Neue Greif­mög­lich­kei­ten für Armam­pu­tier­te – Ver­sor­gung mit der Michelangelo-Prothesenhand

H.-M. Holzfuß
Im Beitrag schildert der Autor die Versorgung eines Patienten mit einer neuen Prothesenhand, die mit dem „Axon-Bus“-System kombiniert wurde. Dabei gewährt die Datenübertragung der „Michelangelo-Hand“ insgesamt sieben Greifvarianten. Die Computersoftware kann an die Bedürfnisse des Anwenders angepasst werden, der in seinem Lebensalltag damit eine wesentlich flexiblere Prothesenhand nutzen kann.

Chris­toph Jahn­ke ist einer der ers­ten Anwen­der, die mit dem Axon-Bus Sys­tem „Michel­an­ge­lo“ von der Fir­ma Otto Bock ver­sorgt wur­den. Der 20-jäh­ri­ge Stu­dent lebt seit August 2012 in Kre­feld und hat dort mit sei­nem dua­len Che­mie­stu­di­um ange­fan­gen. Das stellt eine neue Her­aus­for­de­rung für ihn per­sön­lich, aber auch an sei­ne Pro­the­sen­ver­sor­gung dar, denn er ist ohne rech­ten Unter­arm zur Welt gekom­men. Seit frü­hes­ter Jugend trägt der gebür­ti­ge Pase­wal­ker myo­elek­tri­sche Arm­pro­the­sen. Mit dem Beginn des neu­en Lebens­ab­schnit­tes beginnt für ihn auch das „Leben mit der Michel­an­ge­lo-Hand“ (Abb. 1 u. 2).

Anzei­ge

„Axon“ steht für „Adap­ti­ve exchan­ge of neu­ro­pla­ce­ment data“. Der „Axon-Bus“ ist eine Inno­va­ti­on der Fir­ma Otto Bock für den Bereich der Exo­pro­the­tik. Das Daten­über­tra­gungs­sys­tem soll für den Anwen­der mehr Sicher­heit, Zuver­läs­sig­keit und redu­zier­te Emp­find­lich­keit gegen­über elek­tro­ma­gne­ti­scher Stör­strah­lung bedeuten.

Vor­ver­sor­gung

Chris­toph hat eine ange­bo­re­ne Fehl­bil­dung und ist des­halb seit frü­hes­ter Kind­heit mit Arm­pro­the­sen ver­sorgt wor­den. Über die ers­te Patsch­hand-Ver­sor­gung ging es dann über das myo­elek­tri­sche Kin­der­hand­sys­tem bis hin zur Otto Bock Sen­sor-Sys­tem­hand. Bei sei­nen Ver­sor­gun­gen wur­de eine Rota­ti­ons­ein­heit mit einem Vier­ka­nal­sys­tem ver­baut. Die bei­den Elek­tro­den waren in einen har­ten Kar­bon­schaft ein­ge­setzt. Um den kur­zen Stumpf hal­ten zu kön­nen, wur­de er ober­halb der Kon­dy­len im Schaft ver­klam­mert, zusätz­lich trug der Pati­ent eine Sili­kon­hal­tem­an­schet­te, die auf den Ober­arm auf­ge­rollt wurde.

Pla­nung der Neuversorgung/Zielsetzung

Schon in den ers­ten Gesprä­chen mit Chris­toph war klar, dass er aus dem neu­en Sys­tem maxi­ma­len Nut­zen zie­hen will. Des­halb brauch­te er ein ande­res Schaft­sys­tem. Der heu­ti­ge Stan­dard für trans­ra­dia­le Schäf­te in der Pro­the­tik der obe­ren Extre­mi­tät setzt einen fle­xi­blen Schaft aus Sili­kon vor­aus (Abb. 3).

Bei Chris­tophs Stumpf­ver­hält­nis­sen haben wir uns für einen HTV-Schaft mit Myo­Kon­takt­flä­chen (sie­he OT 2/2012) ent­schie­den. Ziel war es, ihm maxi­ma­le Bewe­gungs­frei­heit bei maxi­ma­ler Haf­tung zu geben. Auch soll­te eine deut­li­che Redu­zie­rung der Fehl- und Aus­gleichs­be­we­gun­gen erreicht wer­den. Mit die­sen Zie­len ist der Ein­satz der Michel­an­ge­lo-Hand eine sinn­vol­le Ver­sor­gungs­mög­lich­keit. Das neue Sys­tem setzt an den Anwen­der auf­grund sei­ner kom­ple­xen Tech­nik neue Anfor­de­run­gen, des­halb soll­te unbe­dingt auf eine Ein­fas­sung des Ober­arms ver­zich­tet wer­den. So hat der Anwen­der noch mehr Bewegungsfreiraum.

Die Michel­an­ge­lo-Hand

Der Anwen­der kann bei dem Michel­an­ge­lo-Sys­tem zwi­schen sie­ben Greif­va­ri­an­ten wäh­len. Die „Neu­tral Posi­ti­on“ dient dem phy­sio­lo­gi­schen Erschei­nungs­bild (Abb. 4). So kann man beim Spa­zie­ren­ge­hen oder im Café sit­zend eine natür­li­che Hal­tung der Hand ein­neh­men, dies geschieht beim Ent­span­nen der Mus­ku­la­tur. Im „Late­ral Power Grip“ wird der Dau­men seit­lich zum Zei­ge­fin­ger bewegt und kann zum Grei­fen mitt­le­rer Gegen­stän­de benutzt wer­den. Dies geschieht bei einer Griff­kraft bis zu 60N. Die glei­che Dau­men­be­we­gung erkennt man beim „Late­ral Pinch“. Hier fährt der Dau­men mit­tig auf den Zei­ge­fin­ger und ermög­licht dem Anwen­der z. B. das exak­te Hal­ten einer Kre­dit­kar­te oder das Füh­ren eines Schlüssels.

Bei der „Open Palm“-Handstellung kann die Hand maxi­mal geöff­net wer­den, der Dau­men posi­tio­niert sich weit palmar. Mit die­ser Hand­stel­lung ist es mög­lich, einen Tel­ler auf der jetzt fla­chen Hand zu hal­ten. Für das Ergrei­fen von gro­ßen Gegen­stän­den kann in den „Oppo­si­ti­on Power Grip“ umge­schal­tet wer­den (Abb. 5). Bei der gro­ßen Hand­öff­nung mit Dau­men­ab­sprei­zung kann eine Griff­kraft von bis zu 70N [u5] auf­ge­baut wer­den. Dazu gegen­tei­lig der „Tri­pod Pinch“, dabei bil­den Dau­men, Zei­ge- und Mit­tel­fin­ger eine Drei­punkt­griff­mög­lich­keit (Abb. 6). Bei die­sem Griff­mo­dus ist es mög­lich, klei­ne Objek­te sicher zu grei­fen. Als sieb­te Hand­funk­ti­on ist die „Fin­ger Ab-/Ad­duc­tion“ mög­lich. Beim Öff­nen oder Schlie­ßen der Hand abdu­zie­ren oder addu­zie­ren die Fin­ger und machen es so dem Anwen­der mög­lich, fla­che Gegen­stän­de zwi­schen den Fin­gern zu halten.

Die Griff­kräf­te in den ver­schie­de­nen Modi sind unter­schied­lich, im Neu­tral Mode liegt eine Griff­kraft von 15N an, im Late­ral Mode 60N und im Oppo­si­ti­on Mode sogar 70N. Die maxi­ma­le Öff­nungs­wei­te im Open Palm Modus beträgt 120 mm.

Das neue Hand­sys­tem wird von einem fle­xi­blen und oval gestal­te­ten Hand­ge­lenk abge­run­det (Abb. 7 u. 8). Der Anwen­der kann ent­schei­den, in wel­chem Win­kel er es ein­stellt oder ob er es fest­stellt. In star­rer Ein­stel­lung sind vier Stu­fen in der Fle­xi­on und drei Stu­fen in der Exten­si­on mög­lich. Die manu­el­le Rota­ti­on um 360 Grad ist im fle­xi­blen und star­ren Modus einsetzbar.

Die Ver­sor­gung

Schon für die Test­ver­sor­gung wur­de für Chris­toph ein HTV-Schaft ange­fer­tigt. Von Anfang an soll­te er die Vor­zü­ge des neu­en Sys­tems spü­ren. Vor der ers­ten Tes­tung war er noch skep­tisch, da zur­zeit noch kei­ne elek­tri­sche Rota­ti­ons­mög­lich­keit zur Ver­fü­gung steht (Abb. 9a u. b). Aber schon nach kur­zer Zeit war das kein The­ma mehr. Durch die Mög­lich­keit der Dau­men­um­po­si­tio­nie­rung war es ihm schnell mög­lich, die feh­len­de elek­tri­sche Rota­ti­on zu ver­nach­läs­si­gen. Bei der Test­ver­sor­gung wur­de der HTV-Schaft noch mit Lotion ange­zo­gen, im Defi­ni­tiv­schaft haben wir auf ein Ein­zug­sys­tem unter Ver­wen­dung eines Saug­schaft­ven­tils zurück­ge­grif­fen (Abb. 10). Das Sys­tem steu­ert Chris­toph mit zwei Myo-Bock-Elek­tro­den. Die Elek­tro­den sind in einen für den Pati­en­ten nach Maß gefer­tig­ten HTV-Sili­kon­schaft mit Myo­Kon­takt­flä­chen eingebettet.

Über die spe­zi­el­le Com­pu­ter­soft­ware „Axon­Soft“ wird das Sys­tem mit­tels Blue­tooth genau an die Bedürf­nis­se von Chris­toph ange­passt und ein­ge­stellt. Bei ihm haben wir [u10] uns für das Mul­ti­Grip Pro­gramm ent­schie­den. Den Modi-Wech­sel erle­digt der Stu­dent per Impuls­um­schal­tung. Über einen kur­zen schnel­len Impuls, den er über eine der bei­den Elek­tro­den gibt, kann er vom Late­ral­griff in den Oppo­si­ti­ons­griff umschal­ten und umge­kehrt. Wenn er die Hand nicht nutzt, schal­tet sie auto­ma­tisch in einen Neu­tral­mo­dus um, so lan­ge, bis Chris­toph wie­der eine Akti­on aus­füh­ren will. Das Gan­ze wird mit dem „Natu­ral Skin“-Prothesenhandschuh über­zo­gen (Abb. 11). Das gibt der Ver­sor­gung ein gutes opti­sches Erschei­nungs­bild. Im Lau­fe der Tes­tun­gen und auch im nor­ma­len Tages­ge­brauch nutzt Chris­toph sein neu­es fle­xi­bles Hand­ge­lenk deut­lich mehr als die star­re Ein­stel­lung des Handgelenkes.

Sys­tem­ver­gleich

Die Michel­an­ge­lo-Hand mit ihren vie­len neu­en Frei­heits­gra­den ist nicht mit den her­kömm­li­chen Elek­tro­hand­sys­te­men ver­gleich­bar (Abb. 12). Nimmt man die Vor­ver­sor­gung von Chris­toph als Ver­gleich her­an, so kann man sagen, dass er mit den Funk­ti­ons­vor­tei­len des Michel­an­ge­lo-Sys­tems einem Ver­lust­aus­gleich einen Schritt näher gekom­men ist. So kann er durch die Umpo­si­tio­nie­rung des Dau­mens und die dadurch mög­li­chen Griff­kom­bi­na­tio­nen eine natür­li­che­re Hal­tung bei noch grö­ße­rem Bewe­gungs­aus­maß anneh­men. Die jetzt mög­li­che, fle­xi­ble Nut­zung des Hand­ge­len­kes unter­stützt ihn dabei, ein noch unauf­fäl­li­ge­res Erschei­nungs­bild zu errei­chen. Die­ser Erfolg und der Ein­satz eines für ihn auf sei­ne Ansprü­che ent­wi­ckel­ten und abge­stimm­ten Schaft­sys­tems ermög­li­chen Chris­toph, deut­lich mehr Bewe­gungs­um­fän­ge zu erlan­gen. Die Kom­pen­sa­ti­ons­be­we­gun­gen, die er mit sei­nem alten Sys­tem machen muss­te, ent­fal­len teil­wei­se kom­plett oder befin­den sich im Abbau.

Neue Griff­mög­lich­kei­ten eröff­nen neue Perspektiven

Auch der Anwen­der ist begeis­tert von den Erfol­gen: „End­lich ein ova­les, der erhal­te­nen Sei­te sehr ähn­li­ches Hand­ge­lenk. Die Optik der neu­en Hand ist sehr schön gewor­den“, freut sich Chris­toph, „dann die gan­zen Griff­mög­lich­kei­ten der Hand, so konn­te ich noch nie einen Tel­ler in der offe­nen Pro­the­sen­hand hal­ten und am Büfett das Essen auf­fül­len. Auch die Umpo­si­tio­nie­rung des Dau­mens war für mich noch nie mög­lich. So kann ich das Mes­ser beim Piz­zaschnei­den viel bes­ser hal­ten (Abb. 13 u. 14). Die ver­schie­de­nen Griff­mög­lich­kei­ten nut­ze ich nun im täg­li­chen Gebrauch und das geschieht ganz natür­lich. Und auch das fle­xi­ble Hand­ge­lenk ist ein ech­ter Gewinn für mich. Fehl­be­we­gun­gen, die ich vor­her noch machen muss­te, belas­te­ten mei­ne Schul­ter, ich war immer ver­spannt. Jetzt kann ich mich viel locke­rer bewe­gen. Und natür­lich auch mein neu­er HTV-Sili­kon­schaft. Er lässt viel mehr Bewe­gungs­raum für mich zu. Gera­de im prak­ti­schen Teil mei­nes Stu­di­ums wer­de ich die Vor­tei­le der neu­en Ver­sor­gung genie­ßen kön­nen. Dort habe ich mit vie­len klei­nen und gro­ßen Objek­ten zu tun, die ich hin und her posi­tio­nie­ren muss. Vie­le Gegen­stän­de muss ich vor­sich­tig anfas­sen, ande­re ver­lan­gen es, dass ich zupa­cken kann.“

Fazit

Chris­toph war von den Vor­zü­gen gleich nach den ers­ten Tests über­zeugt, weil er die neu­en Griff- und Greif­va­ri­an­ten instink­tiv und schnell umset­zen konn­te. Mit die­ser Ver­sor­gung fühlt er sich woh­ler, weil sein Umfeld nicht gleich wahr­nimmt, dass er eine Pro­the­se trägt. Die­ses ist auch dem neu­en Hand­ge­lenk zuzu­schrei­ben. Fehl­be­we­gun­gen sei­nes Kör­pers, die er mit sei­ner her­kömm­li­chen Ver­sor­gung noch machen muss, fal­len weg. Das ist ein ent­schei­den­der Zuge­winn an Lebens­qua­li­tät für Chris­toph. Die Funk­ti­ons­mög­lich­keit des fle­xi­blen Modus ist von unschätz­ba­rem Vor­teil für den Anwen­der. Lei­der ist die Hand zur­zeit nur in einer Grö­ße erhält­lich, aber die Ent­wick­lung geht wei­ter. Schon bald soll die elek­tro­ni­sche Rota­ti­on dazu kommen.

Das Ziel muss sein, dass der Anwen­der sei­nen Lebens­all­tag bes­ser bewerk­stel­li­gen kann und sei­ne Lebens­qua­li­tät steigt. Auch die Ein­bin­dung des Kos­ten­trä­gers ist ein wich­ti­ger Bestand­teil der pro­the­ti­schen Ver­sor­gung sowie ein Schu­lungs­kon­zept für Tech­ni­ker, The­ra­peu­ten und Anwender.

Der Autor:
Hans-Magnus Holz­fuß
Gesund­heits­zen­trum Greifs­wald GmbH
Fleischmannstr.6
17489 Greifs­wald
h.holzfuss@gesundheitszentrum-greifswald.de

Begut­ach­te­ter Beitrag/Reviewed paper

Zita­ti­on
Holz­fuß H‑M. Neue Greif­mög­lich­kei­ten für Armam­pu­tier­te – Ver­sor­gung mit der Michel­an­ge­lo-Pro­the­sen­hand. Ortho­pä­die Tech­nik, 2013; 64 (2): 26–30
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