Du bist in Tokio dabei! – Ein Erfahrungsbericht

4.400 Athlet:innen aus 162 Teams gingen zu den 16. Paralympischen Sommerspielen vom 24. August bis 5. September 2021 in Tokio an den Start. Betreut wurden sie von 106 Orthopädietechniker:innen des „Service Repair Team“ von Ottobock. Hinter den Kulissen in der Orthopädietechnikwerkstatt dabei: Stephan Sohn, Orthopädietechniker-Meister und seit 2002 Betriebsleiter der Fa. Kersting Orthopädie Luxembourg. Er gehörte erstmals zum „Service Repair Team“. Hier schildert Sohn seine Eindrücke:

Raus aus der All­tags­rou­ti­ne und hin­ein in ein klei­nes Aben­teu­er. So könn­te ich die Inten­ti­on beschrei­ben, die mich nach Tokio brach­te. Schon mehr­fach hat­te ich mich ver­geb­lich um einen Platz im „Repair Ser­vice Team“ bemüht. Mit­te 2018 kam end­lich der Anruf aus der für mich zustän­di­gen Otto­bock-Nie­der­las­sung in Bene­lux: „Hal­lo Ste­phan, hier ist der Andre­as, du bist in Tokio dabei!“ Mei­ne Freu­de war riesig!

Auch nach der Ver­le­gung der Paralym­pi­schen Spie­le 2020 auf 2021 auf­grund der Covid-19-Pan­de­mie stand für mich nach kur­zer und trotz­dem reif­li­cher Abwä­gung mei­nes per­sön­li­chen Risi­kos schnell fest: Ich flie­ge mit nach Tokio!

Chan­ce auf qua­li­fi­zier­te Reparatur

Die Paralym­pi­schen Spie­le sind beson­ders für Athlet:innen aus Afri­ka oder Asi­en die ein­zi­ge Chan­ce, eine qua­li­fi­zier­te Repa­ra­tur ihrer Pro­the­sen, Orthe­sen oder Roll­stüh­le zu bekom­men. In ihren Hei­mat­län­dern fehlt es sehr oft an der nöti­gen Tech­nik, an neu­en Pas­s­tei­len, an Ersatz­tei­len für Rol­lis und vie­lem mehr. Und nicht zuletzt fehlt es an Techniker:innen und finan­zi­el­len Mit­teln. Genau die­se Hil­fen bekom­men sie bei den Spezialist:innen des „Ser­vice Repair Teams“ der Paralym­pics – und das völ­lig kos­ten­frei. Ein tol­les Enga­ge­ment der Fir­ma Otto­bock, wie ich finde.

Das Aben­teu­er beginnt

Mit­hil­fe des „Play Books“ von Otto­bock wur­den wir für die Ein­rei­se und den Ein­satz in der Werk­statt sowie den Wett­kampf­are­nen gebrieft. Im Vor­feld muss­te so man­ches erle­digt wer­den, dar­un­ter ein 14-Tage-Health-Moni­to­ring, PCR-Tests in Abstän­den von 96 Stun­den und 72 Stun­den vor Ankunft sowie das Instal­lie­ren ver­schie­de­ner Apps auf dem Smartphone.

Über die eben­falls im Vor­feld ein­ge­rich­te­te Whats­App-Grup­pe konn­ten wir schon vor Abflug Kon­takt mit den ande­ren Mit­glie­dern des Ser­vice Teams auf­neh­men und uns ver­ab­re­den. Im Team wur­den ins­ge­samt 22 Spra­chen gespro­chen! Gemein­sam mit Eli­sa­beth aus Bay­ern, Ingo aus Meck­len­burg-Vor­pom­mern und Robin aus der Schweiz flog ich dann ab Frank­furt am Main zum Flug­ha­fen Hane­da. Hier konn­ten wir uns sofort von der Top-Orga­ni­sa­ti­on und Freund­lich­keit der Japaner:innen über­zeu­gen: Wäh­rend bei uns in Deutsch­land ein generv­ter Ord­ner her­um­steht, waren hier fünf Leu­te zur Stel­le, die immer freund­lich lächel­ten – genau­so, wie man sich Japan in Euro­pa vorstellt.

Rund um die Uhr im Einsatz

Vor Ort arbei­te­ten wir in zwei Schich­ten: von 8 bis 15:30 Uhr oder von 15 bis 23 Uhr. Nachts gab es einen Stand­by-Not­fall­ser­vice. Das heißt, es waren immer 24 Stun­den abge­deckt. Außer­dem dau­er­te so man­che Schicht län­ger als geplant, denn wir wuss­ten nie, was auf uns zukam – und das mei­ne ich posi­tiv. Bei den ins­ge­samt 2.079 Repa­ra­tu­ren in der OT-Werk­statt ging es mal um die Repa­ra­tur einer Orthe­se, mal um einen Roll­stuhl oder eine Pro­the­se. Das stän­di­ge Rein und Raus sorg­te dafür, dass die Zeit wie im Flug ver­ging. Am span­nends­ten fand ich mei­nen Ein­satz in den Wett­kampf­are­nen. Hier konn­te ich ganz nah dran an den Sportler:innen mit all ihrem Adre­na­lin sein, ob bei Warm-up, Wett­kampf oder den Sie­ger­eh­run­gen, bei denen jeder im Sta­di­on respekt­voll den Blick in Rich­tung Sie­ger­trepp­chen richtete.

Was bleibt?

Die zwei Wochen waren eine sehr erfah­rungs­rei­che Zeit für mich. Mei­ne Ent­schei­dung, mit nach Japan zu gehen, war genau rich­tig. Ich habe mich zu kei­nem Zeit­punkt ein­ge­sperrt oder unsi­cher gefühlt. Im Gegen­teil: Mir wer­den die Freund­lich­keit, die Hilfs­be­reit­schaft und die Mega-City Tokio noch lan­ge im Gedächt­nis bleiben.

Dan­ke für die Chan­ce der Teil­nah­me und lie­be Grü­ße an alle mei­ne Teamkolleg:innen weltweit!

Ste­phan Sohn 

 

 

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