FachartikelPeer Review

Bio­kom­pa­ti­bi­li­tät ortho­pä­di­scher Hilfs­mit­tel im Licht der MDR: Anfor­de­run­gen, Prüf­stra­te­gien und Bewer­tung elas­t­an­ba­sier­ter Produkte

M. Handel
Orthopädische Hilfsmittel wie Bandagen, Kompressionsstrümpfe und Orthesen unterliegen der europäischen Medizinprodukteverordnung (MDR). Die Biokompatibilität dieser Medizinprodukte muss gemäß der Normenreihe DIN EN ISO 10993 bewertet werden. Dieser Artikel beleuchtet die regulatorischen Anforderungen, das Risikobewertungsverfahren und spezifische Herausforderungen bei elastanbasierten Produkten. Im Fokus steht eine modifizierte Prüfmethode nach Wiegand et al., die eine praxisnahe Bewertung ermöglicht – besonders für Produkte mit Hautkontakt.

Ein­lei­tung

Ortho­pä­di­sche Hilfs­mit­tel unter­ste­hen als regu­lier­te Medi­zin­pro­duk­te der euro­päi­schen Medi­zin­pro­duk­te­ver­ord­nung (MDR, Ver­ord­nung (EU) 2017/745) [1]. Selbst bei Ein­ord­nung in Klas­se I sind Risi­ko­be­wer­tun­gen und Bio­kom­pa­ti­bi­li­täts­prü­fun­gen ver­pflich­tend. Die Nor­men­rei­he DIN EN ISO 10993 [2–8] lie­fert dafür die metho­di­sche Grund­la­ge. Beson­ders bei elas­t­an­ba­sier­ten Pro­duk­ten erge­ben sich in der Bewer­tung spe­zi­fi­sche Her­aus­for­de­run­gen, denen die­ser Bei­trag anhand aktu­el­ler Metho­den und regu­la­to­ri­scher Anfor­de­run­gen nachgeht.

Regu­la­to­ri­sche Ein­ord­nung ortho­pä­di­scher Hilfsmittel

Die Klas­si­fi­zie­rung eines medi­zi­ni­schen Hilfs­mit­tels nach MDR basiert auf ver­schie­de­nen Kri­te­ri­en wie dem Ver­wen­dungs­zweck, der Dau­er der Anwen­dung und dem Risi­ko für den Pati­en­ten. Ein­ge­teilt wird nach MDR in drei (bzw. vier) Klas­sen. Klas­se-I-Pro­duk­te haben ein gerin­ges Risi­ko. Vie­le medi­zi­ni­sche Hilfs­mit­tel wie Orthe­sen, Ban­da­gen oder Kom­pres­si­ons­strümp­fe fal­len in die­se Kate­go­rie. Klas­se-IIa-Pro­duk­te ber­gen ein mitt­le­res Risi­ko. Orthe­sen, die eine gewis­se Unter­stüt­zung oder Sta­bi­li­tät bie­ten, wie z. B. bestimm­te Gelenk­or­the­sen, wer­den häu­fig als Klas­se-IIa-Pro­duk­te ein­ge­ord­net. Medi­zin­pro­duk­te der Risi­koklas­se IIb ber­gen laut Defi­ni­ti­on ein mitt­le­res bis hohes Risi­ko. Kom­ple­xe­re Orthe­sen oder auch (Zahn-)Implantate kön­nen hier ein­ge­ord­net wer­den. Klas­se-III-Pro­duk­te ber­gen laut Defi­ni­ti­on das höchs­te Risi­ko und erfor­dern eine umfas­sen­de Prü­fung. Pro­the­sen, die implan­tier­ba­re Kom­po­nen­ten ent­hal­ten, oder Orthe­sen, die für kri­ti­sche Anwen­dun­gen bestimmt sind, könn­ten in die­se Klas­se fallen.

Für Her­stel­ler von Orthe­sen, Ban­da­gen oder Kom­pres­si­ons­strümp­fen ist es in jedem Fal­le unum­gäng­lich, gemäß MDR eine Bewer­tung ihres Pro­duk­tes vor­zu­neh­men, wel­che auch eine Risi­ko­be­wer­tung umfasst. Die Prü­fung indi­vi­dua­li­sier­ba­rer Medi­zin­pro­duk­te ist in der Ver­ord­nung (EU) 2017/745 über Medi­zin­pro­duk­te (MDR) gere­gelt [1]. Bei CE-gekenn­zeich­ne­ten Seri­en­pro­duk­ten liegt die Ver­pflich­tung zur Durch­füh­rung der Risi­ko­be­wer­tung und Kon­for­mi­täts­be­wer­tung gemäß Arti­kel 10 MDR beim Her­stel­ler. Wird ein sol­ches Pro­dukt ledig­lich pati­en­ten­spe­zi­fisch ange­passt – bei­spiels­wei­se in Bezug auf Grö­ße oder Pass­form –, ohne sei­ne ursprüng­li­che Zweck­be­stim­mung oder sicher­heits­re­le­van­ten Eigen­schaf­ten zu ver­än­dern, ver­bleibt die Ver­ant­wor­tung für die Pro­dukt­si­cher­heit beim Her­stel­ler. Wird ein CE-gekenn­zeich­ne­tes Medi­zin­pro­dukt über sei­ne ursprüng­li­che Zweck­be­stim­mung hin­aus funk­tio­nell oder struk­tu­rell ver­än­dert, so über­nimmt der Anpas­sen­de die Her­stel­ler­ver­ant­wor­tung. In sol­chen Fäl­len sind sämt­li­che Anfor­de­run­gen der MDR zu erfül­len, ein­schließ­lich Risi­ko­ma­nage­ment, tech­ni­scher Doku­men­ta­ti­on und – bei Pro­duk­ten höhe­rer Risi­koklas­sen – gege­be­nen­falls Ein­bin­dung einer benann­ten Stelle.

Han­delt es sich hin­ge­gen um eine Son­der­an­fer­ti­gung im Sin­ne von Arti­kel 2 Absatz 3 MDR – also ein indi­vi­du­ell für einen bestimm­ten Pati­en­ten auf ärzt­li­che Ver­an­las­sung gefer­tig­tes Pro­dukt ohne CE-Kenn­zeich­nung – so wird der Anfer­ti­gen­de (z. B. ein Ortho­pä­die­tech­ni­ker) zum Her­stel­ler im regu­la­to­ri­schen Sin­ne. In die­sem Fall obliegt ihm die Durch­füh­rung einer Risi­ko­be­wer­tung gemäß DIN EN ISO 14971 [9] sowie die Erstel­lung einer Son­der­an­fer­ti­gungs-Erklä­rung nach Anhang XIII MDR [1]. Die Risi­ko­be­wer­tung umfasst unter ande­rem die Ana­ly­se von Mate­ri­al­ei­gen­schaf­ten, Funk­tio­na­li­tät und Pass­form sowie gege­be­nen­falls eine Bewer­tung der bio­lo­gi­schen Sicher­heit nach der Nor­men­rei­he DIN EN ISO 10993, ins­be­son­de­re bei län­ge­rer oder direk­ter Haut- oder Gewebekontaktzeit.

Grund­la­gen der Risi­ko­be­wer­tung und Biokompatibilität

Die Risi­ko­be­wer­tung für Medi­zin­pro­duk­te folgt in der Regel den Vor­ga­ben der DIN EN ISO 14971. In die­ser wird auf die Nor­men­rei­he DIN EN ISO 10993 Bezug genom­men, wel­che die Bio­kom­pa­ti­bi­li­tät von Medi­zin­pro­duk­ten und die Bewer­tung ins­be­son­de­re im Hin­blick auf bio­lo­gi­sche Risi­ken behandelt.

Die Bio­kom­pa­ti­bi­li­täts­be­wer­tung von Medi­zin­pro­duk­ten erfolgt in meh­re­ren Schrit­ten und dient der Fest­stel­lung, ob ein Medi­zin­pro­dukt sicher und ver­träg­lich ist, wenn es mit dem mensch­li­chen Kör­per in Kon­takt kommt. Obwohl Medi­zin­pro­duk­te der Klas­se I in der Regel als sol­che mit gerin­gem Risi­ko ein­ge­stuft wer­den, müs­sen auch sie gemäß der EU-Ver­ord­nung 2017/745 (MDR) die Anfor­de­run­gen an die Bio­kom­pa­ti­bi­li­tät erfüllen.

In vie­len Fäl­len kann eine Bio­kom­pa­ti­bi­li­täts­be­wer­tung auf der Grund­la­ge von Lite­ra­tur und bereits erho­be­nen Daten zu den ver­wen­de­ten Mate­ria­li­en durch­ge­führt wer­den. Wur­den die im Medi­zin­pro­dukt ver­wen­de­ten Mate­ria­li­en bereits in der Ver­gan­gen­heit geprüft und bewer­tet, kön­nen die­se Ergeb­nis­se als Grund­la­ge für die Bewer­tung her­an­ge­zo­gen wer­den. Ist eine Bio­kom­pa­ti­bi­li­täts­be­wer­tung anhand vor­lie­gen­der Daten nicht aus­rei­chend mög­lich, ist es not­wen­dig, die­se nach den Richt­li­ni­en der Rei­he DIN EN ISO 10993 durchzuführen.

Die all­ge­mei­nen Anfor­de­run­gen und Prüf­me­tho­den zur Bewer­tung der Bio­kom­pa­ti­bi­li­tät von Medi­zin­pro­duk­ten sind dabei in der DIN EN ISO 10993–1 beschrie­ben. Sie bil­det die Grund­la­ge für die Sicher­heits­be­wer­tung von Medi­zin­pro­duk­ten, die mit dem mensch­li­chen Kör­per in Kon­takt kom­men, und defi­niert einen sys­te­ma­ti­schen Ansatz zur Durch­füh­rung von Bio­kom­pa­ti­bi­li­täts­prü­fun­gen. Gemäß ISO 10993–1 sind für die Bio­kom­pa­ti­bi­li­täts­be­wer­tung ver­schie­de­ne Prüf­me­tho­den zu ver­wen­den, die je nach Klas­si­fi­zie­rung des Medi­zin­pro­dukts „in vitro“- (im Labor) oder „in vivo“-Tests (an leben­den Tie­ren) umfas­sen können.

Gene­rell ist eine che­mi­sche Cha­rak­te­ri­sie­rung nach DIN EN ISO 10993–18 die Basis für die toxi­ko­lo­gi­sche Bewer­tung. Dabei wird ein Scree­ning auf her­aus­lös­ba­re che­mi­sche Sub­stan­zen durch­ge­führt. Mit­tels chro­ma­to­gra­phi­scher Metho­den wie GC-MS oder LC-MS wer­den die gefun­de­nen Sub­stan­zen iden­ti­fi­ziert und quan­ti­fi­ziert. Anhand eines toxi­ko­lo­gi­schen Grenz­wer­tes wird die Rele­vanz der gefun­den Sub­stan­zen bestimmt (beschrie­ben in DIN EN ISO 10993–17). Auf Basis der toxi­ko­lo­gi­schen Bewer­tung der che­mi­schen Cha­rak­te­ri­sie­rung wird ent­schie­den, ob bio­lo­gi­sche Prü­fun­gen erfor­der­lich sind.

Für ein Medi­zin­pro­dukt der Klas­se I wird in der Regel die In-vitro-Zyto­to­xi­zi­täts­prü­fung nach DIN EN ISO 10993–5 her­an­ge­zo­gen (Abb. 1). Die­se Metho­de ist schnell und kos­ten­güns­tig und kann einen ers­ten Über­blick über die zell­schä­di­gen­den Eigen­schaf­ten des Medi­zin­pro­dukts geben. Außer­dem kön­nen In-vivo-Prü­fun­gen nach DIN EN 10993–10 bzw. aner­kann­te In-vitro-Ersatz­me­tho­den sowie Prü­fun­gen auf Irri­ta­ti­on nach DIN EN 10993–23 not­wen­dig werden.

In der genann­ten In-vitro-Prü­fung auf Zyto­to­xi­zi­tät zei­gen sich jedoch häu­fig Pro­duk­te mit einem hohen Elas­t­an­an­teil wie elas­ti­sche Orthe­sen, Ban­da­gen oder Kom­pres­si­ons­strümp­fe als pro­ble­ma­tisch. Um den­noch eine Bewer­tung der genann­ten Pro­duk­te nach DIN EN ISO 10993–5 zu ermög­li­chen, wur­de die nor­ma­ti­ve Stan­dard­prü­fung von Wie­gand et al. modi­fi­ziert [10]. Das Prüf­mus­ter wird nach DIN EN ISO 10993–12 extra­hiert, wobei eine sau­re Schweiß­lö­sung zum Ein­satz kommt, da Schweiß auf intak­ter Haut die rele­van­tes­te Flüs­sig­keit ist. Nach einer Inku­ba­ti­on auf kul­ti­vier­ten Haut­zel­len wird sowohl die Wachs­tums­hem­mung der Zel­len als auch deren LDH(Lactatdehydrogenase)-Aktivität im Ver­gleich zu einer Kon­trol­le bestimmt.

Spe­zia­li­sier­te Dienst­leis­ter bie­ten umfas­sen­de Prüf- und Bewer­tungs­leis­tun­gen im Bereich Medi­zin­pro­duk­te gemäß der Ver­ord­nung (EU) 2017/745 (MDR) sowie nach den ein­schlä­gi­gen inter­na­tio­na­len Nor­men, ins­be­son­de­re der Rei­he DIN EN ISO 10993 zur bio­lo­gi­schen Beur­tei­lung. Die Dienst­leis­tun­gen umfas­sen alle Pha­sen der Pro­dukt­ent­wick­lung – von der Mate­ri­al­prü­fung über die Bewer­tung der bio­lo­gi­schen Sicher­heit bis hin zur tech­ni­schen Doku­men­ta­ti­on im Rah­men der Produktzulassung.

Fazit

Ortho­pä­di­sche Medi­zin­pro­duk­te müs­sen auch bei nied­ri­ger Risi­koklas­si­fi­zie­rung die Anfor­de­run­gen der MDR erfül­len. Die Nor­men­rei­he DIN EN ISO 10993 stellt ein dif­fe­ren­zier­tes Prüf- und Bewer­tungs­sche­ma zur bio­lo­gi­schen Sicher­heit bereit. Für elas­t­an­ba­sier­te Pro­duk­te bie­tet das Ver­fah­ren von Wie­gand et al. [10] eine aner­kann­te Metho­de zur In-vitro-Biokompatibilitätsprüfung.

 

Begut­ach­te­ter Beitrag/reviewed paper

 

Die Autorin:
Dr. Mari­na Handel
Pro­ject Manager
Hohen­stein Labo­ra­to­ries GmbH & Co. KG
Schloss­stei­ge 1
74357 Boennigheim
m.handel@hohenstein.com
www.hohenstein-medical.com 

 

Zita­ti­on
Han­del M. Bio­kom­pa­ti­bi­li­tät ortho­pä­di­scher Hilfs­mit­tel im Licht der MDR: Anfor­de­run­gen, Prüf­stra­te­gien und Bewer­tung elas­t­an­ba­sier­ter Pro­duk­te. Ortho­pä­die Tech­nik, 2025; 76 (10): 54–56

 

Quel­len­ver­zeich­nis

[1] Ver­ord­nung (EU) 2017/745 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 5. April 2017 über Medi­zin­pro­duk­te (Medi­cal Device Regu­la­ti­on – MDR), ABl. L 117 vom 05.05.2017, 1–175

[2] DIN EN ISO 10993–1:2020–10 – Bewer­tung und Prü­fung im Rah­men eines Risikomanagementsystems

[3] DIN EN ISO 10993–5:2009–10 – Prü­fun­gen auf in-vitro-Zytotoxizität

[4] DIN EN ISO 10993–10:2021–10 – Prü­fun­gen auf Irri­ta­ti­on und Hautsensibilisierung

[5] DIN EN ISO 10993–12:2021–03 – Pro­ben­vor­be­rei­tung und Referenzstoffe

[6] DIN EN ISO 10993–17:2021–05 – Ablei­tung zuläs­si­ger Auf­nah­me­grenz­wer­te (Tole­ra­ble Inta­ke – TI)

[7] DIN EN ISO 10993–18:2021–03 – Che­mi­sche Cha­rak­te­ri­sie­rung von Materialien

[8] DIN EN ISO 10993–23:2021–01 – Prü­fun­gen auf Irri­ta­ti­on in vitro

[9] DIN EN ISO 14971 – Anwen­dung des Risi­ko­ma­nage­ments auf Medizinprodukte

[10] Wie­gand C et al. Opti­mi­zed pro­to­col for the bio­com­pa­ti­bi­li­ty test­ing of com­pres­si­on sto­ckings and simi­lar pro­ducts with clo­se skin cont­act in vitro. The Jour­nal of The Tex­ti­le Insti­tu­te, 2017; 109 (7): 891–902. doi: 10.1080/00405000.2017.1383640

 

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