OT-Meis­te­rin bringt Sko­lio­se-Ver­sor­gung nach Uganda

Aller guten Dinge sind – mindestens drei. 2019 machte sich Katharina Riedel erstmals auf den Weg nach Ostafrika, um Patient:innen zu versorgen und ihr Fachwissen weiterzugeben. Im vergangenen Jahr unterstützte die Orthopädietechniker-Meisterin den gemeinnützigen Verein „Pro Uganda“ erneut. Im kommenden Frühsommer wird sie für ein neues Projekt wieder in den Flieger steigen – und das nicht zum letzten Mal.

„Eine Ampu­ta­ti­on sticht ins Auge, Sko­lio­se lässt sich gut ver­ste­cken“, sagt Rie­del, die sich in der Ortho­pä­die-Werk­statt in Ugan­da neben Kin­der-Orthe­tik ins­be­son­de­re der Ver­sor­gung von Skoliose-Patient:innen wid­me­te. Schwer­punkt­the­men, denen sie auch in Deutsch­land bei der Ortho­tech­nik im Kran­ken­haus Rum­mels­berg nach­geht. Bereits im Vor­feld des fünf­wö­chi­gen Auf­ent­halts im ver­gan­ge­nen Herbst konn­te sich Katha­ri­na Rie­del auf eini­ge offe­ne Fäl­le vor­be­rei­ten. Dazu zähl­te auch ein 18-jäh­ri­ger Medi­zin­stu­dent. Sei­ne gekrümm­te Wir­bel­säu­le war deut­lich zu sehen, die Rönt­gen­bil­der bestä­tig­ten eine rechts­kon­ve­xe Tho­ra­ka­ls­ko­lio­se. „Das habe ich genutzt und mit den Kol­le­gen eine spon­ta­ne klei­ne Schu­lung gemacht, ihnen gezeigt, wie sie Sko­lio­se­ty­pen anhand bestimm­ter Merk­ma­le und Tricks erken­nen kön­nen“, berich­tet Rie­del. Einen Gips­ab­druck zu fer­ti­gen, stell­te das Team vor eine Her­aus­for­de­rung. Auf­grund der hohen Luft­feuch­tig­keit haf­te­ten die Bin­den nicht gut, der Trock­nungs­pro­zess nahm rund eine Woche in Anspruch. Doch selbst dann war der Gips nicht sta­bil genug, um ihn zu kei­len und er sack­te unter sei­ner Last ein. „In Deutsch­land sind so etwas Basics“, sagt Rie­del. „Hier in Ugan­da waren das Pro­ble­me, über die denkt man vor­her gar nicht nach.“ Die nächs­te Hür­de: Wie kann das Nega­tiv so aus­ge­gos­sen wer­den, dass das Posi­tiv spä­ter ohne pas­sen­des Absaug­rohr tief­ge­zo­gen wer­den kann? „An krea­ti­ven Lösun­gen man­gelt es in Ugan­da nie“, stell­te Rie­del mit Freu­de fest. Aus­ge­gos­sen mit einem Abfluss­rohr in der Mit­te, konn­te sie den Gips auf ein sta­bi­les Eisen­rohr schie­ben und pro­blem­los model­lie­ren. Zum Tief­zie­hen bohr­te das Team durch das Rohr und sorg­te somit für die not­wen­di­gen Absaug­lö­cher. „Das Ergeb­nis war ein schö­nes aus Poly­pro­py­len gezo­ge­nes Chêneau-Korsett.“

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„Manch­mal feh­len die ein­fachs­ten Dinge“

An die­se „ande­re Arbeits­welt“ muss­te sich Katha­ri­na Rie­del erst ein­mal gewöh­nen. „Ich bin ver­wöhnt“, gibt sie zu und lacht. „In Deutsch­land model­lie­ren wir mitt­ler­wei­le viel mit gefräs­ten Schaum­mo­del­len. Die sind sehr leicht.“ In Ugan­da muss­te sie jedoch mit kom­plett har­tem Gips zurecht­kom­men. „Da habe ich erst ein­mal geschnauft und gedacht: Am Ende der Model­la­ge habe ich wahr­schein­lich Muckis ohne Ende.“ Dass Mate­ria­li­en feh­len, gehör­te für die 33-Jäh­ri­ge zu einer der größ­ten Her­aus­for­de­run­gen bei der Arbeit in Ost­afri­ka. Und nicht immer reich­ten krea­ti­ve Lösun­gen aus, um eine gute Ver­sor­gung zu gewähr­leis­ten. „Manch­mal feh­len die ein­fachs­ten Din­ge“, berich­tet Rie­del. „Zum Bei­spiel ein Schuh. Der Pro­the­sen­fuß ist ohne eben viel schnel­ler ram­po­niert.“ Auch ande­re Gege­ben­hei­ten erschwer­ten die Arbeit: Rie­del erin­nert sich an einen Mann, um die 80 Jah­re alt, der eine Ver­sor­gung benö­tig­te. Doch die Fra­ge war: Schafft er über­haupt den Trans­port? Kann er den bezah­len? Ist für ihn viel­leicht eher eine Stüt­ze sinn­voll und kei­ne auf­wen­dig gefer­tig­te Orthe­se? Auch das sind Ent­schei­dun­gen, die „Pro Ugan­da“ tref­fen muss. Trotz der Eng­päs­se ist Rie­del von der Aus­stat­tung und Orga­ni­sa­ti­on, die der Ver­ein in Ugan­da auf die Bei­ne gestellt hat, beein­druckt – ins­be­son­de­re im Hin­blick auf vor­he­ri­ge Aus­lands­auf­ent­hal­te. „Man merkt, dass hier viel Arbeit hin­ein­ge­steckt wird.“

Hin­ter vie­len ihrer ugan­di­schen Patient:innen lie­gen har­te Schick­sa­le. Rie­del denkt an eine 85-jäh­ri­ge Frau zurück. Auf­grund eines Rat­ten­bis­ses muss­te zunächst ihr Vor­fuß ampu­tiert wer­den, die gegen­über­lie­gen­de Sei­te wur­de ihr spä­ter in Fol­ge eines schlim­men Ver­kehrs­un­falls abge­nom­men. Nach einem Streit hielt ihr Mann ihr zudem bei­de Hän­de in die Glut. Die Frau habe in der Werk­statt ledig­lich um einen Roll­stuhl gebe­ten, an eine Pro­the­se wag­te sie sich nicht mehr her­an. Doch das Team konn­te sie über­zeu­gen. „Schon die ers­ten Lauf­ver­su­che waren beein­dru­ckend“, erzählt Rie­del. „Sie ver­neig­te sich und knicks­te aus Dank­bar­keit.“ Und das war kein Ein­zel­fall. „Es ist erstaun­lich, wie leicht sich die Pati­en­ten oft an neue Hilfs­mit­tel adap­tie­ren“, sagt die OT-Meis­te­rin. War­um, das kann Rie­del nur ver­mu­ten. „Die Ugan­der müs­sen immer fit und aktiv sein.“ Nicht sel­ten sei­en sie auf Hilfs­mit­tel ange­wie­sen, um zu über­le­ben. „Ein Taxi­fah­rer ohne Pro­the­se bekommt kein Geld.“

Wis­sen nach­hal­tig weitergeben

Für Rie­del war der Auf­ent­halt in Ugan­da ein Erfolg. Sie konn­te nicht nur vie­le Patient:innen ver­sor­gen, son­dern auch ihr Fach­wis­sen wäh­rend der Behand­lun­gen und Schu­lun­gen an die Kolleg:innen vor Ort wei­ter­ge­ben. Noch kön­ne dort kei­ne Sko­lio­se­ver­sor­gung durch­ge­führt wer­den, doch das Team sei nun so weit geschult, dass es Krank­heits­bil­der ein­ord­nen kann und eine Idee davon hat, wie eine Ver­sor­gung aus­se­hen könn­te. Dar­an wird Katha­ri­na Rie­del anknüp­fen, wenn sie im Früh­som­mer erneut nach Ugan­da auf­bricht. Für die 33-Jäh­ri­ge geht mit der Mit­ar­beit an dem lang­fris­tig ange­leg­ten Pro­jekt ein Traum in Erfül­lung: Gemäß dem Mot­to „Train the Trai­ners“ ist es das Ziel, die Dozent:innen an der Hoch­schu­le in der Haupt­stadt Ugan­das so gut zu unter­rich­ten, dass sie das Wis­sen nach­hal­tig wei­ter­ge­ben kön­nen. Gemein­sam mit ihrem Kol­le­gen Andre­as Riep­pel wird Rie­del einen Kurs über Chê­ne­au-Kor­setts durch­füh­ren. Rie­del fie­bert aber nicht nur der Arbeit ent­ge­gen, son­dern auch der Lebens­freu­de und Herz­lich­keit der Ugan­der. „Das Mit­ein­an­der hier ist ein­fach toll“, betont sie. Kuli­na­ri­sche Genüs­se wie fri­sche Man­go und Ana­nas sind ihr eben­so in Erin­ne­rung geblie­ben wie das Spie­len mit den Kin­dern oder zufäl­lig ent­deck­te gemein­sa­me Lei­den­schaf­ten mit Kolleg:innen. „Vor mei­nem Abschied haben wir einen Line-Dance-Abend ver­an­stal­tet und alle haben mitgemacht.“

Orthopädietechniker:innen, die mit dem Gedan­ken spie­len, auch Frei­wil­li­gen­ar­beit im Aus­land zu leis­ten, kann Katha­ri­na Rie­del fol­gen­de Tipps mit auf den Weg geben: „Neh­men Sie so vie­le Erfah­run­gen mit wie mög­lich. Fah­ren Sie kei­ne star­re Linie, son­dern sei­en Sie immer offen.“ Wich­tig sei es, sich bereits im Vor­feld gut über die Lage zu infor­mie­ren, um beur­tei­len zu kön­nen, wo genau Unter­stüt­zung und Schu­lungs­be­darf benö­tigt wer­den. „So kön­nen wir nach­hal­tig viel bewirken.“

Pia Engel­brecht

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