Wenn Sandra einen Schluck Wasser trinken möchte, hat sie zwei Möglichkeiten: sich eine geringe Menge eingießen lassen und das Glas mit beiden Händen stark zitternd zum Mund führen oder es auf dem Tisch stehen lassen und einen Strohhalm nutzen. An diesem Tag aber hat sie eine dritte Option: Sie stülpt die Schlaufe der Orthese über ihren Daumen, zieht diese am Handgelenk fest und lässt die Magnetverschlüsse zuschnellen. Was dann passiert, hat sie seit Jahrzehnten nicht erlebt: Ruhe. Ihre Hand greift das Glas, hebt es hoch und führt es zum Mund. Keine unwillkürlichen Bewegungen. Nur ein bewusstes, koordiniertes Trinken.
Die erste Anprobe glich einem Befreiungsschlag. Aufgrund eines essentiellen Tremors zittern Sandras Hände eigentlich so stark, dass ihr banale Alltagstätigkeiten schwerfallen oder gar nicht machbar sind. Mit der Orthese des niederländischen Herstellers Stil hat sie erstmals ein Hilfsmittel gefunden, das tatsächlich hilft. „Adaptiertes Besteck mit Griffverdickungen, Teller mit Randerhöhung oder rutschfesten Füßen können eine Erleichterung sein, unterdrücken aber nicht das Zittern“, hebt Tatjana Löbel, Ergotherapeutin und Medizinprodukteberaterin beim Sanitätshaus Luttermann, den entscheidenden Vorteil hervor.

Die Orthese besteht aus drei Komponenten: einem Hand- und einem Oberarmteil sowie einem Verbindungselement. Abhängig von den individuellen Maßen des Patienten stehen verschiedene Größen von S bis XL zur Verfügung. Die Orthese funktioniert rein mechanisch, also ohne elektrische Muskel- oder Nervenstimulation. Stattdessen setzt der Hersteller auf Dämpfer, die auf Höhe des Handrückens integriert sind. Diese unterdrücken das ungewollte Zittern des Handgelenks und Unterarms, lassen aber gleichzeitig gewollte Bewegungen zu. „Die Orthese ist mit 315 Gramm sehr leicht, schnell und einfach anzulegen und vor allem eins: Sie wirkt“, zeigt sich Löbel begeistert. „Das Produkt ist von A bis Z großartig durchdacht.“
Das bestätigte sich beim Testlauf mit Sandra. Essen mit einem Messer zerkleinern und mit einer Gabel aufspießen, ein Getränk einschütten, den Tisch decken oder Handtücher falten – gemeinsam spielten sie verschiedene Situationen aus dem Alltag durch – zunächst ohne und anschließend mit Orthese. Viel erklären musste Löbel nicht. Intuitiv kam Sandra mit dem Hilfsmittel zurecht. Der Vorher-Nachher-Vergleich wurde gefilmt, um auch der Krankenkasse die Wirkung vor Augen zu führen. Aktuell liegt der Kostenvoranschlag samt Videodokumentation zur Prüfung vor.

Marktlücke gefüllt
Je nach Wunsch kann die spritzwassergeschützte Orthese unter lockerer Kleidung oder darüber getragen werden. Als besonders auftragend empfindet Löbel sie nicht. „Das Umfeld schaut eher rüber, wenn sich jemand ungewöhnlich bewegt. Genau aus dem Grund meiden viele Betroffene Besuche im Restaurant“, sagt sie. Über viele Jahre konnte sie kein Hilfsmittel empfehlen, mit dem sich ihre Patienten in solchen Situationen hätten wohl fühlen können. Ess- und Trinkhilfen würden die Wahrscheinlichkeit, etwas zu verschütten oder zu kleckern, reduzieren, aber keines habe Einfluss auf die Symptome selbst. Mit der Stil-Orthese wurde für Löbel daher eine entscheidende Lücke gefüllt. „Mir ist kein vergleichbares Produkt auf dem Markt bekannt.“ Im Vordergrund steht für die Therapeutin, dass ihre Patienten Lebensqualität zurückgewinnen. Darüber hinaus denkt sie an die Prophylaxe: Bleibt das Zittern aus, werden Kompensationsbewegungen überflüssig und Sekundärschäden wird vorgebeugt.
Verbesserungsbedarf am Produkt sieht Löbel nicht, stellt aber Weiterentwicklungsmöglichkeiten in den Raum. „Vielleicht ist es machbar, auch Finger und sogar Schulter einzufassen. Das wäre natürlich ein weiterer großer Schritt.“
Pia Engelbrecht
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