FachartikelPeer Review

Ortho­pä­die­tech­ni­sche Ver­sor­gung bei lon­gi­tu­di­na­len Reduk­ti­ons­de­fek­ten der unte­ren Extremität

B. Vogt1, G Toporowski1, 2, G. Gosheger2, A. Laufer1, 2, A. Rachbauer1, 2, H. Tretow1, R. Roedl1, A. Frommer1, 2
Longitudinale Reduktionsdefekte der unteren Extremität zählen zu den seltenen angeborenen Fehlbildungen mit komplexen anatomischen und funktionellen Herausforderungen. Der vorliegende Beitrag beschreibt die pathoanatomischen Grundlagen und Einteilungsmöglichkeiten dieser Fehlbildungen sowie etablierte diagnostische Algorithmen und therapeutische Strategien. Im Zentrum steht die orthopädietechnische Versorgung, die in ein interdisziplinäres Therapiekonzept eingebettet ist und individuell an das Wachstum und die funktionelle Entwicklung des Kindes angepasst werden muss. Ziel der Behandlung ist eine altersgerechte Mobilität bei minimaler Invasivität und maximaler Funktionalität. Erste Ergebnisse einer eigenen Befragung zur Lebensqualität zeigen, dass sowohl konservative als auch operative Behandlungsstrategien vergleichbar gute Ergebnisse liefern können. Neue Entwicklungen wie motorisierte Verlängerungsmarknägel, mikroprozessorgesteuerte Prothesen und 3D-Planungstechnologien erweitern die Versorgungsmöglichkeiten und bieten vielversprechende Per­spektiven für die Zukunft.


1  Kin­der­or­tho­pä­die, Deformitätenrekon­struktion und Fuß­chir­ur­gie, Universitäts­klinikum Münster
2  All­ge­mei­ne Ortho­pä­die und Tumorortho­pädie, Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum Münster

 

Ein­lei­tung

Lon­gi­tu­di­na­le Reduk­ti­ons­de­fek­te der unte­ren Extre­mi­tät umfas­sen ange­bo­re­ne Fehl­bil­dun­gen, bei denen ein Abschnitt des Beins nicht oder nur teil­wei­se ange­legt ist1 2 3. Sie stel­len eine sel­te­ne Enti­tät dar mit einer Inzi­denz von etwa 1–1,5 pro 50.000 Neu­ge­bo­re­nen4 5 6. Je nach Aus­prä­gung ist die Fehl­bil­dung ent­we­der unmit­tel­bar nach der Geburt erkenn­bar oder wird erst im Klein­kind­al­ter auf­grund einer zuneh­men­den Bein­län­gen­dif­fe­renz auf­fäl­lig7 8 9. Häu­fig tre­ten meh­re­re Anoma­lien gemein­sam auf: In bis zu 50 % der Fäl­le ist ein ange­bo­re­ner Femur­de­fekt mit einem fibu­lä­ren Längs­de­fekt (fibu­la­re Hemi­me­lie) asso­zi­iert10 11 12 13 14. Die­se gemein­sa­me Auf­tre­tens­häu­fig­keit erklärt sich durch einen Ent­wick­lungs­feh­ler im late­ra­len (fibu­lä­ren) Feld der Extre­mi­tä­ten­knos­pe wäh­rend der Embryo­nal­zeit15 16 17. Ent­spre­chend fin­den sich bei die­sen Pati­en­ten oft auch Fehl­bil­dun­gen des Knie­ge­lenks (z. B. Fehl­an­la­ge der Kreuz­bän­der oder der Patel­la) und des Fußes (z. B. Feh­len late­ra­ler Strah­len, Klump­fuß­stel­lung) als Teil des­sel­ben Ent­wick­lungs­fel­des18 19 20 21.

Für die The­ra­pie­pla­nung sind vor allem das Aus­maß des knö­cher­nen Defekts, die zu erwar­ten­de Bein­län­gen­dif­fe­renz zum Wachs­tums­ab­schluss und die Sta­bi­li­tät von Hüft‑, Knie- und Sprung­ge­lenk ent­schei­dend22 23 24 25. Grund­sätz­lich soll­te den betrof­fe­nen Indi­vi­du­en ein indi­vi­du­el­les, mul­ti­mo­da­les Behand­lungs­kon­zept ange­bo­ten wer­den, das ent­we­der aus einer allei­ni­gen orthop­ro­the­ti­schen Ver­sor­gung oder der Kom­bi­na­ti­on mit ope­ra­tiv rekon­struk­ti­ven bzw. in sel­te­nen Fäl­len auch abla­ti­ven Behand­lungs­ver­fah­ren besteht26 27 28. Wäh­rend bei mode­ra­ten Femur­hy­pop­la­si­en eine voll­stän­di­ge Anglei­chung der Bein­län­gen durch Ver­län­ge­rungs­ope­ra­tio­nen als Alter­na­ti­ve zum Aus­gleich der Bein­län­gen­dif­fe­renz durch ortho­pä­di­sche Hilfs­mit­tel mög­lich ist, soll­ten bei höher­gra­di­gen Defek­ten auch (semi-)ablative Ver­fah­ren oder pri­mär gelenk­sta­bi­li­sie­ren­de Ope­ra­tio­nen ohne Ver­län­ge­run­gen in Betracht gezo­gen wer­den29 30 31. In die­sen schwe­ren Fäl­len zielt die ope­ra­ti­ve The­ra­pie pri­mär dar­auf ab, die Funk­tio­na­li­tät der Extre­mi­tät für eine orthe­ti­sche oder orthop­ro­the­ti­sche Ver­sor­gung zu opti­mie­ren32 33 34. Eine früh­zei­ti­ge inter­dis­zi­pli­nä­re Pla­nung unter Ein­be­zie­hung der Eltern sowie regel­mä­ßi­ge Ver­laufs­kon­trol­len in spe­zia­li­sier­ten Zen­tren für Kin­der­or­tho­pä­die sind wesent­lich, um wachs­tums­be­glei­tend die best­mög­li­che Ver­sor­gung zu gewähr­leis­ten35 36 37.

Klas­si­fi­ka­ti­on ange­bo­re­ner Femur- und Unterschenkellängsdefekte

Kon­ge­ni­taler Femurdefekt

Unter dem Begriff kon­ge­ni­taler Femur­de­fekt – inter­na­tio­nal auch Con­ge­ni­tal Femo­ral Defi­ci­en­cy (CFD) genannt – wer­den ver­schie­den stark aus­ge­präg­te (pro­xi­ma­le) Femur­fehl­bil­dun­gen zusam­men­ge­fasst. Das Spek­trum reicht von einer leich­ten Femur­hy­pop­la­sie bis zur fast voll­stän­di­gen Apla­sie des Femurs mit Pseud­arthro­se und insta­bi­len Hüft-/Knie­ge­len­ken38 39 40 41. Zur Ein­tei­lung haben sich meh­re­re Klas­si­fi­ka­tio­nen eta­bliert. Ait­ken beschrieb 1969 4 Klas­sen (A–D) auf Basis der Radio­lo­gie des Hüft­ge­lenks. Klas­se A weist einen intak­ten Femur­kopf und nor­ma­les Aze­ta­bu­lum auf, Klas­se B einen vor­han­de­nen, aber dys­plas­ti­schen Femur­kopf und/oder ein struk­tu­rell ver­än­der­tes Aze­ta­bu­lum, Klas­se C kei­nen ossi­fi­zier­ten Femur­kopf (schwer dys­plas­ti­sches Hüft­ge­lenk) und Klas­se D weder Femur­kopf noch Aze­ta­bu­lum42. Paley erwei­ter­te die Klas­si­fi­ka­ti­on in den 1990er Jah­ren und unter­schied inner­halb der mil­den For­men zusätz­li­che Sub­ty­pen (z. B. Typ 1A1–1A3 für ver­schie­de­ne Defor­mi­tä­ten bei erhal­te­ner ossä­rer Kon­ti­nui­tät). Schwe­re­re For­men ent­spre­chen bei Paley Typ 2–4 und wei­sen unter­schied­lich aus­ge­präg­te Ossi­fi­ka­ti­ons­de­fek­te und Gelenk­an­oma­lien auf. Gemein­sam ist allen schwe­ren Typen eine mas­si­ve Ver­kür­zung des Ober­schen­kels, oft ein­her­ge­hend mit einer flek­tier­ten und außen­ro­tier­ten Hüft­stel­lung sowie einer Knie­beu­ge­kon­trak­tur43 (Abb. 1). In Paleys Sys­te­ma­tik ent­spricht ein Typ 3 unge­fähr Ait­ken Klas­se C/D und stellt die gra­vie­rends­te Form einer pro­xi­ma­len Femur­de­fi­zi­enz dar (nahe­zu voll­stän­di­ge pro­xi­ma­le Apla­sie)44. Bei beid­sei­ti­gem Auf­tre­ten (bila­te­ra­ler CFD, < 15 % der Fäl­le) sind funk­tio­nel­le Ein­schrän­kun­gen weni­ger auf eine mög­li­che Bein­län­gen­dif­fe­renz zurück­zu­füh­ren, son­dern beru­hen vor­wie­gend auf Beu­ge­kon­trak­tu­ren und Insta­bi­li­tä­ten bei­der Hüft- und Knie­ge­len­ke45 46.

Typi­sche Begleit­be­fun­de des CFD sind Insta­bi­li­tä­ten des Knie­ge­lenks und Fuß­de­for­mi­tä­ten. Ins­be­son­de­re sind die Kreuz­bän­der im Knie häu­fig fehl­an­ge­legt: Eine kon­ge­ni­tale Apla­sie des vor­de­ren Kreuz­ban­des (VKB) wur­de in bis zu 85 % der Fäl­le berich­tet, oft in Kom­bi­na­ti­on mit einer hin­te­ren Kreuz­band­in­suf­fi­zi­enz. Bei aus­ge­präg­ter Kreuz­banda­pla­sie kommt es früh zu einer ante­ro­pos­te­rio­ren Insta­bi­li­tät im Knie, teil­wei­se mit Sub­lu­xa­ti­on der Tibia47 48. Die Knie­be­weg­lich­keit ist beim CFD zudem oft durch Beu­ge­kon­trak­tu­ren ein­ge­schränkt (meist < 30° Exten­si­ons­de­fi­zit)49 50.

Fibu­la­re Hemimelie

Die fibu­la­re Hemi­me­lie ist die häu­figs­te ange­bo­re­ne Längs­fehl­bil­dung der lan­gen Röh­ren­kno­chen51 52. Dar­un­ter ver­steht man eine Hypo- oder Apla­sie des Waden­beins (Fibu­la), meist kom­bi­niert mit kom­ple­xen Ver­än­de­run­gen des Unter­schen­kels und Fußes53 54 55 56. Typi­sche Merk­ma­le sind eine Ver­kür­zung und ante­ro-late­ra­le Ver­bie­gung der Tibia, Insta­bi­li­tä­ten im Knie- und Sprung­ge­lenk (durch Hypop­la­sie der late­ra­len Kol­la­te­ral- und Syn­des­mo­sen­bän­der) sowie das Feh­len der late­ra­len Zehen­strah­len und teils schwe­re und rigi­de Fuß­de­for­mi­tä­ten (meist Val­gus­fehl­stel­lung, teil­wei­se auch klump­fuß­ähn­lich) mit tar­sa­len Syn­osto­sen57 58 59 60 61. Häu­fig besteht ein sog. „Bal­len­ef­fekt“ des Vor­fu­ßes durch die media­le Strahl­über­län­ge. Die Bein­län­gen­dif­fe­renz bei fibu­la­rer Hemi­me­lie beträgt bei Geburt im Mit­tel etwa 5–20 % der Gesamt­län­ge des nicht betrof­fe­nen Beins und nimmt im Wachs­tum pro­por­tio­nal zu62 63 64. Embryo­lo­gisch wird die fibu­la­re Hemi­me­lie – eben­so wie der Femur­de­fekt – auf eine Stö­rung des fibu­la­ren Ent­wick­lungs­felds zurück­ge­führt65 66 67 68. Ent­spre­chend kön­nen bei­de Fehl­bil­dun­gen im sel­ben Bein kom­bi­niert auf­tre­ten. Zur Klas­si­fi­ka­ti­on der fibu­la­ren Hemi­me­lie hat sich unter ande­rem das Sche­ma nach Ach­ter­man und Kalam­chi (1979) eta­bliert69. Es basiert auf radio­lo­gi­schen Kri­te­ri­en und unter­schei­det 2 Haupt­ty­pen in Abhän­gig­keit vom Aus­maß der Fibul­a­fehl­bil­dung. Typ I beschreibt eine par­ti­el­le Hypop­la­sie der Fibu­la, bei der der Kno­chen zwar ange­legt, aber ver­kürzt ist. Bei Typ IA reicht das dista­le Ende der Fibu­la unter­halb des obe­ren Sprung­ge­lenk­spalts; die Sprung­ge­lenks­kon­fi­gu­ra­ti­on ist dabei in der Regel erhal­ten, und die Bein­län­gen­dif­fe­renz bleibt meist gering. Bei Typ IB ist die Fibu­la stär­ker ver­kürzt, wobei das dista­le Ende nicht bis auf Höhe des Talus reicht. Dies ist häu­fig mit einer Val­gus­fehl­stel­lung der Tibia, hypop­las­ti­schem Talus und Außen­knö­chel sowie einer Insta­bi­li­tät des obe­ren Sprung­ge­lenks asso­zi­iert70 71. Typ II ent­spricht einer voll­stän­di­gen Fibu­laa­pla­sie. In die­sen Fäl­len feh­len sämt­li­che fibu­lä­ren Struk­tu­ren, oft beglei­tet von zusätz­li­chen Fehl­bil­dun­gen wie einer Hypop­la­sie der Tibia, Insta­bi­li­tä­ten im Knie- und Sprung­ge­lenk sowie aus­ge­präg­ten Fuß­de­for­mi­tä­ten mit feh­len­den late­ra­len Strah­len (Oli­go­d­ak­ty­lie). Auf­grund des asym­me­tri­schen Län­gen­wachs­tums zwi­schen Tibia und der feh­len­den Fibu­la ent­wi­ckelt sich häu­fig ein rele­van­tes Genu val­gum72 73 74. Ergän­zend zu die­ser radio­lo­gisch-ana­to­misch basier­ten Klas­si­fi­ka­ti­on wur­de von Paley eine funk­tio­nell-chir­ur­gi­sche Klas­si­fi­ka­ti­on ein­ge­führt, die ins­be­son­de­re für die ope­ra­ti­ve Ent­schei­dungs­fin­dung von Bedeu­tung ist. Sie unter­schei­det vier Typen: Typ 1 beschreibt eine vor­han­de­ne oder hypop­las­ti­sche Fibu­la bei sta­bi­lem obe­ren Sprung­ge­lenk. Typ 2 liegt vor, wenn die Fibu­la ver­kürzt ist oder teil­wei­se fehlt und das obe­re Sprung­ge­lenk insta­bil, aber beweg­lich ist („dyna­mi­sches Sprung­ge­lenk“). Typ 3 ist durch ein voll­stän­di­ges oder weit­ge­hen­des Feh­len der Fibu­la sowie eine equi­no-val­gi­sche Rück­fuß­de­for­mi­tät gekenn­zeich­net. Die­ser Typ wird wei­ter unter­teilt in Typ 3A (Defor­mi­tät im obe­ren Sprung­ge­lenk), Typ 3B (Defor­mi­tät im unte­ren Sprung­ge­lenk) und Typ 3C (kom­bi­nier­te Defor­mi­tät). Typ 4 schließ­lich beschreibt eine fixier­te equi­no-vari­sche Fehl­stel­lung mit Spitz­fuß und Supi­na­ti­on. Die Paley-Klas­si­fi­ka­ti­on berück­sich­tigt neben dem Fibu­la­de­fekt vor allem das Aus­maß der Rekon­stru­ier­bar­keit des Fußes, der Sprung­ge­lenks­sta­bi­li­tät und der Bein­län­gen­dif­fe­renz und dient somit als Grund­la­ge für indi­vi­du­el­le The­ra­pie­al­go­rith­men, ins­be­son­de­re zur Pla­nung von Rekon­struk­ti­on vs. Ampu­ta­ti­on75 (Abb. 2).

Tibia­le Hemimelie

Die Tibia-Hemi­me­lie ist deut­lich sel­te­ner als die Fibu­la-Hemi­me­lie76 77 78. Sie beschreibt das Feh­len oder die hypo­las­ti­sche Anla­ge der Tibia bei meist intak­ter Fibu­la79 80 81 82. Kli­nisch besteht ein insta­bi­les Knie­ge­lenk, da der femo­ro­ti­bia­le Kon­takt ganz oder teil­wei­se fehlt, ver­bun­den mit einer aus­ge­präg­ten Varus- oder Recur­vat­um­fehl­stel­lung. Der Fuß ist häu­fig in Spitz­fuß- und Varusstel­lung kon­trakt und nur über Weich­tei­le mit dem Femur/­Fi­bu­la-Kom­plex ver­bun­den (bei Tibia-Totala­pla­sie) 83 84 85 86. Die natür­li­che Pro­gno­se ist ungüns­tig, da ohne Tibia kei­ne knö­cher­ne Säu­le zur Sta­bi­li­sie­rung und für das Wachs­tum des Unter­schen­kels vor­han­den ist. Auf­grund der extre­men Sel­ten­heit (nur Ein­zel­fäl­le pro einer Mil­li­on Gebur­ten) 87 exis­tie­ren ver­schie­de­ne Ein­tei­lungs­ver­su­che88 89 90 91, jedoch kei­ne ein­heit­li­che Klas­si­fi­ka­ti­on92. Meist wird anhand der Rest­län­ge der Tibia und der Gelenk­funk­ti­on grob typi­siert (z. B. Jones-Klas­si­fi­ka­ti­on I–IV93 oder Paley-Klas­si­fi­ka­ti­on 1–594 (Abb. 3)). Auch die tibia­le Hemi­me­lie kann mit ande­ren Fehl­bil­dun­gen kom­bi­niert sein (z. B. Poly­dak­ty­lie oder Femur­fehl­bil­dun­gen), folgt aber eher einem prä­axia­len Ent­wick­lungs­mus­ter (media­les Feld der Extre­mi­tä­ten­an­la­ge)95 96 97 98 99.

Ver­sor­gungs­prin­zi­pi­en und Therapieansätze

Die Behand­lung von lon­gi­tu­di­na­len Reduk­ti­ons­de­fek­ten erfor­dert ein auf den Ein­zel­fall abge­stimm­tes Kon­zept unter Berück­sich­ti­gung des Kin­des­al­ters, der Defekt­art und ‑schwe­re sowie der fami­liä­ren Situa­ti­on100 101 102. All­ge­mein gilt das Prin­zip: „So viel wie nötig, so wenig wie mög­lich.“ Ziel ist stets, dem Kind eine mög­lichst eigen­stän­di­ge Mobi­li­tät und Stand­fä­hig­keit zu ermög­li­chen – sei es durch eine ope­ra­tiv-rekon­struk­ti­ve Behand­lungs­stra­te­gie mit Ver­län­ge­rungs­ope­ra­tio­nen oder durch eine orthoprothetische/orthetische Ver­sor­gung der betrof­fe­nen Extre­mi­tät. Häu­fig erfolgt eine Kom­bi­na­ti­on ope­ra­ti­ver Maß­nah­men mit einer ortho­pä­die­tech­ni­schen Ver­sor­gung, sodass die­se bei­den Behand­lungs­op­tio­nen nicht iso­liert betrach­tet wer­den soll­ten103 104 105. Ent­schei­dend ist die früh­zei­ti­ge Ent­wick­lung eines struk­tu­rier­ten Behand­lungs­kon­zepts, das Ein­schrän­kun­gen wie Bein­län­gen­dif­fe­ren­zen oder Gelenk­in­sta­bi­li­tä­ten über alle Alters­stu­fen hin­weg – vom Säug­ling bis zum jun­gen Erwach­se­nen – berück­sich­tigt106 107 108 109. Hier­bei wer­den meist meh­re­re The­ra­pie­pha­sen ein­ge­plant, die sich am moto­ri­schen Ent­wick­lungs­stand des Kin­des ori­en­tie­ren: Zum Lauf­be­ginn (~1. Lebens­jahr) steht die Erst­ver­sor­gung mit Orthese/Orthoprothese im Vor­der­grund, im Klein­kind­al­ter kön­nen dann ers­te kor­ri­gie­ren­de Ein­grif­fe zur Behe­bung bestehen­der Gelenk­de­for­mi­tä­ten erfol­gen, wobei Ver­län­ge­rungs­ver­fah­ren in der Regel frü­hes­tens ab dem 3.–4. Lebens­jahr durch­ge­führt wer­den soll­ten. Die­se Alters­gren­ze ergibt sich aus meh­re­ren medi­zi­nisch-prak­ti­schen Über­le­gun­gen. Zum einen müs­sen die betrof­fe­nen Röh­ren­kno­chen eine aus­rei­chen­de Dimen­si­on und Auf­bau­hö­he auf­wei­sen, um eine sta­bi­le und zugleich fugen­scho­nen­de Fix­a­teur­mon­ta­ge zu ermög­li­chen. Zum ande­ren ist die Bein­län­gen­dif­fe­renz mit Aus­nah­me der schwe­ren Fäl­le in die­sem Alter häu­fig noch so gering, dass sie durch ein­fa­che ortho­pä­die­tech­ni­sche Maß­nah­men wie eine ganz­soh­li­ge Schu­her­hö­hung funk­tio­nell gut und ohne wesent­li­che Ein­schrän­kun­gen im All­tag aus­ge­gli­chen wer­den kann. Zudem ist bekannt, dass ins­be­son­de­re oft gleich­zei­tig ange­zeig­te gelenk­na­he Achs­kor­rek­tu­ren im Bereich von Knie oder Sprung­ge­lenk bei Kin­dern unter 3 Jah­ren mit einem erhöh­ten Risi­ko für eine Rezi­div­fehl­stel­lung ein­her­ge­hen. Ein wei­te­rer wich­ti­ger Aspekt ist, dass die pro­gnos­ti­sche Beur­tei­lung der zu erwar­ten­den Gesamt­bein­län­gen­dif­fe­renz mit zuneh­men­dem Alter deut­lich zuver­läs­si­ger wird als im Säug­lings- oder frü­hen Klein­kind­al­ter. Vor Beginn auf­wän­di­ger Ver­län­ge­rungs­ver­fah­ren muss zudem zwin­gend gewähr­leis­tet sein, dass die angren­zen­den Gelen­ke eine aus­rei­chen­de Sta­bi­li­tät und Beweg­lich­keit auf­wei­sen110 111 112 113 114 115 116. Andern­falls müs­sen zunächst gelenk­sta­bi­li­sie­ren­de Ope­ra­tio­nen erfol­gen (z. B. Hüft­re­kon­struk­ti­on, Knie­band­plas­ti­ken), da eine ver­län­ge­rungs­be­ding­te Belas­tung insta­bi­ler Gelen­ke zu schwe­ren Schä­den füh­ren kann117 118 119 120 121 122 123.

Eine enge inter­dis­zi­pli­nä­re Zusam­men­ar­beit zwi­schen Kin­der­or­tho­pä­den, Ortho­pä­die­tech­ni­kern, Phy­sio­the­ra­peu­ten und den Eltern ist für den lang­fris­ti­gen Erfolg essen­zi­ell. In regel­mä­ßi­gen Ver­laufs­kon­trol­len (anfangs alle 3–6 Mona­te, spä­ter jähr­lich) wer­den das Wachs­tum, die Bein­ach­se und ‑län­ge sowie der Sitz von Orthesen/­Orthoprothesen über­wacht. Bei Bedarf erfolgt eine Anpas­sung der Hilfs­mit­tel (Grö­ßen­an­pas­sung, Gelen­ke nach­rüs­ten etc.) oder die Pla­nung wei­te­rer Ope­ra­tio­nen. Prak­tisch bedeu­ten die­se Prin­zi­pi­en auch, Kin­der zunächst mit mög­lichst ein­fa­chen, leich­ten Orthe­sen bzw. Orthop­ro­the­sen zu ver­sor­gen, um sie nicht zu über­for­dern124 125 126 127. Mit zuneh­men­dem Alter und stei­gen­den Fähig­kei­ten des Kin­des kann die Ver­sor­gung dann kom­ple­xer gestal­tet wer­den (z. B. Ein­bau von Gelen­ken, spe­zi­el­ler Füße oder Knie in die Orthop­ro­the­se). Der Grund­satz lau­tet: Die tech­ni­sche Ver­sor­gung folgt der Funk­ti­on – eine Ver­bes­se­rung der Mobi­li­tät soll mit dem geringst­mög­li­chen inva­si­ven oder tech­ni­schen Auf­wand erreicht wer­den128 129 130 131.

Tech­ni­sche Kon­zep­te der ortho­pä­die­tech­ni­schen Versorgung

Die Palet­te an Behand­lungs­op­tio­nen reicht von rein kon­ser­va­ti­ven Aus­gleichs­maß­nah­men bis hin zu auf­wän­di­gen ope­ra­ti­ven Rekon­struk­tio­nen, stets in Kom­bi­na­ti­on mit ortho­pä­die­tech­ni­schen Hilfs­mit­teln. Im Fol­gen­den wer­den die wich­tigs­ten Kon­zep­te vorgestellt.

Orthe­sen und Orthoprothesen

In mil­de­ren Fäl­len von Reduk­ti­ons­de­fek­ten kann ein funk­tio­nel­ler Aus­gleich rein äußer­lich erfol­gen. Klei­ne­re Bein­län­gen­dif­fe­ren­zen (< 3 cm) las­sen sich durch Schu­her­hö­hun­gen aus­glei­chen. Bei mode­ra­ter Ver­kür­zung wer­den häu­fig Bein­or­the­sen ein­ge­setzt – etwa eine Unter­schen­kel­or­the­se mit inte­grier­ter Absatz­er­hö­hung (Abb. 4) oder eine Knie-Knö­chel-Fuß-Orthe­se (KAFO) zur Sta­bi­li­sie­rung des Knie­ge­lenks (Abb. 5). Ins­be­son­de­re bei prä­ar­ti­ku­lä­ren Defek­ten (z. B. Femur­hy­pop­la­sie mit intak­tem Fuß) kann eine soge­nann­te Orthop­ro­the­se zum Ein­satz kom­men132 133 134 135. Dabei han­delt es sich um eine Orthe­se mit inte­grier­ten pro­the­ti­schen Ele­men­ten: Die ver­kürz­te, dys­plas­tisch ange­leg­te Extre­mi­tät ein­schließ­lich des Fußes wird dabei in eine indi­vi­du­ell ange­pass­te Fas­sung ein­ge­bet­tet, die eine siche­re Fixie­rung und axia­le Füh­rung ermög­licht. Die funk­tio­nel­le Ver­län­ge­rung und Über­brü­ckung der feh­len­den knö­cher­nen Län­ge erfol­gen durch den pro­the­ti­schen Anteil der Orthe­se, der distal in einem künst­li­chen Fuß endet (Abb. 6). So kann bei­spiels­wei­se bei einem CFD vom Paley-Typ 3 (Ait­ken D) anstel­le einer Ampu­ta­ti­on des funk­ti­ons­lo­sen Fußes zunächst eine Orthop­ro­the­se ange­passt wer­den, bei der das Bein unter Längs­zug sowie Fix­a­ti­on des Unter­schen­kels in Spitz­fuß-Stel­lung im Schaft und Abstüt­zung am Tuber ischia­di­cum in eine achs­ge­rech­te Stel­lung gebracht wird (Abb. 7). Die dadurch ent­ste­hen­de mus­ku­lä­re Ver­span­nung soll das Gehen erleich­tern136 137 138. Die­se Kon­struk­ti­on ermög­licht dem Kind eine belast­ba­re Stüt­ze, ohne dass zunächst irrever­si­ble ope­ra­ti­ve Ein­grif­fe vor­ge­nom­men wer­den. Orthe­sen und Orthop­ro­the­sen kom­men auch beglei­tend zu ope­ra­ti­ven Ver­fah­ren zum Ein­satz, z. B. als Inte­rims­lö­sung bis zur nächs­ten Ope­ra­ti­on oder zur post­ope­ra­ti­ven Füh­rung und Ruhig­stel­lung. Ins­ge­samt sind Orthesen/Orthoprothesen wich­ti­ge Bestand­tei­le im Behand­lungs­kon­zept, um bereits früh eine eigen­stän­di­ge Mobi­li­tät zu erreichen.

Die Wahl zwi­schen einer Dop­pel­de­cker­ver­sor­gung mit plan­ti­gra­der Fuß­po­si­ti­on und einer Spitz­fuß-Ein­stel­lung rich­tet sich maß­geb­lich nach dem the­ra­peu­ti­schen Gesamt­kon­zept und der geplan­ten chir­ur­gi­schen Stra­te­gie. Die Dop­pel­de­cker­ver­sor­gung eig­net sich ins­be­son­de­re bei geplan­ten Extre­mi­tä­ten­ver­län­ge­run­gen, da sie eine vol­le Belas­tung des Fußes bei phy­sio­lo­gi­scher 90-Grad-Stel­lung ermög­licht und eine spä­te­re Inte­gra­ti­on von Ver­län­ge­rungs­ap­pa­ra­tu­ren vor­be­rei­tet. Die­se Ver­sor­gung erlaubt eine plan­ti­gra­de Last­über­nah­me, erleich­tert das Gehen und bie­tet gute Vor­aus­set­zun­gen für die ope­ra­ti­ve Ver­län­ge­rung. Dem­ge­gen­über wird die Spitz­fuß-Ein­stel­lung vor allem dann gewählt, wenn kei­ne ope­ra­ti­ve Ver­län­ge­rung geplant ist. Die­se Ver­sor­gungs­form ist all­tags­taug­lich (z. B. beim Anklei­den), kom­pakt, kos­me­tisch güns­tig (Sil­hou­et­ten­schlank­heit) und des­halb meist gut akzep­tiert. Die Kraft­ein­lei­tung erfolgt über die Fer­se, sodass ein öko­no­mi­sches Gang­bild ermög­licht wird. Ergän­zend erfolgt die Last­über­tra­gung bei die­ser Ver­sor­gung häu­fig über eine spe­zi­el­le Auf­tritts­flä­che mit Zehen­greif­wulst und/oder Fer­sen­stüt­ze, wodurch trotz der feh­len­den phy­sio­lo­gi­schen Abroll­be­we­gung ein sta­bi­les und öko­no­mi­sches Gang­bild unter­stützt wer­den kann. Ins­ge­samt spie­len neben den funk­tio­nel­len Aspek­ten eben auch kos­me­ti­sche Gesichts­punk­te und die Com­pli­ance der Pati­en­ten bei der Ver­sor­gungs­wahl eine ent­schei­den­de Rol­le139.

Kno­chen­ver­län­ge­rung (Kal­lus­dis­trak­ti­on)

Die chir­ur­gi­sche Ver­län­ge­rung ver­kürz­ter Röh­ren­kno­chen kann ein zen­tra­les Ele­ment der Rekon­struk­ti­ons­stra­te­gie bei lon­gi­tu­di­na­len Reduk­ti­ons­de­fek­ten dar­stel­len. Das Ver­fah­ren nach Ili­za­rov (Kal­lus­dis­trak­ti­on) erlaubt Län­gen­zu­wäch­se von bis zu 1 mm pro Tag am Femur oder Unter­schen­kel140 141 142 143 144 145 146 147. Tra­di­tio­nell wur­den exter­ne Fix­a­teu­re (Ring­fix­a­teur nach Ili­za­rov oder ein­stell­ba­re Mono­rails) ver­wen­det, die über meh­re­re Mona­te am Kno­chen ver­blie­ben, bis die rege­ne­rier­te Kal­lusstre­cke kon­so­li­diert war. Heu­ti­ge Ver­bes­se­run­gen umfas­sen voll implan­tier­ba­re, moto­ri­sier­te Mar­k­nä­gel, die eine Ver­län­ge­rung ohne exter­ne Appa­ra­tur ermög­li­chen148 149 150 151 152 153 154 155. Sol­che intra­me­dul­lä­ren Ver­län­ge­rungs­nä­gel sind inzwi­schen auch bei älte­ren Kin­dern ein­setz­bar. Aller­dings sind die Indi­ka­tio­nen einer­seits durch die klei­nen Kno­chen­di­men­sio­nen (gerin­ge Aus­gangs­län­ge und ‑brei­te mit schma­lem Mark­raum) und ande­rer­seits durch die emp­find­li­chen Epi­phy­sen­fu­gen im Wachs­tums­al­ter limi­tiert. Die siche­re Ein­brin­gung eines Mar­k­na­gels über die noch offe­ne Tro­chan­ter­apo­phy­se ist ab einem Alter von etwa 8,5 Jah­ren bei Mäd­chen und 10 Jah­ren bei Jun­gen mög­lich156. Ver­län­ge­rungs­nä­gel erlau­ben typi­scher­wei­se ca. 5 cm Län­gen­ge­winn pro Rekon­struk­ti­on; grö­ße­re Dif­fe­ren­zen erfor­dern gestuf­te Mehr­fach­ein­grif­fe157 158 159 160 161 162 163 164. Wich­tig ist eine genaue Pla­nung des Ver­län­ge­rungs­be­darfs bis zum Wachs­tums­ab­schluss (z. B. mit­tels Mul­ti­pli­er-Metho­de165), um die Ein­grif­fe opti­mal zeit­lich zu ter­mi­nie­ren. Beglei­tend zur knö­cher­nen Ver­län­ge­rung müs­sen häu­fig Weich­teil­ope­ra­tio­nen erfol­gen (Mus­kel­ver­län­ge­run­gen, Achil­les­seh­nen­ver­län­ge­rung etc.), da kon­tra­hier­te Weich­tei­le das Errei­chen der Ziel­län­ge behin­dern kön­nen166 167 168 169 170 171 172 173.

Gelen­k­re­kon­struk­ti­on und ‑sta­bi­li­sie­rung

Vie­le Kin­der mit Femur­de­fekt lei­den unter insta­bi­len oder dys­plas­ti­schen Gelen­ken, die vor oder wäh­rend einer Ver­län­ge­rung ope­ra­tiv adres­siert wer­den müs­sen, um Kom­pli­ka­tio­nen unter Dis­trak­ti­on vor­zu­beu­gen174 175 176 177 178. Am Hüft­ge­lenk wird bei hoch­gra­di­gen Dys­pla­si­en in der Regel früh­zei­tig eine Becken­os­teo­to­mie durch­ge­führt, um einen aus­rei­chend tie­fen Pfan­nen­über­da­chungs­win­kel zu errei­chen179 180 181 182. Paley beschreibt dies als „Hypercontainment“-Maßnahme im Rah­men der SUPER­Hip-Pro­ze­dur, bei der in einer Ope­ra­ti­on meh­re­re Maß­nah­men kom­bi­niert wer­den: Hüft­pfan­nen­plas­tik, pro­xi­ma­le Femu­ros­teo­to­mie (Kor­rek­tur von Coxa vara und Femur­tor­si­on) sowie Weich­teil­ver­län­ge­run­gen (z. B. Adduk­to­ren- und Flex­oren­ver­län­ge­rung). Die­se simul­ta­ne Kor­rek­tur kann einen insta­bi­len, dys­plas­ti­schen CFD-Typ 2 in einen funk­ti­ons­fä­hi­ge­ren Typ 1 kon­ver­tie­ren183 184 185 186. Am Knie­ge­lenk bestehen bei Femur- und Fibu­la­de­fek­ten häu­fig erheb­li­che Insta­bi­li­tä­ten durch feh­len­de Bän­der187 188 189 190 191 192 193. Prin­zi­pi­ell ste­hen hier ver­schie­de­ne Band­re­kon­struk­ti­ons­ver­fah­ren zur Ver­fü­gung, etwa die ante­rio­re Kreuz­band­plas­tik nach Mac­In­tosh (Ver­fah­ren nach Ami­rault) 194, die kom­bi­nier­te vor­de­re und hin­te­re Kreuz­band­aug­men­ta­ti­on nach Gram­mont195 oder die patel­la­zen­trie­ren­de Seh­nen­ver­set­zung nach Lan­gens­ki­öld196. Paley führ­te min­des­tens 2 sol­cher Ein­grif­fe in einer Sit­zung zusam­men und bezeich­net dies als SUPER­K­nee-Pro­ze­dur197 198 199 200. Ziel ist ein mög­lichst sta­bi­les und ach­sen­ge­rech­tes Knie vor Beginn von Ver­län­ge­run­gen. Bei weni­ger aus­ge­präg­ter Insta­bi­li­tät des Knie­ge­lenks kann hin­ge­gen kon­ser­va­tiv vor­ge­gan­gen wer­den – die Indi­ka­ti­on zur auf­wän­di­gen Band­re­kon­struk­ti­on wird in der Lite­ra­tur kon­tro­vers gese­hen201 202 203. In jedem Fall soll­te eine Knie­de­for­mi­tät (z. B. val­gi­sche Knie­ach­se bei Fibu­la-Hemi­me­lie) in der Kind­heit erkannt wer­den, um die Mög­lich­keit der Kor­rek­tur durch eine tem­po­rä­re Hemie­pi­phy­si­ode­se recht­zei­tig bespre­chen und pla­nen zu kön­nen. Dies kann z. B. die Sta­tik für spä­te­re Orthop­ro­the­sen oder Ver­län­ge­run­gen opti­mie­ren204 205. Am Sprung­ge­lenk und Fuß kön­nen bei fibu­lä­ren Defek­ten Kor­rek­tur­os­teo­to­mien oder Arthro­de­sen durch­ge­führt wer­den, um einen belast­ba­ren, plan­ti­gra­den Fuß zu errei­chen. Bei­spiels­wei­se kann eine talo­kalka­nea­re Fusi­on die schwe­re Val­gus­in­sta­bi­li­tät im fibula­lo­sen Sprung­ge­lenk ver­bes­sern206 207 208 209 210. Bei tibia­len Hemi­me­li­en kann zur Fuß­zen­trie­rung mit­un­ter die Fibu­la an den dista­len Femur ange­hef­tet (Brown-Ver­fah­ren211) oder der Fuß mit dem Femur ver­blockt wer­den, um einen Ein­bein­stand zu ermög­li­chen – die­se Kin­der erhal­ten dann früh eine Ober­schen­kel­or­thop­ro­the­se212 213 214. Bei Tibiaa­pla­sie kann eine Fibu­laun­ter­stel­lung („tibia­liza­ti­on“) im Rah­men eines femor­ope­da­len Dis­trak­ti­ons­ver­fah­rens vor­ge­nom­men wer­den, wobei die Fibu­la schritt­wei­se unter den Femur dista­li­siert und der Fuß ach­sen­ge­recht aus­ge­rich­tet wird (Abb. 5). Dies ermög­licht eine spä­te­re Rekon­struk­ti­on mit ein­ge­schränk­ter, aber belas­tungs­fä­hi­ger Funk­ti­on215. In beson­ders kom­ple­xen Fäl­len ohne tibia­le Anla­ge kann bei geeig­ne­ter Ana­to­mie eine modi­fi­zier­te arthro­plas­ti­sche Tech­nik nach Weber (Visier­lap­pen­plas­tik) zum Ein­satz kom­men, bei der Tei­le der Patel­la zu einem Pseu­do­ti­bia­pla­teau geformt und mit der Fibu­la fusio­niert wer­den216.

(Semi-)ablative Ver­fah­ren

Rei­chen rekon­struk­ti­ve Maß­nah­men nicht aus, um eine aus­rei­chen­de Extre­mi­tä­ten­funk­ti­on zu erzie­len, kom­men auch rese­zie­ren­de oder fehl­bil­dungs­über­brü­cken­de Ein­grif­fe zum Ein­satz. Hier­zu zäh­len die Knie­ar­thro­de­se, Umkehr­plas­tik und Ampu­ta­ti­on, jeweils in Kom­bi­na­ti­on mit einer pro­the­ti­schen Versorgung.

Bei der Van-Nes-Rota­ti­ons­plas­tik (auch Win­kel­mann- oder Borggre­ve-Plas­tik) wird der ver­kürz­te Ober­schen­kel teil­wei­se ent­fernt und der Unter­schen­kel um 180° gedreht an den pro­xi­ma­len Femur­stumpf ange­fügt217 218. Das Sprung­ge­lenk über­nimmt dabei funk­tio­nell die Rol­le des Knie­ge­lenks in der Pro­the­se. Durch die 180-Grad-Rota­ti­on zeigt die Fuß­soh­le nach dor­sal, so dass der rotiert gela­ger­te Fuß auf Höhe des kon­tra­la­te­ra­len Knie­ge­lenks posi­tio­niert ist und die Pro­the­se dort anschlie­ßen kann. Die­se Tech­nik, ursprüng­lich 1950 von van Nes bei einem Femur­de­fekt-Pati­en­ten beschrie­ben219, erzeugt einen erstaun­lich sta­bi­len und ener­gie­ef­fi­zi­en­ten Gang, da das „neue Knie“ (Sprung­ge­lenk) moto­risch ansteu­er­bar ist und pro­prio­zep­ti­ves Feed­back lie­fert220. Aller­dings erfor­dert sie einen beträcht­li­chen neu­ro­vas­ku­lä­ren Umbau und wird des­halb nur bei ent­spre­chen­der Gefäß­ana­to­mie und aus­rei­chen­der Fuß­funk­ti­on durch­ge­führt221 222 223. Brown (2001) modi­fi­zier­te die Rota­ti­onplas­tik dahin­ge­hend, dass er zusätz­lich das ohne­hin rudi­men­tä­re ipsi­la­te­ra­le Hüft­ge­lenk mit dem Becken ver­block­te (femor­opel­vi­ne Arthro­de­se in 90-Grad-Beu­gung) und das Knie­ge­lenk arthro­de­sier­te224. Die­se Brown-Rota­ti­ons­plas­tik ver­ei­nigt also die Vor­tei­le der Van-Nes-Plas­tik mit der Sta­bi­li­tät einer Hüft­fu­si­on. Die Ergeb­nis­se sind eine deut­lich ver­bes­ser­te Pro­the­sen­funk­ti­on, aller­dings um den Preis eines erhöh­ten Risi­kos für Durch­blu­tungs­stö­run­gen und Ner­ven­lä­sio­nen durch die aus­ge­dehn­ten ope­ra­ti­ven Maß­nah­men225 226.

Eine weni­ger inva­si­ve Alter­na­ti­ve, ins­be­son­de­re bei aus­ge­präg­ter Hüft­ge­lenksa­pla­sie, stellt die femor­opel­vi­ne Arthro­de­se nach Steel (1987) dar227. Hier­bei wird der kur­ze Femur­stumpf in 90-Grad-Beu­ge­stel­lung ohne Rota­ti­on direkt mit dem Becken knö­chern ver­bun­den, wodurch das Knie­ge­lenk funk­tio­nell die Rol­le des feh­len­den Hüft­ge­lenks über­nimmt228 229. Die Knie­ge­lenks­be­weg­lich­keit wird in der Regel erhal­ten, um eine akti­ve Fle­xi­ons- und Exten­si­ons­be­we­gung zwi­schen Becken und Unter­schen­kel zu ermög­li­chen. Die­se Sta­bi­li­sie­rung erlaubt eine belast­ba­re orthop­ro­the­ti­sche Ver­sor­gung. Nur in Aus­nah­me­fäl­len – etwa bei schwe­rer Insta­bi­li­tät oder Fehl­an­la­ge des Knies – ist eine Ver­stei­fung erfor­der­lich230. Steel et al. berich­te­ten über zufrie­den­stel­len­de Geh­fä­hig­kei­ten nach die­ser Fusi­on231, wobei im Wachs­tums­al­ter ergän­zend eine epi­phy­sä­re Ver­ödung des dista­len Femurs und der pro­xi­ma­len Tibia emp­foh­len wird, um sekun­dä­re Defor­mi­tä­ten durch dis­pro­por­tio­na­les Län­gen­wachs­tum zu ver­mei­den232.

Auch Ampu­ta­tio­nen kön­nen indi­ziert sein, ins­be­son­de­re bei funk­ti­ons­lo­sen peri­phe­ren Glied­ma­ßen. Bei höher­gra­di­ger Fibu­la-Hemi­me­lie ist häu­fig der Fuß so stark fehl­ge­bil­det, dass eine Rekon­struk­ti­on kaum rea­li­sier­bar ist. In sol­chen Fäl­len kann bereits im Alter des Laufer­werbs eine Ampu­ta­ti­on z. B. nach Syme (durch die knö­cher­ne Knö­chel­ga­bel mit Erhalt der Fer­sen­haut) durch­ge­führt wer­den. Dadurch ent­steht ein belast­ba­rer Unter­schen­kel­stumpf, mit dem das Kind früh eine Unter­schen­kel­pro­the­se nut­zen kann233 234 235 236 237. Ful­ler und Kol­le­gen beto­nen in einer Über­sichts­ar­beit (2021), dass bei schwe­rer Fibu­la-Hemi­me­lie die pri­mä­re Ampu­ta­ti­on lang­fris­tig funk­tio­nell bes­se­re Ergeb­nis­se erzie­len kann als eine auf­wän­di­ge Mehr­fach­re­kon­struk­ti­on. In weni­ger gra­vie­ren­den Fäl­len (Fibu­la-Teil­de­fekt mit rela­tiv sta­bi­lem, plan­ti­gra­dem Fuß) wird hin­ge­gen eine Extre­mi­tä­ten­re­kon­struk­ti­on mit Ver­län­ge­run­gen bevor­zugt238. Ähn­lich stellt sich die Lage bei tibia­ler Hemi­me­lie dar: Fehlt die Tibia voll­stän­dig, ist eine Knie-Exar­ti­ku­la­ti­on mit anschlie­ßen­der Ober­schen­kel­pro­the­se oft die ein­zig sinn­vol­le Ver­sor­gungs­stra­te­gie239 240.

Aller­dings kann es bei tran­sossä­ren Ampu­ta­tio­nen oder Dis­ar­ti­ku­la­tio­nen im Wachs­tums­ver­lauf zu über­schie­ßen­der Kno­chen­neu­bil­dung (sog. ‚bony over­growth‘) kom­men, die den Sitz und die Funk­ti­on der Orthop­ro­the­se erheb­lich beein­träch­ti­gen kann. Um die­ser Pro­ble­ma­tik zu begeg­nen, kom­men zuneh­mend modu­la­re Schaft­sys­te­me mit Puf­fer­kom­po­nen­ten, Offen-End-Kon­struk­tio­nen oder tem­po­rä­ren Trak­ti­ons­vor­rich­tun­gen zum Ein­satz, die eine Druck­ent­las­tung des wach­sen­den Stump­fen­des ermög­li­chen und zugleich eine gute Adap­ti­on an wech­seln­de Umfän­ge gewähr­leis­ten241.

Wel­che (semi-)ablative Maß­nah­me im Ein­zel­fall gewählt wird, hängt von vie­len Fak­to­ren ab (Alter, Län­ge und Funk­ti­on der erhal­te­nen Seg­men­te, Gefäß-Ner­ven-Sta­tus, Eltern­prä­fe­renz etc.). Gene­rell gilt: Je höher­gra­dig der Defekt und je schlech­ter die funk­tio­nel­le Aus­gangs­la­ge (insta­bi­le Gelen­ke, nicht erhal­tungs­fä­hi­ger Fuß), des­to eher wird eine früh­zei­ti­ge (semi-)ablative Lösung mit ortho-/pro­the­ti­schem Ersatz in Betracht gezo­gen. Dank der moder­nen Ortho­pä­die­tech­nik kön­nen Kin­der nach sol­chen Ein­grif­fen heu­te ein hohes Mobi­li­täts­ni­veau errei­chen242 243.

Alters­ge­rech­te Ver­sor­gung und Verlaufskontrollen

Die Ver­sor­gungs­kon­zep­te müs­sen an das Wachs­tum und die Ent­wick­lungs­stu­fe des Kin­des ange­passt werden.

Säug­lings­al­ter

Im Säug­lings­al­ter steht zunächst die Auf­klä­rung der Eltern und die ortho­pä­di­sche Basis­dia­gnos­tik (kli­ni­sche Unter­su­chung, Sono­gra­fie der Hüf­ten, ers­te Rönt­gen­auf­nah­men) im Vor­der­grund244 245. Aku­te the­ra­peu­ti­sche Schrit­te sind sel­ten erfor­der­lich, mit Aus­nah­me even­tu­ell nöti­ger redres­sie­ren­der Maß­nah­men bei schwe­ren Fuß­de­for­mi­tä­ten (Seri­en­gips bei Klump­fuß­stel­lung etc.). Wich­tig ist die früh­zei­ti­ge Erstel­lung eines gro­ben Behand­lungs­plans, der auf­zeigt, wel­che Ein­grif­fe und Ver­sor­gungs­maß­nah­men in wel­chem Alter vor­aus­sicht­lich erfor­der­lich sein könn­ten. Dies erleich­tert den Eltern die lang­fris­ti­ge Ori­en­tie­rung246 247 248.

Klein­kind­al­ter

Im Klein­kind­al­ter (etwa 1–3 Jah­re) soll­te in der Regel die ers­te defi­ni­ti­ve Ver­sor­gungs­ent­schei­dung getrof­fen wer­den. Es ist zu emp­feh­len, die Ver­ti­ka­li­sie­rung und den Beginn des Laufer­werbs eng­ma­schig zu beglei­ten. Sobald abseh­bar ist, dass das Kind das betrof­fe­ne Bein aktiv, kraft­voll und kon­trol­liert auf den Boden stel­len kann, ist der rich­ti­ge Zeit­punkt zur Ein­lei­tung der ers­ten Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung gege­ben. Dabei soll­te auf eine ein­fa­che und leich­te Gestal­tung geach­tet wer­den. Eine Ver­sor­gung mit beweg­li­chem Sprung- oder Knie­ge­lenk bringt in der Regel in die­sem frü­hen Alter kei­nen funk­tio­nel­len Vor­teil, son­dern gestal­tet die Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung nur unnö­tig schwer und sper­rig. Initi­al sta­tisch gefer­tig­te Orthe­sen und Orthop­ro­the­sen gewähr­leis­ten außer­dem eine maxi­ma­le Sta­bi­li­tät, sodass das Kind durch Gewichts­ver­la­ge­rung und Hüft­be­we­gung lau­fen ler­nen kann249. Bei sehr aus­ge­präg­ten ein­sei­ti­gen Defek­ten mit erhal­te­nem Fuß bie­tet sich in die­sem Alter eine Orthop­ro­the­se oder kurz­fris­tig eine Hüf­tex­ar­ti­ku­la­ti­ons­pro­the­se mit Schaft bis über die Tail­len­hö­he an, um dem Kind zunächst das Ste­hen bei­zu­brin­gen250. Im Klein­kind­al­ter kön­nen ers­te gelenk­sta­bi­li­sie­ren­de Ope­ra­tio­nen wie die Rekon­struk­ti­on eines hypo­plastischen Hüft­ge­lenks oder eines insta­bi­len Knie­ge­lenks sinn­voll sein. Das pri­mä­re Ziel die­ser Ope­ra­tio­nen besteht dar­in, sta­bi­le Gelenk­ver­hält­nis­se zu errei­chen, unab­hän­gig davon, ob spä­ter eine allei­ni­ge Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung zum Aus­gleich der Bein­län­gen­dif­fe­renz ange­strebt oder ein Behand­lungs­weg mit ope­ra­ti­ven Ver­län­ge­rungs­ver­fah­ren gewählt wer­den wird251 252 253.

Vor­schul­al­ter

Im Vor­schul­al­ter (ca. 4–6 Jah­re) haben die Kin­der bereits eini­ge Erfah­rung mit ihren Orthesen/Orthoprothesen gesam­melt. Jetzt rückt die Kor­rek­tur grö­ße­rer Län­gen­dif­fe­ren­zen in den Fokus. Der Bein­län­gen­aus­gleich kann ent­we­der durch Anpas­sung der bestehen­den Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung erfol­gen oder alter­na­tiv ope­ra­tiv mit­tels Kal­lus­dis­trak­ti­on. In die­sem Alter ist eine ope­ra­ti­ve Ver­län­ge­rung des Ober- oder Unter­schen­kels in der Regel nur mit exter­nen Fix­a­teu­ren mög­lich und erlaubt typi­scher­wei­se einen Län­gen­ge­winn von bis zu 5 cm254 255 256. Nach Ent­fer­nung des Fix­a­teurs und ent­spre­chen­der Reha­bi­li­ta­ti­ons­zeit soll­te das Kind – abhän­gig von der ver­blie­be­nen Bein­län­gen­dif­fe­renz – erneut an die erfor­der­li­che Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung ange­passt wer­den. Hier­zu emp­fiehlt es sich, die ers­te post­ope­ra­ti­ve Orthe­se oder Orthop­ro­the­se in Zwei-Scha­len-Tech­nik anzu­fer­ti­gen, um auf mög­li­che Volu­men­än­de­run­gen des ope­rier­ten Beins gut reagie­ren zu kön­nen. Auch nach Ampu­ta­tio­nen lässt sich in Kom­bi­na­ti­on mit elas­ti­schen Liner-Sys­te­men eine fle­xi­ble volu­me­tri­sche Anpas­sung errei­chen, ohne dass bei Weich­teil­schwan­kun­gen sofort eine Neu­an­fer­ti­gung erfor­der­lich wird. Dies hat sich ins­be­son­de­re bei jün­ge­ren Kin­dern mit noch insta­bi­ler Stumpf­geo­me­trie oder post­ope­ra­ti­ver Weich­teil­si­tua­ti­on bewährt257 (Abb. 8).

Grund­schul­al­ter

Je nach Behand­lungs­stra­te­gie und Aus­prä­gung der durch das Wachs­tum wie­der auf­ge­tre­te­nen Bein­län­gen­dif­fe­renz kann im Alter von etwa 7 bis 10 Jah­ren eine erneu­te Ver­län­ge­rungs­ope­ra­ti­on indi­ziert sein258 259 260. In die­sem Alter kann bei femo­ra­len Ver­län­ge­run­gen unter Umstän­den bereits ein moto­ri­sier­ter Ver­län­ge­rungs­mark­na­gel ein­ge­setzt wer­den, falls der Kno­chen eine aus­rei­chen­de Län­ge und einen aus­rei­chen­den Durch­mes­ser für das Implan­tat auf­weist. Der Vor­teil einer Ver­län­ge­rung mit­tels intra­me­dul­lä­rem Ver­län­ge­rungs­mark­na­gel liegt in der Ver­mei­dung typi­scher Kom­pli­ka­tio­nen exter­ner Fix­a­teu­re wie Weich­tei­lir­ri­ta­tio­nen und Pin­in­fek­tio­nen. Der Ein­satz von Ver­län­ge­rungs­mark­nä­geln ist jedoch kon­tra­in­di­ziert, wenn dadurch irrever­si­ble Schä­di­gun­gen der offe­nen Wachs­tums­fu­gen zu erwar­ten sind261 262. Bei Bedarf kann die ortho­pä­die­tech­ni­sche Ver­sor­gung knie­ge­lenks­über­gei­fern­der Hilfs­mit­tel jetzt kom­ple­xer gestal­tet wer­den: Sofern sei­tens der Kin­der eine aus­rei­chen­de Koor­di­na­ti­ons­fä­hig­keit vor­liegt, kön­nen beweg­li­che Knie­ge­len­ke in die Orthe­sen-/Or­thop­ro­the­sen­ver­sor­gung inte­griert wer­den. Auch der Pro­the­sen­fuß kann gegen ein dyna­mi­sche­res Modell getauscht wer­den, um Akti­vi­tä­ten wie Lau­fen und Sprin­gen zu ermög­li­chen. Bei der Pla­nung und Anfer­ti­gung soll­te berück­sich­tigt wer­den, dass die jewei­li­gen Hilfs­mit­tel in die­sem Alter wachs­tums­be­dingt nicht län­ger als 6 bis 12 Mona­te pass­ge­recht sind. Der Über­gang zu sol­chen alters­ge­rech­ten orthop­ro­the­ti­schen Pass­tei­len wird indi­vi­du­ell vom Ortho­pä­die­tech­ni­ker geplant, oft in Abstim­mung mit Phy­sio­the­ra­peu­ten und Ärz­ten, die die moto­ri­sche Ent­wick­lung beur­tei­len263.

Jugend­al­ter

Bei einer ope­ra­ti­ven Behand­lungs­stra­te­gie mit Ver­län­ge­rungs­ver­fah­ren kann im Jugend­al­ter die end­gül­ti­ge Kor­rek­tur der Bein­län­gen­dif­fe­renz ange­strebt wer­den. Je nach Rest­dif­fe­renz kann eine fina­le Ver­län­ge­rung oder – bei noch ver­blei­ben­dem Wachs­tum – eine Epi­phy­si­ode­se am län­ge­ren Bein durch­ge­führt wer­den, um die Bein­län­gen anzu­glei­chen264 265 266. Wich­tig ist spä­tes­tens in die­sem Alter auch die Mög­lich­keit der defi­ni­ti­ven Kor­rek­tur von Achs­feh­lern zu the­ma­ti­sie­ren: Falls bis dahin ein rele­van­tes Genu val­gum oder varum ent­stan­den ist (z. B. bei CFD oder Fibu­la-Hemi­me­lie liegt fast regel­haft ein val­gi­sches Knie vor), kann mit­tels tem­po­rä­rer Hemie­pi­phy­si­ode­se (Wachs­tums­len­kung) eine Achs­be­rich­ti­gung erreicht wer­den. Die­se mini­mal­in­va­si­ve Maß­nah­me beugt spä­te­ren Pro­ble­men mit der Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung vor (z. B. ein­sei­tig abge­nutz­ten Pro­the­sen­fü­ßen durch Val­gusstel­lung). Auch ande­re ver­blie­ben­de Defor­mi­tä­ten (z. B. Tor­si­ons­feh­ler oder Fuß­fehl­stel­lung) kön­nen in die­sem Alter ope­ra­tiv kor­ri­giert wer­den, da nun das Ske­lett nahe­zu aus­ge­reift ist267. Psy­cho­lo­gisch spielt jetzt die Pro­the­sen­ak­zep­tanz eine gro­ße Rol­le: Teen­ager legen mehr Wert auf kos­me­ti­sche Aspek­te und die Unauf­fäl­lig­keit der Ver­sor­gung. Moder­ne Hilfs­mit­tel für Jugend­li­che berück­sich­ti­gen dies mit schlan­ken Designs und Ver­klei­dun­gen. Ver­sor­gungs­kon­zep­te mit gerin­gem Umfang und unauf­fäl­li­gem Erschei­nungs­bild – wie z. B. Spitz­fuß-Orthop­ro­the­sen mit kör­per­na­her Sil­hou­et­te – wer­den in die­sem Kon­text häu­fi­ger bevor­zugt, um das sub­jek­ti­ve Stör­ge­fühl im All­tag zu redu­zie­ren. Bei geeig­ne­ten Jugend­li­chen kön­nen nun auch elek­tro­ni­sche Bau­tei­le (etwa mikro­pro­zes­sor­ge­steu­er­te Knie­ge­len­ke) ein­ge­setzt wer­den. Die­se bie­ten ins­be­son­de­re auf unebe­nem Gelän­de oder beim Trep­pen­stei­gen eine erhöh­te Sicher­heit und ermög­li­chen ein natür­licheres Gang­bild, was die funk­tio­nel­le Teil­ha­be im All­tag ver­bes­sert. Am Ende der Wachs­tums­pha­se soll­te das Behand­lungs­ziel erreicht sein: Ent­we­der der nähe­rungs­wei­se Aus­gleich der Bein­län­gen­dif­fe­renz durch ortho­pä­die­tech­ni­sche Hilfs­mit­tel und/oder durch eine ope­ra­tiv-rekon­struk­ti­ve Behand­lungs­stra­te­gie mit Ver­län­ge­rungs­ope­ra­tio­nen. Die Orthe­sen-/Or­thop­ro­the­sen­ver­sor­gung soll­te so gestal­tet sein, dass sie ein alters­ent­spre­chen­des Akti­vi­täts­ni­veau zulässt (z. B. Teil­nah­me am Schul­sport, Fahr­rad­fah­ren, spä­ter Auto­fah­ren mit Anpas­sun­gen etc.). Regel­mä­ßi­ge Nach­sor­ge bleibt im gesam­ten Leben wich­tig, da Pro­the­sen­ver­schleiß, mög­li­che arthro­ti­sche Ver­än­de­run­gen benach­bar­ter Gelen­ke und ande­re Lang­zeit­fol­gen über­wacht wer­den soll­ten268.

Ver­laufs­kon­trol­len

Pati­en­ten mit ange­bo­re­nen Extre­mi­tä­ten­re­duk­ti­ons­de­fek­ten soll­ten eng­ma­schig kon­trol­liert wer­den, ins­be­son­de­re wäh­rend der Wachs­tums­pha­sen. Neben der kli­ni­schen Unter­su­chung (Bein­län­gen­mes­sung, Gelenk­sta­bi­li­tät, Gang­bild­ana­ly­se) sind radio­lo­gi­sche Ver­laufs­be­ur­tei­lun­gen wich­tig, um den Fort­schritt der Behand­lung zu doku­men­tie­ren und nächs­te Schrit­te zu pla­nen. Im wach­sen­den Alter soll­ten regel­mä­ßi­ge (meist jähr­li­che) Ganz­bein­stand­auf­nah­men zur kli­ni­schen Rou­ti­ne gehö­ren, um Bein­län­ge und ‑ach­se exakt zu ver­mes­sen269. Die Orthesen/Orthoprothesen soll­ten wachs­tums­be­dingt in der Regel halb­jähr­lich über­prüft und ange­passt wer­den, um Pro­ble­me wie Druck­stel­len, Locke­run­gen oder Funk­ti­ons­ver­lus­te an den Hilfs­mit­teln recht­zei­tig behe­ben zu kön­nen270. Nach Ver­län­ge­rungs­ope­ra­tio­nen fin­den zunächst in kur­zen Abstän­den Rönt­gen­kon­trol­len statt, um die Kno­chen­hei­lung und Gelenk­funk­tio­nen zu beob­ach­ten. Ist ein Fix­a­teur exter­ne im Ein­satz, müs­sen die Pin­stel­len regel­mä­ßig kon­trol­liert wer­den (Infek­ti­ons­pro­phy­la­xe) 271. Bei Kin­dern mit Rota­ti­ons­plas­tik soll­te beson­ders auf achs­ver­dreh­te Wachs­tums­ver­än­de­run­gen am Unter­schen­kel geach­tet wer­den, wel­che sich manch­mal nur durch Kor­rek­tur­os­teo­to­mien behe­ben las­sen, um die kor­rek­te Fuß­aus­rich­tung bei­zu­be­hal­ten272. Ins­ge­samt bie­tet die kon­ti­nu­ier­li­che Nach­sor­ge auch die Mög­lich­keit, die Fami­li­en psy­cho­so­zi­al zu beglei­ten und bei Bedarf Kon­tak­te zu Selbst­hil­fe­grup­pen (etwa dem Bun­des­ver­band für PFFD, FFU, Fibu­la- und Tibia­de­fek­te e. V.) her­zu­stel­len. Der Über­gang von der päd­ia­tri­schen in die adul­te Medi­zin muss geplant erfol­gen, damit auch im Erwach­se­nen­al­ter eine adäqua­te ortho­pä­di­sche und ortho­pä­die­tech­ni­sche Betreu­ung sicher­ge­stellt ist.

Prak­ti­sche Herausforderungen

Die Ver­sor­gung von Kin­dern mit ange­bo­re­nen Extre­mi­tä­ten­fehl­bil­dun­gen stellt alle Betei­lig­ten vor gro­ße Her­aus­for­de­run­gen. Ortho­pä­die­tech­nisch sind die kom­ple­xen ana­to­mi­schen Ver­hält­nis­se anspruchs­voll: Jeder Defekt ist ein­zig­ar­tig, stan­dar­di­sier­te Lösun­gen grei­fen sel­ten. Pro­the­sen und Orthe­sen müs­sen indi­vi­du­ell maß­ge­fer­tigt und oft unkon­ven­tio­nell ange­passt wer­den. Die schnel­le kör­per­li­che Ent­wick­lung der Kin­der erfor­dert zudem häu­fi­ge Neu­an­pas­sun­gen – Klein­kin­der brau­chen teil­wei­se mehr­fach im Jahr neue Schäf­te, weil sie her­aus­ge­wach­sen sind273. Die Mehr­fach­be­las­tung durch wie­der­hol­te Ope­ra­tio­nen (Kor­rek­tu­ren, Ver­län­ge­run­gen) und dazwi­schen not­wen­di­ge Phy­sio­the­ra­pie­pha­sen ver­langt von Kin­dern und Eltern viel Geduld, Schmerz­be­wäl­ti­gung und Mit­ar­beit. Kom­pli­ka­tio­nen wie Infek­tio­nen an Fix­a­teur­pins, ver­zö­ger­te Kno­chen­hei­lung (Pseud­arthro­sen) oder Gelenk­kon­trak­tu­ren kön­nen den Behand­lungs­ver­lauf zusätz­lich erschwe­ren274.

Auch psy­cho­so­zia­le Aspek­te und Com­pli­ance spie­len eine gro­ße Rol­le. Das Tra­gen eines ortho­pä­di­schen Hilfs­mit­tels kann im All­tag und beson­ders in der Puber­tät zur psy­chi­schen Belas­tung wer­den, etwa durch kos­me­ti­sche Auf­fäl­lig­keit oder ein­ge­schränk­tes Akti­vi­täts­ni­veau. Eine behut­sa­me psy­cho­lo­gi­sche Betreu­ung und das För­dern von Kon­tak­ten zu ande­ren Betrof­fe­nen (Peer-Kon­tak­te, Sport­grup­pen für Pro­the­sen­trä­ger etc.) sind hier wert­voll275.

Für die Ortho­pä­die­tech­nik bedeu­tet die Ver­sor­gung von wach­sen­den Kin­dern mit Reduk­ti­ons­de­fek­ten auch, inno­va­ti­ve Lösun­gen zu fin­den. Bei­spiels­wei­se müs­sen Pro­the­sen­schäf­te mit­wach­send oder modu­lar auf­ge­baut sein, damit sie kos­ten­ef­fi­zi­ent ange­passt wer­den kön­nen. Bau­tei­le wie Kin­der-Knie­ge­len­ke oder Füße unter­lie­gen wegen der gerin­gen Bau­grö­ße kon­struk­ti­ven Gren­zen – hier ist Spe­zi­al­wis­sen gefragt. Zudem erfor­dert die Ver­bin­dung von erhal­te­nen Kör­per­tei­len mit Hilfs­mit­teln Krea­ti­vi­tät. So ist etwa bei der Inte­gra­ti­on eines Fußes in eine Orthop­ro­the­se auf eine druck­ent­las­ten­de Ein­bet­tung zu ach­ten, die mecha­ni­sche Irri­ta­tio­nen mir resul­tie­ren­den Weich­teil- oder Haut­schä­den ver­hin­dert und den­noch eine effi­zi­en­te Kraft­über­tra­gung im Gang­zy­klus ermög­licht. Bei­spiels­wei­se bei einer Rota­ti­ons­plas­tik muss die Orthop­ro­the­se indi­vi­du­ell den rotier­ten Unter­schen­kel auf­neh­men und die Fuß-als-Knie-Funk­ti­on bio­me­cha­nisch berück­sich­ti­gen, was gemäß der Erfah­rung der Autoren nur weni­ge Ortho­pä­die­tech­ni­ker rou­ti­niert beherrschen.

Trotz aller Her­aus­for­de­run­gen zei­gen jedoch vie­le Bei­spie­le, dass Kin­der mit der­ar­ti­gen funk­tio­nel­len Ein­schrän­kun­gen bei adäqua­ter Behand­lung ein hohes Maß an Lebens­qua­li­tät errei­chen kön­nen. Auch die moder­ne Ortho­pä­die­tech­nik trägt dazu bei, vie­le prak­ti­sche Pro­ble­me abzu­mil­dern, z. B. durch leich­te Car­bon-Bau­tei­le, die das Mehr­ge­wicht der Hilfs­mit­tel redu­zie­ren, oder spe­zi­el­le Sport­or­the­sen, mit denen Betrof­fe­ne an sport­li­chen Akti­vi­tä­ten teil­neh­men können.

Ers­te Ergeb­nis­se unse­rer eige­nen Stu­die, die in Zusam­men­ar­beit mit dem Bun­des­ver­band für PFFD, FFU, Fibu­la- und Tibia­de­fek­te e. V. zur Erhe­bung der Lebens­qua­li­tät bei Men­schen mit lon­gi­tu­di­na­len Reduk­ti­ons­de­fek­ten der unte­ren Extre­mi­tät durch­ge­führt wur­de, zeig­ten kei­ne rele­van­ten Unter­schie­de in Abhän­gig­keit von der gewähl­ten Behand­lungs­stra­te­gie. Unab­hän­gig davon, ob sich die Betrof­fe­nen für einen pri­mär kon­ser­va­ti­ven Ansatz ohne Ver­län­ge­rungs­ope­ra­tio­nen oder für einen ope­ra­ti­ven Behand­lungs­weg mit Län­gen­kor­rek­tu­ren ent­schie­den hat­ten, wur­den in bei­den Grup­pen sehr gute Out­co­me-Para­me­ter in den Lebens­qua­li­täts-Scores fest­ge­stellt. Wir sind der Über­zeu­gung, dass die­se Erkennt­nis einen wesent­li­chen Bei­trag zur infor­mier­ten Ent­schei­dungs­fin­dung und Bera­tung von Men­schen mit lon­gi­tu­di­na­len Reduk­ti­ons­de­fek­ten der unte­ren Extre­mi­tät leis­ten kann276.

Inno­va­ti­ve Ent­wick­lun­gen und Zukunftsperspektiven

In den letz­ten Jah­ren haben meh­re­re Ent­wick­lun­gen dazu bei­getra­gen, die rekon­struk­tiv-ope­ra­ti­ve und die ortho­pä­die­tech­ni­sche Ver­sor­gung bei Extre­mi­tä­ten­re­duk­ti­ons­de­fek­ten zu ver­bes­sern. Eine wich­ti­ge Neue­rung sind die bereits erwähn­ten moto­ri­sier­ten intra­me­dul­lä­ren Ver­län­ge­rungs­mark­nä­gel (z. B. magne­tisch tele­s­ko­pier­ba­re Sys­te­me). Sie ermög­li­chen Ver­län­ge­run­gen mit deut­lich gerin­ge­rem Infek­ti­ons­ri­si­ko und höhe­rem Kom­fort im Ver­gleich zum exter­nen Fix­a­teur. Ers­te Stu­di­en zei­gen viel­ver­spre­chen­de Ergeb­nis­se auch bei Anwen­dung im Kin­des- und Jugend­al­ter, wenn­gleich tech­ni­sche Limi­ta­tio­nen (Min­dest­kno­chen­län­ge/-durch­mes­ser, offe­ne Wachs­tums­fu­gen) bestehen277 278. Durch die Ver­kür­zung der Fix­a­ti­ons­zei­ten und die gerin­ge­re Schmerz­be­las­tung ver­spre­chen die­se Sys­te­me lang­fris­tig eine Ent­las­tung der Patienten.

Ein wei­te­rer Fort­schritt ist die Ver­füg­bar­keit von mikro­pro­zes­sor­ge­steu­er­ten Pro­the­senknie­ge­len­ken in klei­ne­ren Bau­grö­ßen. Muss­ten frü­her Jugend­li­che mit Ober­schen­kel­pro­the­se oft mit mecha­ni­schen Gelen­ken aus­kom­men, gibt es heu­te Sys­te­me (etwa das „C‑Leg“), die bereits für ein nied­ri­ges Kör­per­ge­wicht kon­zi­piert sind. Die­se Gelen­ke pas­sen den Fle­xi­ons­wi­der­stand elek­tro­nisch in Echt­zeit an und ermög­li­chen ein siche­re­res Gehen, Trepp­ab­stei­gen und sogar sport­li­che Akti­vi­tä­ten – ein deut­li­cher Gewinn an All­tags­si­cher­heit. Auch hoch­en­er­gie­rück­ge­ben­de Pro­the­sen­fü­ße aus Car­bon wer­den inzwi­schen in Kin­der­grö­ßen ange­bo­ten, was gera­de für akti­ve Jugend­li­che rele­vant ist279. Per­spek­ti­visch könn­te auch die Osseo­in­te­gra­ti­on (die direk­te Ver­an­ke­rung von Pro­the­sen am Kno­chen­stumpf) eine Opti­on wer­den, sobald das Ske­lett aus­ge­wach­sen ist. Dies wür­de Pro­ble­me mit Hautrei­bung und Pass­form der Schäf­te lösen, ist aber bei jun­gen Pati­en­ten auf­grund des Infek­ti­ons­ri­si­kos und Wachs­tums noch kein Standard.

Auf dem Gebiet der Bild­ge­bung und Ope­ra­ti­ons­pla­nung haben sich eben­falls Inno­va­tio­nen erge­ben. Die prä­ope­ra­ti­ve CT- oder MR-Angio­gra­fie wird heu­te genutzt, um die oft abnorm ver­lau­fen­den Gefä­ße bei Femur­de­fek­ten dar­zu­stel­len. So kann der Chir­urg z. B. bei geplan­ter Rota­tionsplastik die Gefäß­ana­to­mie bes­ser beur­tei­len und das Risi­ko für Durch­blu­tungs­stö­run­gen mini­mie­ren280. Mit­hil­fe von 3D-Druck las­sen sich indi­vi­du­el­le Model­le der Fehl­bil­dun­gen anfer­ti­gen, an denen kom­ple­xe Osteo­to­mien und Fix­a­teur­kon­struk­tio­nen vor­ab simu­liert wer­den kön­nen. In eini­gen Fäl­len wur­den auch schon pati­en­ten­spe­zi­fi­sche Osteo­to­mie-Scha­blo­nen via 3D-Druck her­ge­stellt, um eine mög­lichst prä­zi­se intra­ope­ra­ti­ve Umset­zung der prä­ope­ra­ti­ven Pla­nung – bei­spiels­wei­se einer Hüft­re­kon­struk­ti­on bei höher­gra­di­gem Femur­de­fekt – zu ermög­li­chen281 282.

Nicht zuletzt gibt es Fort­schrit­te in der Gene­tik und prä­na­ta­len Dia­gnos­tik. Zwar sind die meis­ten kon­ge­ni­talen Reduk­ti­ons­de­fek­te spo­ra­disch und nicht gene­tisch deter­mi­nis­tisch, doch ermög­li­chen moder­ne Sequen­zie­rungs­ver­fah­ren, bestimm­te Syn­dro­me aus­zu­schlie­ßen oder zu bestä­ti­gen, falls wei­te­re Auf­fäl­lig­kei­ten vor­lie­gen283. Prä­na­tal kön­nen schwe­re Glied­ma­ßen­re­duk­tio­nen mitt­ler­wei­le im Ultra­schall ab der 20. Schwan­ger­schafts­wo­che im Rah­men des erwei­ter­ten Organ­scree­nings erkannt wer­den284. Dies erlaubt eine früh­zei­ti­ge Bera­tung der Eltern und die Vor­be­rei­tung der post­na­ta­len Ver­sor­gungs­ket­te. Lang­fris­tig hof­fen For­scher, durch Tis­sue-Engi­nee­ring-Tech­ni­ken in der Zukunft even­tu­ell knor­pe­li­ge oder band­haf­te Struk­tu­ren nach­züch­ten und so z. B. einen feh­len­den Femur­kopf erset­zen zu kön­nen285. Sol­che Ansät­ze sind jedoch noch Visi­on und erschei­nen kli­nisch – zum aktu­el­len Zeit­punkt – (noch) nicht sinn­voll umsetzbar.

Fazit

Die ortho­pä­die­tech­ni­sche Ver­sor­gung ange­bo­re­ner lon­gi­tu­di­na­ler Reduk­ti­ons­de­fek­te der unte­ren Extre­mi­tät hat in den letz­ten Jahr­zehn­ten enor­me Fort­schrit­te gemacht. Durch eine Kom­bi­na­ti­on aus ver­bes­ser­ten chir­ur­gi­schen Stra­te­gien, inno­va­ti­ven Hilfs­mit­tel­tech­no­lo­gien und inter­dis­zi­pli­nä­rer Betreu­ung kann heu­te selbst bei Kin­dern mit schwers­ten Fehl­bil­dun­gen oft eine eigen­stän­di­ge Mobi­li­tät erreicht wer­den. Ent­schei­dend ist ein indi­vi­du­ell ange­pass­ter, lang­fris­ti­ger Behand­lungs­plan, der Wachs­tum und Ent­wick­lung mit ein­be­zieht. Trotz aller Her­aus­for­de­run­gen zei­gen die meis­ten Betrof­fe­nen beim Erwach­sen­wer­den eine erstaun­li­che Anpas­sungs­fä­hig­keit und Lebens­qua­li­tät. Mit wei­ter fort­schrei­ten­der Tech­nik – von der prä­zi­se­ren Kal­lus­dis­trak­ti­on bis zur immer intel­li­gen­te­ren Pro­the­tik – wer­den die Gren­zen des Mög­li­chen kon­ti­nu­ier­lich ver­scho­ben, hin zu noch funk­tio­nel­le­ren und kind­ge­rech­te­ren Versorgungen.

 

Für die Autoren:
Prof. Dr. med. Björn Vogt
Kin­der­or­tho­pä­die, Deformitäten­rekonstruktion und Fußchirurgie
Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum Münster
Albert-Schweit­zer-Cam­pus 1,
­Gebäu­de A1
48149 Münster
bjoern.vogt@ukmuenster.de

 

Begut­ach­te­ter Beitrag/reviewed paper

Zita­ti­on
Vogt B et al. Ortho­pä­die­tech­ni­sche Ver­sor­gung bei lon­gi­tu­di­na­len Reduk­ti­ons­de­fek­ten der unte­ren Extre­mi­tät. Ortho­pä­die Tech­nik, 2025; 76 (8): 28–41

 

 

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