redu­ziert war, so aber auch mehr Zeit für die Fami­lie blieb. Eini­ge haben das sicher als eine posi­ti­ve Aus­wir­kung der Coro­na-Pan­de­mie wahrgenommen.

OT: Haben sich die Erwar­tun­gen der Mitarbeiter:innen an ihre Arbeit und ihr Leben wäh­rend der Coro­na-Pan­de­mie verändert? 

Krö­ger-Schu­mann: Das kön­nen wir noch gar nicht rich­tig abschät­zen. Wir sind gera­de erst dabei, in einen Vor-Coro­na-All­tag zurück­zu­fin­den. Es gibt aber ers­te Mitarbeiter:innen, die uns signa­li­sie­ren, sie wür­den in Zukunft wei­ter­hin gern ver­kürzt arbei­ten wol­len. Wir berei­ten uns dar­auf vor, falls sol­che Wün­sche ver­stärkt an uns her­an­ge­tra­gen wer­den. Zumal wir seit Jah­ren beob­ach­ten, dass weni­ger Arbeits­zeit für immer mehr Kolleg:innen wich­ti­ger ist als zum Bei­spiel eine Gehalts­er­hö­hung von 100 Euro im Monat.

Mehr Wert­schät­zung

OT: Wel­che poli­ti­schen Fak­to­ren müss­ten sich ändern, um Ihr Unter­neh­men zu unterstützen?

Krö­ger-Schu­mann: Wir wün­schen uns end­lich eine Fokus­sie­rung der Poli­tik auf den fami­li­en­ge­führ­ten Mit­tel­stand. Unse­re Sor­gen und Nöte wer­den nicht zur Kennt­nis genom­men, obwohl wir für eine Ver­sor­gung aus der Regi­on für die Regi­on sor­gen – von der Ortho­pä­die-Tech­nik über die Reha-Tech­nik bis hin zur Phy­sio- und Ergo­the­ra­pie. Wo sol­len die Men­schen in den länd­li­chen Regio­nen denn sol­che Ange­bo­te fin­den, wenn nicht beim Mit­tel­stand? Statt­des­sen ver­lie­ren wir regel­mä­ßig Mit­ar­bei­ter an den öffent­li­chen Dienst, da dort Kon­di­tio­nen gel­ten, die wir uns nicht leis­ten kön­nen, da wir zu einem gro­ßen Teil von den Kran­ken­kas­sen refi­nan­ziert wer­den. Deren Erstat­tungs­kos­ten für ost­deut­sche Leis­tungs­er­brin­ger lie­gen in eini­gen Fäl­len immer noch deut­lich nied­ri­ger als für sol­che aus den alten Bun­des­län­dern. Dabei haben wir die glei­chen Auf­wen­dun­gen bei der Waren­be­schaf­fung und zah­len auch nicht weni­ger für Strom, Gas oder Was­ser. Hin­zu kommt, dass die Ein­kaufs­prei­se in der Pan­de­mie rasant nach oben geschnellt sind. Unser Ertrag sinkt damit mas­siv. Dazu gehö­ren auch Ver­lus­te, die durch sich stän­dig ver­än­dern­de poli­ti­sche Regeln ent­ste­hen. So haben wir zum Bei­spiel in gro­ßen Men­gen Schnell­tests erwor­ben, um den zeit­wei­se sehr gro­ßen Bedarf zu decken. Inzwi­schen braucht man kaum noch Tests und wir müs­sen sie um ein Viel­fa­ches unter dem Ein­kaufs­preis anbie­ten. Wir brau­chen also ganz klar mehr Wahr­neh­mung, Wert­schät­zung und Unter­stüt­zung sei­tens der Politik.

Die Fra­gen stell­te Ruth Justen.

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­um emp­fiehlt betrieb­li­che Gesundheitsförderung
  • Nach Anga­ben des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Gesund­heit (BMG) fin­det betrieb­li­che Gesund­heits­för­de­rung für eine bes­se­re Work-Life-Balan­ce von Arbeitnehmer:innen noch zu sel­ten in klei­nen und mit­tel­stän­di­schen Unter­neh­men (KMU) statt, obwohl die­se 58 Pro­zent der sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­gen Beschäf­tig­ten in Deutsch­land vereinen.
  • Dabei herr­schen laut Minis­te­ri­um doch gera­de bei den KMUs mit gro­ßer Auto­no­mie, kur­zen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­we­gen, fla­chen, per­so­nen­be­zo­ge­nen Hier­ar­chien und hoher Fle­xi­bi­li­tät idea­le Vor­aus­set­zun­gen vor, um betrieb­li­che Gesund­heits­für­sor­ge zum Woh­le der Beschäf­tig­ten und der Unter­neh­men zu implementieren.
  • So könn­ten Arbeitnehmer:innen ihren Gesund­heits­zu­stand ver­bes­sern, ihren Arbeits­platz und Arbeits­ab­lauf mit­ge­stal­ten und ihre Arbeits­zu­frie­den­heit stei­gern, was wie­der­um zur Stei­ge­rung der Pro­duk­ti­vi­tät und Qua­li­tät, der Image­auf­wer­tung der Unter­neh­men und Fes­ti­gung der Bezie­hung von Arbeitnehmer:innen und Arbeitgeber:innen führe.
  • Nicht zuletzt belohnt der Staat Unter­neh­men mit betrieb­li­cher Gesund­heits­für­sor­ge mit Steu­er­vor­tei­len. Tipps zur Umset­zung von betrieb­li­cher Gesund­heits­för­de­rung fin­den sich unter bundesgesundheitsministerium.de.
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