Die Funk­ti­on des sen­so­mo­to­ri­schen Sys­tems – Basis für Prä­ven­ti­on und Therapie

W. Laube
Das sensomotorische System (SMS) verantwortet alle Bewegungen. Es produziert die Muskelspannungen, die über die Fasziensysteme und Sehnen auf das Skelett übertragen werden. Das Skelett wird stabilisiert und bewegt. In den Fasziensystemen sind viele Mechanorezeptoren für die Regulation der Bewegungen verantwortlich. Gleichzeitig agieren sie als Gleitschichten. Eine chronische Inaktivität führt zu Verklebungen der Faszien, zur Störung der Mikrozirkulation und zu einer „lowgrade inflammation". Der Sensorstandort wird „insuffizient". Jegliche leistungsorientierten, präventiven, therapeutischen und medizinisch rehabilitativen Wirkungen von Bewegungsprogrammen entstehen im Zyklus Belastung – Adaptation. Das Training muss eine Mindestintensität haben. Sie ist essentiell für die Aktivierung des Sets auto-, para- und endokriner anaboler Signalstoffe, die alle strukturellen Wirkungen vermitteln. Zusätzlich aktivieren das Ausdauer- und das Krafttraining die Muskulatur als endokrines Organ. In den Muskeln selbst entstehen antidiabetische und anabole Wirkungen. Die Mikrozirkulation wird ausgebaut, und die chronische gering intensive Entzündung wird unterdrückt. Nur ein langfristiges medizinisches Training verhindert eine atrophische, degenerative proentzündliche und pro-nozizeptive Körperstruktur oder verändert diese erneut in Richtung einer somatischen, anti-atrophischen, anti-entzündlichen und anti-nozizeptiven Körperstruktur. Dabei wird das Ausmaß der möglichen Wirksamkeit vom Stand der krankhaften Prozesse abhängig sein.

Ein­lei­tung

Sen­so­mo­to­ri­sches Sys­tem (SMS) – Ver­ant­wor­tung für jeg­li­che moto­ri­schen Handlungen

Alle Bewe­gungs­leis­tun­gen von der ein­fachs­ten – wie z. B. dem Gehen – bis zu den schwie­rigs­ten – wie z. B. denen eines Tur­ners –, aber auch die Sen­so­mo­to­rik des Spre­chens, Sin­gens und Hand­wer­kens basie­ren auf der Funk­ti­on des SMS 1. „Sen­so-” stammt von den Sen­so­ren, also der stän­di­gen Infor­ma­ti­ons­auf­nah­me, und „moto­risch” stammt von „Motor”, der Leis­tungs­ab­ga­be durch die Mus­ku­la­tur. Dazwi­schen ist die Zen­tra­le, das Ner­ven­sys­tem. Das funk­tio­nell nicht teil­ba­re und bei allen Bewe­gun­gen immer als Gesamt­sys­tem akti­ve SMS wird somit durch 3 Struk­tur­be­stand­tei­le gebil­det. Es sind die Sen­so­ren, das peri­phe­re und zen­tra­le Ner­ven­sys­tem sowie die Muskulatur.

Hier­bei sind die Sen­so­ren ent­we­der eigen­stän­di­ge Struk­tu­ren wie z. B. Mus­kel­spin­deln und Gol­giap­pa­ra­te, an denen Ner­ven­fa­sern sen­so­ri­scher Neu­ro­ne enden, oder es han­delt sich um spe­zia­li­sier­te Endi­gun­gen effe­ren­ter Ner­ven­fa­sern. Der auf­stei­gen­de Infor­ma­ti­ons­weg von den Sen­so­ren ver­läuft über Ver­ar­bei­tungs­sta­tio­nen zur Hirn­rin­de, dem pri­mä­ren soma­to­sen­so­ri­schen Cor­tex, als dem pri­mä­ren Ankunfts­ort aller sen­so­ri­schen Infor­ma­tio­nen aus der Haut und den myo­fas­zia­len Struk­tu­ren inklu­si­ve des Fas­zi­en­sys­tems. Die­se und die pri­mä­re moto­ri­sche Hirn­rin­de zu jeweils 30 % und die prä­mo­to­ri­sche Hirn­rin­de zu wei­te­ren 40 % sind dann nach gemein­sa­mer Kon­zep­ti­ons- und Pro­gram­mier­ar­beit mit wei­te­ren Hirn­struk­tu­ren wie z. B. den Basal­gan­gli­en und dem Klein­hirn der Aus­gang der abstei­gen­den Wege zur Mus­ku­la­tur. Dar­auf­hin kon­tra­hiert die Mus­ku­la­tur mit dem spe­zi­fi­schen Zeit- und Inten­si­täts­mus­ter der gewoll­ten Bewe­gung (Abb. 1).

Wie funk­tio­niert das sen­so­mo­to­ri­sche System?

Der prä­fron­ta­le Cor­tex als die „obers­te Instanz” situa­ti­ons­an­ge­mes­se­ner Hand­lun­gen und der Regu­la­ti­on emo­tio­na­ler Pro­zes­se („super­vi­so­ry atten­tio­nal sys­tem”) ent­schei­det: Ich will mich bewe­gen, und auch die Ziel­stel­lung der Bewe­gung (Abb. 2). Um aber eine Bewe­gung kon­zep­tio­nell und dar­aus kon­kret das Pro­gramm zu ent­wer­fen, wer­den Infor­ma­tio­nen über die aktu­el­le Situa­ti­on benö­tigt. Die­se Infor­ma­tio­nen lie­fern die Mechano‑, Che­mo- und Nozi­zep­to­ren in den myo­fas­zia­len Ein­hei­ten, dem Fas­zi­en­sys­tem, den Bän­dern und Gelenk­kap­seln sowie der Haut. Alle Infor­ma­tio­nen bil­den das Affe­renz­mus­ter, und mit ihnen ermit­telt das Gehirn die aktu­el­le Kör­per­po­si­ti­on und ‑stel­lung und die Raumposition.

Die­se Leis­tun­gen des Gehirns sind also kogni­ti­ve Leis­tun­gen, denn sie sind impli­zi­te und expli­zi­te Wahr­neh­mun­gen. Hat das Gehirn die­se Leis­tun­gen erbracht und in Bezie­hung zur gewoll­ten Bewe­gungs­auf­ga­be gestellt, kann es nun „Orga­ni­sa­tor und Mana­ger” der gewünsch­ten Bewe­gung sein. Es kann nun han­deln und ent­wirft kon­zep­tio­nell und kon­kret das Bewe­gungs­pro­gramm. Sind schnel­le soge­nann­te bal­lis­ti­sche Bewe­gun­gen (z. B. Schlä­ge mit dem Ham­mer) gewollt, dann wird das Gehirn die­se steu­ern. Das bedeu­tet, eine Kor­rek­tur wäh­rend der Bewe­gung ist nicht mög­lich. Eine not­wen­di­ge Kor­rek­tur betrifft erst die Wiederholung.

Han­delt es sich um eine lang­sa­me und/oder zykli­sche Bewe­gung, dann regelt das Gehirn die Bewe­gung. Sie kann noch wäh­rend der Aus­füh­rung modi­fi­ziert wer­den. Ob die Bewe­gung gesteu­ert oder gere­gelt wird – das Gehirn akti­viert über die abstei­gen­den Wege die Mus­ku­la­tur (Inner­va­ti­on), und die­se kon­tra­hiert. Wie­der­hol­te und aus­rei­chend umfäng­li­che und/oder inten­si­ve Akti­vie­run­gen der Mus­ku­la­tur akti­vie­ren die­se zugleich als Hor­mon­pro­du­zent. Die Mus­kel­kon­trak­tio­nen sta­bi­li­sie­ren das Ske­lett und/oder ver­ur­sa­chen die Gelenkbewegungen.

Die ver­än­der­ten Span­nun­gen in den myo­fas­zia­len Struk­tu­ren und in der Fol­ge auch in der Haut wie auch die tätig­keits­ab­hän­gi­gen che­mi­schen Kon­se­quen­zen ins­be­son­de­re in den myo­fas­zia­len Struk­tu­ren wer­den erneut durch die Sen­so­ren detek­tiert und die Infor­ma­tio­nen als neu­es Affe­renz­mus­ter, als Reaf­fe­renz, dem Gehirn mit­ge­teilt. Es ermit­telt mit den reaf­fe­ren­ten Infor­ma­tio­nen die neue Kör­per­po­si­ti­on, die neue Kör­per­stel­lung und die neue Raum­po­si­ti­on. Mit Hil­fe des Abgleichs zwi­schen alter und nun­mehr neu­er Kör­per­po­si­ti­on kann das Gehirn den Hal­tungs- und/oder Bewe­gungs­er­folg erken­nen, bewer­ten und die nächs­te Pha­se der Bewe­gung einleiten.

Damit kann es zugleich das gewoll­te mit dem rea­li­sier­ten Ergeb­nis ver­glei­chen und die Fra­ge beant­wor­ten: Ziel bzw. Auf­ga­be erfüllt? Ist dies der Fall, kann die nächs­te Bewe­gungs­pha­se oder Bewe­gung orga­ni­siert und gema­nagt wer­den. Der glei­che Zyklus läuft erneut ab.

Sen­so­mo­to­ri­sches Sys­tem aktiv – Ske­lett und Bin­de­ge­we­be passiv

Die Funk­ti­on des SMS sorgt für Mus­kel­span­nun­gen. Die­se wer­den über die Fas­zi­en­sys­te­me und die Seh­nen auf das Ske­lett über­tra­gen (Abb. 3). Die Bin­de­ge­we­be­struk­tu­ren sind im Sin­ne der Bewe­gungs­aus­füh­rung somit „pas­si­ve” Struk­tu­ren. Sie sind Über­trä­ger und Ver­mitt­ler der SMS-Funk­ti­on. Glei­ches gilt für das Ske­lett. Es wird sta­bi­li­siert, und es wird bewegt. Die Struk­tu­ren des SMS sind somit die akti­ven und die­je­ni­gen des Bin­de­ge­we­bes sowie des Ske­letts die pas­si­ven Antei­le des Stütz- und Bewegungsapparates.

Die Fas­zi­en­sys­te­me haben sehr wich­ti­ge wei­te­re Funk­tio­nen. Sie sind Stand­ort sehr vie­ler Mechano­re­zep­to­ren. Ihre Infor­ma­tio­nen wer­den sogar als glo­ba­les Infor­ma­ti­ons- und Rück­kopp­lungs­sys­tem für die Regu­la­ti­on von Hal­tung und Bewe­gung ange­se­hen. Die­ser Auf­ga­be kön­nen die fas­zia­len Mechano­re­zep­to­ren aber nur dann kor­rekt gerecht wer­den, wenn die Fas­zi­en zugleich ihrer Funk­ti­on als Ver­schie­be- und Gleit­schich­ten nach­kom­men kön­nen. Eine chro­ni­sche Inak­ti­vi­tät als Ursa­che von Defi­zi­ten des Bewe­gungs­kön­nens und der Bewe­gungs­viel­falt, der sen­so­mo­to­ri­schen Koor­di­na­ti­on, führt dazu, dass die Fas­zi­en­sys­te­me als Ver­schie­be- und Gleit­schich­ten kaum bis gar nicht mehr genutzt wer­den. Das Ergeb­nis sind Ver­kle­bun­gen und „Ver­fil­zun­gen”. Damit sind die­se Struk­tu­ren auch als Sen­sor­stand­or­te „insuf­fi­zi­ent”. Gleich­zei­tig sind die kon­di­tio­nel­len Fähig­kei­ten redu­ziert. Die ver­min­der­te Aus­dau­er­funk­ti­on ist Syn­onym für eine redu­zier­te und chro­nisch gestör­te Mikro­zir­ku­la­ti­on und somit für eine nicht bedarfs­ge­rech­te Sauer­stoff­ver­sor­gung. Dies führt in den Fas­zi­en­sys­te­men zu einem sau­ren und ent­zünd­li­chen Stoffwechselmilieu.

Gleich­zei­tig wird auch dort die „low-gra­de inflamma­ti­on” als Ergeb­nis der Bilanz­ver­schie­bung weg von den antient­zünd­li­chen Signal­stof­fen der Mus­ku­la­tur (Myo­ki­ne) hin zu den pro­ent­zünd­li­chen Signal­stof­fen des vis­ze­ra­len Fett­ge­we­bes (Adi­po­ki­ne) wirk­sam. Die Ver­kle­bun­gen und „Ver­fil­zun­gen” wer­den zusätz­lich unter­stützt. Die Struk­tur­ver­än­de­run­gen und das Stoff­wech­sel­mi­lieu sind gemein­sa­me Akti­va­to­ren der Nozi­zep­to­ren, und ein myo­fas­zia­les Schmerz­ge­sche­hen ent­wi­ckelt sich. Auch die unge­nü­gen­den Anfor­de­run­gen zur Span­nungs­über­tra­gung las­sen die Belast­bar­keit des Bin­de­ge­we­bes abfal­len, und die Schwel­le zur Über- und Fehl­be­las­tung sinkt. Die Fas­zi­en­sys­te­me und die Seh­nen benö­ti­gen unbe­dingt mecha­ni­sche Bean­spru­chung, um sich struk­tu­rell und funk­tio­nell als gesun­des Gewe­be zu erhal­ten und anzu­pas­sen. Die mecha­ni­sche Bean­spru­chung muss 2 Kom­po­nen­ten haben. Sie muss mit­tels viel­sei­ti­ger Bewe­gun­gen erfol­gen (sen­so­mo­to­ri­sches Ler­nen und/oder Erhal­tung von Bewe­gungs­leis­tun­gen), damit auch die Ver­schie­be- und Gleit­funk­ti­on varia­bel aus­ge­bil­det und erhal­ten wird. Kraft­trai­ning ist für die erhöh­te Fes­tig­keit und damit die Belast­bar­keit und die Belas­tungs­ver­träg­lich­keit erfor­der­lich. Aus­dau­er­trai­ning muss die Durch­blu­tungs­si­tua­ti­on absi­chern. Das Ske­lett ist auf die Mus­kel­kraft ange­wie­sen, denn die Mus­kel­flä­che steht mit der Kno­chen­mas­se und der Kno­chen­fes­tig­keit in direk­ter Beziehung

Belas­tung – Bean­spru­chung: Basis für Struk­tur­auf­bau und Strukturerhaltung

Aus­schließ­lich regel­mä­ßig aus­ge­führ­te Bewe­gungs­pro­gram­me pro­du­zie­ren und erhal­ten die Kör­per­struk­tu­ren und damit die Funk­ti­ons- und Leis­tungs­fä­hig­keit des Orga­nis­mus. Es gilt aber nicht nur Bewe­gun­gen wie­der­holt aus­zu­füh­ren, son­dern die­se zugleich kor­rekt zu dosie­ren. Die jewei­li­gen „rich­ti­gen” Anstren­gungs­gra­de müs­sen mit der „rich­ti­gen” zeit­li­chen Dau­er oder Wie­der­ho­lungs­an­zahl der Bewe­gun­gen kom­bi­niert wer­den. Es gilt für die Belas­tungs­art „Aus­dau­er” die Prä­mis­se „lang­sam und lan­ge”, für die „Kraft „kurz und inten­siv” und für das Bewe­gungs­ler­nen und das Erhal­ten des Bewe­gungs­kön­nens, die „sen­so­mo­to­ri­sche Koor­di­na­ti­on”, „vie­le Wie­der­ho­lun­gen mit gerin­gem Ermü­dungs­grad”. Wer­den die­se grund­sätz­li­chen Prä­mis­sen nicht ein­ge­hal­ten, ent­ste­hen die ange­streb­ten Wir­kun­gen nicht oder nur begrenzt. Dies gilt für jeden Lebensabschnitt.

Die nach die­sen sport­wis­sen­schaft­li­chen Kri­te­ri­en „rich­tig” dosier­ten Belas­tun­gen sind die essen­ti­el­le Basis für alle Gewe­be und Orga­ne des Orga­nis­mus, um sich im Kin­der- und Jugend­al­ter gut, gesund und schmerz­frei zu ent­wi­ckeln, dies im mitt­le­ren Lebens­ab­schnitt ent­spre­chend zu erhal­ten und, spä­tes­tens mit dem 30. Lebens­jahr begin­nend, dem Alte­rungs­pro­zess ver­zö­gernd ent­ge­gen­zu­wir­ken. So emp­feh­len z. B. die Ame­ri­can Heart Asso­cia­ti­on Gui­de­li­nes zur pri­mä­ren Prä­ven­ti­on kar­dio­vasku­lä­rer Erkran­kun­gen für Kin­der eine täg­li­che phy­si­sche Akti­vi­tät im mitt­le­ren und hohen Inten­si­täts­be­reich über min­des­tens 60 Minu­ten. Für das Jugend­al­ter wer­den täg­li­che Aus­dau­er­be­las­tun­gen und Kraft­be­las­tun­gen, die eine Mus­kel­hy­per­tro­phie aus­lö­sen, für erfor­der­lich gehalten.

Dem Alter ange­passt, gilt dies aber für die gesam­te Lebens­zeit, und die regel­mä­ßi­ge Belas­tung ist dann das ers­te Mit­tel der Wahl, um den chro­ni­schen Erkran­kun­gen der phy­si­schen Inak­ti­vi­tät 2 zu wider­ste­hen. Für die bio­lo­gi­sche Rea­li­sie­rung die­ser Ziel­stel­lung ist ein wöchent­li­cher Ener­gie­ver­brauch durch phy­si­sche Belas­tun­gen von 1000 kcal (4200 kJ) offen­sicht­lich ein anzu­stre­ben­des Mini­mum, denn mit des­sen Über­schrei­ten fällt die Gesamt­mor­ta­li­tät sehr deut­lich ab und wird für den Bereich 2000 kcal (8400 kJ) bis 3000 kcal (12.400 kJ) noch gerin­ger 3.

Jeg­li­che leis­tungs­ori­en­tiert trai­nings­be­ding­ten, gesund­heit­lich prä­ven­ti­ven, the­ra­peu­ti­schen und medi­zi­nisch reha­bi­li­ta­ti­ven Wir­kun­gen akti­ver Bewe­gungs­pro­gram­me ent­ste­hen im Zyklus Belas­tung – Adap­t­ati­on (Abb. 4 4 5 6). Dabei muss jede Belas­tungs­ein­heit mit ent­spre­chen­der Ziel­stel­lung mit einer Min­dest­in­ten­si­tät durch­ge­führt wer­den bzw. es muss eine belas­tungs­spe­zi­fi­sche Ermü­dung erreicht wer­den. Nur dann ist eine Wir­kung zu erwar­ten. Die­ses empi­risch defi­nier­te Trai­nings­merk­mal ist heu­te erklär­bar. Die Min­dest­in­ten­si­tät, die Min­dest­dau­er oder die Min­dest­wie­der­ho­lungs­an­zahl ste­hen für den bio­lo­gi­schen Bedarf, das spe­zi­fi­sche Set an auto‑, para- und endo­kri­nen ana­bo­len Signal­stof­fen für alle struk­tu­rel­len und damit funk­tio­nel­len Kon­se­quen­zen der The­ra­pie- oder Trai­nings­be­las­tung zu aktivieren.

Das bedeu­tet, die Ach­se Hypo­tha­la­mus – Hypo­phy­se – peri­phe­re Hor­mon­pro­du­zen­ten (Wachs­tums­hor­mon – Leber: insu­lin­ähn­li­cher Wachs­tums­fak­tor, IGF‑1; Gona­do­tro­pi­ne – Gona­den: Tes­to­ste­ron; Neben­nie­ren­rin­de: Tes­to­ste­ron) und die loka­len ana­bo­len Sys­te­me (z. B. Mus­kel­fa­sern: Myo­ki­ne, „mecha­ni­cal growth fac­tor”; Fibro­zy­ten: „fibro­blast growth fac­tor”; Osteo­zy­ten: „trans­forming growth fac­tor”) müs­sen ver­stärkt aktiv wer­den. Die ange­streb­ten Ergeb­nis­se der The­ra­pie bzw. des Trai­nings wer­den dann in der Erho­lungs­pha­se rea­li­siert. Da Bewe­gun­gen mit einer stän­di­gen rie­si­gen Flut an Sen­soraf­fe­ren­zen ein­her­ge­hen, die vom ZNS zu ver­ar­bei­ten sind, wird das ZNS bewe­gungs­spe­zi­fisch pro­gram­miert (Abb. 5 links). Hier­bei ver­än­dert aber nur das Ler­nen die zen­tra­len Reprä­sen­ta­tio­nen der Kör­per­kom­par­ti­men­te auf den sen­so­ri­schen und moto­ri­schen Hirn­rin­den 7. Sie wer­den bewe­gungs­spe­zi­fisch struk­tu­riert, und damit ist zugleich das Bewe­gungs­ge­dächt­nis ver­bun­den. Die Kom­ple­xi­tät der erlern­ten Bewe­gung spie­gelt sich in den neu­ro­na­len Ver­än­de­run­gen wider. Ver­ges­sen ist der ent­ge­gen­ge­setz­te Prozess.

Das Aus­dau­er- und das Kraft­trai­ning haben die­se Wir­kun­gen nicht. Das Aus­dau­er­trai­ning ver­bes­sert im Gehirn die Durch­blu­tung und sti­mu­liert und erhöht wich­ti­ge ana­bo­le Sub­stan­zen (u. a. „brain-deri­ved neu­ro­tro­phic fac­tor”, BDNF). Somit hat Aus­dau­er­trai­ning eine Logis­tik­funk­ti­on für das Gehirn. Des­sen Ver- und Ent­sor­gung wer­den ver­bes­sert, und der Schutz- und Wachs­tums­fak­tor des Ner­ven­ge­we­bes wird akti­viert. Kraft­trai­ning erhöht die Akti­vier­bar­keit der Hirn­rin­de und qua­li­fi­ziert das Rücken­mark für effek­ti­ve­re Mus­kel­ak­ti­vie­run­gen. Somit haben alle Belas­tungs­for­men ihre spe­zi­fi­schen, nicht gegen- und unter­ein­an­der aus­tausch­ba­ren Wir­kun­gen und sind in ihrer Wich­tig­keit gleichwertig.

Die phy­si­schen Belas­tun­gen, ins­be­son­de­re das Aus­dau­er- und das Kraft­trai­ning, akti­vie­ren die Mus­ku­la­tur als endo­kri­nes Organ (Abb. 5 rechts). Der Mus­kel kom­mu­ni­ziert dann mit sei­nen Signal­sub­stan­zen mit sich selbst (auto‑, para­krin). Hier­bei ste­hen ins­be­son­de­re ana­bo­le und anti­dia­be­ti­sche Stoff­wech­sel­wir­kun­gen und der Aus­bau der Mikro­zir­ku­la­ti­on im Vor­der­grund (Angio­ge­ne­se) und aus der Sicht der Prä­ven­ti­on chro­ni­scher Erkran­kun­gen die gene­ra­li­siert antient­zünd­li­che Wir­kung sei­ner Signal­sub­stan­zen. Sie sind die Gegen­spie­ler der pro­ent­zünd­li­chen Sub­stan­zen des vis­ze­ra­len Fett­ge­we­bes (beson­ders Tumor­ne­kro­se­fak­tor-alpha, Abb. 6) und somit der sys­te­mi­schen „low-gra­de inflamma­ti­on”. Des Wei­te­ren ver­netzt sich die Mus­ku­la­tur mit dem vis­ze­ra­len Fett­ge­we­be (Fett­ab­bau), der Leber (Zucker­stoff­wech­sel) und dem Gehirn (Struk­tu­rie­rung).

Es muss her­vor­ge­ho­ben wer­den, dass der Struk­tur­auf­bau wie auch der Struk­tur­ab­bau akti­ve und immer über Signal­stof­fe gere­gel­te Pro­zes­se sind (Abb. 7). Sys­te­ma­ti­sche Akti­vi­tät mit allen Belas­tungs­for­men (Ler­nen, Aus­dau­er, Kraft) sorgt unter Ver­mitt­lung der Sti­mu­la­ti­on ana­bo­ler Hor­mon­sys­te­me dafür, dass die Kör­per­struk­tu­ren erhal­ten, gepflegt und je nach Dosie­rung der Akti­vi­tät wei­ter auf­ge­baut wer­den. Es ent­steht eine soma­ti­sch­ad­ap­ti­ve, anti-invo­lu­ti­ve, anti-ent­zünd­li­che und anti-nozi­zep­ti­ve Kör­per­struk­tur. Das Gegen­teil ent­wi­ckelt sich durch eine chro­ni­sche Inak­ti­vi­tät. Das Ergeb­nis ist nach Jah­ren eine „atro­phi­sche, invo­lu­ti­ve, dege­ne­ra­ti­ve mit Über­gang zur patho­lo­gi­schen, pro-ent­zünd­li­che und pro-nozi­zep­ti­ve Kör­per­struk­tur” (Abb. 6 u. 7, 8). Der Ver­mitt­ler ist die durch das vis­ze­ra­le Fett­ge­we­be ver­mit­tel­te sys­te­mi­sche gering­gra­di­ge Ent­zün­dung 9.

Phy­si­sche Belas­tung – ursäch­li­che Prä­ven­ti­on und Therapie

Schmerz­me­di­ka­men­te unter­bin­den über ver­schie­de­ne Mecha­nis­men die Schmerz­emp­fin­dung und behan­deln somit nicht die Ursa­chen des Schmer­zes. In der Regel ist jede medi­ka­men­tö­se The­ra­pie immer „nur” eine sym­pto­ma­ti­sche und kei­ne ursäch­li­che Behand­lung. So wird z. B. der Blut­druck gesenkt, weil Medi­ka­men­te die Vaso­dila­ti­on (ACE-Hem­mer) pro­vo­zie­ren und der zu hohe Sym­pa­thi­kus­ein­fluss auf das Herz durch Beta­blo­cker redu­ziert wird. Ande­re (Met­formin) sen­ken bei Adi­po­si­tas mit dia­be­to­ge­ner Stoff­wech­sel­la­ge und einem Dia­be­tes mel­li­tus die Zucker­pro­duk­ti­on in der Leber, und sie sol­len die Insu­lin­emp­find­lich­keit der Mus­kel­fa­sern erhöhen.

Eine gesun­de soma­ti­sche Struk­tur und Funk­ti­on des Orga­nis­mus kann sich nur ent­wi­ckeln oder erhal­ten wer­den, wenn der Kör­per die­se Funk­tio­nen infol­ge phy­si­scher Akti­vi­tät benö­tigt und somit die rele­van­ten und ver­ant­wort­li­chen Struk­tu­ren auf­baut. Das bedeu­tet, eine ursäch­li­che Prä­ven­ti­on und The­ra­pie ist nur durch ein sys­te­ma­ti­sches akti­ves Belas­tungs­pro­gramm mög­lich (Abb. 8). Der dekon­di­tio­nier­te Orga­nis­mus besitzt zwar eine ein­ge­schränk­te Leis­tungs­fä­hig­keit, Belast­bar­keit und Belas­tungs­ver­träg­lich­keit, aber unter Beach­tung die­ses Zustan­des kann er den­noch ent­spre­chend sei­ner Funk­ti­ons- und Leis­tungs­fä­hig­keit opti­mal dosier­te Belas­tungs­pro­gram­me ausführen.

Die Dosie­rung von Trai­nings­be­las­tun­gen erfolgt immer auf der Grund­la­ge des aktu­el­len Stan­des der Funk­ti­ons- und Leis­tungs­fä­hig­keit. Bei Pati­en­ten mit chro­ni­schen Erkran­kun­gen und ins­be­son­de­re beim Vor­lie­gen von Schmerz­syn­dro­men und erst recht bei Mul­ti­mor­bi­di­tät wird es schwie­ri­ger. Die Dosie­rung muss sich hier nach der Erkran­kung, wel­che die gerings­te Belast­bar­keit ver­ant­wor­tet, rich­ten. Das bedeu­tet, phy­si­sche Akti­vi­tä­ten, die für die the­ra­peu­ti­sche Ziel­stel­lung erfor­der­lich sind, kön­nen durch Begren­zun­gen infol­ge einer wei­te­ren Erkran­kung nicht oder nur sehr unter­do­siert ein­ge­setzt wer­den. Häu­fig begren­zen Schmer­zen oder eine sehr gerin­ge Belast­bar­keit eine bio­lo­gisch not­wen­di­ge Aktivität.

So modi­fi­zie­ren die medi­zi­ni­schen Gege­ben­hei­ten, cha­rak­te­ri­siert durch die Erkran­kung selbst, den bis­he­ri­gen Ver­lauf und damit den Stand der Erkran­kungs­pro­zes­se, die Inhal­te und Dosie­run­gen akti­ver The­ra­pie­for­men. Eines ist aber sicher: Es gibt kei­ne chro­ni­sche Erkran­kung, die nicht akti­ve The­ra­pie­for­men erfor­dert. Nur eine ange­passt dosier­te, sys­te­ma­ti­sche medi­zi­ni­sche Trai­nings­the­ra­pie als lang­fris­ti­ge The­ra­pie­form ist in der Lage, eine atro­phi­sche, dege­ne­ra­ti­ve, pro-ent­zünd­li­che und pro-nozi­zep­ti­ve Kör­per­struk­tur in Rich­tung einer soma­ti­schen, anti-atro­phi­schen, antient­zünd­li­chen und anti-nozi­zep­ti­ven Kör­per­struk­tur zu beein­flus­sen. Das Aus­maß der mög­li­chen Wirk­sam­keit ist natür­lich vom Stand der Kom­ple­xi­tät und dem Stand der krank­haf­ten Pro­zes­se abhän­gig, denn eine voll­stän­di­ge Wie­der­her­stel­lung der gesun­den Struk­tur und Funk­ti­on ver­mag auch eine Trai­nings­the­ra­pie nicht. Einen wesent­li­chen posi­ti­ven Ein­fluss auf das Befin­den und die Funk­ti­ons­fä­hig­keit hat sie aber alle­mal. Die Bereit­schaft des Pati­en­ten, die phy­si­sche Belas­tung zum stän­di­gen Bestand­teil des Lebens­stils zu machen, ist hier­bei die Schlüs­sel­funk­ti­on. Die­se muss aber immer auch durch eine kom­pe­ten­te medi­zi­ni­sche, trai­nings­the­ra­peu­ti­sche Anlei­tung und Kon­trol­le der Dosie­rung beglei­tet sein.

Inter­es­sens­kon­flikt: Der Autor hat kei­ne Interessenskonflikte.

Der Autor:
Dr. Wolf­gang Laube
Lei­ten­der Arzt
Ambu­lan­tes Reha­bi­li­ta­ti­ons­zen­trum f+p
Lin­dau­er Stra­ße 112
87439 Kemp­ten
wolfgang.laube@fetzer-pfund.de

Begut­ach­te­ter Beitrag/reviewed paper

Zita­ti­on
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