Pathome­cha­nik des Knies aus Sicht des Spiraldynamik-Konzepts

J. Wippert
Das Kniegelenk dient über die Dämpfungs- und Abstoßfunktion in besonderem Maße der natürlichen Fortbewegung. Dabei ist es durch die exponierte Position zwischen den langen Knochen starken Kräften ausgesetzt. Die achsengerechte Stabilisierung wird über die richtungsspezifische Verschraubung von Ober- gegen Unterschenkel erreicht. Wird diese Verschraubung reduziert, entstehen ungünstige Kraftvektoren und Scherkräfte, die strukturelle Schäden an Knochen und Weichteilen verursachen können. Die Reduktion bzw. Inversion der Verschraubung kann dabei von distal durch den Fuß als auch von proximal durch das Hüftgelenk bedingt sein.

Ein­lei­tung

Um die Pathome­cha­nik des Knie­ge­lenks auf­zu­zei­gen, soll anhand des Spi­ral­dy­na­mik®-Kon­zepts zuerst die bio­me­cha­ni­sche Funk­ti­ons­wei­se erläu­tert wer­den. Die Spi­ral­dy­na­mik® ist ein ana­to­misch begrün­de­tes Kon­zept, das mensch­li­che Bewe­gung erklär­bar macht und damit die Mög­lich­keit bie­tet, funk­tio­nel­le Abwei­chun­gen zu iden­ti­fi­zie­ren und zu the­ra­pie­ren. Und das nicht nur für bestim­me Teil­be­rei­che des Kör­pers oder ein­zel­ne Krank­heits­bil­der, son­dern für den Kör­per als Ganzes.

Anzei­ge

Grund­le­gen­des Ver­ständ­nis der Beinachsenstabilität

Das Bein ist hohen Belas­tun­gen aus­ge­setzt. Es ist einer­seits Haupt­dämp­fer im Kör­per mit exzen­tri­scher Akti­vi­tät der Stre­cker­mus­ku­la­tur und ande­rer­seits Kraft­ge­ne­ra­tor und Kraft­über­trä­ger über den Quadri­ceps femo­ris in der Stre­cker­pha­se. Die lan­gen Kno­chen – Femur und Tibia/Fibula – sind ide­al für die­se Auf­ga­ben. Durch die lan­gen Hebel kön­nen gro­ße Kräf­te gene­riert wer­den. Glei­cher­ma­ßen ist aber das Knie­ge­lenk auch die­sen Hebeln aus­ge­setzt. Dies unter­streicht die Wich­tig­keit koor­di­nier­ter Füße und Hüf­ten, da sie direkt die Stel­lung des Knies und der Bei­n­ach­se beein­flus­sen. Fuß und Hüf­te füh­ren, das Gelenk dazwi­schen folgt 1. Das Knie selbst trägt nicht zur Ach­sen­sta­bi­li­sie­rung bei, viel­mehr ist die sta­bi­le Bei­n­ach­se – die ortho­grad aus­ge­rich­te­te Patel­la – das Resul­tat der koor­di­nier­ten Hüft- und Fuß­stel­lung. Um dies zu errei­chen, dreht der Femur nach außen, die Tibia nach innen, der Vor­fuß wird in Pro­na­ti­on und der Rück­fuß in Inver­si­on geführt. Die Ach­sen­sta­bi­li­tät des Bei­nes ent­steht durch sei­ne spi­ra­li­sche Verschraubung.

Ana­to­mi­sche Grundlagen

Kno­chen

Ana­to­misch fin­den sich vie­le Hin­wei­se auf die genann­te Ver­schrau­bungs­rich­tung. Der Femur ist der größ­te spi­ra­lig gedreh­te Röh­ren­kno­chen im Kör­per, die Ver­schrau­bung ist dabei drei­di­men­sio­nal: C‑Bogen in der Sagit­tal­ebe­ne, S‑Bogen in der Fron­tal­ebe­ne (Nei­gung der Schen­kel­hal­sach­se gegen die trans­ver­sa­le Kon­dy­le­n­ach­se) und Rota­ti­on in der Hori­zon­tal­ebe­ne (Ante­tor­si­on, Abb. 1). Auch die Tibia ist ver­schraubt, C‑Bogen in der Sagit­tal­ebe­ne, S‑Bogen in der Fron­tal­ebe­ne (vom late­ra­len Tibea­pla­teau zum Mal­leo­lus medi­a­lis) und Rota­ti­on in der Hori­zon­tal­ebe­ne (Tibia­tor­si­on, Abb. 2). Die Auf­ga­be des Bein­ske­letts besteht dar­in, die Belas­tung von oben nach unten und umge­kehrt zu lei­ten. Dies wird durch den spi­ra­li­gen Ver­lauf der belas­tungs­sta­bi­len Kno­chen­ach­se gewährleistet.

Gelenk

Das Knie­ge­lenk ist ein Dreh­schar­nier­ge­lenk. Für die Fort­be­we­gung ist die Schar­nier­funk­ti­on offen­sicht­lich. Durch die Form der Femur­kon­dy­len (archi­me­di­sche Spi­ra­le) ist die Gelenk­kon­gru­enz von Femur und Tibia im Stand groß und das Gelenk wird in die­ser Posi­ti­on gut knö­chern sta­bi­li­siert. Beugt das Knie, rol­len die Femur­kon­dy­len nach hin­ten und glei­ten gleich­zei­tig nach vor­ne. In Beu­gung wird die Mobi­li­tät durch die gerin­ge­re Kon­gru­enz der Gelenk­flä­chen erreicht. Die Menis­ken funk­tio­nie­ren dabei in Beu­gung wie Beleg­schei­ben, bei Stre­ckung wie Press­fe­dern. Die spi­ra­li­sche Ver­schrau­bung ent­steht in der Beu­ge­pha­se. Dabei wird der Femur nach außen und die Tibia nach innen gedreht. Wäh­rend der Streck­pha­se wird ver­sucht, die Ver­schrau­bung nur gering aufzulösen.

Bän­der

Die Kreuz­bän­der span­nen sich bei zuneh­men­der Ver­schrau­bung. Dabei schlin­gen sie sich umein­an­der und pres­sen die Gelenks­part­ner anein­an­der. Die Dreh­ach­se ver­läuft dabei durch den media­len Kon­dy­lus. Die Sei­ten­bän­der straf­fen sich bei Stre­ckung und ent­span­nen sich bei Beu­gung. Somit ermög­li­chen sie eben­falls die Dreh­be­we­gung des Knie­ge­lenks in Beugestellung.

Mus­keln

Die mehr­ge­len­ki­gen Mus­keln ver­lau­fen spi­ral­för­mig und koor­di­nie­ren die funk­tio­nell wich­ti­gen Rota­tio­nen wäh­rend Beu­gung und Stre­ckung. Die Hüft­mus­ku­la­tur hat dabei eine kla­re Außen­ro­ta­ti­ons­do­mi­nanz, wäh­rend im Knie­ge­lenk die Innen­ro­ta­to­ren über­wie­gen. Im Fuß spie­gelt sich das glei­che Bild wider: Supi­na­ti­on des Rück­fu­ßes durch die Schien­bein­mus­keln und Pro­na­ti­on des Vor­fu­ßes durch die Waden­bein­mus­ku­la­tur. Die meis­ten Stre­cker sind ein­ge­len­kig und ver­lau­fen axi­al. Ihre Kraft über­wiegt gegen­über den Beu­gern, da sie sowohl für den Abstoß bei der Fort­be­we­gung als auch für das Federn beim Lan­den ver­ant­wort­lich sind. Die Beu­ge­mus­ku­la­tur ver­läuft eben­falls axi­al, besteht aber haupt­säch­lich aus mehr­ge­len­ki­gen Mus­keln, die innen und außen an der Tibia anset­zen. Dabei balan­cie­ren sie – wie Zügel an einem Pfer­de­kopf – die Rota­ti­on im Knie­ge­lenk. Dem­entspre­chend wird die Ver­schrau­bung des Bei­nes in der Beu­gung auf­ge­baut und redu­ziert sich in der Stre­ckungs­pha­se wie­der auf die Ausgangssituation.

Grund­be­we­gun­gen des Kniegelenks

Die Bewe­gun­gen im Knie­ge­lenk ste­hen in Zusam­men­hang mit der Fort­be­we­gung. Die Stand­bein­pha­se ent­spricht dabei einer Trip­le-Exten­si­on, die Spiel­bein­pha­se einer Trip­le-Fle­xi­on der unte­ren Extre­mi­tät. Unter der Trip­le-Fle­xi­on ist die Fle­xi­on des Hüft­ge­lenks und des Knie­ge­lenks sowie die Dor­sal­fle­xi­on des obe­ren Sprung­ge­lenks zu ver­ste­hen. Ent­spre­chend geht die Trip­le-Exten­si­on mit der Exten­si­on im Hüft- und Knie­ge­lenk und der Plan­t­ar­fle­xi­on im obe­ren Sprung­ge­lenk ein­her. Die Funk­tio­nen in die­sen Stel­lun­gen sind die Dämp­fung zu Beginn der Stand­bein­pha­se und der Abstoß, der die Spiel­bein­pha­se einleitet.

Bei der Trip­le-Fle­xi­on geht die Fle­xi­on der Hüf­te mit einer Außen­ro­ta­ti­on des Femurs ein­her. Der Unter­schen­kel beugt und dreht in die Innen­ro­ta­ti­on, wäh­rend das Sprung­ge­lenk in Dor­salex­ten­si­on kommt und der Rück­fuß in Inver­si­on bewegt wird. Die Bewe­gung wird durch den Sar­to­ri­us und den Tibia­lis ante­rior gelei­tet. Die Ver­schrau­bung wird auf­ge­baut und das Bein lan­det rota­to­risch aus­ge­rich­tet für die Gewichts­über­nah­me auf der Fer­se. In der Stand­bein­pha­se wird das Bein in allen Gelen­ken gestreckt. Dabei ist die Stre­ckung der Hüf­te wie­der mit einer Außen­ro­ta­ti­on des Femurs asso­zi­iert, die Stre­ckung des Knies mit einer Innen­ro­ta­ti­on der Tibia. Die Stre­ckung des obe­ren Sprung­ge­lenks wird ergänzt durch die Pro­na­ti­on des Vor­fu­ßes. Die Mus­keln Ten­sor fasciae latae und Pero­nae­us lon­gus lei­ten dabei die Bewegung.

Der Quadri­ceps, die ischio­crura­le Grup­pe und der Gas­tro­c­ne­mi­us stel­len die Kraft­mus­keln des Bei­nes dar. Sie sind zwei­ge­len­kig und blei­ben damit vor dem Hin­ter­grund der Trip­le-Exten­si­on und Trip­le-Fle­xi­on über den Ver­lauf des Gang­zy­klus immer in ihrer Mit­tel­län­ge. Somit wei­sen sie über den gesam­ten Bewe­gungs­weg eine maxi­ma­le Kraft­ent­wick­lung auf.

Bild des koor­di­nier­ten Kniegelenks

Sta­tik

In der sta­ti­schen Betrach­tung defi­nie­ren sich gera­de Bei­ne durch die glei­che Län­ge der Innen- und Außen­li­ni­en, die Knie­schei­be steht in der Mit­te und die Füße sind gera­de nach vor­ne ausgerichtet.

Zusätz­lich lässt sich das wie folgt beschrei­ben 2:

  • das Fer­sen­bein ist ver­ti­kal aufgerichtet,
  • die Tube­ro­si­tas tibiae steht zen­triert und genau in der Mitte,
  • die Kon­dy­le­n­ach­se des Femurs ver­läuft transversal,
  • die Leis­te wirkt offen,
  • der Tro­chan­ter ist nach hin­ten gedreht,
  • die hori­zon­ta­le Gesäß­fal­te ist deut­lich ausgeprägt.

Dyna­mik

In der Bewe­gung bleibt die Patel­la wei­ter gera­de nach vor­ne ori­en­tiert und dreht auf kei­nen Fall nach innen. Der Cal­ca­neus bleibt ver­ti­kal. Nach dem Fer­sen­kon­takt (Initi­al Con­ta­ct), bei dem der Femur ortho­grad aus­ge­rich­tet bleibt, folgt die exzen­tri­sche Brems­pha­se (Loading Respon­se), die über die Quer­ge­wöl­be­mus­ku­la­tur des Fußes und den Quadri­ceps erfolgt. Dabei beugt das Knie leicht. In den Stand­bein­pha­sen Mid Stance bis Ter­mi­nal Stance streckt sich das Knie wie­der. Beim Abstoß drü­cken die Zehen zuletzt vom Boden ab. In der Schwung­bein­pha­se wird das Knie anfäng­lich gebeugt und wird zwi­schen Initi­al Swing und Ter­mi­nal Swing wie­der gestreckt nach vor­ne geführt, um erneut mit der Fer­se auf­zu­tref­fen. In der Sta­tik wie in der Dyna­mik inte­griert sich das Knie zwi­schen Hüf­te und Fuß, indem der Femur nach außen rotiert, die Tibia nach innen rotiert und der Rück­fuß in Inver­si­on gegen den Vor­fuß in Pro­na­ti­on ver­schraubt wird.

Pathome­cha­ni­sche Wege und deren Ergeb­nis­se (Dia­gno­sen)

Die vor­an­ge­gan­ge­nen Aus­füh­run­gen dien­ten dem Ver­ständ­nis des ana­to­misch begrün­de­ten Gebrauchs des Gelenks und vor allem sei­ner Abhän­gig­keit vom koor­di­nier­ten Ein­satz der Becken-Hüft-Regi­on und des gesam­ten Fußes. Feh­ler in der Koor­di­na­ti­on distal oder pro­xi­mal oder gar Koor­di­na­ti­ons­um­kehr haben weit­rei­chen­de Fol­gen, die geson­dert für Sta­tik und Dyna­mik erläu­tert wer­den sollen.

Sta­tik

Im Ste­hen führt ein nach ven­tral gekipp­tes Becken einer­seits zu einer ver­stärk­ten LWS-Lordose und ande­rer­seits zu einer Fle­xi­on im Hüft­ge­lenk und einer Innen­ro­ta­ti­ons­po­si­ti­on des Femurs. Die Tibia reagiert mit einer Außen­ro­ta­ti­on (Tube­ro­si­tas tibiae wan­dert nach late­ral), im Rück­fuß kommt es zu einem Ein­kni­cken (Val­gi­sie­rung des Cal­ca­neus). Das bekann­te X‑Bein entsteht.

Je wei­ter das Becken nach ven­tral kippt, des­to mehr sind die Knie gezwun­gen, in die Hyper­ex­ten­si­on aus­zu­wei­chen, das Genu recur­va­t­um ent­steht. In der Kom­bi­na­ti­on mit einer ver­stärk­ten Innen­ro­ta­ti­on des Femurs kom­men dabei gro­ße Druck­spit­zen auf das media­le Kompartiment.

Dyna­mik

Um eine bes­se­re Über­sicht­lich­keit in die Dar­stel­lung zu brin­gen und damit pathome­cha­ni­sche Wege auf­zu­zei­gen, wer­den die Wirk­we­ge – von pro­xi­mal nach distal und von distal nach pro­xi­mal – dif­fe­ren­ziert betrach­tet. Es wird jedoch dar­auf ver­wie­sen, dass sich bei­de Wege nicht unab­hän­gig von­ein­an­der ent­wi­ckeln, son­dern der eine den ande­ren bedin­gen kann.

Ein Merk­mal für die Ent­wick­lung einer Knie­pro­ble­ma­tik scheint die Ver­än­de­rung des Q‑Winkels zwi­schen der Pha­se Initi­al Con­ta­ct und der Pha­se Loading Respon­se zu sein. Der Q‑Winkel setzt sich aus dem Femur­win­kel F (Linie SIAS zu Patella­mi­t­te zur Hori­zon­ta­len und dem Patel­la­seh­nen­win­kel PS (Linie Patella­mi­t­te zu Tube­ro­si­tas tibia zur Hori­zon­ta­len) zusam­men 3. Der Win­kel F wird über Becken und Hüf­te, der Win­kel PS über den Fuß beein­flusst (Abb. 3).

Zuerst wer­den die Aus­wir­kun­gen unko­or­di­nier­ten Bewe­gens von pro­xi­mal – aus­ge­hend vom Becken – betrach­tet. Kommt es in der Stand­bein­pha­se zu einem ver­stärk­ten Ven­tral­kip­pen des Beckens mit feh­len­der pro­xi­ma­ler Abduk­ti­on und ent­spre­chen­der Dre­hung des Femurs nach innen, wird die Fer­se bei gestreck­tem Knie­ge­lenk auf­ge­setzt. Die Schlä­ge stau­chen unge­bremst das Knie- und Hüft­ge­lenk sowie das Ilio­sa­cral­ge­lenk und die LWS, da die Stre­cker­mus­ku­la­tur durch feh­len­de Knie­beu­gung nicht mehr zum Abfe­dern ein­ge­setzt wer­den kann. Durch die feh­len­de Akti­vi­tät wird die Mus­ku­la­tur v. a. der Quadri­ceps abge­schwächt. Die Inak­ti­vi­tät der Bein­mus­ku­la­tur schlägt sich auch in der feh­len­den exzen­tri­schen Arbeit der Hüft-Außen­ro­ta­to­ren nie­der; der Femur kann wei­ter in die Innen­ro­ta­ti­ons­fehl­stel­lung abglei­ten. Damit sind das Ein­kni­cken des Fer­sen­beins und die Aus­weich­be­we­gung des Fußes nach außen ver­bun­den. Der Abroll­vor­gang läuft nun nicht mehr über den Groß­zeh, son­dern drückt mit jedem Schritt das Längs­ge­wöl­be in Rich­tung Boden. Der lang­fris­ti­ge Ver­lust des Längs­ge­wöl­bes führt zum Hal­lux val­gus und zu einem Ver­lust der pro­na­to­ri­schen Ver­an­ke­rung des Groß­ze­hes sowie zu einer feh­len­den Abstoß­ak­ti­vi­tät: Der Fuß wird mit ver­stärk­ter Außen­ro­ta­ti­on der Tibia nach vor­ne geführt.

Durch die Innen­ro­ta­ti­ons­fehl­stel­lung des Femurs wer­den die media­len Knie­struk­tu­ren über­dehnt. Gleich­zei­tig wird die Rota­ti­ons­ach­se des Knies durch die ver­än­der­te Schwer­kraft­li­nie nach late­ral ver­la­gert: Am media­len Menis­kus ent­ste­hen Scher­kräf­te, denen er durch sei­ne ver­min­der­te Beweg­lich­keit (Ver­wach­sen mit dem media­len Sei­ten­band) aus­ge­lie­fert ist: Der media­le Femur­kon­dy­lus schiebt den media­len Menis­kus bei jeder Rota­ti­ons­be­we­gung mas­siv nach ven­tral oder dor­sal. Die Kreuz­bän­der ent­schrau­ben sich bei ver­stärk­ter Innen­ro­ta­ti­on des Femurs und wer­den dadurch gelo­ckert. Die dadurch ent­ste­hen­de schlech­te inter­ne Struk­tur­or­ga­ni­sa­ti­on der Bän­der ver­min­dert deren Sta­bi­li­tät wei­ter. Gleich­zei­tig wer­den durch die Locker­heit die von außen auf die Bän­der wir­ken­den Kräf­te über die For­mel Kraft = Mas­se x Beschleu­ni­gung mul­ti­pli­ziert. Die Ver­let­zungs­an­fäl­lig­keit steigt und schon unspek­ta­ku­lä­re Unfäl­le füh­ren zum Riss.

Auch die Mus­ku­la­tur wird durch die Fehl­stel­lung in Mit­lei­den­schaft gezo­gen: Die Innen­sei­te wird über­dehnt und die Außen­sei­te kon­trakt, wodurch die Pes anse­ri­nus-Grup­pe und der Vas­tus medi­a­lis wei­ter abge­schwächt wer­den und der Biceps femo­ris und der Ten­sor fasciae latae (TFL) ver­kür­zen. Die Fol­ge ist eine wei­te­re Reduk­ti­on der Sta­bi­li­tät des media­len Sei­ten­bands und eine vor­an­schrei­ten­de Val­gi­sie­rung des Knies.

Eine wei­te­re Abschwä­chung erfährt der für die Zen­trie­rung des Knie­ge­lenks so wich­ti­ge Vas­tus medi­a­lis durch das Absin­ken des Beckens auf der Spiel­bein­sei­te. Die dadurch feh­len­de Exzen­trik der Adduk­to­ren auf der Stand­bein­sei­te ver­hin­dert sei­ne Vor­deh­nung und führt zu einer Hub­in­suf­fi­zi­enz. Zusätz­lich kommt der Vas­tus late­ra­lis mehr in die Fron­tal­ebe­ne und über­nimmt als Haupt­ak­teur die Stre­ckung. Die Patel­la kann nun nicht mehr zen­triert wer­den, son­dern wird kraft­voll nach late­ral gegen das femu­ro-patel­la­re Gleit­la­ger gezo­gen, was den dor­ti­gen Knor­pel ver­stärkt belastet.

Nun wer­den die Aus­wir­kun­gen unko­or­di­nier­ten Bewe­gens von distal – aus­ge­hend vom Fuß – betrach­tet. Der val­gi­sier­te Cal­ca­neus bei leicht nach außen gedreh­tem Fuß erzeugt Val­gusstress auf das gebeug­te Knie­ge­lenk und wei­ter­füh­rend eine Innen­ro­ta­ti­ons­ten­denz des Femurs 4. Dane­ben wird der Unter­schen­kel durch das Absin­ken des Talus auf dem Cal­ca­neus nach vor­ne-innen ten­den­zi­ell ver­stärkt in die Rota­ti­on nach außen dre­hen. Die­se Kom­bi­na­ti­on – Außen­ro­ta­ti­on der Tibia und Innen­ro­ta­ti­on des Femurs – hat erneut eine Ver­grö­ße­rung des Q‑Winkels, ein media­les Öff­nen und ein late­ra­les Raf­fen zur Fol­ge. Wie bereits oben beschrie­ben, wickeln sich die Kreuz­bän­der fol­gen­schwer aus­ein­an­der, die Dreh­ach­se ver­schiebt sich nach late­ral und es ent­steht eine mus­ku­lä­re Dys­ba­lan­ce der patel­la­zen­trie­ren­den Mus­ku­la­tur. Der val­gi­sier­te Cal­ca­neus ist wei­ter­hin ursäch­lich ver­bun­den mit der feh­len­den pro­na­to­ri­schen Ver­an­ke­rung des Groß­ze­hen­bal­lens über den pero­nae­us lon­gus. Bei­des zusam­men – Ever­si­on des Cal­ca­neus und Supi­na­ti­on des Vor­fu­ßes – haben zuerst für den Fuß weit­rei­chen­de Fol­gen: Ver­min­de­rung bzw. Ver­lust der Fuß­ver­schrau­bung bedeu­tet Absin­ken des Längs­ge­wöl­bes, Über­deh­nung des Tibia­lis pos­te­rior, Supi­na­ti­on des Os navicu­la­re, plan­t­ares Öff­nen der Gelen­ke zwi­schen Navicu­la­re und Cun­ei­for­me media­le und zwi­schen Cun­ei­for­me media­le und Meta­tar­sa­le I, Kom­pres­si­on in den dor­sa­len Gelenk­ab­schnit­ten, Supi­na­ti­on des Meta­tar­sa­le I mit Ent­wick­lung eines Hal­lux val­gus sowie die Dor­salex­ten­si­on in den Zehen­grund­ge­len­ken (Abb. 4). Der damit ein­her­ge­hen­de Ver­lust der hori­zon­ta­len Posi­ti­on des Talus zwingt die Tibia in eine rela­ti­ve Außen­ro­ta­ti­on, die wei­ter­füh­rend eine Außen­ro­ta­ti­on im Knie­ge­lenk erzeugt und die oben beschrie­be­nen Mecha­nis­men unterstützt.

Bei der exzen­tri­schen Brems­ar­beit vom Initi­al Con­ta­ct bis zur Loading Respon­se spielt neben dem Quadri­ceps vor allem das mus­ku­lä­re Quer­ge­wöl­be des Vor­fu­ßes eine gro­ße Rol­le, da es als peri­phe­rer Stoß­dämp­fer fun­giert 5. Fehlt die­se Funk­ti­on, kommt es zu einer ver­stärk­ten Dor­salex­ten­si­on im obe­ren Sprung­ge­lenk. Zwangs­wei­se steigt die Belas­tung auf Knie- und Hüft­ge­lenk einer­seits durch das Wei­ter­lei­ten des Auf­pralls und ande­rer­seits durch die jetzt erfor­der­li­che zusätz­li­che Akti­vi­tät des Quadriceps.

Im Fol­gen­den soll nun mit aus­ge­wähl­ten und bekann­ten Patho­lo­gien des Knie­ge­lenks die Patho­ge­ne­se anhand des vor­ge­stell­ten Spi­ral­dy­na­mik®-Kon­zepts zusam­men­ge­fasst wer­den und Behand­lungs­an­sät­ze skiz­ziert werden.

Gonar­thro­se

Eine Ursa­che für eine Arthro­se liegt in der ein­sei­ti­gen par­ti­el­len Gewichts­ver­tei­lung, die hohen Druck im Gelenk ver­ur­sacht. Beim X‑Bein ist das Gewicht late­ral erhöht, beim O‑Bein ist das Gewicht medi­al erhöht, bei 20 % der Betrof­fe­nen mit O‑Bein, ist das Gewicht jedoch late­ral erhöht. Dies steht meis­tens mit einer zusätz­li­chen Rota­ti­onstor­si­on in Zusam­men­hang, bei der der late­ra­le Femur­con­dy­lus auf die Tibia gepresst wird, er steht „schräg“ in Flex auf der Tibia. Wäh­rend beim X‑Bein die Bei­n­ach­sen­auf­rich­tung the­ra­peu­tisch mit Außen­ro­ta­ti­on Femur und Innen­ro­ta­ti­on Tibia ver­bun­den sind, steht beim O‑Bein mit Pro­ble­men im late­ra­len Kom­par­te­ment ein­deu­tig die Beübung der Innen­ro­ta­ti­on des Femurs im Vor­der­grund, da der Con­dy­lus dann in Fle­xi­ons-Posi­ti­on fla­cher gestellt ist.

Chon­dro­pa­thia Patel­la /Patellaluxation

Zu hoher Anpress­druck der Knie­schei­be an die Femur­con­dy­len erzeugt Knor­pel­schä­den. Ver­ur­sacht wird das einer­seits durch die dau­er­haft hohe Span­nung des Quadri­ceps oder ande­rer­seits durch die Achs­ab­wei­chung durch die Rota­ti­ons­um­kehr. Für ers­te­res muss man den Mus­kel des Dämp­fungs­sys­tems fin­den, der nicht effek­tiv arbei­tet, und wie­der ent­spre­chend reak­ti­vie­ren, für zwei­te­res ist die Sta­bi­li­sa­ti­on der Ach­se durch den Auf­bau der rich­ti­gen Ver­schrau­bung mit Hüft- und Fuß­kor­rek­tur maßgeblich.

Menis­kus­schä­den

Late­ra­li­sie­rung der Dreh­ach­se durch Ver­lust der rota­to­ri­schen Sta­bi­li­tät der Bei­n­ach­se, Dreh-Scher­be­we­gun­gen über den media­len Menis­kus, ver­min­der­te Mobi­li­tät im obe­ren Sprung­ge­lenk und erhöh­te Druck­be­las­tung bei feh­len­der peri­phe­rer Dämp­fung sind Haupt­grün­de für den Ver­schleiß v. a. des media­len Menis­kus. Ent­schei­dend für die Lang­le­big­keit der Menis­ken ist die kor­rek­te Ein­hal­tung der Bei­n­ach­se, um Scher­kräf­te zu vermeiden.

Ansatz­ten­di­no­sen

In der Mus­ku­la­tur des Pes anse­ri­nus kommt es durch die Fehl­stel­lung des Femurs und die damit ein­her­ge­hen­de Not­wen­dig­keit der dau­er­haf­ten Anspan­nung unter erhöh­ter Belas­tung zu Mikro­trau­men. Das schä­digt den Mus­kel wei­ter und führt lang­fris­tig zu Schmer­zen. Abhil­fe schaf­fen hier wie­der die Achs­kor­rek­tur und der zeit­lich koor­di­nier­te Ein­satz der die Rota­ti­on ein­stel­len­den Muskulatur.

Das Patellaspit­zen­syn­drom kann ursäch­lich mit zu viel Kraft­ein­satz des Quadri­ceps bei der Dämp­fer­funk­ti­on ver­bun­den sein. Ande­ren­orts ver­min­der­te Akti­vi­tät wie z. B. feh­len­de Exzen­trik des mus­ku­lä­ren Quer­ge­wöl­bes, dämp­fen­de Arbeit des Gas­tro­c­ne­mi­us oder der ischio­crura­len Mus­ku­la­tur müs­sen unter­sucht und ent­spre­chend wie­der ange­bahnt werden.

Das TFL-Syn­drom wird ver­ur­sacht durch eine Schwä­che der Hüft­ab­duk­to­ren (Glu­teus medi­us und mini­mus) in Ver­bin­dung mit einer zusätz­li­chen Innen­ro­ta­ti­ons­fehl­stel­lung des Femurs. Die feh­len­de Kraft der klei­nen Glu­teen kann über den die late­ra­le Zug­gur­tung auf­span­nen­den Ten­sor fasciae latae nicht ersetzt wer­den. Die Über­be­an­spru­chung des Mus­kels führt zu der genann­ten Pro­ble­ma­tik. Abhil­fe schafft hier ein geziel­tes Abduk­to­ren- und Außen­ro­ta­to­ren­trai­ning der Hüfte.

Zusam­men­fas­sung

Das Knie als Opfer von dem, was ober­halb und unter­halb pas­siert, von Hüft­ge­lenks­sta­bi­li­sa­ti­on und Fuß­ver­schrau­bung, von koor­di­nier­ter Außen­ro­ta­ti­on und Innen­ro­ta­ti­on muss dia­gnos­tisch und the­ra­peu­tisch auch so ange­gan­gen wer­den. Die Mes­sung der Ver­än­de­rung des Q‑Winkels über den Schritt­ver­lauf für die pri­mä­re Loka­li­sa­ti­on der Ursa­che stellt eine Mög­lich­keit dar, das Pro­blem geziel­ter anzu­ge­hen. The­ra­peu­tisch ist jedoch immer das Zusam­men­spiel aller kra­nia­len und kau­da­len Para­me­ter von Bedeutung.

Der Autor:
Dr. phil. Jens Wippert
Ele­ment­he­ra GbR
Eisen­mann­str. 4
80331 Mün­chen
jw@elementhera.de

Begut­ach­te­ter Beitrag/Reviewed paper

Zita­ti­on
Wip­pert J. Pathome­cha­nik des Knies aus Sicht des Spi­ral­dy­na­mik-Kon­zepts. Ortho­pä­die Tech­nik, 2013; 64 (4): 32–37
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  1. Heel Ch. Lehr­buch zum Neu­en Denk­mo­dell der Phy­sio­the­ra­pie. Band 1: Bewe­gungs­sys­tem, Her­aus­ge­ber Ant­je Hüter-Becker. Stutt­gart: Thie­me Ver­lag Stutt­gart, 2002
  2. Heel Ch. Lehr­buch zum Neu­en Denk­mo­dell der Phy­sio­the­ra­pie. Band 1: Bewegungssystem,vHerausgeber Ant­je Hüter-Becker. Stutt­gart: Thie­me Ver­lag Stutt­gart, 2002
  3. Moli­tor D. Das Knie­kon­zept. Ein ana­ly­ti­sches Ver­fah­ren zum Nach­weis der Wirk­wei­se von Ein­la­gen bei Knie­be­schwer­den. Vor­trag auf dem Welt­kon­gress Ortho­pä­die + Reha-Tech­nik, Leip­zig, 2012
  4. Lar­sen Ch. Prä­ven­ti­on von Fuß­de­for­mi­tä­ten. Mün­chen: Pflaum Ver­lag. Kran­ken­gym­nas­tik 1998; 50 (9): 1534–1544
  5. Lar­sen, Ch. Koxar­t­ro­se: Peri­phe­re Dämp­fung – zen­tra­le Belas­tung. Mün­chen: Pflaum Ver­lag. Kran­ken­gym­nas­tik 1998; 50 (11)
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