Bio­nik: Der Cyborg ist nicht das Ziel

Weniger Stigmatisierung und mehr gesellschaftliche Teilhabe durch bionische Hilfsmittel? Neue Sichtweisen auf psychologische Effekte der prothetischen Versorgung jenseits rein medizinisch-technischer Aspekte eröffnet die OTWorld 2022, die vom 10. bis 13. Mai in Leipzig stattfindet. So lenkt Prof. Dr. Bertolt Meyer, Professor für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Technischen Universität (TU) Chemnitz, in seiner Keynote den Fokus auf „Digitalisierung: Chancen und Risiken für Menschen mit Beeinträchtigungen“.

Der Wis­sen­schaft­ler, selbst Trä­ger einer High­tech-Pro­the­sen­hand von Össur, ist auch in der Club­sze­ne kein Unbe­kann­ter: Mey­er pro­du­ziert elek­tro­ni­sche Musik und legt als DJ auf. Dabei kop­pelt er sei­ne Pro­the­se mit dem Syn­the­si­zer und steu­ert die Reg­ler per Mus­kel­im­puls. Im Inter­view spricht er über sei­ne For­schung zu Ste­reo­ty­pen gegen­über Nutzer:innen bio­ni­scher Pro­the­sen sowie über eige­ne Erfah­run­gen. Außer­dem erklärt der Wis­sen­schaft­ler, war­um er den Begriff Cyborg nicht mag.

OT: Herr Pro­fes­sor Mey­er, Sie sind auf der OTWorld kein Unbe­kann­ter. So waren Sie 2018 am Stand des Unter­neh­mens Össur nicht nur ein gefrag­ter Gesprächs­part­ner, son­dern haben abends zusätz­lich als DJ für Stim­mung gesorgt. Im kom­men­den Jahr wer­den Sie erst­mals als Key­notespea­ker über Ihre aktu­el­len For­schungs­ar­bei­ten zu Ste­reo­ty­pen gegen­über Träger:innen bio­ni­scher Pro­the­sen spre­chen. Was bedeu­tet das für Sie?

Ber­tolt Mey­er: Zum ers­ten Mal war ich 2010 auf der OTWorld, damals mit Touch Bio­nics (2016 von Össur über­nom­men, Anm. d. Red.). Es ist mir eine gro­ße Freu­de, dass ich jetzt die Gele­gen­heit bekom­me, im Kon­gress einen Ein­blick in unse­re psy­cho­lo­gi­sche For­schung zum The­ma Pro­the­tik und Behin­de­rung zu geben. Am Chem­nit­zer DFG-Son­der­for­schungs­be­reich Hybrid Socie­ties (DFG = Deut­sche For­schungs­ge­mein­schaft, Anm. d. Red.) unter­su­chen wir gera­de, wel­che Ste­reo­ty­pe es gegen­über Träger:innen bio­ni­scher Pro­the­sen gibt.

OT: Sie stel­len in Ihrem Key­note­vor­trag die Chan­cen und Risi­ken der Digi­ta­li­sie­rung für Men­schen mit Beein­träch­ti­gun­gen in den Mit­tel­punkt – wo lie­gen die Chancen?

Mey­er: Zu den Chan­cen gehört, dass die Digi­ta­li­sie­rung bei den Men­schen mit Beein­träch­ti­gun­gen ankommt und uns nicht nur bei pro­the­ti­schen Hilfs­mit­teln völ­lig neue Mög­lich­kei­ten eröff­net – zum Bei­spiel durch Mus­ter­er­ken­nung (Pat­tern Reco­gni­ti­on, ler­nen­de Steue­rung, die Bewegungsmuster
inter­pre­tiert, Anm. d. Red.) in der Arm- und Hand­pro­the­tik, durch digi­tal gesteu­er­te Exo­ske­let­te für Men­schen mit Quer­schnitt­läh­mung, durch Steue­rung mit­tels Blick­be­we­gungs­er­ken­nung (Eye-Tracking) für Men­schen mit mehr­fa­cher Behin­de­rung. Unse­re For­schung zeigt, dass in der neu­en Tech­nik nicht nur ein funk­tio­na­ler, son­dern eben­falls ein psy­cho­lo­gi­scher Vor­teil liegt.

OT: Wor­in besteht die­ser Vorteil?

Mey­er: Moder­ne Pro­the­sen ver­strö­men nicht mehr den Charme des Sani­täts­hau­ses der 1970er Jah­re. Mit ihrer Anmu­tung von High­tech tra­gen sie dazu bei, dass ihre Nutzer:innen von Men­schen ohne Behin­de­rung auf eine ande­re Wei­se betrach­tet wer­den. So zei­gen die Ergeb­nis­se unse­rer Stu­di­en, dass moder­ne Pro­the­sen und Hilfs­mit­tel das nach wie vor vor­han­de­ne Stig­ma einer Behin­de­rung kom­pen­sie­ren kön­nen – sowohl aus der Sicht der Träger:innen als auch aus Sicht der nicht behin­der­ten Mehr­heits­ge­sell­schaft. Die­ser psy­cho­lo­gi­sche Aspekt kommt in der bis­he­ri­gen Dis­kus­si­on über die Chan­cen neu­er Tech­no­lo­gien zu kurz, weil es immer nur um funk­tio­na­le Gesichts­punk­te geht.

OT: Sie wer­den aber eben­so über Risi­ken spre­chen – wel­che sehen Sie?

Mey­er: Dass der Dis­kurs zum Umgang mit Behin­de­rung ver­engt wird auf eine rein tech­ni­sche Debat­te – nach dem Mot­to: Es gibt kei­ne Behin­de­rung, es gibt nur schlech­te Tech­nik. So wird Behin­de­rung zu einer ledig­lich tech­no­lo­gi­schen Her­aus­for­de­rung degra­diert. Als ob sich für jede Beein­träch­ti­gung eine tech­ni­sche Lösung fin­den lässt, die sie dann voll­stän­dig kom­pen­siert. Tech­nik ändert aber nichts am Stig­ma, an Dis­kri­mi­nie­run­gen und Vor­ur­tei­len, denen Men­schen mit Beein­träch­ti­gun­gen im All­tag begeg­nen. Sie nimmt die nicht behin­der­te Mehr­heit nicht aus der Pflicht, die Umwelt bar­rie­re­frei zu gestal­ten, auf Men­schen mit Behin­de­rung ohne Vor­ur­tei­le zuzu­ge­hen, inklu­si­ve Schu­len zu ermög­li­chen, eine inklu­si­ve Gesell­schaft zu schaf­fen. Betrach­tet man alles nur tech­nisch, blei­ben die gesell­schaft­li­chen Über­le­gun­gen dar­über auf der Stre­cke, was die nicht behin­der­te Mehr­heit tun muss, um für die bes­se­re Inte­gra­ti­on der schon behin­der­ten Men­schen zu sor­gen. Zudem wer­den nicht alle Betrof­fe­nen von den Kran­ken­kas­sen mit moder­nen Ver­sor­gun­gen aus­ge­stat­tet – da sind oft Kämp­fe auszufechten.

OT: Was mei­nen Sie mit „schon behindert“?

Mey­er: „Schon behin­dert“ des­halb, weil eine bar­rie­re­freie Umwelt allen zugu­te­kommt. Den­je­ni­gen, die viel­leicht in Zukunft, im Alter behin­dert sein wer­den, aber genau­so den Eltern mit Kin­der­wa­gen oder bei tem­po­rä­rer Beein­träch­ti­gung auf­grund einer Erkrankung.

OT: Sie spre­chen von Stig­ma­ta und Ste­reo­ty­pen, von denen Men­schen mit Behin­de­rung betrof­fen sind. Wel­che sind das?

Mey­er: Aus sozi­al­psy­cho­lo­gi­scher Sicht domi­niert das pater­na­lis­ti­sche Ste­reo­typ: Men­schen mit einer kör­per­li­chen Behin­de­rung wer­den eher gute Absich­ten unter­stellt sowie eine gerin­ge Kom­pe­tenz. Man glaubt, sie sei­en nett und könn­ten vie­les nicht so gut. Die­se Vor­an­nah­men beein­flus­sen, wie man sich gegen­über Men­schen mit Behin­de­rung ver­hält und was man emp­fin­det. Ten­den­zi­ell ist die Emp­fin­dung Mit­leid, das dar­aus resul­tie­ren­de Ver­hal­ten ist Hel­fen, Unter­stüt­zen. Das ist gut gemeint, impli­ziert aber ein Ver­hält­nis von oben nach unten und drückt aus: Man hält das Gegen­über für weni­ger kom­pe­tent als sich selbst. Ähn­lich pater­na­lis­tisch ist das Ver­hält­nis gegen­über alten Men­schen, denen oft weni­ger Kom­pe­tenz zuge­bil­ligt wird und die ent­spre­chend von oben her­ab behan­delt werden.

OT: Erle­ben Sie das selbst nach wie vor?

Mey­er: Neu­lich waren wir mit den Schwie­ger­el­tern essen, saßen zu viert am Tisch. Der Kell­ner brach­te vier Tel­ler. Nur auf mei­nem war das Fleisch zer­schnit­ten, auf den ande­ren nicht. Der mein­te das nett, für mich war es eine Unver­schämt­heit. Das zeigt die Dis­kre­panz, die ich erle­be – wie ich mich sehe und wie mich die Gesell­schaft sieht. Dar­über defi­niert sich der gesell­schaft­li­che Sta­tus. Hoher Sta­tus bedeu­tet viel Kom­pe­tenz. Men­schen mit Behin­de­rung wird weni­ger Sta­tus, weni­ger Kom­pe­tenz zuge­schrie­ben. Durch eine Behand­lung von oben her­ab zeigt die Gesell­schaft, wo man hin­ge­hört. Der eige­ne Kör­per wird in den Augen der ande­ren als defi­zi­tär wahr­ge­nom­men, was Scham erzeu­gen kann. Also, wer beim Anblick eines Men­schen mit einer Beein­träch­ti­gung einen mit­lei­di­gen Impuls ver­spürt, hel­fen möch­te, soll­te inne­hal­ten und che­cken, ob die Per­son tat­säch­lich Hil­fe benö­tigt – wenn es so scheint, dann trotz­dem vor­her fra­gen. Das gilt genau­so für Mitarbeiter:innen im Sani­täts­haus. Kein Ver­hal­ten von oben her­ab! Gera­de wenn Men­schen mit Assis­tenz unter­wegs sind, wird oft die Begleit­per­son ange­spro­chen – man traut also dem Men­schen im Roll­stuhl nicht zu, ein Gespräch zu führen.

OT: Wor­auf ach­ten Sie vor die­sem Hin­ter­grund bei der Aus­wahl Ihres Sani­täts­hau­ses, Ihrer Orthopädietechniker:in?

Mey­er: Ich möch­te nicht als Pati­ent, son­dern als Kun­de behan­delt und ange­spro­chen wer­den. Ich bin ein Kun­de, der über die Mög­lich­keit einer pro­the­ti­schen Ver­sor­gung einen gro­ßen Auf­trag in das Sani­täts­haus bringt – allein ein neu­er Pro­the­sen­schaft kos­tet mehr als 15.000 Euro, da ist die Hand noch gar nicht dabei. Ich bin mit einem kom­ple­xen Hig­hend-Pro­dukt ver­sorgt. Da lege ich Wert auf Top-Leu­te auf dem neu­es­ten Stand und ent­spre­chen­de Zer­ti­fi­zie­run­gen. Ich möch­te die bes­te Lösung, und nicht von unkrea­ti­ven Men­schen abge­speist wer­den. In den letz­ten zehn Jah­ren habe ich dies­be­züg­lich eine deut­li­che Pro­fes­sio­na­li­sie­rung fest­ge­stellt. Mei­ne jet­zi­ge Ortho­pä­die­tech­ni­ke­rin bei­spiels­wei­se ver­bin­det tech­ni­schen Sach­ver­stand auf der Höhe der Zeit, Ein­füh­lungs­ver­mö­gen und Krea­ti­vi­tät. Nicht zuletzt ist das Inter­net ein Segen! Ich kann mich her­stel­ler­un­ab­hän­gig infor­mie­ren und vor allem ver­net­zen. Das erle­be ich als Befreiung.

OT: Sie unter­su­chen aktu­ell die Ste­reo­ty­pe in Ver­bin­dung mit Träger:innen bio­ni­scher Pro­the­sen. Ändern sich gesell­schaft­li­che Ein­stel­lun­gen, je mehr High­tech bei der Ver­sor­gung ins Spiel kommt?

Mey­er: Das kann ich noch nicht sagen. Die Inter­views mit zehn Profi-Anwender:innen wer­den gera­de aus­ge­wer­tet. Sie spre­chen dar­über, was ihnen ihre Pro­the­se psy­cho­lo­gisch bedeu­tet und wie ande­re Men­schen mit ihnen umge­hen, seit sie eine bio­ni­sche Pro­the­se tra­gen. Dar­aus ent­steht eine Dok­tor­ar­beit, die ich betreue. Pate gestan­den hat die Ver­öf­fent­li­chung „Dis­ab­led or Cyborg?“, deren Mit­au­tor ich war und die 2018 in „Fron­tiers in Psy­cho­lo­gy“ erschie­nen ist. Dar­in konn­ten wir zei­gen, dass bio­ni­sche Pro­the­sen aus Sicht nicht behin­der­ter Men­schen in der Lage waren, das mit der Kör­per­be­hin­de­rung ver­bun­de­ne Stig­ma fast völ­lig aus­zu­glei­chen. Die Träger:innen wur­den als fast genau­so kom­pe­tent betrach­tet. An der TU Chem­nitz gehen wir aber noch einen wei­te­ren expe­ri­men­tel­len Weg: Wir bau­en ein vir­tu­el­les Unter­su­chungs­la­bor auf, in dem sich der Kör­per mit Hil­fe eines Vir­tu­al-Rea­li­ty-Helms in Echt­zeit ver­än­dern und ein Kör­per­teil zum Bei­spiel durch eine Pro­the­se erset­zen lässt. Wir möch­ten erkun­den, wie sich die Selbst­wahr­neh­mung durch Pro­the­sen ver­schie­de­ner Mate­ria­li­en ver­än­dert und wel­che psy­cho­lo­gi­schen Pro­zes­se ange­sto­ßen wer­den. Wir wol­len her­aus­fin­den, wel­che Wir­kun­gen ver­schie­de­ne Pro­the­sen­de­signs erzeu­gen. Im Herbst sol­len ers­te Daten erho­ben werden.

OT: Im Zusam­men­hang mit moder­nen Hilfs­mit­teln taucht der Begriff des Cyborgs immer wie­der auf. Sind Cyborgs das Ziel?

Mey­er: Den Begriff und die teils pop­kul­tu­rel­len Dis­kur­se dar­um hal­te ich aus psy­cho­lo­gi­scher Sicht für pro­ble­ma­tisch. Cyborg – das wirkt gefähr­lich und kalt. Wenn ich das der­zei­ti­ge Zerr­bild des Men­schen mit Behin­de­rung durch das Zerr­bild des Cyborgs erset­ze, ist für eine inklu­si­ve Gesell­schaft aus mei­ner Sicht nichts gewon­nen. Der Cyborg wird als Bedro­hung wahr­ge­nom­men, sogar von „Tech­no-Doping“ als Schum­me­lei oder sogar Betrug im Sport ist die Rede. Über­dies redu­ziert der Begriff Cyborg das The­ma Behin­de­rung eben­falls auf ein tech­ni­sches Pro­blem. Wir müs­sen auf­pas­sen, dass für behin­der­te Men­schen kein Zwang zur tech­no­lo­gi­schen Opti­mie­rung und Anpas­sung ent­steht. Denn das ist kei­ne Inklusion.

Die Fra­gen stell­te Cath­rin Günzel.

Prof. Dr. Ber­tolt Meyer
ist seit 2014 Pro­fes­sor für Orga­ni­sa­ti­ons- und Wirt­schafts­psy­cho­lo­gie an der TU Chem­nitz (seit 2019: Arbeits‑, Orga­ni­sa­ti­ons- und Wirt­schafts­psy­cho­lo­gie). Er forscht unter ande­rem zu Diver­si­tät und Ste­reo­ty­pen, Digi­ta­li­sie­rung und gesell­schaft­li­chen Fol­gen der Ver­schmel­zung von Mensch und Tech­nik sowie psy­chi­scher Gesund­heit in der Arbeits­welt. Am DFG-Son­der­for­schungs­be­reich „Hybri­de Gesell­schaf­ten“ (Hybrid Socie­ties) ist er an einem For­schungs­pro­jekt zu Ste­reo­ty­pen gegen­über Träger:innen bio­ni­scher Pro­the­sen betei­ligt. Mey­er wur­de auf­grund einer Dys­me­lie ohne lin­ken Unter­arm gebo­ren. Er trägt die bio­ni­sche Pro­the­sen­hand I‑Limb Quan­tum HD von Össur. 
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