Mehr Evi­denz in der Lymphologie

Unter dem Motto „Zukunft Lymphologie – im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Praxis“ fand der Campus Lymphologicum am 5. März 2022 zum zweiten Mal virtuell statt. Ziel der Veranstalter, des Deutschen Netzwerks für Lymphologie e. V., ist es, jedes Jahr allen Beteiligten der lymphologischen Versorgungskette eine interdisziplinäre Plattform zum fachlichen Austausch und zur Weiterbildung, aber auch zum Netzwerken zu bieten.

Ganz im Sin­ne „von Praktiker:innen für Praktiker:innen“ grei­fen die Orga­ni­sa­to­ren dafür immer The­men aus der prak­ti­schen Tätig­keit auf und beleuch­ten sie aus ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven. Ent­spre­chend viel­fäl­tig und inter­dis­zi­pli­när prä­sen­tier­te sich auch das dies­jäh­ri­ge Programm.

Anzei­ge

Zum Auf­takt am Mor­gen gab Oli­ver Gül­tig, Grün­der der Lym­pho­lo­gic Med. Wei­ter­bil­dungs GmbH, Aschaf­fen­burg, vor ca. 200 Teilnehmer:innen einen detail­lier­ten Ein­blick in das The­ma „Das Lymph­ge­fäß­sys­tem als kom­pen­sie­ren­der Drai­na­ge­weg“. Anhand vie­ler prak­ti­scher Bei­spie­le stell­te der erfah­re­ne Phy­sio­the­ra­peut die hohe Rele­vanz des Lymph­ge­fäß­sys­tems für den Kör­per anschau­lich dar. Anschlie­ßend infor­mier­te Dr. Gabrie­le Faer­ber, Zen­trum für Gefäß­me­di­zin, Ham­burg, über den aktu­el­len Ent­wick­lungs­stand der neu­en „Leit­li­nie Lipö­dem“, deren Fer­tig­stel­lung noch für 2022 geplant ist. Die dort in der Theo­rie ange­spro­che­nen Punk­te wur­den von Dr. med. Anna-The­re­sa Lipp, Pra­xis Dr. Lipp und Kol­le­gen, Mün­chen, in ihrem Vor­trag „Ganz­heit­li­che The­ra­pie des Lipö­dems“ auch aus der evi­denz­ba­sier­ten Per­spek­ti­ve noch­mal auf­ge­grif­fen, anhand von Fall­bei­spie­len aus der Pra­xis unter­mau­ert und dadurch für die Zuschauer:innen greif­ba­rer gemacht. Die onko­lo­gi­sche Per­spek­ti­ve der Lym­pho­lo­gie und inter­es­san­te Ein­bli­cke in die aktu­el­le Krebs­for­schung stan­den bei den zwei fol­gen­den Vor­trä­gen im Fokus. Dr. med. Bar­ba­ra Neto­pil, Kli­nik König­stein der KVB, König­stein am Tau­nus, refe­rier­te über die Dia­gno­se Mam­ma­kar­zi­nom und wie sich die The­ra­pie, Kom­pli­ka­tio­nen und Nach­be­hand­lung ver­än­dert haben. Anschlie­ßend griff Prof. Dr. med. Anke Strölin, Uni­ver­si­täts-Haut­kli­nik, Tübin­gen, die Früh­erken­nung mali­gner Tumo­re und Rezi­di­ve im Span­nungs­feld zwi­schen kli­ni­scher Dia­gnos­tik und ambu­lan­ter Ver­sor­gung auf.

Berufs­po­li­tik im Fokus

Der spä­te­re Vor­mit­tag stand ganz im Zei­chen der aktu­el­len berufs­spe­zi­fi­schen Ent­wick­lun­gen und Zukunfts­aus­sich­ten: Hans Ort­mann, Phy­sio­the­ra­pie­ver­band VPT, stell­te den aktu­el­len GKV-Bun­des­rah­men­ver­trag vor und zeig­te Her­aus­for­de­run­gen und Chan­cen für die ambu­lan­te phy­sio­the­ra­peu­ti­sche lym­pho­lo­gi­sche Ver­sor­gung auf. „War­um gehört die Lym­pho­lo­gie in die Pflicht­vor­le­sung des Medi­zin­stu­di­ums“: Die­ser Fra­ge wid­me­te sich Dr. med. Simon Clas­sen, Direk­tor der Kerck­hoff-Kli­nik GmbH in Bad Nau­heim. Er zeig­te in sei­nem Vor­trag auf, wie rele­vant die Lym­pho­lo­gie in den unter­schied­li­chen medi­zi­ni­schen Fach­be­rei­chen ist. Für die Über­nah­me in die Cur­ri­cu­la des Medi­zin­stu­di­ums sei­en zwar vie­le Hür­den zu neh­men, aber auch Lösungs­an­sät­ze greif­bar. Er warb des­halb für eine akti­ve Mit­ar­beit in der Umset­zung die­ser Ansät­ze. Sein Appell fand im Chat gleich Anklang. Befür­wor­ter und Ideen­ge­ber mel­de­ten sich direkt zu Wort. Das zeigt ein­mal mehr: Netz­wer­ken ist auch online sehr gut möglich.

Eige­ne Port­fo­li­os weiterentwickeln

„Wel­che Trends beein­flus­sen unser Geschäft mit der lym­pho­lo­gi­schen Ver­sor­gung?“ Dies war nur eine der Fra­gen, der sich Rai­ner Volk­mer, Geschäfts­füh­rer Volk­mer Manage­ment, in sei­nem Vor­trag annä­her­te. Er gab eine Ana­ly­se der aktu­el­len Ent­wick­lung der Lym­pho­lo­gie vor dem Hin­ter­grund der wirt­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen. Die­se Erkennt­nis­se wur­den im dar­auf­fol­gen­den Work­shop ver­tieft sowie Ideen für die Wei­ter­ent­wick­lung des eige­nen Port­fo­li­os in der lym­pho­lo­gi­schen Ver­sor­gung erstellt. Wei­te­re berufs­be­zo­ge­ne Work­shops boten allen teil­neh­men­den Berufs­grup­pen die Gele­gen­heit, auf Grund­la­ge von Impuls­vor­trä­gen aktu­el­le The­men zu dis­ku­tie­ren und neue Pro­jek­te zu ent­wi­ckeln. Das Zukunfts­the­ma „Chan­cen und Risi­ken der Digi­ta­li­sie­rung und Tele­ma­tik“ sowie das Gesund­heits­ver­sor­gungs­wei­ter­ent­wick­lungs­ge­setz bil­de­ten den Abschluss des fach­li­chen Tagungsteils.

Mit einem abwechs­lungs­rei­chen, humo­ri­gen Vor­trag „Gehirn unter Strom“ schloss Key­note-Spea­ker Prof. Dr. Vol­ker Busch, Fach­arzt für Neu­ro­lo­gie sowie Fach­arzt für Psy­chiatrie und Psy­cho­the­ra­pie, Regens­burg, den Tag und gab dabei auch prak­ti­sche Tipps zum Umgang mit Reiz­über­flu­tung und digi­ta­lem All­tags­stress. Par­al­lel beglei­te­te und berei­cher­te die Indus­trie­aus­stel­lung den Cam­pus-Tag mit vir­tu­el­len Prä­sen­ta­tio­nen von Inno­va­tio­nen und Wei­ter­ent­wick­lun­gen im Bereich der (Kompressions-)Versorgung.

Mehr Evi­denz in der Lymphologie

Im Gespräch mit der OT-Redak­ti­on gibt der wis­sen­schaft­li­che Lei­ter und 1. Vor­sit­zen­de des Ver­eins Dr. med. Ulrich Eber­lein detail­lier­te Ein­bli­cke in die Ver­an­stal­tung und wagt auch einen Blick in die Zukunft der Lymphologie.

OT: Zum zwei­ten Mal fand der Cam­pus-Kon­gress online statt: Wie war die­se Erfah­rung für Sie? Wel­che Vor- und Nach­tei­le sehen Sie für Ihren Kongress?

Dr. med. Ulrich Eber­lein: Natür­lich fehlt bei einem sol­chen For­mat der per­sön­li­che Kon­takt, das „Mensch­li­che“, was ja bei einem Kon­gress neben dem fach­li­chen Aus­tausch eine zen­tra­le Rol­le spielt. Ich per­sön­lich sehe in Hybrid-Ver­an­stal­tun­gen die Zukunft. Ein Vor­teil die­ses For­mats liegt in der Ver­füg­bar­keit der Vor­trä­ge über einen län­ge­ren Zeit­raum, sodass inter­es­san­te Bei­trä­ge im Nach­gang auch noch ein­mal abge­ru­fen wer­den können.

OT: For­schung, Netz­werk, Pra­xis und Indus­trie­part­ner: Das waren auch die­ses Jahr die Eck­pfei­ler der V­eranstaltung. Was ist Ihnen von die­ser Ver­an­stal­tung beson­ders in ­Erin­ne­rung geblieben?

Eber­lein: Das Lym­pho­lo­gi­cum ist ja ein Ver­bund ver­schie­de­ner Fach­be­rei­che – Ärzt:innen, Physiotherapeut:innen, Fachhändler:innen: alle, die sich der Ver­sor­gung von Lymphpatient:innen ver­schrie­ben haben. Die Aus­wahl der Vor­trä­ge spie­gel­te genau die­ses Spek­trum wider. Es war sozu­sa­gen für jeden etwas dabei und jede Berufs­grup­pe konn­te von der ande­ren etwas ler­nen. Beson­ders wich­tig fand ich das The­ma „Lym­pho­lo­gie im Medi­zin­stu­di­um“. Nur durch eine bes­se­re Aus­bil­dung kann die Ver­sor­gung der Patient:innen ver­bes­sert wer­den. Hier sehe ich einen der Schwer­punk­te für die Zukunft der Lymphologie.

OT: „Wir schrei­ben das Jahr 2040“: Wie könn­te aus Ihrer Vor­stel­lung her­aus zum einen die lym­pho­lo­gi­sche Ver­sor­gung in der Zukunft aus­se­hen – Stich­wort „Digi­ta­li­sie­rung“ – und zum ande­ren auf der politisch/regulatorischen Ebene?

Eber­lein: Das ist eine span­nen­de Fra­ge. Wird es durch Ein­grif­fe im Gen­pool kei­ne pri­mä­ren, durch ver­bes­ser­te OP-Metho­den kei­ne sekun­dä­ren Lymphö­de­me mehr geben? Wird die Häu­fig­keit der Adi­po­si­tas, heu­te eine häu­fi­ge Ursa­che für Lymphö­de­me, durch bewuss­te Ernäh­rung abneh­men? Wer­den ope­ra­ti­ve Metho­den (z. B. lym­pho-venö­se Ana­s­to­mo­sen) die kon­ser­va­ti­ve The­ra­pie (Kom­ple­xe Phy­si­ka­li­sche Ent­stau­ungs­the­ra­pie) ver­drän­gen? Die Zukunft der Lym­pho­lo­gie liegt dar­in, durch Ver­sor­gungs­for­schung und wis­sen­schaft­li­che Stu­di­en für mehr Evi­denz in der Lym­pho­lo­gie zu sor­gen und durch eine bes­se­re Aus­bil­dung von Ärzt:innen das Bewusst­sein für die­ses Krank­heits­bild zu schärfen.

OT: Der Cam­pus-Kon­gress 2023 ist bereits geplant. Was macht den Reiz Ihrer Ver­an­stal­tung aus? Was wün­schen Sie sich dafür?

Eber­lein: Dar­auf freue ich mich schon jetzt im Vor­feld und darf allen Teil­neh­men­den ein span­nen­des Pro­gramm ver­spre­chen. Neben Vor­trä­gen wird es auch wie­der Work­shops mit prak­ti­schen Übun­gen geben. Ein Pro­gramm­punkt, den sicher vie­le bei Online-Ver­an­stal­tun­gen ver­misst haben. Ich wür­de mich freu­en, erneut vie­le Inter­es­sier­te per­sön­lich im nächs­ten Jahr zum Cam­pus Lym­pho­lo­gi­cum begrü­ßen zu dürfen.

Der nächs­te Cam­pus Lym­pho­lo­gi­cum fin­det am 5. und 6. Mai 2023 im CPH statt.

Die Fra­gen stell­te Ire­ne Mechsner.

 

Hin­ter­grund
Das Lym­pho­lo­gi­cum – Deut­sches Netz­werk für Lym­pho­lo­gie e. V. – ist ein Ver­bund ambu­lant täti­ger Ärzt:innen, Therapeut:innen, Fach­händler:innen sowie spe­zia­li­sier­ter ­Netz­wer­ke. Ziel des Ver­eins ist es, regio­na­le ambu­lan­te Netz­werkstrukturen zu schaf­fen, Qualifizierungs­maßnahmen wie bei­spiels­wei­se den jähr­li­chen Cam­pus-Kon­gress durch­zu­füh­ren, Ver­sor­gungs­for­schun­gen anzu­sto­ßen und einen Infor­ma­ti­ons- und Bera­tungs­ser­vice für betrof­fe­ne Pa­tient:innen und ihre Ange­hö­ri­gen anzu­bie­ten. Dazu publi­ziert der Ver­ein die ein­mal im Quar­tal erschei­nen­de Zeit­schrift LYMPHOLIFE®. Sie rich­tet sich sowohl an betrof­fe­ne Patient:innen als auch an am lym­pho­lo­gi­schen Krank­heits­bild inter­es­sier­te Menschen. 
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