„Kannst du mir noch eine Geschichte vorlesen?“ Diese Frage kennen Eltern nur zu gut. In vielen Familien ist die „Gute-Nacht-Geschichte“ ein festes Ritual. Gestern noch begleiteten sie einen Müllwerker bei seinen Fahrten durch die Straßen. Heute verfolgen sie einen verzweifelten Hund auf dem Weg zurück nach Hause. Und morgen? Da können sie bald gemeinsam der Geschichte eines Mädchens lauschen, das sich beim Fußballspielen verletzt und versorgt werden muss. Mit „Hanna und die Orthopädie-Technik“ erhalten Orthesen und Prothesen, Techniker und Sanitätshausfachangestellte sowie Gipsabdrücke und Scans Einzug in die Kinderzimmer. Und das in einem der wohl bekanntesten Formate: dem 10 mal 10 Zentimeter großen 24-seitigen Pixi-Buch.
Für den Bundesinnungsverband für Orthopädie-Technik (BIV-OT) war die Entwicklung des Buches ein Herzensprojekt, die zwischenzeitlich immer wieder einer Achterbahnfahrt glich. Denn über ein Kinderbuch auf die Hilfsmittelbranche aufmerksam zu machen und potenzielle Nachwuchskräfte zu begeistern, war für alle Beteiligten ein bislang ungewohnter Weg. Mit großem Engagement nahmen sich drei Vertreter der Branche der Aufgabe an und begleiteten den gesamten Prozess: Markus Eberlein, Geschäftsführer der Landesinnung für Orthopädie-Technik Baden-Württemberg, Lars Jäger, Geschäftsführer Orthovital und Mitglied des Vorstands des BIV-OT, sowie Armin Zepf, Geschäftsführer Häussler Technische Orthopädie. „Das Buch ist ein kleiner, aber nicht zu unterschätzender Baustein, den Beruf des Orthopädietechnikers bekannt zu machen“, ist Eberlein überzeugt. Und: Es hat das Potenzial, gleich mehrere Generationen abzuholen: „Ich hoffe, dass die Geschichte von Hanna nicht nur bei Kindern etwas bewirkt, sondern auch bei den Vorlesenden.“ Der Vater hat vielleicht schon mal eine Bandage gebraucht, die Oma nutzt einen Rollator. Aber was leistet ein Sanitätshaus eigentlich noch? Und was passiert in einer OT-Werkstatt? Das Buch soll einen Gesamtüberblick bieten und Zusammenhänge herstellen, wo bislang noch Wissens- und Verständnislücken klafften. „Wir wollen ebenso zeigen, was den für uns schönsten Beruf der Welt ausmacht – und das ist vor allem Sinnhaftigkeit. Es geht darum, Menschen Lebensqualität und Mobilität zurückzugeben“, sagt Jäger. Gleichzeitig steckt darin ein Signal an die Politik: Das OT-Handwerk ist ein unverzichtbarer Pfeiler des Gesundheitssystems, das dringend mehr Aufmerksamkeit und Förderung benötigt.
Komplexe Inhalte einfach darstellen
Auf nur 24 Seiten eine komplexe Branche kurz und kindgerecht, leicht verständlich und interessant, mit vielen unterschiedlichen Versorgungsbereichen sowie Fertigungsmethoden, aber nur mit wenigen Fachbegriffen abzubilden, war eine – wenn nicht sogar die größte – Herausforderung bei der Erstellung des Buches. „Worauf begrenzen wir uns?“ war daher eine viel diskutierte Frage in der Expertenrunde. Der gemeinsame Konsens: „Im Fokus steht unsere Kernkompetenz: die individuelle Fertigung von Hilfsmitteln“, fasst es Zepf zusammen und muss dabei lächelnd zugeben: „Jeder hat aber natürlich andere Schwerpunkte. Das war mitunter auch ein Wettbewerb der Idealisten.“ Während sich Eberlein auf die Konzeption konzentrierte und stets die Verbandssicht im Blick hatte, steuerten Jäger und Zepf als gelernte Orthopädietechnik-Meister die notwendige fachliche Expertise bei. Der Anspruch war es, dass sich möglichst viele Mitgliedsbetriebe in der Geschichte wiederfinden, die große Bandbreite an Hilfsmitteln berücksichtigt und eine Balance zwischen klassischem Handwerk und modernen Fertigungsmethoden gefunden wird. Zudem sollten die beiden zentralen Begriffe „Orthopädie-Technik“ und „Sanitätshaus“ transportiert werden.
Sowohl das klassische Handwerk als auch moderne Fertigungsmethoden werden innerhalb der Geschichte berücksichtigt: Während Hanna für ihr Fußgelenk eine konfektionierte Orthese erhält, wird die Orthese für ihr Handgelenk digital erstellt. Grafik: Carlsen Verlag
Entstanden ist daraus folgende Geschichte: Im Mittelpunkt steht die junge Hanna. Sie verletzt sich beim Fußballspielen am Sprunggelenk und an der Hand und erhält daraufhin von Orthopädietechnikerin Barbara passende Hilfsmittel: eine konfektionierte Fußorthese und eine individuell und digital gefertigte Handorthese. Neugierig, wie sie ist, lässt sie sich alle Schritte erklären, schaut zum Beispiel dabei zu, wie eine Orthese im 3D-Drucker Schicht für Schicht Form annimmt. Im Verlauf der Geschichte trifft das Mädchen im Sanitätshaus auf Luca, der eine Unterschenkelprothese erhält, auf ihre Nachbarin Frau Sturm, die mit Kompressionsstrümpfen versorgt wird, sowie bei der finalen Anprobe auf Oskar, der eine Ausbildung zum Orthopädietechniker macht. Am Ende steht Hanna gut versorgt am Spielfeldrand des Fußballplatzes und hat nach all den Erlebnissen einen klaren Berufswunsch vor Augen.
Damit stand der Inhalt der Geschichte fest. Fertig war das Buch aber noch lange nicht. Die Diskussionen gingen ab dem ersten Entwurf der Illustratorin weiter. Und bekanntlich steckt der Fehler im Detail. Besonders für die beiden OTM Armin Zepf und Lars Jäger hieß das: Ganz genau hinschauen, jede Abbildung hinterfragen, aber auch abwägen, wann der fachliche Anspruch zugunsten einer kindgerechten Darstellung zurücktreten muss. Hier machte sich Teamwork besonders bezahlt: Wer zu tief in die Fachwelt zu versinken drohte, dem setzte sein Gegenüber kurzerhand die „Kinder-Brille“ auf – und direkt wechselte die Perspektive.
Premiere auf der OTWorld
„Hanna und die Orthopädie-Technik“ wird erstmals auf der OTWorld 2026 in Leipzig vorgestellt. Das Buch ist nicht im Handel erhältlich, sondern wird über den BIV-OT sowie alle 14 Landesinnungen an die einzelnen Mitgliedsbetriebe verteilt. Diese können die Exemplare als besonderes Präsent an ihre Kunden weitergeben. „Ich würde gerne Mäuschen spielen“, gibt Zepf zu, „erfahren, was in den Kinderzimmern für Fragen und Diskussionen entstehen.“ Auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen berücksichtigt werden: „Die sind mit Sicherheit genauso stolz darauf, sagen zu können: Das sind wir!“, ist sich Jäger sicher. Eberlein hofft, dass das Buch beim ersten und erneuten Lesen gleichermaßen begeistert und dass in vielen Kinderzimmern bald nicht nur der Wunsch nach „irgendeinem“ Buch laut wird, sondern die Frage: „Kannst du mir noch mal die Geschichte von Hanna vorlesen?“
Pia Engelbrecht
- Fachkräfteoffensive im Kinderzimmer — 28. April 2026
- Ein Spiegel der Entwicklung — 28. April 2026
- Digitale Prozesse im Betrieb integrieren — 27. April 2026



