FachartikelPeer Review

Knie­ar­thro­se – Erfah­run­gen bei der Ver­sor­gung mit einer Orthe­se mit dyna­mi­schem 3‑Punkt-Zug­sys­tem

N. Pfaff
Der Artikel beschreibt eine dynamische Knieentlastungs-Orthese, die zur Behandlung einer Gonar­throse entwickelt worden ist. Er hebt ihre wichtigsten Eigenschaften und Funktionsweisen, klinisch aussagekräftige Studien sowie Fallbeispiele zur Wirksamkeit hervor und bietet einen Leitfaden zur Verordnung der Schiene.

Knie­ar­thro­se und die Bedeu­tung von Orthesen

Die Dia­gno­se Knie­ar­thro­se ist eine weit ver­brei­te­te Erkran­kung, die einen Abrieb bezie­hungs­wei­se Abbau von Knor­pel­ge­we­be im Knie­ge­lenk dar­stellt und zu Schmer­zen, Steif­heit und ein­ge­schränk­ter Beweg­lich­keit im All­tag führt1. Die Erkran­kung tritt eher im höhe­ren Alter auf, da das Knie über Jah­re hin­weg stark bean­sprucht wur­de, kann aber auch jün­ge­re Men­schen, die durch Über­las­tung, Ver­let­zun­gen oder Fehl­sta­ti­ken ihre Knie über­be­an­spru­chen, betref­fen. Mit­un­ter spielt hier­bei auch die Gene­tik eine Rol­le2. In den fort­ge­schrit­te­nen Sta­di­en der Arthro­se kann das Knie­ge­lenk so stark bean­sprucht wor­den sein, dass chir­ur­gi­sche Ein­grif­fe erfor­der­lich werden.

Bei dem Bestre­ben der kon­ser­va­ti­ven Behand­lung der Gonar­thro­se spie­len Knie­ent­las­tungs­or­the­sen eine gro­ße Rol­le. Sie sol­len dem Pati­en­ten Sta­bi­li­tät bie­ten, sei­ne Schmer­zen lin­dern und die Pro­gres­si­on sei­ner Erkran­kung ver­lang­sa­men. Ein Hilfs­mit­tel, das sich dahin­ge­hend als recht effek­tiv in der Behand­lung der Knie­ar­thro­se bewährt hat, indem es eine geziel­te Ent­las­tung des betrof­fe­nen Teils des Knies her­bei­führt, ist die Orthe­se „Unloa­der One X“ (Abb. 1)3.

Auf­bau und Materialwahl

Die­se Orthe­se besteht aus leich­ten, aber sta­bi­len Mate­ria­li­en, die sowohl Kom­fort als auch Halt bie­ten. Der Rah­men besteht aus einer Kombina­tion aus einer medi­al oder late­ral ange­brach­ten Alu­mi­ni­um-Gelenk­schie­ne und ther­mo­plas­tisch ver­form­ba­ren Kunst­stoff­scha­len. Dadurch, dass die Schie­ne nur ein Gelenk besitzt, redu­ziert sich das Gewicht deut­lich im Ver­gleich zu Schie­nen mit bila­te­ra­len Gelenk­schie­nen mit mas­si­vem Alu­mi­ni­um­rah­men. In der Waden­scha­le befin­det sich ein Sili­kon­pad, das für einen bes­se­ren Sitz der Orthe­se auf der Haut sorgt. Der fle­xi­ble Rah­men ermög­licht, dass die Orthe­se pro­blem­los ange­passt und eine indi­vi­du­el­le Pass­form gewähr­leis­tet wer­den kann.

Mecha­nis­mus zur Druckentlastung

Die Orthe­se ver­fügt über das soge­nann­te „Smart­Do­sing Dial“-Zugsystem, das den Druck vom betrof­fe­nen Teil des Gelenks umver­teilt und die arthro­ti­schen Gelenk­part­ner ent­las­ten kann. Der Ent­las­tungs­me­cha­nis­mus mit einem „Boa“-Verschlusssystem wirkt uni­kom­par­ti­men­tell durch ein kon­trol­lier­tes und paten­tier­tes 3‑Punkt-Wirk­prin­zip auf das Knie­ge­lenk (Abb. 2), wodurch das Gewicht vom betrof­fe­nen Bereich auf die gesun­de Sei­te des Knies ver­la­gert wird. Dies redu­ziert den Schmerz und ver­bes­sert die Beweg­lich­keit wäh­rend der Belas­tung auf das Knie­ge­lenk und wirkt sich dadurch auf die Beweg­lich­keit bei Gonar­thro­se oder dege­ne­ra­ti­ven Menis­kus­lä­sio­nen aus. Hier­bei spricht man von einer dyna­mi­schen Ent­las­tung, was die Unloa­der One X von sta­ti­schen Knie­or­the­sen unterscheidet.

Indi­ka­tio­nen und Einsatzmöglichkeiten

Die Orthe­se wur­de spe­zi­ell für die Behand­lung von Knie­ar­thro­se in ver­schie­de­nen Sta­di­en ent­wi­ckelt, ins­be­son­de­re für Pati­en­ten mit ein­sei­ti­ger Belas­tung oder einer fokus­sier­ten Schä­di­gung des Knor­pels. Zu den typi­schen Indi­ka­tio­nen gehören:

  • Knie­ar­thro­se medi­al wie late­ral Sta­di­um 1–4: Die Orthe­se hilft, die Sym­pto­me der Knie­schmer­zen zu lin­dern und das Fort­schrei­ten der Abnut­zung zu ver­lang­sa­men. Bei Pati­en­ten, die an einer uni­kom­par­ti­nel­len Arthro­se lei­den, kann sie gezielt den Druck von der betrof­fe­nen Sei­te redu­zie­ren (Abb. 3).
  • Reha­bi­li­ta­ti­on nach Knie­ver­let­zun­gen: Die Orthe­se kann sowohl post­trau­ma­tisch als auch post­ope­ra­tiv genutzt wer­den, um den Hei­lungs­pro­zess zu unterstützen.

Durch die effek­ti­ve und geziel­te dyna­mi­sche Ent­las­tung des betrof­fe­nen Gelenk­teils wer­den Schmer­zen deut­lich redu­ziert. Pati­en­ten, die die Schie­ne tra­gen, berich­ten häu­fig und schon nach kur­zer Tra­ge­dau­er von einer deut­li­chen Ver­bes­se­rung der Beschwer­den, wobei die Orthe­se es ihnen ermög­licht, Akti­vi­tä­ten ihres all­täg­li­chen Lebens wie­der mit weni­ger Schmer­zen zu durch­lau­fen. Von leich­ten Spa­zier­gän­gen bis hin zu anspruchs­vol­len Akti­vi­tä­ten wie Jog­gen oder Wan­dern emp­fin­den sie einen sta­bi­len und siche­ren Halt und eine deut­li­che Ent­las­tung des Knies.

Kli­ni­sche Stu­di­en konn­ten die Wirk­sam­keit des Vor­gän­gers On­loader One bestä­ti­gen. Das aktu­el­le Modell hat einen leich­te­ren Rah­men, und eine gerin­ge­re Flä­che, zudem kann es in der Wasch­ma­schi­ne gerei­nigt wer­den. Die Funk­tio­na­li­tät bei­der Vari­an­ten ist dieselbe.

Über einen Zeit­raum von 52 Wochen beob­ach­te­ten Hijar­tar­son und Tok­vig-Lar­sen4 die Wir­kung bei 149 Pati­en­ten mit Knie­ver­let­zung, die zu etwa glei­chen Antei­len eine Un­loader One mit oder eine sol­che ohne Zug­bän­der tru­gen. Ein signi­fi­kan­ter Unter­schied zeig­te sich im Knee ­Inju­ry and Osteo­ar­thri­tis Out­co­me Score (KOOS), einer Metho­de, bei der die Teil­neh­mer in einem Fra­ge­bo­gen die Aus­wir­kun­gen von Knie­ver­let­zun­gen und Arthro­se auf ihre Lebens­qua­li­tät und Beweg­lich­keit fest­hal­ten. Dar­auf­hin wird bewer­tet, wie sich Beschwer­den auf den All­tag, beim Sport und auf die Lebens­qua­li­tät aus­wir­ken. Im Ergeb­nis ver­bes­ser­ten sich bei den Unloa­der-One-Trä­gern die Akti­vi­tä­ten des täg­li­chen Lebens auf der KOOS-Ska­la (0–100) von 65,3 auf 75,2 und Sport/Freizeitaktivitäten von 24,6 auf 40,2 (p > 0,001), wäh­rend die Kon­troll­grup­pe in kei­nem der Wer­te signi­fi­kan­te Ver­bes­se­run­gen zeigte.

Pfeif­fer et al. unter­such­ten die Wir­kung einer Unloa­der-One-Orthe­se auf die Defor­mi­tät des media­len femo­ra­len Gelenk­knor­pels bei über­wie­gend jun­gen Teil­neh­mern. In die­ser Cross-Over-Stu­die mit 24 gesun­den Pro­ban­den mit Varusstel­lung der Knie wur­den 9 als „car­ti­la­ge defor­mers“ (Knor­pel­ver­for­mer) iden­ti­fi­ziert, weil sie eine Defor­ma­ti­on über der mini­ma­len nach­weis­ba­ren Ver­än­de­rung (Mini­mal Detec­ta­ble Chan­ge, MDC) nach der Akti­vi­tät auf einem Lauf­band im Ver­gleich zum Aus­gangs­wert auf­wie­sen. Bei die­sen neun Teil­neh­mern führ­te der Ein­satz mit der Orthe­se zu einer um 53 % gerin­ge­ren Knor­pel­de­for­ma­ti­on im Ver­gleich zum Zustand ohne Orthe­se. Bei den „non-defor­mers“ (Nicht­ver­for­mern) und somit Teil­neh­mern mit Knor­pel­de­for­ma­ti­on unter­halb des MDC wur­den wie erwar­tet kei­ne sta­tis­tisch si­gnifikanten Ver­än­de­run­gen beob­ach­tet5.

Zusam­men­spiel zwi­schen Arzt und Sanitätshaus

All­ge­mein spielt die Zusam­men­ar­beit zwi­schen dem behan­deln­den Arzt und dem Sani­täts­haus eine ent­schei­den­de Rol­le bei der Ver­ord­nung und Anpas­sung der Orthe­se. Der Ablauf star­tet mit einer umfas­sen­den Unter­su­chung des Pati­en­ten durch den behan­deln­den Arzt, bei der die Schwe­re der Gonar­thro­se und der Bedarf für eine Ent­las­tung des betrof­fe­nen Gelenk­parts ermit­telt wer­den. In den meis­ten Fäl­len wird hier ein Bild­ge­bungs­ver­fah­ren wie ein MRT benö­tigt, um die genaue Schwe­re der Dia­gno­se bestim­men zu kön­nen. Die enge Zusam­men­ar­beit zwi­schen Arzt und Sani­täts­haus ist ent­schei­dend für den best­mög­li­chen Erfolg.

  • Dia­gno­se und Indi­ka­ti­on: Der Arzt stellt eine ent­spre­chen­de Dia­gno­se und ent­schei­det sich für die kon­ser­va­ti­ve Behand­lung oder als Über­brü­ckung bis hin zu einem OP-Ter­min, um vor­über­ge­hend für eine Ent­las­tung zu sor­gen. Wie bereits erwähnt, kann die Orthe­se auch post­ope­ra­tiv getra­gen wer­den, um Schmer­zen zu lindern.
  • Ver­ord­nung: Wenn der Arzt die Unloa­der One X als geeig­net erach­tet, stellt er eine ärzt­li­che Ver­ord­nung aus. Die­se Ver­ord­nung ist not­wen­dig, soll­te man die Orthe­se über die Kran­ken­kas­se abrech­nen wol­len. Des Wei­te­ren kön­nen Pati­en­ten zur Ver­sor­gung mit der Orthe­se ergän­zend ortho­pä­di­sche Ein­la­gen ver­schrie­ben bekom­men, mit wel­chen zusätz­lich einer Achs­ab­wei­chung des Knies ent­ge­gen­ge­wirkt und somit die Ent­las­tung erhöht wird.

Die Rol­le des Sanitätshauses

Nach der ärzt­li­chen Ver­ord­nung über­nimmt das Sani­täts­haus eine wei­te­re zen­tra­le Rol­le im Ver­sor­gungs­pro­zess ein:

  • Bera­tung und Aus­wahl: Das Sani­täts­haus führt eine aus­führ­li­che Bera­tung durch, bei der die Anfor­de­run­gen des Pati­en­ten, z. B. die Art und die Schwe­re der Gonar­thro­se sowie der gewünsch­te und ange­streb­te Bewe­gungs­grad, berück­sich­tigt wer­den. Basie­rend auf der ärzt­li­chen Ver­ord­nung wer­den die pas­sen­de Grö­ße und das Modell der Orthe­se ermittelt.
  • Indi­vi­du­el­le Anpas­sung: Die­se umfasst die exak­te Posi­tio­nie­rung der Gur­te und Pols­ter, damit die Ent­las­tung der betrof­fe­nen Gelenk­sei­te des Knies ihre Wir­kung ent­fal­ten kann. Das Sani­täts­haus sorgt dafür, dass die Orthe­se per­fekt sitzt und der Pati­ent maxi­ma­len Kom­fort bei gleich­zei­ti­ger hoher Wirk­sam­keit verspürt.
  • Nach­sor­ge und Kon­trol­le: Das Sani­täts­haus bie­tet im Regel­fall eine Nach­sor­ge an und kann bei Bedarf Anpas­sun­gen an der Schie­ne vor­neh­men. Durch erhöh­ten Gebraucht kann es dazu kom­men, dass die Gur­te nach bestimm­ter Zeit von einem Ortho­pä­die­tech­ni­ker nach­jus­tiert wer­den müs­sen, damit die gewünsch­te Ent­las­tung sicher­ge­stellt bleibt.

Fall­bei­spie­le

Erfah­rungs­ge­mäß kom­men Pati­en­ten mit gro­ßen Erwar­tun­gen ins Sani­täts­haus. Ein paar Beispiele:

Fall­bei­spiel 1: Eine Pati­en­tin, Anfang 20, die mehr­mals auf­grund von Menis­kus­ver­let­zun­gen beim Sport ope­riert wer­den muss­te, bekam die Schie­ne post­ope­ra­tiv ver­ord­net, um das Knie uni­kom­par­ti­men­tell zu ent­las­ten. Dadurch, dass der Menis­kus ent­las­tet wur­de, unter­stütz­te die Orthe­se ihr Sta­bi­li­täts­ge­fühl. Neben wei­te­ren Maß­nah­men wie Phy­sio­the­ra­pie half ihr die Schie­ne, bald wie­der in den Sport ein­zu­stei­gen und zudem schnel­ler an ihr vor­he­ri­ges Leis­tungs­ni­veau heranzureichen.

Fall­bei­spiel 2: Ein männ­li­cher Pati­ent, Anfang 60, der jah­re­lang im Bau­ge­wer­be gear­bei­tet hat­te, erlitt durch Über- und Fehl­be­las­tun­gen im beruf­li­chen All­tag eine Schä­di­gung des Knies und konn­te kaum noch Trep­pen nut­zen. Von sei­nem Knor­pel­ge­we­be war so gut wie nichts mehr vor­han­den und die Kon­dylen sei­nes Knie­ge­lenks waren stark von Abbau gezeich­net. Medi­ka­men­tö­se und phy­sio­the­ra­peu­ti­sche Maß­nah­men konn­ten nicht dau­er­haft hel­fen. Von der Schie­ne erhoff­te er sich einen erfolg­rei­chen letz­ten Ver­such, bevor er eine Menis­kus­ope­ra­ti­on in Betracht zu zie­hen gedach­te. Gleich nach der Belas­tung des Beins mit der Orthe­se spür­te er gro­ße Erleich­te­rung und war freu­dig über­rascht über die promp­te Wirkung.

Fall­bei­spiel 3: Bei einer Pati­en­tin im Alter zwi­schen 40 und 50 wur­de auf­grund der zuneh­men­den Schmer­zen im media­len Kom­par­ti­ment bei­der Knie wäh­rend der Belas­tung eine ange­hen­de Knie­ar­thro­se dia­gnos­ti­ziert. Sie benö­tig­te zwei Schie­nen für links und rechts. Beim beid­sei­ti­gen Tra­gen rei­ben aller­dings die Rah­men zwi­schen den Ober­schen­keln anein­an­der, was sich beson­ders unter der Hose unan­ge­nehm anfüh­len kann und sich bei fül­li­ge­ren Per­so­nen ten­den­zi­ell stär­ker aus­wirkt. Der Rat an die Pati­en­tin lau­te­te, die Schie­nen abwech­selnd zu tra­gen, je nach­dem, wel­che Sei­te aktu­ell mehr Beschwer­den bereitet.

Fazit

Durch das indi­vi­du­ell regu­lier­ba­re 3‑Punkt-Zug­sys­tem, das den Gelenk­spalt im Knie ent­we­der medi­al oder late­ral für einen kur­zen Moment bei Kraft­ein­wir­kung aus­ein­an­der­be­wegt und die Knie­ach­se dadurch ver­än­dert, ver­hilft die­se Schie­ne dem Trä­ger deut­lich dabei, die Schmer­zen im Knie zu redu­zie­ren und das Gelenk zu sta­bi­li­sie­ren. Die Kon­struk­ti­on sorgt für weni­ger Gewicht und erhöh­te Bewe­gungs­frei­heit. Die vor­ge­stell­te Orthe­se stellt eine effi­zi­en­te Ver­sor­gungs­mög­lich­keit für Pati­en­ten mit medialer/lateraler Gonar­thro­se dar, eben­so post­ope­ra­tiv nach Ein­grif­fen sowie prä­ven­tiv bei vie­ler­lei Meniskusproblematiken.

 

Der Autor:
Nico Pfaff
Sani­täts­haus Erdmann
Bahn­hofstr. 32
82377 Penzberg
penzberg@sanitaetshaus-erdmann.de

 

Begut­ach­te­ter Beitrag/reviewed paper

Zita­ti­on
Pfaff N. Knie­ar­thro­se – Erfah­run­gen bei der Ver­sor­gung mit einer Orthe­se mit dyna­mi­schem 3‑Punkt-Zug­sys­tem. Ortho­pä­die Tech­nik, 2025; 76 (8): 52–55

 

 

Quel­len­ver­zeich­nis

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