Para-Sport­le­rin Deni­se Schind­ler: Mit Sport und Fashion Denk­pro­zes­se ver­än­dern

Rote High Heels, blaue Ballerinas oder grüne Stiefel – die Auswahl an Schuhwerk für Menschen, die auf ihren eigenen beiden Beinen je nach Lust und Laune in verschiedenen Styles und Farben durch das Leben gehen dürfen, ist riesig. Für die 1985 geborene Radrennsportlerin und Diplom-Eventmanagerin Denise Schindler, die seit dem Alter von zwei Jahren auf eine Unterschenkelprothese angewiesen ist, sah das viele Jahre ganz anders aus.

Wel­che Rol­le indi­vi­du­el­le Cover­ge­stal­tun­gen von Pro­the­sen für die Selbst­ak­zep­tanz von Pro­the­sen­trä­gern spie­len kön­nen, erklärt die Sil­ber- und Bron­ze­me­dail­len-Gewin­ne­rin der Paralym­pics in Rio de Janei­ro (2016), Welt­meis­te­rin (2018), Welt­cup-Sie­gern (2018) und Deut­sche Meis­te­rin (2018) im Gespräch mit der OT-Redak­ti­on.

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OT: Wie haben Sie als Kind und Jugend­li­che Ihre Pro­the­sen­ver­sor­gung wahr­ge­nom­men?

Deni­se Schind­ler: Als Kind will man sich ein­fach nur bewe­gen. Beim Ortho­pä­die­tech­ni­ker muss­te ich aber immer still sit­zen und mich auch anfas­sen las­sen. Daher habe ich das Anpas­sen und Tra­gen mei­ner Pro­the­se lan­ge Zeit als ein übles Muss emp­fun­den. Erst mit zuneh­men­dem Alter habe ich ver­stan­den, dass mir gera­de die Pro­the­sen­ver­sor­gung mit ihren für mich nicht immer ange­neh­men Pro­zes­sen hilft, Druck­stel­len zu ver­hin­dern und das Gehen, Lau­fen und Sprin­gen zu ermög­li­chen. Mit die­ser Erkennt­nis konn­te ich aus der Zwangs­be­zie­hung zum Ortho­pä­die­tech­ni­ker und zur Pro­the­se rich­tig Nut­zen zie­hen. Übri­gens bin ich noch heu­te beim glei­chen Ortho­pä­die­tech­ni­ker.

OT: Wie hat Ihr Umfeld auf Ihre Pro­the­sen reagiert?

Schind­ler: Ich bin zwar in Chem­nitz gebo­ren, aber in einer dörf­li­chen Idyl­le in Bay­ern auf­ge­wach­sen. Dort war ich als ein­zi­ges Kind mit einer Ein­schrän­kung qua­si die Dorf-Attrak­ti­on und stig­ma­ti­siert wie ein Kriegs­ver­sehr­ter. Als Kind stör­te mich selbst­ver­ständ­lich die­se Auf­merk­sam­keit. Man will ja in dem Alter eher ins Sche­ma pas­sen, statt auf­zu­fal­len. Das war nicht leicht. Des­halb habe ich ver­sucht, mei­ne Pro­the­se so gut es ging, zu ver­ste­cken, indem ich lan­ge Hosen trug oder im Frei­bad auch mal ein Hand­tuch über mich gelegt habe. Außer­dem trug ich kos­me­ti­sche Pro­the­sen. Im Kaschie­ren mei­ner Behin­de­rung war ich sehr gut!

OT: Was haben Sie bei der Aus­ge­stal­tung Ihrer Pro­the­sen beson­ders geschätzt und was ver­misst?

Schind­ler: Natür­lich habe ich die Funk­tio­na­li­tät der Pro­the­sen geschätzt, die mir im ers­ten Schritt die Frei­heit der Bewe­gung und im nächs­ten Schritt den Sport ermög­licht haben. Aller­dings habe ich eine gewis­se Leich­tig­keit ver­misst. Ich glau­be, rück­wir­kend hät­te es mir als Kind gut­ge­tan, wenn ich bei­spiels­wei­se mei­ne Lieb­lings­co­mic­fi­gur auf der Pro­the­se hät­te abbil­den kön­nen. Die Pro­the­se als Aus­druck der eige­nen Per­sön­lich­keit zu sehen, hilft, sie anzu­neh­men.

OT: Was reizt Sie am 3D-Druck-Ver­fah­ren für Pro­the­sen?

Schind­ler: Als Rad­renn­fah­re­rin muss ich sehr tech­ni­kaf­fin sein, denn unse­re Räder sind pure High­tech. Sport­lich­keit allein reicht nicht, um im inter­na­tio­na­len Wett­be­werb bestehen zu kön­nen. Inso­fern hat­te ich einen leich­te­ren Zugang zu digi­ta­len Tech­ni­ken als vie­le ande­re. Seit 2015 beschäf­ti­ge ich mich mit 3D-Druck und bin begeis­tert, wie viel Ein­fluss ich als Trä­ge­rin auf die Gestal­tung mei­ner Pro­the­se neh­men kann. Anders als beim tra­di­tio­nel­len Her­stel­lungs­pro­zess, bei dem zunächst ein Gips­ab­druck genom­men, danach ein Pro­be­schaft und spä­ter der fina­le Schaft erstellt wird, kann ich mit­hil­fe von Soft­ware Form und Funk­tio­na­li­tät schnell in viel­fäl­ti­ger Wei­se aus­pro­bie­ren. Zum Bei­spiel kann ich ver­schie­de­ne Struk­tu­ren oder aero­dy­na­mi­sche For­men aus­tes­ten. Im Rad­sport macht es ja nach­weis­lich einen Unter­schied, wel­che Stei­fig­keit und Aero­dy­na­mik die Sport­pro­the­se auf­weist.

OT: War­um wur­den Sie 2019 Mar­ken­bot­schaf­te­rin für die Fir­ma Mecu­ris?

Schind­ler: Ehr­lich gesagt, ich bin ein ech­tes Fashion-Vic­tim. Ich lie­be es, Frau zu sein, Hot­pants zu tra­gen oder einen kur­zen Rock. Mei­ne Pro­the­se gehört zu mir, sodass ich sie nicht mehr ver­ste­cken will. Das heißt aber auch, dass mei­ne Pro­the­se jeweils zu mei­nem Out­fit pas­sen soll­te, wie ein Paar Schu­he. Wie jeder ande­re Mensch auch, zie­he ich mich je nach Gele­gen­heit und Stim­mung anders an, möch­te mei­ne Per­sön­lich­keit mit Klei­dung und Pro­the­sen­co­ver aus­drü­cken. Ich freue mich jedes Mal rie­sig, wenn ich an der Gestal­tung eines Pro­the­sen­co­vers gemein­sam mit den Kol­le­gen von Mecu­ris arbei­ten kann. Mitt­ler­wei­le habe ich drei Cover: fürs Baden, für den All­tag und für Gala-Auf­trit­te. Wenn Sie sich für Bade­lat­schen oder High Heels ent­schei­den, wäh­le ich zwi­schen mei­nem tür­kis-schwar­zen Cover für mei­ne Bade­pro­the­se, mei­nem schwar­zen All­tags­co­ver oder mei­nem wei­ßen Gala-Cover für den Auf­tritt auf dem roten Tep­pich. Damit bringt mir die Pro­the­se nicht nur die Bewe­gungs­frei­heit für das Frei­bad oder den roten Tep­pich, son­dern auch Spaß, Leich­tig­keit und Selbst­be­wusst­sein.

Die­ses posi­ti­ve Lebens­ge­fühl kann ich als Mar­ken­bot­schaf­te­rin ande­ren Men­schen mit Ampu­ta­tio­nen ver­mit­teln. Gera­de frisch Ampu­tier­ten fällt es beson­ders schwer, die neue Lebens­si­tua­ti­on anzu­neh­men, wobei es für alle Ampu­tier­ten schwer ist, ein Leben lang auf eine Pro­the­se ange­wie­sen zu sein.

Pro­the­sen­co­ver fin­de ich, ent­schul­di­gen Sie den Aus­druck, gera­de­zu „geil“, weil so viel Bedeu­tung da drin­steckt: Sie sind ein State­ment, ein Schlüs­sel für die eige­ne Iden­ti­tät und die Selbst­ak­zep­tanz, die wie­der­um die Wahr­neh­mung ein­ge­schränk­ter Men­schen durch nicht ein­ge­schränk­te beein­flusst. Als in der Öffent­lich­keit ste­hen­de Frau kann ich etwas an der Wahr­neh­mung von Pro­the­sen­trä­gern ändern. Wenn ich bei­spiels­wei­se mit mei­ner Pro­the­se mit Gala-Cover über den roten Tep­pich gehe und damit ein Stig­ma durch­bre­che, sehe ich, wie sich etwas in den Köp­fen der Men­schen bewegt. Etwas schein­bar so Ein­fa­ches wie ein indi­vi­du­el­les Cover ver­än­dert Denk­pro­zes­se.

OT: Wo sehen Sie wei­te­re Poten­zia­le für die digi­ta­le Pro­the­sen­ver­sor­gung? 

Schind­ler: Die Digi­ta­li­sie­rung bie­tet zahl­rei­che Poten­zia­le für die Pro­the­sen­ver­sor­gung: Sie wird nach­hal­tig in die klas­si­schen Ortho­pä­die-Tech­nik ein­zie­hen, die­se ergän­zen, aber nicht erset­zen. Zudem macht sie den Beruf des Ortho­pä­die­tech­ni­kers noch span­nen­der, ja sogar sexy. Letz­te­res hilft sicher bei der Nach­wuchs­su­che. Digi­ta­li­sie­rung steht für Indi­vi­dua­li­sie­rung der Pro­the­sen­ver­sor­gung, heu­te kommt ja vie­les noch von der Stan­ge. Dar­über hin­aus beschleu­nigt und ver­bes­sert sie die Her­stel­lungs­pro­zes­se etwa durch Scans, sodass dem Ortho­pä­die­tech­ni­ker mehr Zeit für sei­ne Pati­en­ten bleibt. Und vier­tens: Der 3D-Druck ist noch in den Baby­schu­hen. Da kom­men jedes Jahr Inno­va­tio­nen hin­zu, die die Pro­the­sen­ver­sor­gung auch in Zukunft berei­chern wer­den. Eine davon ist aus mei­ner Sicht das Platt­form­an­ge­bot von Mecu­ris, das ja eine Brü­cke zwi­schen OT und IT – zwi­schen Ortho­pä­die­tech­ni­kern und digi­ta­lem Know-how – baut. Die digi­ta­le Tech­nik ver­bes­sert die Ortho­pä­die-Tech­nik und das Feed­back der Hand­wer­ker ver­bes­sert die Platt­form. Ich erhof­fe mir vor allem noch mehr Indi­vi­dua­li­tät durch die 3D-Fer­ti­gung zum Bei­spiel, dass ich bald mit mei­ner All­tags­pro­the­se auch baden gehen kann oder dass sich mehr Men­schen eine Pro­the­se für den Brei­ten­sport leis­ten kön­nen, damit sie wie­der oder über­haupt erst den Sport für sich ent­de­cken. Damit könn­te man auch Fol­ge­schä­den wie Rücken­schmer­zen für Pro­the­sen­trä­ger ver­min­dern.

OT: Wel­che Rol­le spielt der Sport in Ihrem Pro­zess zur Selbst­ak­zep­tanz?

Schind­ler: Ganz klar war für mich der Sport ein Wen­de­punkt in mei­nem Leben. Unter den gera­de erwähn­ten Rücken­schmer­zen habe ich als unsport­li­ches Kind und Jugend­li­che sehr gelit­ten. Mit dem Sport etwa durch den Auf­bau einer guten Grund­mus­ku­la­tur kann man sol­che Fol­ge­er­schei­nun­gen aus­glei­chen, stärkt damit den Kör­per und natür­lich das Selbst­be­wusst­sein. Eine Grund­sport­lich­keit ist auch hilf­reich, wenn man wie­der mal eine Ent­zün­dung hat und für eine gewis­se Zeit auf den Roll­stuhl ange­wie­sen ist. Es ist eben nicht immer kin­der­leicht, eine Ampu­ta­ti­on zu haben.

Den­noch muss man nicht wie ich gleich „am Rad dre­hen“. Aber die Erfol­ge im Rad­renn­sport haben mich natür­lich bestärkt – ich bin viel selbst­si­che­rer und ent­spann­ter. Daher konn­te ich eben auch vie­le Jah­re bewusst auf kos­me­ti­sche Pro­the­sen ver­zich­ten. Das war ein län­ge­rer, aber natür­li­cher und gera­de­zu befrei­en­der Pro­zess, den ich dem Sport zu ver­dan­ken habe. Als Mensch mit einem Han­di­cap steckt man schnell in der Schub­la­de „das kann ich nicht mehr“. Auch ande­re ver­mit­teln einem die Bot­schaft „das kannst du nicht mehr“. Mit dem Leis­tungs­sport kann ich mir sagen „das kann ich“ und ich kann mein Lebens­ge­fühl, mei­ne Men­ta­li­tät wei­ter­ge­ben, indem ich die Bot­schaft sen­de „du kannst das“. Die­ser Spi­rit hilft mir in den weni­ger guten Momen­ten mei­nes Lebens, aber auch Men­schen, die noch nicht so weit auf dem Weg der Selbst­ak­zep­tanz sind.

OT: Was bedeu­tet die Coro­na-Pan­de­mie für ihre Zukunfts­plä­ne als Sport­le­rin?

Schind­ler: Der Coro­na­vi­rus SARS CoV-2hat auch mein Leben ganz schön durch­ein­an­der­ge­bracht. Eigent­lich hät­te in die­sem Som­mer mei­ne drit­te Paralym­pics-Teil­nah­me auf dem Pro­gramm gestan­den. Nun sind die Spie­le in Tokio auf 2021 ver­scho­ben. Das ist auch gut so: Ange­sichts des Kamp­fes gegen die welt­wei­te Pan­de­mie gibt es wich­ti­ge­res als olym­pi­sche oder paralym­pi­sche Spie­le. Ich bin sehr dank­bar, dass ich gesund bin. Nach­dem ich die letz­ten neun Jah­re aus dem Kof­fer gelebt habe, kann ich sogar mei­nen ers­ten Som­mer zu Hau­se ein wenig genie­ßen, auch wenn ich mir dafür ande­re Umstän­de gewünscht hät­te. So nut­ze ich die Zeit für ein Reset, um zu trai­nie­ren, Kraft zu tan­ken und mehr Zeit mit Freun­den zu ver­brin­gen.

Die Fra­gen stell­te Ruth Jus­ten.

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