Össur Aca­de­my DACH: Gemein­sam ler­nen für ein Leben ohne Einschränkungen

Deutschland gilt mit seiner Versorgungslandschaft für Menschen, die auf Prothesen und Orthesen angewiesen sind, als weltweit führend. Warum der isländische Hersteller für Prothesen und Orthesen, Össur, dennoch einen­ ­Bedarf für zusätzliche Schulungsangebote an Orthopädie-Techniker, Physio- und Ergotherapeuten sowie Anwender sieht, erklärt Till Blickwede (47), Leiter der Össur Academy Deutschland, Österreich, Schweiz (DACH) im Gespräch mit der OT-Redaktion. Der Orthopädie-Technik-Meister, seit 2011 bei Össur tätig, leitete von 2013 bis 2016 die Abteilung Technischer Service, bevor er 2017 mit dem Aufbau der Academy betraut wurde.

OT: Wie kam es zur Grün­dung der Össur Aca­de­my DACH?

Anzei­ge

Till Blick­we­de: Inter­na­tio­nal setzt Össur schon sehr lan­ge auf inter­ne und exter­ne Schu­lungs­an­ge­bo­te, die durch die glo­ba­le Össur Aca­de­my auch in Deutsch­land ange­bo­ten wur­den. Dann beka­men wir Anfang 2017 nicht zuletzt auf­grund der gro­ßen Nach­fra­ge aus dem Markt die tol­le Mög­lich­keit eine Össur Aca­de­my für DACH auf­zu­bau­en. Wobei wir nicht bei Null anfan­gen muss­ten, da wir mit unse­rer bestehen­den Abtei­lung Tech­ni­scher Ser­vice bereits ein Team von erfah­re­nen Ortho­pä­die-Tech­ni­kern an Bord hat­ten, die Anwen­der und Tech­ni­ker in tech­ni­schen Fra­gen schon lan­ge beglei­te­ten. Die­se Abtei­lung ist der Aca­de­my zuge­ord­net wor­den. Durch die Inte­gra­ti­on der Fir­ma Touch Bio­nics im Jahr 2016 konn­ten wir deren Stand­ort Hei­del­berg nut­zen und ihn zum Össur-Aca­de­my-DACH-Stand­ort für Schu­lun­gen und Semi­na­re erwei­tern. Das Schu­lungs­team von Touch Bio­nics, bestehend aus Ortho­pä­die-Tech­ni­kern, Phy­sio- und Ergo­the­ra­peu­ten wur­de eben­falls Bestand­teil der Aca­de­my. Der­zeit sind 14 Ortho­pä­die-Tech­ni­ker sowie Phy­sio- und Ergo­the­ra­peu­ten für uns im Einsatz.

OT: Wel­che Schu­lungs­lü­cke wol­len Sie mit der 2017 gegrün­de­ten Aka­de­mie schließen?

Blick­we­de: „Lücken“ sehen wir in Deutsch­land tat­säch­lich beim Anwen­der­trai­ning in den Berei­chen Pro­the­tik obe­re und unte­re Extre­mi­tät. In den meis­ten Kran­ken­häu­sern fehlt es an fach­kun­di­gem Per­so­nal zum The­ma Pro­the­tik. Wenn ein Ortho­pä­die-Tech­ni­ker in der Kli­nik mit dem frisch ampu­tier­ten Pati­en­ten ers­te Geh- oder Greif­ver­su­che mit den von ihm ange­pass­ten Pro­the­sen unter­nimmt, steht ihm zwar ein Phy­sio- oder Ergo­the­ra­peut der Kli­nik zur Sei­te, ob er ihm aber auch fach­lich eine Hil­fe sein kann, ist kei­nes­wegs sicher. Des­halb ist es uns ein Anlie­gen, ­Ortho­pä­die-Tech­ni­kern zumin­dest die Grund­la­gen für die Bewe­gungs­ab­läu­fe zu ver­mit­teln. So kann ver­mie­den wer­den, dass sich die Anwen­der feh­ler­haf­te Bewe­gungs­ab­läu­fe ange­wöh­nen, die spä­ter nur sehr schwer wie­der kor­ri­giert wer­den kön­nen. Gleich­zei­tig wol­len wir Phy­sio- und Ergo­the­ra­peu­ten fit machen für die Zusam­men­ar­beit mit Anwen­dern und Ortho­pä­die-Tech­ni­kern im Team. Anwen­der wie­der­um infor­mie­ren sich heu­te viel mehr über den Nut­zen von Pro­duk­ten und sind sich stär­ker der Eigen­ver­ant­wor­tung für ihren Kör­per bewusst. Bei­des sind gesell­schaft­li­che Phä­no­me­ne, die wir auch in ande­ren Seg­men­ten und Län­dern beob­ach­ten. Es ist die­ses Zusam­men­spiel, das unse­re Össur Aca­de­my DACH aus­macht: Ortho­pä­die-Tech­ni­ker, Phy­sio- und Ergo­the­ra­peu­ten sowie Anwen­der ler­nen gemein­sam. In ande­ren Berei­chen sehen wir unsere­ Schu­lungs­an­ge­bo­te eher als Ergän­zung zu bestehen­den Pro­gram­men, Semi­na­ren sowie spe­zi­el­le Trai­nings­ein­hei­ten zu unse­ren Produkten.

Übri­gens haben wir auch Össur ‑Aka­de­mien in wei­te­ren Län­dern bzw. Regio­nen gegrün­det, etwa in Frank­reich, Groß­bri­tan­ni­en und Skandinavien.

OT: Wel­che Semi­na­re und Work­shops bie­ten Sie kon­kret für die ein­zel­nen Ziel­grup­pen an?

Blick­we­de: Für Ortho­pä­die-Tech­ni­ker bie­ten wir Zer­ti­fi­zie­run­gen für alle bio­ni­schen Pro­the­tik-Pro­duk­te der obe­ren und unte­ren Extre­mi­tät an. Zum Bei­spiel für den im Janu­ar neu ein­ge­führ­ten „Pro­Prio-Foot“ der neus­ten Genera­ti­on, dem „Rheo­K­nee“ oder „Rheo­K­nee XC“ sowie zum „i‑limb quan­tum“ und „i‑digits quan­tum“. Gene­rell kön­nen aber auch Semi­na­re und Work­shops besucht wer­den, in denen wir auf Schaft­ge­stal­tung, Bio­me­cha­nik, Sta­tik und nicht zuletzt auch das so wich­ti­ge Trai­ning der Anwen­der ein­ge­hen. Schließ­lich kann ein hoch­funk­tio­nel­les Pro­dukt für Anwen­der nur sei­nen vol­len Nut­zen ent­fal­ten, wenn es die­ser opti­mal nut­zen kann. In vie­len Semi­na­ren und Zer­ti­fi­zie­run­gen gehö­ren Phy­sio- bzw. Ergo­the­ra­peu­ten zum Refe­ren­ten­team. Gera­de die­se Kom­bi­na­ti­on wird von den Ziel­grup­pen auch sehr oft nachgefragt.

Ergänzt wird das Ange­bot für Ortho­pä­die-Tech­ni­ker durch indi­vi­du­ell gestalt­ba­re Pro­dukt­se­mi­na­re und Trai­nings sowie Wei­ter­bil­dun­gen zu spe­zi­el­len Themen.

Für Phy­sio- und Ergo­the­ra­peu­ten bie­ten wir Trai­nings und Zer­ti­fi­zie­run­gen getrennt nach Pro­the­tik obe­re und unte­re Extre­mi­tät an. In die­sen ver­mit­teln wir das not­wen­di­ge Grund­wis­sen über die Pro­duk­te, sind aber sehr pra­xis­ori­en­tiert – das Trai­ning mit Anwen­dern vor Ort steht im Vor­der­grund, egal ob für jun­ge The­ra­peu­ten am Anfang ihrer Tätig­keit oder als ver­tief­tes Ange­bot für erfah­re­ne Kollegen.

Für Anwen­der bie­ten wir spe­zi­el­le Anwen­der­trai­nings, von der Geh­schu­le für die unte­re Extre­mi­tät bis hin zur Ergo­the­ra­pie für Anwen­der mit „i‑limb“- oder „i‑digits“-Produkten.

OT: Ihre Wer­be­un­ter­la­gen für das Anwen­der­trai­ning rich­ten sich in der Anspra­che direkt an die Anwen­der. Warum?

Blick­we­de: Natür­lich set­zen wir sehr stark auf unse­re Part­ner in der Ortho­pä­die-Tech­nik und auch in der Phy­sio- und Ergo­the­ra­pie. Aller­dings wen­den sich Anwen­der in den letz­ten Jah­ren ver­stärkt direkt an uns, auch mit dem Wunsch, ande­re Anwen­der ken­nen­zu­ler­nen, sich mit ­die­sen zu ver­net­zen und sich – ger­ne auch mal „ohne ­Ortho­pä­die-Tech­ni­ker“ – unter Betrof­fe­nen aus­zu­tau­schen. Des­halb spre­chen wir inzwi­schen auch direkt Anwen­der an, zusätz­lich zu unse­rer Kom­mu­ni­ka­ti­on mit und über unse­re Part­ner im Han­del, Werk­statt und Pra­xis. Auf der OTWorld sieht man die­sen Wan­del in den letz­ten Jah­ren deut­lich. Die­ser Anwen­der­com­mu­ni­ty, wir nen­nen sie die „Össur­fa­mi­ly“, möch­ten wir mit Anwen­der­ta­gen zu ver­schie­de­nen The­men – von Koch­kurs bis zur Geh­schu­le – die Mög­lich­keit geben, sich auszutauschen.

Selbst­ver­ständ­lich sind Ortho­pä­die-Tech­ni­ker bei unse­ren Geh­schul­trai­nings für Anwen­der immer will­kom­men. Wir wis­sen sehr wohl, dass ein ein­tä­gi­ges Trai­ning nur wenig the­ra­peu­ti­schen Erfolg brin­gen kann, da es um die Ände­run­gen von Bewe­gungs­mus­tern geht. Durch das Invol­vie­ren aller Betei­lig­ten kön­nen wir sicher­stel­len, dass zwi­schen Anwen­dern und Ortho­pä­die-Tech­ni­kern die The­ma­tik des Geh­schul­trai­nings noch bewuss­ter wird und sich im bes­ten Fall bei­de wei­ter­bil­den und gegen­sei­tig ­„coa­chen“. So ist das Trai­ning nachhaltig.

Die meis­ten Anwen­der­trai­nings – was unse­re Kun­den zu schät­zen wis­sen – fin­den aber nach wie vor vor Ort im Sani­täts­haus, statt. Hier­zu zäh­len Ver­an­stal­tun­gen wie die Bio­nic-Days oder Geh­schu­len sowie „Aktiv mit Prothese“-Events.

OT: Wie sieht Ihre Bilanz nach den ers­ten bei­den Jah­ren aus?

Blick­we­de: Wir sehen, dass die Ange­bo­te unse­rer Össur Aca­de­my DACH bis­her sehr gut ange­nom­men wer­den und wol­len die­se in der nächs­ten Zeit wei­ter ausbauen.

Wir wol­len den Anwen­dern gemäß unse­rer aktu­el­len Kam­pa­gne „#life­wi­thout­li­mi­ta­ti­ons“ auch wei­ter­hin ein Leben ohne Ein­schrän­kun­gen ermög­li­chen und gemein­sam mit dem inter­dis­zi­pli­nä­ren Team best­mög­li­che Ver­sor­gungs­er­geb­nis­se erzielen.

Die Fra­gen stell­te Ruth Justen.

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