Pro­the­sen­ver­sor­gung: „Nehmt euch Zeit für die Kinder!“

Viel Bewegungsdrang und wenig Passteile – so beschreibt Orthopädietechnik-Meister Benjamin Born (37) im Gespräch mit der OT-Redaktion die große Herausforderung bei der Versorgung von Kindern bis zum Teenageralter von 14 Jahren. Born ist Franchisenehmer der auf den Prothesenbau spezialisierten APT Niederlassung Mittelrhein-Bonn mit sechs Mitarbeitern.

OT: War­um haben Sie sich auf die Ver­sor­gung von Kin­dern spezialisiert?

Ben­ja­min Born: Aus­lö­ser war mei­ne Begeg­nung mit Yan­nic, damals 10 Jah­re alt, vor neun Jah­ren. Er benö­tig­te eine Unter­schen­kel­pro­the­se. Durch ihn wur­de mir erst­mals bewusst, wie vie­le Din­ge bei der Ver­sor­gung von Kin­dern mit Ampu­ta­tio­nen zu beach­ten sind und dass sich Ortho­pä­die­tech­ni­ker viel Zeit neh­men soll­ten, um die Bedürf­nis­se der Kin­der her­aus­zu­fin­den. Nur so kann die Pro­the­se im wört­li­chen wie über­tra­ge­nen Sin­ne pass­ge­nau sein. Übri­gens ist Yan­nic heu­te mein Lehr­ling und steht kurz vor der Gesel­len­prü­fung zum Ortho­pä­die­tech­ni­ker. Passt!

OT: Was ist bei Kin­dern anders als bei Erwachsenen?

Born: Der Bewe­gungs­drang ist im Kin­des­al­ter enorm. Die wol­len nicht gemüt­lich spa­zie­ren gehen, son­dern lau­fen, toben und ins Was­ser sprin­gen. Taucht eine Pfüt­ze vor ihnen auf, sprin­gen sie hin­ein, wie jedes ande­re Kind. Da wird nicht groß über­legt oder erst zu einer Schwimm­pro­the­se gewech­selt. Kin­der brau­chen daher eine robus­te All­tags­pro­the­se, die alles mit­macht, auch den Sprung ins Wasser!

OT: Wel­che Ver­sor­gungs­op­tio­nen bie­tet die Industrie?

Born: Das hängt stark vom Alter ab. Je klei­ner und leich­ter die Kin­der sind, des­to weni­ger Pas­s­tei­le ste­hen zur Ver­fü­gung. Bei Klein­kin­dern gibt es noch immer viel zu vie­le Gum­mi­fü­ße in Haut­far­be mit wenig Funk­tio­nen. Hier sind nur wenig gute Fuß- und Knie­ge­len­ke im Ange­bot. Das hängt sicher mit der gerin­gen Bau­hö­he zusam­men, die bei Klein­kin­dern mög­lich ist, aber auch mit der Markt­si­tua­ti­on. Für eine klei­ne Ziel­grup­pe loh­nen sich die Inves­ti­tio­nen in For­schung und Ent­wick­lung weni­ger als für die gro­ße Ziel­grup­pe der Erwach­se­nen. Für Kin­der­gar­ten­kin­der ist die Aus­wahl an Pas­s­tei­len schon grö­ßer. Ab dem Alter von 13 oder 14 sind bereits vie­le Pas­s­tei­le nutz­bar, die für Erwach­se­ne ent­wi­ckelt wurden.

OT: Wie gehen Sie mit Pas­s­teil-Lücken um?

Born: Dafür bin ich Ortho­pä­die­tech­ni­ker! Wir alle in den OT-Werk­stät­ten fül­len sol­che Lücken mit der Mar­ke Eigen­bau, dazu gehö­ren inzwi­schen eben­falls Digi­ta­le Fer­ti­gun­gen. Seit zwei, drei Jah­ren arbei­ten wir hier in der Nie­der­las­sung Mit­tel­rhein-Bonn eng mit der Fir­ma Mecu­ris zusam­men, die einen Voll­pro­the­sen­fuß im 3D-Druck her­stellt. Das ist aus mei­ner Sicht ein rie­si­ger Fort­schritt, weil die Kin­der die Pro­the­sen­co­ver indi­vi­du­ell mit­ge­stal­ten kön­nen. Denn das erhöht die Akzep­tanz der Pro­the­se durch die Kin­der selbst und ihren Freun­des­kreis enorm. Was immer das Kind gera­de cool fin­det – ob Dino­sau­ri­er oder Bibi und Tina, wel­che Lieb­lings­far­be es gera­de hat – alles ist mög­lich. Damit macht die gemein­schaft­li­che Arbeit an der Pro­the­se allen Sei­ten gro­ßen Spaß. Ein­zi­ger Nach­teil: Das Mate­ri­al könn­te vor allem für Kin­der halt­ba­rer sein. In die Mate­ri­al­for­schung soll­te daher wei­ter­hin inves­tiert werden.

OT: Wie brin­gen Sie die Kin­der vol­ler Bewe­gungs­drang zum gedul­di­gen Anprobieren?

Born: Die Anpro­be ist in der Tat ganz ent­schei­dend für die Pass­ge­nau­ig­keit der Pro­the­se. Hier ver­fol­ge ich zwei Ansät­ze. Zum einen habe ich die Erfah­rung gemacht, dass Kin­der sehr wohl Geduld auf­brin­gen. Man muss ihnen nur erklä­ren, dass sie mit einer pas­sen­den Pro­the­se viel bes­ser spie­len, lau­fen oder Lauf­rad fah­ren kön­nen. Zwei­tens set­ze ich auf spie­le­ri­sche Situa­tio­nen, die zudem von unse­rem Werk­statt­hund beglei­tet wer­den. Er beru­higt die Kin­der und lenkt sie ab.

OT: Wel­che Erfah­run­gen haben Sie im Hin­blick auf die Kos­ten­über­nah­men durch die Kostenträger?

Born: Ich habe bis­her kei­ne ein­zi­ge Ableh­nung der Kos­ten­über­nah­me von einer Kran­ken­kas­se für die Ver­sor­gung eines Kin­des mit Pro­the­sen erhal­ten. Da wir uns nicht zuletzt für die Doku­men­ta­ti­on der geplan­ten Ver­sor­gung viel Zeit neh­men, wis­sen die Mit­ar­bei­ter bei den Kos­ten­trä­gern genau, was wir vor­ha­ben. Die­se Mehr­ar­beit von unse­rer Sei­te wird letzt­lich von den Kin­dern belohnt.

OT: Gera­de bei der Ver­sor­gung von Kin­dern spie­len die Eltern sicher eine gro­ße Rol­le. Wie bin­den Sie die­se ein?

Born: Ehr­lich gesagt, Eltern sind schwie­rig. Wäh­rend die Kin­der mit Ampu­ta­tio­nen eben­so offen und mutig sind wie ihre Alters­ge­nos­sen, nei­gen ihre Eltern zu gro­ßer Vor­sicht, teils Ängst­lich­keit. Des­halb holen wir zu man­chen Eltern­ge­sprä­chen erfah­re­ne Müt­ter oder Väter mit dazu, die wie­der­um unter­ein­an­der sehr gut ver­netzt sind. Natür­lich neh­men wir uns die Zeit für inten­si­ve Gesprä­che mit der Fami­lie des zu ver­sor­gen­den Kin­des. So sen­si­bi­li­sie­ren wir sie für die Wachs­tums­pha­sen ihrer Kin­der. Wir trai­nie­ren qua­si das Auge der Eltern, damit sie lie­ber ein­mal zu oft zur Kon­trol­le in die Werk­statt kom­men. Klein­kin­der brau­chen durch­schnitt­lich zwei Mal im Jahr eine neue Pro­the­se, spä­ter reicht meist eine neue Ver­sor­gung pro Jahr.

OT: Was emp­feh­len Sie Betrie­ben, die neu in die Ver­sor­gung von Kin­dern mit Ampu­ta­ti­on ein­stei­gen wollen?

Born: Raus aus dem Abar­bei­ten und rein ins Zeit­neh­men – das ist das A und O bei der Betreu­ung jun­ger Pati­en­ten. Dazu gehört neben vie­len Gesprä­chen und guten Erklä­run­gen unbe­dingt die Ein­bin­dung der Kin­der in die Gestal­tung der Pro­the­sen und der Eltern in den gesam­ten Ver­sor­gungs­pro­zess. Das ist mein Rezept für eine erfolg­rei­che Versorgung.

Die Fra­gen stell­te Ruth Justen.

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