Ortho­pä­die­tech­ni­sche Ver­sor­gung in der kon­ser­va­ti­ven Behand­lung der Gonarthrose

B. Greitemann
Technisch-orthopädische Versorgungen spielen in der konservativen Behandlung der Gonarthrose eine wichtige Rolle. Durch sie kann zwar der Krankheitsverlauf nicht aufgehalten werden, jedoch können Schmerzbild und Funktion positiv unterstützt und damit operative Eingriffe entweder herausgeschoben oder gar vermieden werden. Dabei spielen neben Orthesen auch Schuhzurichtungen eine Rolle. Die wissenschaftliche Datenlage ist sowohl zur Orthesenversorgung als auch zu den Schuhzurichtungen nicht schlecht. Der Beitrag beleuchtet die Indikation, Verordnung, die technische Ausführung und die Evidenzlage derartiger Versorgungen.

Die Arthro­se ist eine der häu­figs­ten Erkran­kun­gen am Ske­lett­sys­tem. Etwa 15 Mio. Deut­sche lei­den jähr­lich unter den Fol­gen der Ver­schleißer­kran­kung, 9 Mio. sind dau­er­haf­te Arthro­se-Pati­en­ten. Dies ent­spricht etwa zehn Pro­zent der Bevöl­ke­rung. Im Jah­re 1999 ver­ur­sach­te die Ver­schleißer­kran­kung 10,5 Mrd. Euro direk­te Behand­lungs­kos­ten und 8,5 Mrd. Euro zusätz­lich an indi­rek­ten Behand­lungs­kos­ten. Nach den Band­schei­ben­er­kran­kun­gen ist sie die zweit­häu­figs­te Ursa­che für das Aus­schei­den aus dem Arbeits­le­ben. Das Risi­ko für eine Arthro­se ist bei Über­ge­wich­tig­keit beson­ders hoch. Setzt man das rela­ti­ve Risi­ko bei einem BMI unter 25 auf eins, so ist das rela­ti­ve Risi­ko bei einem BMI grö­ßer 27,5 um das 3,2‑Fache erhöht. Beson­ders hoch ist die­ses Risi­ko bei Frauen.

Anzei­ge

Gro­ße Ope­ra­tio­nen hin­aus­zu­schie­ben und eine akzep­ta­ble Lebens­qua­li­tät zu errei­chen – das sind wesent­li­che Zie­le der kon­ser­va­ti­ven The­ra­pie bei Pati­en­ten mit Gonar­thro­se (GA). Ärz­ten, die sich mit den ver­schie­de­nen ortho­pä­die­tech­ni­schen Hilfs­mit­teln gut aus­ken­nen, gelingt es, die­se Zie­le zu errei­chen. Dabei ver­steht sich die Ver­sor­gung mit Hilfs­mit­teln als ein Bau­stein in der brei­ten Palet­te kon­ser­va­ti­ver Behand­lungs­mög­lich­kei­ten. Heu­te wer­den die meis­ten Ver­sor­gun­gen mit kon­fek­tio­nier­ten Pro­the­sen durch­ge­führt, den­noch müs­sen ver­stärkt Indi­vi­du­al­lö­sun­gen ver­mit­telt werden.

Die sym­pto­ma­ti­sche ortho­pä­die­tech­ni­sche Behand­lung von GA-Pati­en­ten in frü­hen oder mitt­le­ren Sta­di­en der Erkran­kung ver­folgt die Absicht, das Gelenk zu ent­las­ten, zu füh­ren und durch Kom­pres­si­on gege­be­nen­falls eine Erguss­bil­dung zu ver­mei­den. Ein pri­mä­res Ziel ist es, die Last auf den Gelenk­flä­chen wäh­rend des Gang­zy­klus umzuverteilen.

Typi­scher­wei­se ist das media­le Knie­ge­lenks­kom­par­ti­ment häu­fi­ger als das late­ra­le von der Arthro­se betrof­fen. Dies resul­tiert unter ande­rem aus einem exter­nen Varus­mo­ment wäh­rend der Stand­pha­se des Gang­zy­klus. Ana­to­misch steht der Femur bereits in einer Adduk­ti­ons­stel­lung. Der Schwer­punkt der Gesamt­kör­per­mas­se liegt medi­al des Knie­ge­lenks. Hin­zu kom­men addu­zie­ren­de Momen­te, ver­ur­sacht beson­ders durch die Adduk­to­ren­mus­ku­la­tur, deren Kraft­wir­kun­gen jene der Abduk­to­ren über­wie­gen. Daher liegt die Wirk­li­nie der Gelenk­re­sul­tie­ren­den nicht genau in der Mit­te des Gelenks, son­dern sie ist nach medi­al ver­scho­ben. 60 bis 80 Pro­zent der Gesamt­be­las­tung durch das Kör­per­ge­wicht wir­ken daher in der mitt­le­ren Stand­pha­se des nor­ma­len Gang­zy­klus über das media­le Kniegelenkskompartiment.

Kom­pres­si­on

Bei rezi­di­vie­ren­den Ergüs­sen und Syn­ovia­lit­i­den hat sich die Ver­ord­nung von Knie­ban­da­gen bewährt. Es han­delt sich meist um Strick­ge­we­be aus elas­ti­schem Mate­ri­al, die die Knie­ge­lenks­re­gi­on flä­chig kom­pri­mie­ren. Vie­le Pati­en­ten mel­den als Rück­kopp­lung einen ver­bes­ser­ten „Halt des Knie­ge­lenks“. Die­ser bio­me­cha­nisch nicht zu erklä­ren­de Effekt ist durch eine flä­chi­ge Sti­mu­la­ti­on der Pro­prio­zep­ti­on erklär­bar. Ein­ge­brach­te Sili­kon­pads, Sili­kon­rin­ge oder ähn­li­che Mate­ria­li­en ver­bes­sern die Füh­rung der Knie­schei­be. Knie­ban­da­gen aus Gestrick­kom­bi­na­tio­nen mit drei­di­men­sio­na­len que­r­elas­ti­schen Gestri­cken ver­rin­gern durch elas­ti­sche Kom­pres­si­on die Erguss­bil­dung. Sie wär­men etwas und geben den Pati­en­ten über die Pro­prio­zep­ti­on das Gefühl einer bes­se­ren Gelenkstabilität.

Eine Kon­tra­in­di­ka­ti­on für die Ver­sor­gung stel­len höher­gra­di­ge venö­se Insuf­fi­zi­en­zen sowie alle Erkran­kun­gen mit einer erhöh­ten Throm­bo­se­nei­gung dar. Geeig­net sind sie vor allem bei Chon­droma­la­zi­en, beson­ders bei retro­pa­tel­la­ren Knor­pel­schä­den, dann aller­dings ist ein ent­las­ten­der Sili­kon­ring erfor­der­lich. Wei­te­re Indi­ka­tio­nen sind Gonar­thro­sen ohne oder mit rezi­di­vie­ren­den Gelenk­schwel­lun­gen, vor allem rezi­di­vie­ren­de Syn­ovia­lit­i­den und rheu­ma­tisch beding­te Arthriti­den oder knie­ge­lenk­na­he Ten­do­myo­pa­thien. Schmer­zen, Stei­fig­keits­ge­fühl und die phy­si­ka­li­sche Funk­ti­on des Knie­ge­lenks las­sen sich sub­jek­tiv ver­bes­sern. Knie­ban­da­gen mit ein­ge­ar­bei­te­ten seit­li­chen Füh­rungs­ge­len­ken wir­ken bei uni­kom­par­ti­men­tel­len Arthro­sen allen­falls gering sta­bi­li­sie­rend und ent­las­tend. Die Fixa­ti­on der Kom­po­nen­ten im elas­ti­schen Gewe­be mit unge­nau­er und wech­seln­der Loka­li­sa­ti­on am Gelenk schränkt den Effekt zusätz­lich ein.

Zur Ver­bes­se­rung der Pro­prio­zep­ti­on lie­gen eini­ge Stu­di­en vor. Jerosch unter­such­te 1997 [1] die Pro­prio­zep­ti­on bei Pati­en­ten mit retro­pa­tel­la­rem Knie­schmerz und konn­te eine bes­se­re sen­so­mo­to­ri­sche Kon­trol­le der Bewe­gung durch das Tra­gen einer elas­ti­schen Knie­ban­da­ge nachweisen.

Auf Patel­lar­seh­nen­ban­da­gen mit vor­de­rer Pelot­te reagie­ren erfah­rungs­ge­mäß eini­ge Pati­en­ten mit vor­de­ren Knie­schmer­zen oder mit Ansatz­ten­di­no­sen des Liga­men­tum patel­lae sehr posi­tiv. Pro­ble­me kön­nen durch einen schmerz­haf­ten Druck an der Patellaspit­ze oder dor­sa­le Stran­gu­la­ti­on ent­ste­hen. Daher ist auf die rich­ti­ge Posi­tio­nie­rung der Ban­da­ge zu ach­ten. Am ehes­ten sind Patel­lar­seh­nen­ban­da­gen bei jun­gen Pati­en­ten mit sport­li­chen Ambi­tio­nen angezeigt.

Sta­bi­li­sie­rung, Füh­rung und Entlastung

Im Zuge hin zur Ent­wick­lung einer media­len GA wird die pro­gre­dien­te Knor­pel­de­ge­ne­ra­ti­on zuneh­mend von einer Beu­ge­kon­trak­tur im Knie­ge­lenk beglei­tet. Dies ver­stärkt wie­der­um die Belas­tung, beson­ders am medi­al­dor­sa­len Tibia­pla­teau. Der Teu­fels­kreis aus fort­schrei­ten­der Dege­ne­ra­ti­on und Fehl­hal­tung ist in Gang gesetzt.

Mit ortho­pä­die­tech­ni­schen Hilfs­mit­teln soll nun die Gelenk­kraft­re­sul­tie­ren­de vom geschä­dig­ten auf das noch intak­te Kom­par­ti­ment ver­la­gert wer­den, um die Schmer­zen zu redu­zie­ren und das Fort­schrei­ten der Arthro­se zu verlangsamen.

Dar­über hin­aus sind aber noch wei­te­re Zie­le anzustreben:

  • Das kran­ke Gelenk muss mecha­nisch sta­bi­li­siert werden.
  • Bewe­gun­gen sol­len geführt ablaufen.
  • Über­las­te­te Gelen­k­an­tei­le sind zu entlasten.
  • Die gelenk­füh­ren­de Mus­ku­la­tur soll sti­mu­liert und die Pro­prio­zep­ti­on geför­dert werden.

Zu errei­chen ist dies mit Orthe­sen, Schuh­zu­rich­tun­gen und/oder Geh­hil­fen. Bei den Orthe­sen las­sen sich wesent­li­che Kon­zep­te unterscheiden:

  • Orthe­sen (meist Hart­rah­men­orthe­sen), die bei bestehen­den Insta­bi­li­tä­ten äuße­re Kraft­ein­wir­kun­gen neu­tra­li­sie­ren sollen;
  • Gonar­thro­se­orthe­sen, die nach dem Drei-Punkt-Prin­zip ein Varus- oder Val­gus­mo­ment auf das Knie­ge­lenk aus­üben, um das jeweils geschä­dig­te Kom­par­ti­ment zu entlasten.

Aller­dings ist dabei die aus­ge­spro­chen kom­ple­xe Bio­me­cha­nik des Knie­ge­lenks mit sei­nem Roll­gleit­me­cha­nis­mus zu berück­sich­ti­gen, die selbst mit poly­zen­tri­schen Gelenk­kon­struk­tio­nen der Orthe­sen kaum zu imi­tie­ren ist. Zudem ist bei dege­ne­ra­ti­ven Schä­den sowohl das Roll­gleit­ver­hal­ten als auch die pro­prio­zep­ti­ve Steue­rung gestört.

Ein wei­te­res wesent­li­ches Pro­blem ist das Ver­rut­schen von Knie­orthe­sen, wenn sie unzu­rei­chend an den Weich­teil­man­tel ange­passt sind. Dann muss stän­dig rejus­tiert und refi­xiert wer­den. Es ist daher unab­ding­bar, dass der Pati­ent bereits im Vor­feld der Ver­sor­gung mit einer Orthe­se genau über deren Sinn und exak­te Posi­tio­nie­rung unter­rich­tet wird.

Her­stel­ler von Orthe­sen bie­ten zuneh­mend Kon­struk­tio­nen mit elas­ti­schem Gestrick an, die flä­chig und bequem am Knie­ge­lenk sit­zen und weni­ger ver­rut­schen. Bei Hart­rah­men­orthe­sen wer­den dar­un­ter geleg­te tex­ti­le Mate­ria­li­en als „Stop­per“ benutzt. Beim ein­zel­nen Pati­en­ten ist sorg­fäl­tig dar­auf zu ach­ten, dass die Orthe­se an kei­ner Stel­le scheu­ert und in der Knie­keh­le kei­ne Stran­gu­la­ti­on statt­fin­det. Letz­te­res könn­te gera­de bei den älte­ren Pati­en­ten die Throm­bo­se­ge­fahr stei­gern. Die Pass­form von Orthe­sen ist also von erheb­li­cher Bedeutung.

Hart­rah­men­orthe­sen (Sup­por­ted Knee Braces) kom­men vor allem bei Kreuzband‑, Varus- oder Val­gus­in­sta­bi­li­tä­ten in Betracht. In der post­ope­ra­ti­ven Reha­bi­li­ta­ti­on ent­fal­ten sie im Ver­gleich zu klas­si­schen Gonar­thro­se­orthe­sen weni­ger Wir­kung auf die Schmerz­sym­pto­ma­tik. Kon­fek­tio­nier­te Hart­rah­men­orthe­sen wer­den oft in sehr kur­zen Ver­sio­nen ange­bo­ten, weil sie den Pati­en­ten weni­ger beein­träch­ti­gen. Das redu­ziert jedoch auch die Hebel­ar­me und limi­tiert somit die bio­me­cha­ni­sche Wirkung.

Gonar­thro­se­orthe­sen arbei­ten nach dem Drei-Punkt-Prin­zip und kön­nen ent­we­der vari­sie­ren­de oder val­gi­sie­ren­de Effek­te auf die Tra­gach­se des Knie­ge­len­kes aus­üben. Auch bei den Gonar­thro­se­orthe­sen mit Drei­punkt-Rah­men­kon­struk­tio­nen und ein­stell­ba­ren Win­kel­po­si­tio­nen erwei­sen sich kur­ze Hebel­ar­me teil­wei­se als pro­ble­ma­tisch. Es sind aber Lang­ver­sio­nen erhält­lich, die bio­me­cha­nisch sinn­vol­ler erscheinen.

Ver­schie­de­ne kli­ni­sche Stu­di­en mit Gang­ana­ly­sen haben gezeigt, dass Knie­ge­lenks­orthe­sen bei uni­kom­par­ti­men­tel­ler Gonar­thro­se sowohl die sub­jek­ti­ve Sta­bi­li­tät erhö­hen als auch deut­lich die Beschwer­den und damit den Schmerz­mit­tel­ver­brauch redu­zie­ren können.

Komis­tek [2] wies in einer Stu­die mit Kon­trast­mit­tel­durch­leuch­tung nach, dass bei Nor­mal­ge­wich­ti­gen durch das Tra­gen einer Knie­orthe­se eine Ent­las­tung des Gelenks­spalts mög­lich ist.

Min­nich [3] zeig­te in einer Gang­ana­ly­se­stu­die bei Pati­en­ten mit Osteo­ar­thro­se und getra­ge­ner Orthe­se über zehn Wochen eine erkenn­ba­re Ver­bes­se­rung des Gang­bil­des und eine sub­jek­ti­ve Schmerz­re­duk­ti­on im Lequesne-Score.

Nad­aud [4] unter­such­te Pati­en­ten mit einer Gonar­thro­se mit und ohne Orthe­se unter Durch­leuch­tung und auf dem Lauf­band. Er führ­te auch drei­di­men­sio­na­le Rekon­struk­tio­nen mit­tels Com­pu­ter­to­mo­gra­phie durch. Dabei konn­te er nach­wei­sen, dass Ent­las­tungs­pro­the­sen wirk­sam sind und maxi­ma­le Wir­kung bei eher nor­mal­ge­wich­ti­gen Pati­en­ten mit einem nor­mal aus­ge­präg­ten Weich­teil­man­tel erzie­len. In sei­ner Unter­su­chung zeig­te er deut­li­che Unter­schie­de zwi­schen den unter­such­ten fünf Pro­the­sen­ty­pen auf.

In einem Coch­ra­ne-Review aus dem Jah­re 2005 [5] wur­de eine ran­do­mi­sier­te Stu­die über sechs Mona­te beschrie­ben, bei der Arthro­se-Pati­en­ten mit einer val­gi­sie­ren­den Orthe­se gegen eine Ban­da­gen­grup­pe ver­gli­chen wur­den. Es konn­te eine sub­jek­ti­ve Ver­bes­se­rung des Befin­dens, der Schmer­zen und der Funk­ti­on auch in Scores (WOMAC, MACTAR) nach­ge­wie­sen werden.

Kutz­ner [6] unter­such­te die Effek­te eines val­gi­sie­ren­den Braces auf die Arthro­se. Hier­bei führ­te er Kraft­mes­sun­gen an Pati­en­ten durch, die mit einem spe­zi­el­len Knie­im­plan­tat ver­sorgt wor­den waren, das mit Sen­so­ren bestückt war (Zim­mer-Knie-TEP). Er unter­such­te zwei Orthe­sen in Neu­tral­po­si­ti­on, 4° und 8° Val­gus­po­si­ti­on, im Gehen und beim Trep­pen­her­auf­stei­gen bzw. her­ab­stei­gen. Dabei konn­te er eine deut­li­che Ver­min­de­rung der innen­sei­ti­gen Gelenks­kräf­te durch die Orthe­sen nachweisen.

Als Fazit kann man fest­hal­ten, dass Gonar­thro­se­orthe­sen bei ein­sei­ti­gem Gelenks­ver­schleiß mit Insta­bi­li­tät indi­ziert sind. Sie ver­min­dern die Beschwer­den, redu­zie­ren die Schmerz­mit­tel­ein­nah­me, und kön­nen die Mobi­li­tät und damit auch die Lebens­qua­li­tät der Pati­en­ten ver­bes­sern, aber sie beein­flus­sen die zu Grun­de lie­gen­de Erkran­kung nicht in ihrer Progredienz.

Schuh­zu­rich­tun­gen

Schuh­zu­rich­tun­gen dämp­fen den Auf­tritt beim Gehen durch Absatz­zu­rich­tun­gen und ent­las­ten das erkrank­te Knie­ge­lenks­kom­par­ti­ment durch Innen- oder Außen­rand­er­hö­hun­gen am Schuh.

Die Kos­ten­über­nah­me für Puf­fer­ab­sät­ze leh­nen eini­ge Kran­ken­kas­sen gern mit dem Hin­weis ab, das „bio­lo­gi­sche Sys­tem“ dämp­fe bes­ser als sol­che Absät­ze oder Dämp­fungs­ele­men­te. Das gilt jedoch für Gesun­de oder für Sport­ler. Bei einem gestör­ten und nicht mehr oder nur noch ein­ge­schränkt funk­ti­ons­fä­hi­gen bio­lo­gi­schen Sys­tem sind Puf­fer­ab­sät­ze sicher geeig­net, um die pro­xi­ma­len Gelen­ke zu ent­las­ten. Der Evi­denz­grad für die­se Emp­feh­lung ist aller­dings in der Tat gering.

Schuh­in­nen- oder Schuh­au­ßen­rand­er­hö­hun­gen müs­sen immer sowohl an der Soh­le als auch am Absatz erfol­gen. Die iso­lier­te Erhö­hung zieht eine Tor­si­on des Schuhs und damit ver­stärk­ten Ver­schleiß nach sich. Bei medi­al beton­ter Gonar­thro­se erfolgt die Außen­rand­er­hö­hung, die Innen­rand­er­hö­hung bei Val­gus­ar­thro­se. Erfah­rungs­ge­mäß emp­fin­den Pati­en­ten bereits Erhö­hun­gen von 0,5 cm als zu hoch. Man kann sich mit 0,3 cm ein­schlei­chen und gege­be­nen­falls auf 0,4 cm erhö­hen. Die Zurich­tun­gen wer­den indi­vi­du­ell an die Soh­le angepasst.

Für die Außen­rand­er­hö­hun­gen bei medi­al beton­ter GA ist die Stu­di­en­la­ge nicht kom­plett ein­heit­lich. Es exis­tie­ren Stu­di­en, die kei­nen signi­fi­kan­ten Effekt einer Außen­rand­er­hö­hung bei der Gonar­thro­se zei­gen [7, 8, 9]. Es gibt aller­dings eine deut­lich höhe­re Zahl an Stu­di­en, die eine kla­re Reduk­ti­on des Schmerz­mit­tel­ver­brauchs sowie ver­min­der­te Druck­spit­zen im media­len Kom­par­ti­ment bele­gen [10, 11, 12].

In einem Coch­ra­ne-Review aus dem Jah­re 2007 [13] wur­den für Außen­rand­er­hö­hun­gen posi­ti­ve Effek­te bei media­ler Gonar­thro­se in vier Stu­di­en beschrie­ben, davon ist eine qua­li­ta­tiv hoch­wer­tig. In der Zusam­men­fas­sung wur­de fest­ge­stellt, dass „limi­ted evi­dence“ für die Wirk­sam­keit von Schuh­zu­rich­tun­gen besteht.

In einer pro­spek­tiv block­ran­do­mi­sier­ten Stu­die aus 2009 durch Bar­ri­os [14] wur­den 66 Pati­en­ten mit media­ler Gonar­thro­se unter­sucht. Es konn­te eine deut­li­che Befind­lich­keits­ver­bes­se­rung und eine Ver­bes­se­rung der Fähig­keit nach­ge­wie­sen wer­den, Schmer­zen und Stei­fig­keits­ge­fühl redu­zier­ten sich und die Ergeb­nis­se in Scores (WOMAC, 6‑min. Walk-Test) ver­bes­ser­ten sich ebenfalls.

Auch Rodri­guez [15] konn­te in einer ran­do­mi­sier­ten Stu­die an 30 Frau­en einen hoch signi­fi­kan­ten Effekt in der Schmerz­re­duk­ti­on, Bewe­gungs- und Funk­ti­ons­ver­bes­se­rung auf­zei­gen. Bei fort­ge­schrit­te­nen Ver­schleiß­erschei­nun­gen scheint eine allei­ni­ge Außen­rand­er­hö­hung aller­dings nicht aus­rei­chend zu sein.

Segal [16] wies in einem ran­do­mi­sier­ten Design nach, dass bei höher­gra­di­ger sym­pto­ma­ti­scher Gonar­thro­se die Ver­sor­gung mit einer knö­chel­über­grei­fen­den zusätz­li­chen Lösung (Orthe­se) bes­se­re Ergeb­nis­se in der Schmerz­re­duk­ti­on und der Ver­bes­se­rung von All­tags­ak­ti­vi­tä­ten ergab.

Zusam­men­fas­send kann man fest­stel­len, dass bei der Gonar­thro­se ins­be­son­de­re Außen­rand­er­hö­hun­gen bei der media­len Gonar­thro­se wirk­sam sind. Das Knie­va­rus­mo­ment beim Lau­fen nimmt deut­lich ab, wie Gang­ana­ly­sen erge­ben haben. Es kann aber kein nach­weis­ba­rer Effekt auf die Arthro­se­ent­wick­lung fest­ge­stellt wer­den. Dem­nach muss man Schuh­zu­rich­tun­gen als rein sym­pto­ma­ti­sche Behand­lung zur Schmerz­lin­de­rung bezeich­nen, die die Mobi­li­tät der Pati­en­ten ver­bes­sern soll.

Geh­hil­fen

Geh­hil­fen sind eben­falls wich­ti­ge Hilfs­mit­tel bei uni­kom­par­ti­men­tel­ler Arthro­se, denn sie erhal­ten die Mobi­li­tät der Pati­en­ten trotz der bestehen­den Sym­pto­ma­tik. Geh­stö­cke oder Unter­arm­geh­stüt­zen wer­den meist ein­sei­tig genutzt, um die unte­re Extre­mi­tät auf der Gegen­sei­te der haupt­be­trof­fe­nen Sei­te zu ent­las­ten. Zu beach­ten ist dabei, dass die Pati­en­ten meist an einer Poly­ar­thro­se auch an den obe­ren Extre­mi­tä­ten lei­den. Spe­zi­el­les Augen­merk soll­te dem Dau­men­sat­tel­ge­lenk gel­ten, das durch gepols­ter­te und/oder ana­to­misch geform­te Grif­fe geschützt respek­ti­ve ent­las­tet wer­den kann.

Fazit

Der Gonar­thro­se liegt ein mul­ti­fak­to­ri­el­les Gesche­hen zugrun­de. Die Ver­ord­nung ortho­pä­die­tech­ni­scher Hilfs­mit­tel gilt als rein sym­pto­ma­ti­sche The­ra­pie, die im bes­ten Fall die Pro­gres­si­on der Erkran­kung ver­lang­samt und im Ein­zel­fall Ope­ra­tio­nen ver­meid­bar macht oder zumin­dest ver­zö­gern kann. Dies sind erstre­bens­wer­te Behand­lungs­zie­le. Sie kön­nen mit einer dif­fe­ren­zier­ten Aus­wahl der Hilfs­mit­tel in Kom­bi­na­ti­on mit adäqua­ter Auf­klä­rung und Schu­lung der Pati­en­ten erreicht werden.

Der Autor:
Prof. Dr. Bern­hard Greitemann
Reha­kli­ni­kum Bad Rothenfelde
Kli­nik Münsterland
Auf der Stöw­we 11
49214 Bad Rothenfelde
greitemann@klinik-muensterland.de

Begut­ach­te­ter Beitrag/Reviewed paper

Zita­ti­on
Grei­te­mann B. Ortho­pä­die­tech­ni­sche Ver­sor­gung in der kon­ser­va­ti­ven Behand­lung der Gonar­thro­se. Ortho­pä­die Tech­nik, 2013; 64 (4): 20–22

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