Eva­lua­ti­on des Wir­kungs­grads modu­la­rer Sprung­ge­lenk­or­the­sen im Hin­blick auf die Limi­tie­rung von Talusvorschubbewegungen

T. Lösing
Die posttraumatische Stabilisierung des Sprunggelenkkomplexes durch Orthesen ist eine gängige Versorgungsvariante in der Orthopädie. In dieser Arbeit wird ein neues Orthesenkonzept vorgestellt, das dahingehend optimiert ist, Talusvorschubbewegungen zu limitieren. Dieses neue Konzept wird in einem experimentellen Aufbau mit bestehenden Versorgungen verglichen. Resultierend kann festgestellt werden, dass es gelungen ist, eine Orthese zu entwickeln, die pathologische Bewegungen des Talus nach anterior signifikant stärker limitiert als marktübliche vergleichbare Orthesen.

Ein­lei­tung

Zur Reha­bi­li­ta­ti­on nach Sprung­ge­lenk­ver­let­zun­gen wer­den häu­fig ortho­pä­di­sche Hilfs­mit­tel in Form von Orthe­sen ein­ge­setzt. Deren Auf­ga­be ist die Sta­bi­li­sie­rung des geschä­dig­ten Sprung­ge­lenk­kom­ple­xes. Zum Ein­fluss von Sprung­ge­lenk­or­the­sen auf auf­tre­ten­de Falsch­be­we­gun­gen im geschä­dig­ten obe­ren Sprung­ge­lenk gibt es jedoch nur wenig Lite­ra­tur­nach­wei­se. Im fol­gen­den Bei­trag wird ein neu­es Kon­zept zur Sta­bi­li­sie­rung des Sprung­ge­lenk­kom­ple­xes vor­ge­stellt und mit bestehen­den Sprung­ge­lenk­or­the­sen verglichen.

Pro­ble­ma­tik Talusvorschub

Die Dis­tor­si­ons­ver­let­zung des Sprung­ge­lenks ist mit einem Wert von unge­fähr 30 % die häu­figs­te Sport­ver­let­zung in Deutsch­land 1. Dabei wer­den in über 85 % der Fäl­le Rup­tu­ren des Liga­men­tum fibu­lo­tala­re ante­rius fest­ge­stellt; das Liga­men­tum fibu­lo­cal­ca­nea­re ist zu 50 bis 75 % und das Liga­men­tum fibu­lo­tala­re pos­te­ri­us zu weni­ger als 10 % mit­be­trof­fen  2 3 4. Zudem ist bei unge­fähr 10 % der Fäl­le das Syn­des­mo­se­band ver­letzt 5 6 7 8.

Die Bän­der im Knö­chel­be­reich haben die Auf­ga­be, die knö­cher­nen Gelenk­part­ner unter einer gewis­sen Vor­span­nung zusam­men­zu­hal­ten. Durch Ver­let­zun­gen die­ser Bän­der nimmt die Vor­span­nung ab; im schlimms­ten Fall ver­lie­ren Tibia und Fibu­la ihren direk­ten Kon­takt zuein­an­der. Das Ergeb­nis einer sol­chen Insta­bi­li­tät besteht dar­in, dass der Talus nicht mehr fest von der Mal­leo­len­ga­bel geführt wird; die mög­li­chen Bewe­gun­gen beschrän­ken sich nicht mehr rein auf das phy­sio­lo­gi­sche Bewe­gungs­aus­maß inner­halb der mono­zen­trisch ange­nom­me­nen Gelenk­ach­se. Durch die häu­fig auf­tre­ten­de Rup­tur des Liga­men­tum talo­fi­bu­la­re ante­rius ent­steht eine Ver­schieb­bar­keit des Talus im Ver­hält­nis zur Mal­leo­len­ga­bel. Die­ses Phä­no­men wird als „Talus­vor­schub“ bezeich­net, da sich der Talus nun nach ante­rior aus der Mal­leo­len­ga­bel her­aus­zie­hen lässt (Abb. 1).

Eine nicht kor­rekt behan­del­te Außen­band­ver­let­zung kann eine chro­ni­sche Insta­bi­li­tät nach sich zie­hen 9, wel­che die mess­ba­ren Para­me­ter des mensch­li­chen Gan­ges signi­fi­kant beein­flusst. Pati­en­ten mit chro­ni­scher Insta­bi­li­tät im Sprung­ge­lenk zei­gen eine redu­zier­te Geh­ge­schwin­dig­keit, Schritt­län­ge und Ein­bein­stand­pha­se. Gleich­zei­tig bean­spru­chen die­se Pati­en­ten eine ver­grö­ßer­te Boden­un­ter­stüt­zungs­flä­che wäh­rend des Gehens 10.  Wei­ter­hin ist ein Vor­scha­den auf­grund einer vor­he­ri­gen Ver­let­zung der Außen­bän­der der größ­te Risi­ko­fak­tor für eine erneu­te Ver­let­zung 11 12 13 14. Eine ver­än­der­te Gelenk­me­cha­nik wäh­rend des Hei­lungs­pro­zes­ses kann zu einer Hei­lung des Ban­des in ver­län­ger­tem Zustand füh­ren. Wei­ter­hin kön­nen hier­durch über­mä­ßig wir­ken­de Kräf­te auf das hei­len­de Band sowie ein chro­ni­scher Bewe­gungs­ver­lust auf­tre­ten. Folg­lich kommt es bei etwa 10 bis 40 % der akut Ver­letz­ten zur Aus­bil­dung einer chro­ni­schen Sprung­ge­lenk­in­sta­bi­li­tät 15 16 17 18 19 20 21.

Zur Ver­mei­dung die­ser Fol­ge­schä­den ist es ent­schei­dend, mög­lichst phy­sio­lo­gi­sche Bedin­gun­gen wäh­rend der Hei­lung im Sprung­ge­lenk­kom­plex zu erzeu­gen. Dazu zählt auch die Limi­tie­rung von Talusvorschubbewegungen.

Ent­wick­lungs­kon­zept

Bei bis­her ver­füg­ba­ren Sprung­ge­lenk­or­the­sen zur Reha­bi­li­ta­ti­on nach Sprung­ge­lenk­dis­tor­si­on sind die Ver­stär­kungs­ele­men­te meist medi­al und late­ral über den Mal­leo­len ange­ord­net und über­brü­cken somit das obe­re Sprung­ge­lenk (OSG). Im Hin­blick auf den Talus­vor­schub lie­gen die Ver­stär­kun­gen also nicht in der Ebe­ne, in der sich der Talus ver­schiebt. Der Ein­griff in die­se Bewe­gungs­ebe­ne des Talus erfolgt durch die tex­ti­len Antei­le der Orthe­se. Daher wird die Bewe­gungs­ein­schrän­kung des Talus nur indi­rekt über die tex­ti­len Struk­tu­ren erzeugt, die an den Sta­bi­li­sie­rungs­ele­men­ten als Fix­punkt befes­tigt sind.

In einem For­schungs­pro­jekt der Tig­ges-Zours GmbH (Hat­tin­gen, Deutsch­land) wur­de ein neu­ar­ti­ges Orthe­sen­kon­zept mit Mobi­li­sie­rungs­funk­ti­on ent­wi­ckelt, das in der ers­ten Stu­fe dar­auf aus­ge­rich­tet ist, Talus­vor­schub­be­we­gun­gen in beson­ders hohem Maß zu limi­tie­ren. Für die zwei­te The­ra­pie­stu­fe wer­den die aus Feder­stahl­draht gefer­tig­ten Ver­stär­kungs­ele­men­te ent­fernt und somit kon­trol­lier­te Bewe­gun­gen frei­ge­ge­ben. Die drit­te Stu­fe wird durch das Able­gen des Sta­bi­li­sie­rungs­gurts ein­ge­lei­tet und zielt dar­auf ab, das Gelenk an nor­ma­le Belas­tun­gen her­an­zu­füh­ren. Die­ses Kon­zept ermög­licht eine the­ra­pie­ge­rech­te Ver­sor­gung wäh­rend der Entzündungs‑, der Pro­li­fe­ra­ti­ons- sowie der Remo­du­la­ti­ons­pha­se der Bandheilung.

Die Beson­der­heit der Sprung­ge­lenk­or­the­se „Tig­ges Mal­le­o­Set“ (Abb. 2) besteht in der ers­ten Stu­fe in der Posi­tio­nie­rung der ein­ge­ar­bei­te­ten Ver­stär­kungs­ele­men­te: Bei der Orthe­se lie­gen die Ver­stär­kun­gen ante­rior und pos­te­ri­or des Knö­chels; sie ragen also etwas in die ante­rior-pos­te­rio­re Bewe­gungs­ebe­ne des Talus hin­ein und kön­nen dort ent­ste­hen­de Kräf­te direkt auf­neh­men (Abb. 3). Dar­über hin­aus ver­stärkt das unelas­ti­sche Tex­til­ma­te­ri­al, das den Unter­schen­kel sowie den Mit­tel­fuß zir­ku­lär umfasst, die Wir­kung zur Ein­gren­zung des Talusvorschubs.

Folg­lich wird eine bewe­gungs­ar­me Ver­bin­dung zwi­schen den bei­den Gelenk­part­nern geschaf­fen. Zur Prü­fung der Wirk­sam­keit des neu­ar­ti­gen Orthe­sen­kon­zepts erfolg­te eine expe­ri­men­tel­le Stu­die. Die­se unter­such­te die Fra­ge­stel­lung, ob die Sprung­ge­lenk­or­the­se „Tig­ges Mal­le­o­Set“ auf­tre­ten­de Talus­vor­schub­be­we­gun­gen wir­kungs­vol­ler limi­tie­ren kann als ver­gleich­ba­re Orthesen.

Mate­ri­al und Methoden

Test­ap­pa­ra­tur

Um die exter­ne Sta­bi­li­sie­rungs­wir­kung von Sprung­ge­lenk­or­the­sen gegen eine Bewe­gung des Talus nach ante­rior zu ermit­teln, wur­de eine Test­ap­pa­ra­tur (Abb. 4) erstellt. Die­se ist als modell­haf­te Nach­bil­dung des mensch­li­chen Unter­schen­kel-Fuß-Kom­ple­xes zu ver­ste­hen. Die Kon­struk­ti­on rich­tet sich nach den­je­ni­gen Struk­tu­ren und Funk­tio­nen, die für eine Talus­vor­schub­be­we­gung rele­vant sind.

Der Ver­suchs­auf­bau ermög­licht die Ein­lei­tung einer ein­heit­li­chen Talus­vor­schub­kraft und die Mes­sung der hier­bei ent­ste­hen­den Aus­len­kung des Talus. Die Ver­bin­dung des Unter­schen­kels mit dem Fuß zur Abbil­dung des Talus­vor­schubs wird durch eine mono­zen­tri­sche Gelenk­an­ord­nung im Bereich des Unter­schen­kels gelöst. Dadurch ent­steht eine sehr rea­lis­ti­sche Gleit­be­we­gung im Bereich des Gelenk­spalts. Der Win­kel des obe­ren Sprung­ge­lenks der Test­ap­pa­ra­tur im unbe­las­te­ten Zustand wird durch die Orthe­sen bestimmt; die­se geben die Neu­tral-Null-Stel­lung zwi­schen Unter­schen­kel und Fuß vor. Dem­nach hat die Test­ap­pa­ra­tur im unbe­las­te­ten Zustand eine OSG-Stel­lung von 0° bei einem Talus­vor­schub von 0 mm. Die Appa­ra­tur ermög­licht einen maxi­ma­len Talus­vor­schub von 16 mm. Bei die­sem Wert ergibt sich durch die Achs­an­ord­nung eine Dor­sal­fle­xi­ons­stel­lung von unge­fähr 12° im OSG. Im unte­ren Sprung­ge­lenk dage­gen bleibt die Neu­tral-Null-Stel­lung, die in der Sta­tik auf­tritt, bei Bewe­gung des Test­ge­räts unverändert.

Um die Haut des mensch­li­chen Kör­pers nach­zu­bil­den und ein Ver­rut­schen der Orthe­sen zu ver­mei­den, wur­de das Test­ge­rät im äuße­ren Bereich weich gestal­tet. Dar­un­ter wur­de die Form von Fuß und Unter­schen­kel mög­lichst starr und unnach­gie­big kon­stru­iert, um die knö­cher­nen Struk­tu­ren nach­zu­bil­den. Auf einer stei­fen Grund­kon­struk­ti­on aus ortho­pä­die­tech­ni­schem Hart­schaum wur­de die Haut mit­tels 2 mm star­ken Pols­ter­ma­te­ri­als nach­ge­bil­det. Die­ses wies eine Shore-A-Här­te von unge­fähr 30 auf.

Mess­ver­fah­ren

In der Test­ap­pa­ra­tur wird eine Talus­vor­schub­kraft über ein Stahl­seil gene­riert, das über eine rei­bungs­ar­me und orts­sta­bi­le Umlenk­rol­le läuft. Dadurch bleibt die Rich­tung der ein­wir­ken­den Kraft in allen Mess­si­tua­tio­nen gleich. Die auf­zu­brin­gen­de Kraft wird über eine Seil­win­de mit Sperr­klin­ken erzeugt. Die­se ermög­licht es, die Kraft schritt­wei­se zu erhö­hen. Wei­ter­hin sorgt ein zwi­schen­ge­schal­te­tes Kraft­mess­ge­rät in Form einer Feder­waa­ge dafür, dass stets die­sel­be Kraft bei allen Mes­sun­gen ver­wen­det wird.

Das Mess­ergeb­nis wird in Form der Stre­cken­aus­len­kung zwi­schen Fuß und Unter­schen­kel auf Höhe des Gelenks­spalts des OSG erfasst. Der zu ermit­teln­de Wert wird über einen digi­ta­len Mess­schie­ber auf­ge­nom­men. Mit Hil­fe einer bio­me­cha­ni­schen Model­lie­rung wird ein rea­lis­ti­scher Wert für die maxi­ma­le Kraft berech­net, die beim ebe­nen Gang in Rich­tung eines Talus­vor­schubs wirkt. Die­ser Wert liegt bei 145 Newton.

Orthe­sen

Da es sich bei dem Modell „Tig­ges Mal­le­o­Set“ um eine modu­la­re Sprung­ge­lenk­or­the­se han­delt, wer­den für die­se Unter­su­chung ver­gleich­ba­re Orthe­sen genutzt. Die­se sind im Hilfs­mit­tel­ver­zeich­nis des GKV-Spit­zen­ver­ban­des in der Pro­dukt­art 23.02.04.0 „Sprung­ge­lenk­or­the­sen zur Mobi­li­sie­rung in defi­nier­ter Posi­ti­on, abrüst­bar“ auf­ge­lis­tet. Es wer­den alle 11 Orthe­sen getes­tet, die zum 1. Juni 2020 inner­halb die­ser Pro­dukt­art genannt wer­den. Die Hilfs­mit­tel sind dadurch gekenn­zeich­net, dass sie durch ihren modu­la­ren Auf­bau wäh­rend des Ver­sor­gungs­zeit­raums abge­schult wer­den kön­nen. Alle Orthe­sen wur­den bei Bedarf durch einen Ortho­pä­die­tech­ni­ker an die ana­to­mi­sche For­mung des Test­ge­räts ange­passt und in ihrer Aus­füh­rung pas­send zu fol­gen­den Ana­mne­se­da­ten ausgewählt:

  • Fes­sel­um­fang: 22 cm
  • Rist­umfang: 34 cm
  • Schuh­grö­ße: 45
  • Sei­te: rechts

Durch­füh­rung

Zur Erzeu­gung der Mess­da­ten wur­den die Orthe­sen nach­ein­an­der auf der Test­ap­pa­ra­tur befes­tigt. Das Anle­gen der Orthe­sen erfolg­te strikt nach den von den Her­stel­lern mit­ge­lie­fer­ten Gebrauchs­an­wei­sun­gen und wur­de eben­falls von einem Ortho­pä­die­tech­ni­ker durch­ge­führt. Da alle Orthe­sen über eine Mobi­li­sie­rungs­funk­ti­on ver­fü­gen, wur­den sie jeweils in der ers­ten Stu­fe, das heißt mit allen Sta­bi­li­sie­rungs­ele­men­ten, getes­tet. Bei­lie­gen­de Kühl- oder Ice­packs wur­den wäh­rend der Mes­sun­gen nicht ver­wen­det. Jede Orthe­se wur­de 10-mal getes­tet. Nach Befes­ti­gung einer Orthe­se wur­den 145 New­ton Talus­vor­schub­kraft in das Test­ge­rät ein­ge­lei­tet und die Aus­len­kung ermittelt.

Sta­tis­tik

Zur sta­tis­ti­schen Aus­wer­tung der Mess­wer­te wur­de über die Mess­rei­hen der ein­zel­nen Orthe­sen der arith­me­ti­sche Mit­tel­wert gebil­det. Zudem wur­de der Mit­tel­wert der neu­en modu­la­ren Orthe­se jeweils mit den ein­zel­nen Mit­tel­wer­ten der ande­ren Orthe­sen mit­tels eines zwei­sei­ti­gen t‑Tests (unab­hän­gi­ge Stich­pro­ben) ver­gli­chen. Zur Aus­wer­tung wur­de die Soft­ware „IBM SPSS Sta­tis­tik 22“ (IBM Deutsch­land GmbH, Ehn­in­gen, Deutsch­land) genutzt.

Ergeb­nis­se

Die Ergeb­nis­se kön­nen dem Säu­len­dia­gramm in Abbil­dung 5 ent­nom­men wer­den. Die errech­ne­ten Mit­tel­wer­te bei einer Kraft­ein­wir­kung von 145 New­ton lie­gen in einem Bereich von 5,5 bis 16,5 mm Talus­vor­schub. Es ist zu erken­nen, dass sich die „Tig­ges MalleoSet“-Sprungelenkorthese mit einem Mit­tel­wert von nur 5,5 mm Talus­vor­schub signi­fi­kant von den ande­ren Orthe­sen abgrenzt, die deut­lich höhe­re Mit­tel­wer­te (zwi­schen 11 und 16,5 mm Talus­vor­schub) auf­wei­sen; die Stan­dard­ab­wei­chun­gen lie­gen in einem Bereich von 0,03 bis 1,52 mm. Die modu­la­re Stun­ge­lenk­or­the­se zeigt also im Ver­gleich zu allen ande­ren gemes­se­nen Orthe­sen einen deut­lich redu­zier­ten Talus­vor­schub-Wert. Die­ser Unter­schied ist in allen Fäl­len nach Aus­wer­tung durch einen t‑Test auf einem 99,9-%-Niveau signi­fi­kant. Im Ver­gleich zum zweit­kleins­ten gemes­se­nen Talus­vor­schub-Wert von 11 mm, der bei Orthe­se I auf­tritt, ist der Wert der „Tig­ges MalleoSet“-Orthese mit 5,5 mm nur unge­fähr halb so groß. Auf­fäl­lig ist, dass bei den Orthe­sen D und G eine sehr klei­ne Stan­dard­ab­wei­chung auf­tritt, die sich deut­lich von denen der ande­ren Orthe­sen abhebt. Das ist dar­auf zurück­zu­füh­ren, dass bei den Mes­sun­gen die­ser Orthe­sen die Test­ap­pa­ra­tur ihren mecha­ni­schen Anschlag erreich­te. Somit las­sen die­se Orthe­sen in der Rea­li­tät einen grö­ße­ren Talus­vor­schub zu, als in den Mes­sun­gen ermit­telt wer­den konnte.

Bei Betrach­tung der ein­zel­nen Mess­wer­te ist zudem zu erken­nen, dass eini­ge Mess­wer­te der Orthe­se F im Anschlag des Mess­ge­räts auf­ge­nom­men wur­den. Resul­tie­rend dar­aus erreicht die­se Orthe­se in der Rea­li­tät eben­falls höhe­re Talus­vor­schub­wer­te, als die Mes­sun­gen ergeben.

Dis­kus­si­on

Die Ergeb­nis­se der durch­ge­führ­ten Mess­rei­hen mit der Test­ap­pa­ra­tur zei­gen, dass die neue modu­la­re Sprung­ge­lenk­or­the­se eine deut­lich über­le­ge­ne Sta­bi­li­sie­rungs­wir­kung gegen­über ver­gleich­ba­ren Orthe­sen der­sel­ben Hilfs­mit­tel­art in Bezug auf eine Talus­vor­schub­be­we­gung hat. Eine Mess­rei­he mit 145 New­ton Talus­vor­schub­kraft bestä­tig­te eine signi­fi­kant klei­ne­re (CI 99,9 %) Aus­len­kung in Talus­vor­schub­rich­tung bei der „Tig­ges MalleoSet“-Orthese im Ver­gleich zu allen ande­ren getes­te­ten Sprung­ge­lenk­or­the­sen. In zwei wei­te­ren Test­rei­hen mit redu­zier­ter Talus­vor­schub­kraft wur­den eben­falls signi­fi­kant klei­ne­re (CI 99,9 %) Aus­len­kun­gen für die­se Orthe­se festgestellt.

Die­se Erkennt­nis­se wei­sen dar­auf hin, dass das beschrie­be­ne Kon­struk­ti­ons­kon­zept der neu ent­wi­ckel­ten Orthe­se sehr gut zur Limi­tie­rung von Talus­vor­schub­be­we­gun­gen geeig­net ist. Die Posi­tio­nie­rung der Sta­bi­li­sie­rungs­ele­men­te in Rich­tung ante­rior und pos­te­ri­or am Fuß und am Unter­schen­kel sowie das unelas­ti­sche Orthe­sen­ma­te­ri­al hal­ten die bei­den Gelenk­part­ner eng bei­ein­an­der; Falsch­be­we­gun­gen zwi­schen dem Talus und der Mal­leo­len­ga­bel wer­den dadurch stär­ker ein­ge­schränkt als bei ver­gleich­ba­ren Sprunggelenkorthesen.

Um aller­dings eine ein­deu­ti­ge Aus­sa­ge dar­über tref­fen zu kön­nen, ob das Aus­maß, in dem die­se neue Orthe­se die Talus­vor­schub­be­we­gung ein­grenzt, aus­rei­chend für eine Opti­mie­rung der Pati­en­ten­ver­sor­gung ist, wäre es sinn­voll, hier­zu eine kli­ni­sche Stu­die durch­zu­füh­ren, die zeigt, dass die grö­ße­re Sta­bi­li­sie­rungs­wir­kung auch aus­rei­chend für die prak­ti­sche Anwen­dung ist. Kon­kret bedeu­tet dies, die Orthe­se unter rea­len Bedin­gun­gen zu tes­ten und zu ermit­teln, ob die Inzi­denz chro­ni­scher Band­in­sta­bi­li­tä­ten nach Sprung­ge­lenk­ver­let­zun­gen mit die­ser Ver­sor­gung sinkt.

Fazit

In der hier vor­ge­stell­ten Stu­die wur­de expe­ri­men­tell ermit­telt, dass die neu ent­wi­ckel­te „Tig­ges MalleoSet“-Sprunggelenkorthese im Ver­gleich mit allen ande­ren Orthe­sen der­sel­ben Pro­dukt­art den größ­ten Sta­bi­li­sie­rungs­ef­fekt gegen­über einer Talus­vor­schub­be­we­gung bie­tet. Die­ses Ergeb­nis konn­te in drei ver­schie­de­nen Mess­si­tua­tio­nen mit einem Signi­fi­kanz­ni­veau von 99,9 % fest­ge­stellt werden.

Das Expe­ri­ment unter­such­te den auf­tre­ten­den Talus­vor­schub bei unter­schied­li­chen Kraft­ein­wir­kun­gen auf den Talus. Bei einer Kraft­ein­wir­kung von 145 New­ton limi­tiert die Tig­ges-Orthe­se dem­nach den Talus­vor­schub annä­hernd dop­pelt so stark wie die nächst­bes­te gemes­se­ne Orthe­se. Das Ergeb­nis doku­men­tiert, dass sich die ver­än­der­te Posi­tio­nie­rung der Ver­stär­kungs­ele­men­te sowie die Ver­wen­dung eines unelas­ti­schen Gewe­bes für den Orthe­sen­grund­kör­per bei der Orthe­se „Tig­ges Mal­le­o­Set“ posi­tiv auf die Begren­zung des Talus­vor­schubs auswirken.

Hin­weis
Bei die­sem Bei­trag han­delt es sich um die Zusam­men­fas­sung einer Abschluss­ar­beit zur Erlan­gung des aka­de­mi­schen Gra­des eines Mas­ter of Sci­ence im Bereich „Medi­zi­ni­sche Ort­ho­bio­nik“ an der PFH Pri­va­te Hoch­schu­le Göttingen.

Inter­es­sen­kon­flikt
Der Autor ist Mit­ar­bei­ter der Tig­ges-Zours GmbH.

Der Autor:
Tris­tan Lösing, M. Sc., OTM
Pro­dukt­ent­wick­ler
Tig­ges-Zours GmbH
Am Beul 10
45525 Hat­tin­gen
t.loesing@zours.de

Begut­ach­te­ter Beitrag/reviewed paper

Zita­ti­on
Lösing T. Eva­lua­ti­on des Wir­kungs­grads modu­la­rer Sprung­ge­lenk­or­the­sen im Hin­blick auf die Limi­tie­rung von Talus­vor­schub­be­we­gun­gen. Ortho­pä­die Tech­nik, 2021; 72 (4): 51–55

 

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